Tag 860: Krisen-Sommer

Die 7-Tages-Inzidenz im Sommer 2022 lag beim Minimum um das 30fache höher als im Sommer davor und liegt aktuell rund 60fach höher als Mitte Juli 2021, allerdings deutet das Abwassermonitoring derzeit auf eine Dunkelziffer mindestens um den Faktor 3 hin.

Ich denke, man kann es auch ruhig mal laut aussprechen, überfordert zu sein – sich nicht nur so zu fühlen. Je nach Priviligienstatus kämpfen derzeit alle mit den rasch steigenden Energiekosten, die sich auf alle Lebensbereiche ausweiten. Das, was wir jetzt einsparen können, bestimmt die nächste Jahresabrechnung mit. Langfristig verschärfen sich die Probleme weiter, solange die Ukraine den Krieg gegen Russland nicht gewinnt und wieder volle Souveränität über die eigenen Hoheitsgebiete hat. Im Osten befindet sich das Herz der Industrie, im Süden der Zugang zum Meer und die Ausfuhr der so wichtigen Getreideexporte, die derzeit von Russland blockiert werden. Russland erpresst Europa mit Gaslieferungen und setzt auf die Destabilisierung von Europa durch soziale Unruhen, Übernahme durch russlandfreundliche Populisten und große Fluchtbewegungen aus Afrika durch Hungersnöte. Unsere Regierung macht denkbar wenig gegen den Preisdruck, es ist ja auch Sommerpause. Das alleine reicht schon aus, nicht hoffnungsvoll gestimmt in die Zukunft zu sehen.

Jährliche Anzahl an Hitzetagen seit Beginn der Aufzeichnungen in Wien, Quelle: ZAMG

Dazu kommt aktuell noch der Klimanotstand mit Hitzewellen, Trockenheit und Dürre und zwar in weiten Teilen Europas. Und die Frage, wie man Energie sparen soll, wenn man für seine unklimatisierte Wohnung eine Klimaanlage bräuchte, um tagelang über 35 Grad, oder sogar knapp 40°C zu überleben. Überhaupt die Frage, wann die ersten Brunnen trocken fallen, wann Trinkwasser in manchen Regionen knapp wird, wie viele Gewässer kippen, sofern sie nicht schon ausgetrocknet sind. Dazu kommt die hohe Waldbrandgefahr. Auch das gibt Anlass zur Beunruhigung. Bei der Tour de France wird der Asphalt mit Wasser besprüht, damit er nicht schmilzt, auf Kreta gab es 52 Feuer in 24 Stunden, in die Poebene gelangt Salzwasser, weil der Flusspiegel niedriger ist als der Meeresspiegel. In Südtirol trocknen Flüsse aus und Fische verenden in über 35°C warmen Wasser. In Großbritannien steht morgen und übermorgen der womöglich heißeste Tag seit Aufzeichnungsbeginn bevor – erstmals könnten die 40°C geknackt werden. In Madrid war die Nacht auf den 16. Juli 2022 die wärmste seit Aufzeichnungsbeginn (26,2°C), der darauffolgende Tag der heißeste (40,7°C) – eine durchgreifende Wetteränderung zeichnet sich für Mitteleuropa erst gegen Monatsende ab, das ist erstens noch lange hin und hilft zweitens den dürregeplagten Südeuropäern wenig.

Und dann kommt drittens noch die aktuelle Sommerwelle hinzu, ja, ihr habt richtig gehört, Sommerwelle. In den ersten beiden Sommern haben die Ferien bei bestehenden Maßnahmen wie Maskenpflicht, 3G-Regel und 10-Tage-Quarantäne/Isolation jeweils kaschiert, dass der saisonale Faktor bei SARS-CoV2 nur eine geringe Rolle spielt. Landläufig wird geglaubt, dass das Virus bei sommerlicher Wärme weniger übertragen werden kann. Das würde aber nur dann eine Rolle spielen, wenn die meisten Übertragungen im Freien stattfinden und die Bevölkerung im Sommer weniger anfällig für SARS-CoV2 wäre. Es gibt zwar bestimmte Einflussfaktoren, wonach die Selbstreinigung der Atemwege bei höheren Temperaturen besser funktioniert als bei nasskaltem „Erkältungswetter“, aber bei einem hochansteckenden Virus wie SARS-CoV2? Eher unwahrscheinlich, dass das der ausschlaggebende Faktor ist. Ebenso ist tausendfach belegt, dass die meisten Ansteckungen in geschlossenen Innenräumen über Aerosole stattfinden – dort gibt es die Superspreader-Ereignisse, d.h., einzelne hochinfektiöse Personen stecken mehrere Personen an. Nein, der saisonale Faktor wirkt sich indirekt aus – über Schulferien und Haupturlaubszeit, damit werden die beiden Virendrehscheiben Unterricht und Arbeitsplatz weniger bespielt, erst mit Ende der Ferien steigen die Zahlen dann deutlich an, spätestens nach Schulbeginn.

Derzeit liegen die Infektionszahlen rund 180fach höher als Mitte Juli 2021, unter Einbezug der Dunkelziffer. Bei keinen Maßnahmen. Die Bundesregierung plant, die Isolationspflicht aufzuheben und durch eine FFP2-Tragepflicht zu ersetzen – das würde aber alle positiv getesteten Personen „stigmatisieren“, wenn sonst niemand Maske trägt. Im März 2022 hat Rauch schon einmal mit Wiedereinführung der Maskenpflicht die Isolationszeit verkürzt von zehn auf fünf Tage, obwohl zahlreiche Studien bestätigen (zuletzt Keske et al., 15.07.22), dass die Mehrheit der infizierten Personen mit und ohne Symptome (!) am fünften Tag noch infektiös ist. Es liegt der Verdacht nahe, dass mit der erneuten Wiedereinführung der öffentlichen Maskenpflicht die Isolation abgeschafft wird – schlimmstenfalls schon vorher.

Was aber bedeuten diese hohen Zahlen nun? Derzeit stecken sich auch sehr viele Personen an, die – wie ich – die letzten zweieinhab Jahre ohne Infektion durchgekommen sind, die wo immer es geht, FFP2/3-Maske getragen haben, Risikosituationen vermieden und kinderlos sind oder erwachsene Kinder haben. Das hat gereicht, das individuelle Risiko zu drücken, sodass eine Infektion unwahrscheinlich wurde. Viele Infektionen erfolgten jetzt draußen bei vermeintlich niedrigem Risiko, unmaskiert. Bei einer mehr als hundertfachen Inzidenz braucht man nicht einmal eine bessere Übertragbarkeit, um sich in zuvor sicheren Situationen zu infizieren – es reicht eine flüchtige Begegnung im Freien, ein Huster von hinten, ein kurzes Gespräch mit den Nachbarn, Übersiedlungshilfe, etc. Die logische Konsequenz lautet derzeit also: Maske rauf auch im Freien – sobald man mit jemandem redet oder zu eng bei anderen Menschen steht.

Normal- und Intensivstationen

Dauerwelle in den Spitälern nur durch Covid19-Patienten seit fast einem Jahr.

Ich habe im Zuge der letzten Untersuchungen vor meiner OP mit mehreren Ärzten gesprochen. Fünf Stunden Wartezeit auf einen Termin in der Ambulanz sind derzeit eher die Regel, ich kam mit drei Stunden Warten noch gut weg. Grund: Ärztemangel – derzeit ist Urlaubszeit, gleichzeitig Krankenstände, das verfügbare Personal ist nicht für eine Sommerwelle diesen Ausmaßes vorgesehen. Der Regierung, aber auch der Opposition scheint das egal zu sein. Dazu kommen derzeit etliche nachgeholte Operationen der letzten Monate – die jetzt teilweise erneut verschoben werden müssen. Es betrifft eben auch Nichtcovid-Patienten, und das erkläre ich auf meinem Blog immer wieder: Krankenhäuser sind im Normalbetrieb immer nahe an der Kapazitätsgrenze. Ab 10% Belegung mit Covid19-Patienten ist die Grenze erreicht, darüber hinaus geht jedes durch einen Covid19-Patienten belegte Bett zulasten eines Nichtcovid-Patienten. Und zwar nicht, weil physisch Bettenmangel herrschen würde. Betten ohne Personal sind aber nur Möbel, wie ein Pfleger einmal sagte. Mehr Personal einstellen würde nur kurzfristig etwas bringen, denn dann würde die Politik sagen, dass man sich höhere Infektionszahlen erlauben könnte, bis die Bettenkapazität erreicht wurde. Das Problem würde also nur verschoben – zudem sollte niemand wegen einer vermeidbaren Erkrankung im Spital behandelt werden müssen. Prävention himmel herrgott!

In der DELTA-Welle beklagte sich Infektiologe und Vorstand der Universitätsklinik für Innere Medizin in Salzburg, Richard Greil, über den überbetonten Fokus auf Intensivstationen. Die Intensivbetten würden lediglich 5% aller Betten in einer Krankenanstalt ausmachen. Die Mehrheit der schwerkranken Patienten bekommt nie im Leben eine Intensivstation von innen zu sehen – die meisten sterben auf der Normalstation.

„Er habe daher überhaupt kein Verständnis dafür, dass immer nur die Auslastung der Intensivstationen als Richtwert hergenommen würde, wenn bereits auf der Normalstation eine „Situation wie im Lazarett“ herrsche.“

„Sie kennen die Situation aus den Medien“

„Es herrscht seit zwei Jahren dieselbe Situation und es sieht nicht so aus, als ob sich daran etwas ändert.“

„Wir müssen Sie leider woanders operieren aufgrund des Personalmangels.“

Es spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle im Arbeitsaufwand, ob jemand mit oder wegen Covid im Spital behandelt wird.

  • In UK sind derzeit 37% der Covid-Patienten wegen Covid19 eingeliefert worden.
  • Andere haben Covid als Nebendiagnose wegen anderer Ursachen, da die Infektionszahlen derzeit sehr hoch sind.
  • Manche haben Probleme, die durch Covid verursacht worden sind, selbst wenn es nicht die Hauptdiagnose ist (z.B. Schlaganfälle)
  • Rund 25% werden während des Spitalsaufenthalts infiziert – das hilft nicht bei der Behandlung/Genesung dieser Patienten.

Das Problem dabei ist, dass jedes Bett für Covid-Patienten anderen Patienten nicht zur Verfügung steht, zudem können infizierte Patienten nicht in Pflegeeinrichtungen entlassen werden, was die Bettensituation verschlimmert.

Zu den „Sozialindikationen“, die kürzlich in der PRESSE von Journalist Baltaci und Epidemiologe Gartlehner ins Lächerliche gezogen wurden, hat Internist Wolfgang Hagen die passende Antwort gegeben:

„Aber in der Medizin, wie ich sie mir vorstelle, gibt es eine soziale Komponente, eine zwischenmenschliche Komponente.“

Man wirft eben nicht sofort alle Patienten aus dem Spital, sobald die medizinische Indikation nicht mehr gegeben ist. Als ich das las, musste ich an meine eigene Situation denken. Wenn ich nach der OP nicht sofort nach Hause muss, ist das für mich ein Gewinn – gleichzeitig erhöht aber jeder Tag länger im Spital die Gefahr, dass ich mich dort infiziere, denn die Patienten werden mutmaßlich nur vor der Aufnahme getestet, nicht mehr danach. Eine schwierige Güterabwägung – ein Dilemma, das die Regierung geschaffen hat mit ihrer fahrlässigen Durchseuchungspolitik. Letztendlich bleibt das ungute Gefühl, sich in dieser Hochinzidenzphase in einen geschlossenen Innenraum begeben zu müssen.

Damit leg ich hier dann mal eine Pause ein.

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