Tag 416: Was mache ich hier eigentlich?

„Die Neigung zur Aktivität und die Abneigung gegen jede Haltung des passiven Hinnehmens.“

Karl Popper definiert Aktivismus

Ja, ich bin recht aktiv hier in der Pandemie. Ich blogge seit über einem Jahr ziemlich regelmäßig und es sind häufig lange Texte, die mit viel Aufwand recherchiert sind. 170 Texte sind es bereits, um genau zu sein. Meine ursprüngliche Intention war, die Pandemie geistig zu verarbeiten, die ersten Wochen irgendwie zu bewältigen, denn es musste ja weitergehen. In die wissenschaftliche Recherche bin ich hineingewachsen. Meine Timeline auf Twitter angepasst, ausgewählte internationale Experten verschiedener Fachgebiete. Analysemethoden habe ich im Studium gelernt, bzw. habe ich für Selbsthilfeblogs bereits ähnlichen Aufwand bemüht, um Wissen zu ermitteln und vermitteln.

Wissenschaftliche Aufklärung

Es ist anscheinend schwer für andere Menschen vorstellbar, dass man mit dem Bloggen keine politischen Ziele verfolgt. Ich habe nie einer Partei oder parteinahen Organisation angehört. Parteizeitungen lehne ich ab, extreme Ränder sind mir ein Gräuel. Ich bin studierter Meteorologe, also Wissenschaftler, wenn auch im Beruf eher praxisnah und nicht an der Uni forschend. Journalistische Tätigkeiten habe ich bei früheren Arbeitgebern bereits leidenschaftlich ausgeübt. In Summe besitze ich zwei Webseiten und vier Blogs. Ohne Schreiben geht bei mir nichts. Da hat sich das mit dem Virus angeboten, war eine gute Ablenkung vom Pandemiealltag.

“Passives Hinnehmen”. Den Vorwurf hab ich nicht nur einmal gebracht, verpackt in vielen Analysen an alle Parteien, an die Sozialpartner, aber auch alle Medien in Österreich. Selbst die wenigen Faktenchecks in österreichischen Medien sind unterwürfig geschrieben, alles andere als direkt und schonungslos, man vergleiche etwa “Monitor” (ARD) mit “REPORT” (ORF). Bloß nicht zu sehr anstreifen. Österreich hat keine NoCovid-Strategie verfolgt, sondern Great Barrington. Das hab ich sehr akribisch recherchiert und analysiert.

Meine Funktion in der Pandemie ist zweierlei … zum Einen möchte ich wissenschaftliche Fakten vermitteln. Ich kläre über Irrtümer, Widersprüche, Logikfehler auf, und stelle neue Paper vor. Soweit ich als fachfremder Quereinsteiger in der Lage bin. Klar ist: Mangels tiefgehende Fachkenntnisse stoße ich immer wieder an meine Grenzen. Selbstreflexion ist wichtig, sollte man meinen, daher korrigiere ich fachliche Fehler auch. Momentan arbeite ich an einem Erratum, wo ich meine größten Irrtümer und Denkfehler selbstkritisch aufarbeiten will. Sonst habe ich schon zahlreiche Artikel online gestellt, die fachliche Zusammenhänge vermitteln sollen, hier eine kleine Auswahl:

Das ist nur ein Auszug meiner wissenschaftlichen Aufklärung, dazu kommen die ganzen Menüpunkte mit zahlreichen verlinkten Fachartikeln. Oder anders gesagt: Eine riesige Hackn. Dafür saß ich an vielen freien Tagen am Computer statt spazieren oder wandern zu gehen. Viele Faktenchecks zu Scheinberatern wollte ich zeitnah veröffentlichen. Ende Dezember reichte ich diesen Beitrag für die Preisfrage des ÖAW zum Thema “Was kann die Wissenschaft in einer Pandemie leisten?” ein.

Journalismuskritik

Es ist leider unvermeidbar, die Journalisten frontal mit ihrem Versagen in der Pandemie zu konfrontieren (Tag 345: Österreichs Journalismus in der Krise). Wenige Ausnahmen, die sich redlich bemühen, aber in der Redaktionslinie nicht durchkommen. Monatelanges Warten und Hoffen hat sich nicht erfüllt. Es gilt die Unfehlbarkeitsvermutung. Ich hab das hier ausführlich genug erläutert in meiner Begründung, weshalb ich mein FALTER-Abo gekündigt habe. Die Kurzfassung: Österreichs Journalisten sind nicht in der Lage, die Aussagen von Experten einzuordnen. Interviews erinnern oft an ein Arzt-Patientengespräch. Was der Arzt sagt, wird nicht hinterfragt. Klugscheißer mögen wir nicht. Wer vorbereitet Journalisten auf ein Expertengespräch?

Die fehlende Einordnung ist der Grund, weshalb ein Kogler oder Kurz die Schuld für ihre Fehlentscheidungen auf die Expertenvielfalt abschieben “jeder sagt was anderes, wie soll man da richtige Maßnahmen treffen?” Das kommt davon, wenn man monatelang auf dieselben Experten hört, die seit Monaten falsch liegen. Würde man sie austauschen und ausnahmsweise auf Wissenschaftler hören, die meistens richtig lagen, würde nicht der Eindruck entstehen, dass sich die Meinungen der Experten ständig ändern würde. Weil die Dummschwafler einfach keine Bühne mehr hätten für ihren schädlichen Einfluss! Wir haben übrigens Wissenschaftsjournalisten, die dazu in der Lage sind, z.B. Molekularbiologe Martin Moder (Youtube, Twitter) oder Florian Aigner. Sie werden aber nie in der zib2 interviewt, oder im Anschluss an eine von den hunderttausenden Pressekonferenzen der Regierung. Wo kämen wir denn hin, wenn jemand öffentlich im gebührenfinanzierten Fernsehen sagen würde, das, was der Herr Oswald Wagner oder Herr Allerberger grad gesagt hat, war ein Topfen, denn sämtliche ausländische Studien und Beobachtungen sprechen dagegen?

Nun könnte man natürlich berechtigt einwenden, dass Österreich nicht das wissenschaftsfreundlichste Land ist. Datenschutz und Amtsgeheimnis verhindern wissenschaftliche Forschung wie in anderen Ländern, etwa in UK, doch selbst in Deutschland geht mehr. Wissenschaftsredaktionen sind anscheinend massiv ausgedünnt worden vor der Pandemie. Aber jetzt ist ein Jahr später. Österreichs Journalisten haben leider selbst auf Twitter großteils erkennen lassen, dass sie die NoCovid-Strategie nicht verstanden haben. Träumer, Spinner, Phantasten – das sind die Attribute, die man als NoCovid-Befürworter zugewiesen bekommt – nicht weit davon entfernt, ins gleiche Eck wie Leerdenker geschoben zu werden. Taiwanesen verstehen die Frage nicht, ebenso wenig die “totalitären” Staaten in Finnland, Norwegen, Island, neuerdings Portugal, Neuseeland, Mongolei, Vietnam, Uruguay, Ruanda, Ghana und Australien.

Der Journalismus hierzulande hat hier einen blind spot. In renommierten internationalen Medien wie “The Guardian” oder “Washington Post” wurden die genannten Länder in aller Ausführlichkeit betrachtet und warum deren Weg viel klüger war als unserer. Das ist bei uns offenbar nicht vorstellbar. Bei der WM 2010, als Deutschland gegen Ghana spielte, waren die Österreicher beim “Public Viewing” am Innsbrucker Marktplatz plötzlich alle Ghanaer, weil de Piefkes denen muss ma mit dem Ball ins Gsicht foahrn. Aber dass Ghana Drohnen benutzt hat, um gepoolte PCR-Tests aus den entlegensten Dörfern auszuwerten, das weiß kein Mensch in Österreich.

Österreich hat den falschen Weg eingeschlagen – und mein Engagement wird als Leerdenkertum uminterpretiert. Ich bin in der Minderheit, weil ich LEBEN RETTEN WILL. Ich will nach der Pandemie noch in einer Gesellschaft leben können, in der ich mich bis zu meinem Tod wohlfühle. As simple as that. Ich hab natürlich noch viel mehr Beweggründe zu bloggen. Um meine liebsten und nähesten zu schützen. Bestmöglich aufklären, damit sie sich selbst schützen können, damit sie gesund durchkommen bis zur hoffentlich rettenden Impfung. Ich hab jetzt weit über ein Jahr gewartet, um endlich – zweifach geimpft – nach Hause fahren zu können. Und dieses Jahr wollte ich bestinformiert herumkriegen.

Und wenn ich mich so gut informiere, kann ich damit nicht hinterm Berg halten – Stefan Hörmann, mein verstorbener Wetter-Mentor, pflegte zu sagen “Wissen ermitteln und vermitteln” – das beherze ich seit mittlerweile 20 Jahren. Sicherlich hilft mir dabei mein Asperger-Syndrom (alias Autismus-Spektrum). Ich hab Greta Thunberg schon vorher geschätzt und respektiert für ihr Engagement im fast aussichtslosen Kampf gegen die Klimaerwärmung. Was mich mit ihr verbindet, ist die Beharrlichkeit dabei, wenn wir aus Überzeugung für eine Sache brennen. Wir lassen einfach nicht locker. Aus dieser Überzeugung dafür, das Gute und das Richtige zu tun, ziehe ich meine Energie.

Kritik an Politik und Behörden ist nicht erwünscht

Der Grund für den Umfang meines Blogs ist die Schwäche der Politik, der Gesundheitsbehörde (AGES) und der Journalisten. Anfang Februar fiel erstmals in Zusammenhang mit dem Engagement von mir und weiteren Gleichgesinnten der Begriff “Citizen Journalism” (Bürgerjournalismus). So löblich unsere Arbeit sein mag, ist sie doch ein Alarmsignal in einer Demokratie, wenn Privatpersonen viel Zeitaufwand in Recherche stecken, die Journalisten aufgrund der politischen Umstände nicht mehr in diesem Umfang leisten können. Bürgerjournalismus ist dann notwendig, wenn der konventionelle Journalismus (bezahlte Journalisten) versagt.

Eigentlich hätte ich gerne meine Beweggründe, weswegen ich ich Bürgerjournalismus betreibe, in einem Interview mit dem STANDARD einer breiteren Öffentlichkeit bekannt gemacht und hätte dafür auch meine Anonymität aufgegeben – ein Schritt, der in Österreich besonderen Mut erfordert. Nestbeschmutzer mögen wir ja nicht so. Nachdem das Datum des Interviews schon feststand, kam heute die überraschende Absage. Mein Blog wäre “zu aktivistisch“, so die wörtliche Begründung. Ein Totschlagargument, das zudem einen Logikfehler aufweist. Jeder Citizen Journalism ist per se aktivistisch, denn er füllt die Lücke des etablierten (bezahlten) Journalismus aus und steht naturgemäß in Opposition zur offiziellen Kommunikation. Warum sollte man sich sonst engagieren, neue Informationen oder eine andere Perspektive zu bieten, wenn es nicht genau das wäre, was auf den offiziellen Kanälen zu kurz kommt oder völlig fehlt?

Ich mach EURE Hackn jetzt seit einem Jahr. Ohne Bezahlung, unter Reduktion meiner Freizeit während eines Vollzeitjobs. Mich interessiert die Bezahlung ehrlich gesagt auch nicht sonderlich. Mein einziger Wunsch ist, dass Journalisten eine kritischere Rolle einnehmen. Sich selbst fortbilden, um Experten besser einordnen zu können. Und uns NoCovid-Anhänger als das wahrnehmen, was wir aus Überzeugung sind – daran interessiert, dass eine möglichst große Zahl der Bevölkerung GESUND durch die Pandemie kommt – egal, welchen Migrationshintergrund sie hat, ob sie Vorerkrankungen hat oder einfach nur alt ist, ob sie Kinder in der Schule hat oder einen Job als Systemerhalterin. Das ist unser vordergründiges Interesse. Der Kollateralnutzen einer solchen Strategie ist die Rettung der Wirtschaft, der Kultur und vieles andere von dem “normalen Leben”, nach dem wir uns alle zurücksehnen. Andere Staaten haben es vorgemacht – es funktioniert, man muss es nur wollen. Mit dem politischen Willen ist das bei uns schwierig, aber irgendwo muss man anfangen, und wenn die Medien nicht mitziehen, kann es nichts werden. Ich zitiere dazu immer wieder gerne Thomas Bernhard: “Indem wir den Willen zum Scheitern haben, kommen wir vorwärts.”

Das “passive Hinnehmen” der über 10000 Toten, der zehntausenden LongCovid-Kranken und der durchseuchten Kinder, bei dem wir schlicht nicht wissen, ob das in ein paar Jahren weitere Folgeerkrankungen nach sich zieht, kreiden wir an. Das ist dann wohl aktivistisch. Ich nenne es vernünftig.

derStandard.at: Können Sie mit dem Begriff “Gutmensch” etwas anfangen?

Ute Bock: Nein. Dass ich versuche zu helfen, wenn einer was braucht, ist nicht gut, sondern normal.

(Quelle)

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