Tag 484: Vierte Welle: Der“saisonale Effekt“?

Talsohle: 10. Mai (POR), 20. Mai (UK), 21. Juni (E), 23. Juni (L), 27. Juni (GR), 28. Juni (F, DK), 29. Juni (NL), 30. Juni (DE, CH, IR), 02. Juli (SLO), 03. Juli (AT)

Wir erinnern uns an das vermeintliche Wasser auf den Mühlen der Covidleugner, als eine Studie den saisonalen Effekt mit durchschnittlich 40% bezifferte. Sie bezog sich allerdings nur auf den Zeitraum vor der zweiten Welle und ohne die ansteckenderen Varianten. Und 40% sind natürlich nicht die Mehrheit, das hieß selbst beim Wildtyp bzw. mit der D614G-Mutation, dass man 60% zusätzliche Maßnahmen brauchte, um die Pandemie einzudämmen. In den USA wurde das Plateau (weniger eine Talsohle) am 12. Juni 2020 erreicht, dann begann bereits die zweite Welle, die den Höhepunkt am 22. Juli 2020 erreicht hat. In Österreich war die Talsohle um den 15. Juni 2020 erreicht, der Tag, an dem Bundeskanzler Kurz die Überwindung der „gesundheitlichen Krise“ ausrief, um den 27. Juni 2020 wurde das Wachstum stärker, der nächste Sprung am 10. August, usw. Also inmitten des Sommers.

Maßnahmengegner, wie AGES-Public-Health-Chef Franz Allerberger, behaupteten später, die Zahlen wären vor dem ersten Lockdown bereits stark gesunken aufgrund des saisonalen Effekts. Doch tatsächlich war das bereits eine Reaktion auf die gestiegene Berichterstattung und Problembewusstseins (ja, das gab es damals noch), und vor allem darauf zurückzuführen, dass Großveranstaltungen und somit potentielle Superspreadingereignisse abgesagt wurden. Dazu kam die geschlossene Gastronomie (siehe Chang et al., 11/2020), und der strenge Lockdown in Österreich bewirkte, dass wir bis Juni nach neuseeländischem Vorbild ZERO COVID erreichten. Dank wirtschaftlich kurzsichtiger Interessen, einer kinderfeindlichen Kinderärztelobby und der ÖVP-gesteuerten Tourismusindustrie in Österreich verspielten wir ZERO COVID und wurden am 14. November Weltmeister bei den Neuinfektionen pro Tag. Wir erlitten folgerichtig den stärksten wirtschaftlichen Einbruch in der EU.

Am 11. Juni 2021 wurde die Delta-Pandemie, die nachgeholte Europameisterschaft im Fußball 2020, eröffnet, es gab insgesamt 50 Spiele bis heute in 11 Städten von Europa und Asien. In Budapest war das Stadion voll besetzt ohne Maskenpflicht. In der Folge der Spiele wurden in zahlreichen Ländern positiv getestete Fans gemeldet, die von den Stadien zurückkehrten. In Österreich fand am 04. Juli 2021 der „Große Preis von Österreich“ in Spielberg (Steiermark) statt, mit über 130 000 Fans, darunter auch viele Niederländer. Am 09. Juli 2021 meldeten die Niederlande 6986 Neuinfektionen, ein Anstieg von 626% im Vergleich zur Vorwoche, darunter vor allem viele junge Menschen. Die Nachtgastronomie dort wurde seit heute wieder geschlossen.

Long COVID und Varianten: Es kann nur eine Niedrig-Inzidenz-Strategie sein

Übersicht über die Wirksamkeit der Impfstoffe gegen die DELTA-Variante in verschiedenen Ländern, Quelle: FT, 09.07.21

In Europa tut man exakt das, wovor Virologen gewarnt haben: Hohe Fallzahlen zu tolerieren und zu glauben, man könnte die Pandemie einfach wegimpfen, in die DELTA-Welle hineinimpfen. Ideal, um noch resistentere oder ansteckendere Varianten zu züchten.

Update: „New Covid19 variant ‚may have emerged in North-East surge“ (08.07.21)

Der Irrglaube, dass nur alte und vorerkrankte Menschen das Risiko für einen schweren Verlauf hätten. Wir wissen, dass das nicht stimmt, Long COVID ist seit Mai 2020 bekannt. Wir wissen, dass selbst infizierte Personen, die anfangs keine Symptome hatten, später LongCOVID entwickeln können – damit ist auch die von Covidverharmlosern künstliche Unterscheidung zwischen „positiv getestet“ und „krank“ hinfällig. Denn ob jemand die Infektion gänzlich unbeschadet übersteht, weiß man zum Teil erst Monate später. Ob man sich gänzlich erholt, ist dafür fraglich, der Geruchssinn kehrt bei den meisten Patienten spätestens nach einem Jahr wieder zurück, bei anderen bleibt LongCOVID und wird zu ME/CFS, die von der Politik immer noch weitgehend ignoriert werden. Wie viele sind das? Keine Einzelfälle jedenfalls. Für UK schätzte man Ende Juni in Summe 2 Millionen Long COVID-Betroffene – eine unvorstellbare Zahl, nicht nur Erwachsene betreffend, sondern auch Kinder. In UK entstehen alleine 15 LongCOVID-Ambulanzen für Kinder und Jugendliche! In Österreich sind laut Lungenfachärztin Sylvia Hartl von der Klinik Penzing „einige Kinder“ an Long COVID verstorben. Inzwischen hat man auch in Österreich festgestellt, dass Kinder genauso Teil des Infektionsgeschehens sind wie Erwachsene:

„Die unter Zwölfjährigen sind offenbar ein großer Treiber der deutlich ansteckenderen Delta-Variante des Coronavirus.“

„Kinder bis zum Alter von zehn Jahren müssen nicht getestet werden. Sie können ohne eigenem Test mit ihren geimpften oder getesteten Eltern zum Beispiel ins Gasthaus oder auch ins Kino gehen. Kinder ab zehn Jahren brauchen ein eigenes Testergebnis“ (05. Mai 2021, Gesundheitsminister und Allgemeinarzt Wolfgang Mückstein, Pressekonferenz)

Für diese Fehlentscheidung gibt es keine Ausrede. Dafür verantwortlich ist alleine der Gesundheitsminister. Wenn er diese Strategie nicht vertritt, muss er das sagen. Er entscheidet letzendlich. Wenn er sie nicht vertritt und trotzdem so handelt, ist das fahrlässig. Wenn er sie vertritt, obwohl er von den Folgen für Kinder und ungeimpfter Angehöriger weiß, handelt er vorsätzlich. Wenn er sie vertritt, und nicht weiß, was für Folgen es hat, zeigt es seine Inkompetenz für den Job. In jedem Fall sollte er zurücktreten.

Die Belastung des Gesundheitssystems über Monate und Jahre durch Long COVID ist beim „Prognosekonsortium“ weiterhin kein Thema (08.07.21), auch dort spricht man nur von „systemkritischer Auslastung“ in Zusammenhang mit schweren Verläufen und Hospitalisierungen.

Man.kann.die.Pandemie.nicht.wegimpfen!

Eine Modellstudie zeigte bereits am 18. März 2021, dass Herdenimmunität durch Impfung alleine nicht mehr erreichbar sei. Auch Epidemiologe Zangerle wies in seiner Seuchenkolumne am 07. Juni 2021 darauf hin, dass man den Begriff Herdenimmunität besser verschwinden lassen sollte. Mikrobiologe Michael Wagner hatte am 03. Mai 2021 gewarnt, dass die Lockerungen zu früh kämen und auch Kinder ein Recht auf Gesundheit hätten.

Wir haben mächtige Werkzeuge, um die Fallzahlen niedrig zu halten, bis ein hoher Prozentsatz in der Bevölkerung doppelt geimpft wurde (bzw. J & J), inklusive der Kinder und Jugendlichen!

CO2-Messungen, mehr Lüftungsmöglichkeiten, HEPA-Filter, etc. sind Investitionen auf Dauer, sie verringern auch das Risiko anderer potentiell gefährlicher Infektionskrankheiten. Die SARS-CoV2-Pandemie wird zudem nicht die letzte gewesen sein.

„Wenn man mit anderen Lebensmitteln so umgehen würde wie mit der Luft, die wir einatmen… Das würde keiner akzeptieren. Wir atmen 15 kg Luft pro Tag. 5 mal so viel wie wir Wasser trinken. Luft wird im Vergleich sehr schlecht reguliert und kontrolliert.“ (Martin Kriegel, Aerosol-Experte und Leiter des Herman-Rietschel-Instituts, TU Berlin)

Die Aerosolforschung sagt (Heute Journal, ab Min 20:10): Innenraum, 1,5m Abstand: Nach 3-4 Minuten 100% Ansteckungsgefahr bei DELTA.

FFP2-Masken müssen im öffentlichen Raum bleiben, bis wir über 80% Impfquote erreicht haben. Es muss ENDLICH verpflichtende CO2-Messungen mit öffentlichen Anzeigemonitoren geben, in Öffis, im Wartezimmer, in jedem verdammten Klassenraum. Eigenverantwortung ist nur möglich, wenn man genügend und richtige Informationen zur Hand hat! Heißt, wenn die Luft zu stickig ist, öffne ich Fenster und Türen auf Durchzug, trage nur FFP2/3-Maske, oder im Fall einer Ordination müssen die Leute halt wieder draußen warten.

FFP2-äquivalent und höher schützt am besten vor den kleinsten, infektiösen Aerosolen (Linsley et al., 07.10.20)

Diese in Österreich als lästig anstelle von solidarisch empfundenen Basismaßnahmen sind das einfachste Werkzeug gegen Übertragungen. Nicht das testen, denn man kann die Pandemie nicht wegtesten. Der Test nützt der infizierten Person nichts. Prävention heißt, die Infektion gar nicht zuzulassen!

Individuelles und gesellschaftliches Risiko

Sektionsschefin Katharina Reich im Gesundheitsministerium behauptete, der einfache Mund-Nasen-Schutz würde bei niedrigen Inzidenzen reichen. Aus Public-Health-Perspektive für die Gesamtbevölkerung vielleicht, aber nicht aus individueller Sicht. Denn die Aerosole machen keinen Unterschied zwischen niedriger und hoher Inzidenz, sie sind immer gleich groß und gleich infektiös. Bei DELTA scheinen noch weniger infektiöse Aerosole für die Infektion im Körper auszureichen als ALPHA. Wer jetzt also eine Stoffmaske anstelle einer FFP2-Maske trägt, der wird sich mit hoher Wahrscheinlichkeit infizieren, wenn er zu engen Kontakt zu einem DELTA-Träger hat, oder sich länger in Innenräumen mit DELTA-Trägern aufhält – unabhängig von der Entfernung.

Ehrlich kommuniziert müsste Reich stattdessen sagen:

„Wir lockern großzügig, weil wir uns als Gesellschaft die Lockerungen bei niedrigen Inzidenzen leisten können (wollen), aber für Dich steigt natürlich das individuelle Risiko an, weil der MNS einen schlechteren Schutz als eine FFP2/3-Maske bietet.“

Was sich nicht durchgesetzt hierzulande ist, dass wir mit den FFP2-Masken nicht nur uns selbst effektiv schützen, sondern auch andere (Solidaritätsmaske). Masken werden als Bestrafung gesehen und viele Politiker, nicht nur in der Regierung, nutzen das populistisch, indem sie Lockerungen beim Maskentragen als Belohnung und Entlastung instrumentalisieren, um die Bevölkerung auf ihre Seite zu ziehen.

Das Gleiche gilt übrigens für die Zuverlässigkeit von Antigentests. Die beträgt bei den Nasenbohrtests nur rund 40%, wenn man keine Symptome hat. Bei Kindern sogar nur rund 20%. Noch schlechter sind Lolli-Antigentests für Kinder.

Aus gesellschaftlicher Sicht waren Schnelltests erfolgreich, die dritte Welle zu brechen – das sah man auch mit den Ausreisetests in Tirol. In Deutschland nahmen sie rund 40% der Infektionen aus dem Geschehen. Aus individueller Sicht heißt es jedoch: Wenn man keine Symptome hat und sich mit Schnelltests testet, dann ist der Test in weniger als die Hälfte der Fälle falsch, und man kann andere noch anstecken. Den Betroffenen ist es ein schwacher Trost, wenn die Schnelltests gesamtgesellschaftlich erfolgreich waren. Zudem werden die Antigentests aufgrund fortschreitender Impfungen an Sensitivität verlieren:

„Wir werden wahrscheinlich den Antigentest bei Erwachsenen, die geimpft und immun sind, als Tool, als epidemiologi-sches Tool zunehmend verlieren. Und zwar deswegen, weil der übermäßig an Sensitivität verlieren wird. Ich will damit sagen, Erwachsene, bei denen das Virus in der Nase ist und bei denen zusätzlich IgA-Antikörper in der Nase sind und auch zum Teil ein bisschen durchgeschwitzte IgG-Antikörper, also Antikörper, die zusammen mit dem Virus rumschwimmen.[….] Die können übrigens auch durch eine natürliche Infektion hervorgerufen worden sein. Also ich will einfach sagen: Jemand, der immun ist und dann trotzdem die Infektion bekommt, also der gegen die systemische, symptomatische Krankheit immun ist, aber eben nicht gegen die Virusreplikation. Bei dem werden in den Testsekreten, in den Nasensekreten, die man da testet in dem Antigentest, nicht nur die Virus-bestandteile sein, sondern auch Antikörper. Und diese Antikörper stören die Nachweisreaktion.[…] Also die Viruslast wird sicherlich geringer werden. Aber wir wissen auch, dass es geimpfte Personen mit einer sehr hohen Viruslast trotz Impfung gibt. Die sehen wir jetzt schon sporadisch hier und da mal. [….]“ (Virologe Drosten, https://www.ndr.de/nachrichten/info/coronaskript306.pdf )

Menschenverachtung

„Die Krise redimensioniert sich. Sie wandelt sich von einer akuten gesamtgesellschaftlichen Herausforderung zu einem individuellen medizinischen Problem“

Dieses „medizinische Problem“ betreffe jeden, der aus freiem Willen nicht geimpft sei. Es werde nicht mehr auf der Beziehungsebene zwischen dem Einzelnen und dem interventionistischen Staat verhandelt, sondern auf der Ebene der Eigenverantwortung, „zwischen dem Betroffenen und dem jeweiligen Arzt“. „Der Staat hat die letzten eineinhalb Jahre massiv in das Leben jedes Einzelnen eingegriffen, der muss sich jetzt wieder auf seine Kernaufgaben zurückziehen“,

Diese und andere unfassbar menschenverachtende Aussagen des Kanzlers, die ein Abziehbild der sozialdarwinistischen Great-Barrington-Ideologie sind, hat er heute in der „Kleinen Zeitung“ verlautbart.

Kein Wort zu Kindern, die sich noch nicht impfen lassen können, zur deutlich verringerten Schutzwirkung bei DELTA nach einer Teilimpfung, zu Non-Respondern von Immunschwachen und zu Immunoseneszenz bei Älteren, die ihren Impfschutz nach kürzerer Zeit wieder verlieren.

Wir stünden nicht vor der Situation, die nonpharmazeutischen Interventionen verlängern zu müssen, wenn wir weltweit eine Niedrig-Inzidenz-Strategie verfolgt hätten. Die gefährlichen Varianten (of Concern) stammen alle aus Regionen, wo man das Virus zu lange laufen ließ (Indien, UK, Brasilien, Südafrika). Die Konsequenz wäre zu sagen, da müssen wir jetzt durch, also Maßnahmen verlängern und weiter impfen, für Non-Responder und Ältere eine dritte Impfung. Und gleichzeitig schauen, dass ärmere Länder kostenlosen Zugang zu Impfstoffen haben.

Ein Gedanke zu “Tag 484: Vierte Welle: Der“saisonale Effekt“?

  1. Bei zwei ganz kurzen Gelegenheiten bin ich zur Stoffmaske zurückgekehrt. Doch nun bleibe ich bei FFP2-Masken und auch meine kurzzeitig in den Abstellraum verbannten „Trickkiste“-Masken werde ich wieder hervorholen.

    Leider führt die Lockerung der Maskenpflicht zu einem verstärkt leichtsinnigen Verhalten der Bevölkerung. Ich bin gestern zu später Stunde mit der U3 nach Ottakring heimgekommen. Die Fahrt war der reinste Horror. Weniger als die Hälfte der Fahrgäste trug FFP2-Masken. Der Rest bestand aus Nasenbären, Stoffmasken und Leugnern. Und die letzten haben ganz provokativ während der Fahrt telefoniert und ein Pupperl machte ein Kussmündchen-Selfie.

    Nun weiß ich, warum ich seit n. Cor. nicht so gerne mit den Öffis fahre.

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