Tag 854: Das geht so einfach nicht

Quelle: Statistiker Neuwirth (Blog)

Die Regierung ist unfähig in der Krisenkommunikation, was die Bewältigung der aktuellen Energiekrise und Explosion der Lebenskosten anbelangt. Sie schafft es nicht einmal, gesetzliche Rahmenbedingungen zum Energie sparen zu schaffen. Kürzer Hände waschen, Kochtopfdeckel nutzen, frieren – mehr kommt nicht, während im Juli die Heizpilze in den Gastgärten im ersten Bezirk laufen, weil der feine Pinkel im Gstopftenlokal keine Jacke anziehen will, wenn im Herbst in Skigebieten die Schneekanonen laufen, weiter tonnenweise Lebensmittel weggeworfen werden und man nicht mal Tempo 100 einführen kann. Warum gilt die Eigenverantwortung weiterhin nur für jene, die es sich am besten richten können, statt gesetzliche Rahmenbedingungen für alle zu schaffen?

Falls es jemand noch nicht gemerkt, und es haben mittlerweile viele bemerkt, die Infektionszahlen sind in ganz Europa enorm hoch!

Von der Inzidenz her haben wir fast den Peak der DELTA-Welle erreicht. Seriöse Wissenschafter in Deutschland haben bereits grobe Abschätzungen gemacht, was die BA.5-Welle für die Krankheitslast bedeuten wird. Im Gegensatz zu den vorherigen BA.x-Varianten von OMICRON nutzt BA.5 wieder die selbe Eintrittsstelle in die Zelle wie DELTA, es ist sowohl infektiöser als es auch stärker der Immunantwort entkommt. Damit hat sie sich DELTA angenähert. Das könnte auch erklären, weshalb Infizierte bis zu 10 Tage und länger positiv testen. Jedenfalls steigen auch die Hospitalisierungen in zahlreichen Ländern wieder an. Und was für LongCOVID gilt, trifft auch bei Hospitalisierungen zu – selbst wenn BA.5 immer noch intrinsisch weniger schwere Verläufe verursacht als DELTA, dann bedeutet die schiere Anzahl an Neuinfektionen pro Tag, dass die absolute Zahl der schweren Verläufe ansteigt.

„Even if the actual prevalence of long Covid is much smaller than recent estimates, a small percentage of a large number is a large number.“

STATNEWS, 06.07.22

Es gibt mittlerweile sehr viele solcher Geschichten, von Kindern, die kurz vor dem Urlaub positiv getestet werden, zum Teil auch richtig krank sind, manche schon das dritte oder vierte Mal in Folge. Von Eltern, die den Urlaub deswegen stornieren müssen (wenn sie noch können). Die ihren sehnlichst gewünschten Urlaub nicht antreten können, sondern daheim sitzen, vielleicht selbst noch krank werden. Eltern haben keine 10 Wochen Urlaub, falls das die Regierung nicht gemerkt haben sollte. Dazu die Personalausfälle über alle Branchen, die massiven Flugausfälle, teilweise auch bedingt durch Krankenstände. Manche Menschen, die husten und schniefen, glauben auch, nur weil ihr Test negativ ist, kann es nicht COVID sein (kann falschnegativ sein je nach Testqualität und Abstrichart, aber auch Zeitpunkt), und selbst wenn es so wäre, ist das noch lange kein Grund, andere anzusandeln, deren Immunsystem vielleicht selbst gerade geschwächt ist. Tragt gefälligst Maske, wenn ihr Symptome habt – egal von welchem Virus!

Sogar in den USA tut man was

Zwar hat uns das CDC indirekt ein schlechtes Vorbild abgegeben, indem sie als erstes mit BA.1 die Isolationszeit auf fünf Tage verkürzt haben, obwohl man nach fünf Tagen meist noch hochinkektiös ist, aber das Weiße Haus hat seine Hausaufgaben anscheinend gemacht. Zur Kontrolle von BA.5 gibt es u.a.

  • Booster für alle über 50
  • Verbesserung der Luftqualität in Innenräumen
  • Kostenlose N95/FFP2-Masken

Und was machen wir? Das fragen wir die Frau Reich:

Katharina Reich, Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit im Gesundheitsministerium und GECKO-Vorsitzende – Quelle: DIE PRESSE 10.07.22

Die Isolationspflicht soll also mit folgender Begründung aufgehoben werden:

  • Die Menschen geben immer seltener an, wenn sie sich infiziert haben.
  • Viele gehen nicht testen, um eine Isolation zu vermeiden
  • Menschen tun alles, um zu verhindern, dass jemand von ihrer Infektion weiß

Logik der Generaldirektorin für Öffentliche Gesundheit: Wenn die Bevölkerung die Mitarbeit verweigert, schaffen wir Quarantäne und Isolation ab. Statt der Bevölkerung endlich die Wahrheit zu erzählen, dass die Durchseuchungsstrategie gescheitert ist, dass es keine Herdenimmunität gibt, dass es ein Fehler war, die Maßnahmen abzuschaffen, dass LongCOVID riesigen wirtschaftlichen Schaden anrichtet, und wir uns das gerade jetzt nicht erlauben können, wo alles nach Rezession aussieht durch die Teuerung und evtl. noch abgedrehtes Gas (und Alternativen wie Öl und Holz genauso unerschwinglich sind, btw.).

Mit Abschaffung steigt der Druck auf die Vernünftigen, es gleich zu tun. Dazu kommt, dass sich Menschen nur wegen der Isolationspflicht absondern und auch nicht in die Arbeit gehen, weil das dem Arbeitgeber abgegolten wird. Mit Abschaffung der Isolation werden sich das viele nicht mehr trauen, „wegen einer Erkältung“ zuhause zu bleiben. Damit fällt aber auch die dringend angeratene Schonung als Vorbeugung vor LongCOVID oder etwa Herzmuskelschäden weg. Viele wissen außerdem nicht, dass sie sich 1. erneut anstecken können und 2. Reinfektionen schlechter verlaufen können, sie erhöhen sogar das Sterberisiko in manchen Fällen (Al-Aly et al., 06/22).

„Und man muss sich angesichts einer hohen Ansteckungsrate und einer Krankheitslast, die sich Richtung grippaler Infekt entwickelt, auch fragen: Sind COVID und Influenza vergleichbar? Wenn ja, muss man die Maßnahmen abschaffen.“

So falsch. Grippaler Infekt ist einfach eine Unwahrheit. Kein seriöser Wissenschaftler, und nein damit meine ich weder Gartlehner, Schernhammer noch Nowotny, sagt so etwas. Fragt doch mal die Internisten, die Neurologen, HNO-Ärzte und Hausärzte, die LongCOVID-Patienten oder fragt den Kinderarzt Karl Zwiauer vom NIG.

Covid19 ist die gefährlichste Krankheit für Kinder und Jugendliche noch vor Influenza, und das gilt auch für die BA.x-Varianten! Dazu kommt gehäuftes Auftreten von Diabetes 1, Hepatitis und MISC. Ein Großteil dieser Altersgruppe ist immer noch ungeimpft, dafür oft schon mehrfach infiziert. Ratet, was passiert ….

Dann gibt es neben den Todesfällen eben auch noch LongCOVID, und da sind wir weit davon entfernt, dass es eine gesundmachende Therapie gibt. Oft wird Reha empfohlen, die aber nicht zwingend geeignet ist. Die Patienten brauchen Ruhe und Pacing, also schrittweise mit Aktivität beginnen und kein durchgetaktetes Sportprogramm. Damit wird es aber oft schlechter und die Patienten kommen kränker nach Hause als sie reingegangen sind, und dürfen sich dann abwechselnd mit AMS, PVA und ÖGK herumschlagen. Viele Menschen wissen zudem gar nicht, dass sie an LongCOVID erkrankt sind:

„The truth is that unless people [are] put in a very cognitively demanding situation, it’s not that apparent.“)

Australische ABC-News

Lee et al. (05.07.22) haben herausgefunden, dass die neurologischen Symptome nach einer Covid-Erkrankung Alzheimer ähneln – ein schon mehrfach geäußerter Verdacht.

Niemand sollte dieses Scheiß Virus kriegen. Inzwischen haben viele in ihrem Verwandten- oder Bekanntenkreis mindestens einen LongCOVID-Fall. Das ist nicht nur ein Fall, sondern da stecken individuelle Schicksale dahinter! Menschen, die man mag, die man liebt, die man schätzt, Arbeitskollegen!

Dazu kommen die gravierenden Ausfälle im Gesundheitwesen, der prekäre Pflegemangel, der nicht alleine davon besser wird, wenn man besser bezahlt, sondern auch für ihren Schutz etwas tut. Denn selbst ein guter Schutz am Arbeitsplatz schützt das Gesundheitspersonal nicht vor Ansteckung bei den eigenen Kindern, wo es gar keine Maßnahmen mehr gibt. Und um auf den blöden Influenza-Vergleich zurückzukommen – auch dagegen gibt es eine Impfung, die viel zu wenig angenommen wird. Die Direktorin setzt sogar grippaler Infekt und Influenza gleich, was letzteres verharmlost. Wer es aus der eigenen Kindheit noch weiß oder selbst Kinder hat: Die Kinder schleppen alles mit nach Hause, die Eltern sind ständig krank. Ist das die erstrebenswerte Zukunft, jetzt 3-4x im Jahr krank zu sein? Es ist erwiesen, dass eine Covid-Infektion das Immunsystem schwächt und andere Krankheitserreger leichter eindringen können. Derzeit zirkulieren jede Menge Erreger und viele mit vorheriger Infektion sind erneut krank (aber negativ getestet).

Also nein, das läuft einfach falsch. Covid19 entwickelt sich NICHT zum grippalen Infekt, auch nicht zur Influenza. Statt Covid wie Influenza zu behandeln, hätte man Influenza wie Covid behandeln sollen. Stattdessen begeht man wieder die gleichen Fehler wie vor der Pandemie – man zwingt die Menschen, krank in die Arbeit zu gehen, jetzt während der Energiekrise noch viel dramatischer von den Auswirkungen, denn was machen die Menschen, die sich nicht mehr isolieren dürfen, aber arbeiten müssen, um den Job zu behalten? Sie werden mitunter chronisch krank und verlieren den Job erst recht und zwar dauerhaft. Mit vier hohen Influenzawellen im Jahr brauchten wir ebenso Maßnahmen wie Masken und Isolation, denn auch Influenza kann asymptomatisch übertragen werden (Yan et al. 2018), hier hilft alleinig die extrem kurze Inkubationszeit zur raschen Absonderung.

Es gibt nicht nur Covid – das stimmt, aber mit Covid ist es noch beschissener!

Die Abschaffung der Maskenpflicht gefährdet gerade „vulnerable“ Gruppen, wozu wir alle zählen – es gefährdet *alle* im Hinblick auf LongCOVID, vielleicht nicht mit der ersten, aber mit der zweiten, dritten oder vierten Infektion, und es gefährdet jene Hochrisikopatienten ALLER Altersgruppen, die eine angeborene oder erworbene Immunschwäche haben, oder aufgrund ihres Alters die Immunantwort rasch schwächer wird. Für eine gute Wirkung von Paxlovid und therapeutischen Antikörpern braucht es eine frühzeitige Therapie und einen zeitnahen Test, möglichst, bevor erste Symptome kommen. Jetzt besteht einerseits mit hohem Infektionsdruck die Gefahr wachsener Resistenzen bei Paxlovid, andererseits neutralisieren etliche therapeutische Antikörper mit jeder neuen angeblich so milden OMICRON-Variante schlechter (Wang et al. 05/22, Tuekprakhon et al. 06/22 und Aggarwal et al. 07/22). Man sollte also hohen Infektionsdruck verhindern, damit die Medikamente bei jenen extrem eng gefassten „vulnerablen Gruppen“ überhaupt noch Wirkung zeigen.

„Es gibt nicht nur Covid!“ werfen dann manche ein – richtig, es gibt auch Fälle, wo man sich einer Operation unterziehen muss – entweder geplant oder ungeplant, und da ist der medizinische Rat, nach einer Covid-Infektion mindestens sieben Wochen zu warten, um keine Komplikationen bei der Narkose bzw. Operation zu verursachen. Narkoseärzte bestätigen das wiederholt.

In meinem Fall, der sich in Kürze leider einer OP unterziehen muss, heißt das, ich sollte tunlichst vermeiden, mich bis zur OP anzustecken. Nicht nur ist die OP dann um einiges riskanter, sondern es kann auch bestehende Grunderkrankungen verschlechtern oder eben das gefürchtete LongCOVID verursachen – und dann ist vielleicht die OP trotzdem geglückt, aber meine Gesundheit trotzdem im Eimer.

Und dann passiert es, dass man wegen einer Ultraschalluntersuchung ein großes Labor aufsucht. Am Eingang steht ein Handhygienespender. Drinnen sind alle Fenster geschlossen. Ich wartete 40min bis zur Anmeldung, dann gab es wegen technischer Probleme noch etliche Minuten, bis ich aufgenommen wurde. Ich holte das Aranet4 hervor, es schoss gleich in die Höhe und erreichte mehrfach Spitzenwerte über 2000ppm. Die Luft war zum Schneiden dick. Im Wartezimmer war jeder Stuhl besetzt, nicht einmal ein Meter Abstand, es liefen ständig Mitarbeiter durch den Flur. Nicht alle Patienten trugen die Masken richtig, nicht einmal die Mitarbeiter. Ein Vollbart hat unter der Maske nichts zu suchen, wenn sie dicht sein soll! (Prince et al. 05/22) Eine Assistentin zog die Maske runter, um mir etwas zu sagen. Ich hätte am liebsten draußen gewartet, aber die Anmeldung ging über ein Ticketsystem und draußen hätte ich den Monitor nicht gesehen, um zu wissen, wann ich dran bin.

Ich bekam ein beklemmendes Gefühl. Ich wollte den Bartträger gerade fragen, ob er die Tür offen lassen kann, wurde aber unterbrochen. Schließlich bestand ich darauf draußen zu warten, bis ich zur Untersuchung aufgerufen wurde. Das wurde zum Glück akzeptiert. Die Untersuchung war dann relativ schnell erledigt. Die hohen CO2-Werte hier stammen allerdings nicht aus dem Untersuchungszimmer, sondern aus dem winzigen Vorraum, wo man seine Kleidung vorher ablegt, denn ich hatte das Gerät in der Westentasche stecken und vergessen, mitzunehmen.

CO2-Werte, gemessen mit dem Aranet4, in einem großen Diagnosezentrum in Wien

Hier die empfohlenen Werte:

Anschauliche Darstellung der Bedeutung hoher CO2-Werte als Maß für das Infektionsrisiko
REHVA Covid19 Guidance (2021)

Werte über 1000ppm sind schlicht nicht akzeptabel, und zwar unabhängig von der Raumgröße. Mein Spitzenwert im Warteraum lag übrigens bei 2408ppm, und im Vorraum zum Untersuchungszimmer bei 2280ppm. Ohne FFP3-Maske bei den aktuell hohen Inzidenzen mit vorhandener Dunkelziffer eine Gefahr für Patienten – und an sich ja nicht nur wegen Covid19, sondern sämtlicher zirkulierender Erreger derzeit.

Sämtliche Patienten dort gehen wie ich nicht aus Jux und Tollerei dorthin, sondern zur Kontrolle, zur Behandlung oder als Vorbereitung auf einen Eingriff. So kann man weder mit Patienten noch mit den dortigen Mitarbeitern umgehen.

Was könnte man tun, bis man eine gute Lüftungsanlage eingebaut hat?

  • Die Fenster wenigstens alle kippen, die Türen offen halten – querlüften wäre über den Innenhof gut gegangen.
  • Mehr Personen draußen warten lassen – zu ihrem eigenen Schutz. Im Innenhof gab es auch viel zu wenig Stühle.
  • Ticketsystem mit Monitoren draußen, damit jene, die sich selbst schützen WOLLEN, das auch können
  • Mobile Luftreiniger aufstellen (so wie in privaten Praxen, es ist also eine Aufgabe des Gesetzgebers, hier Vorschriften zu erlassen). Das würde alleine zwar die CO2-Werte nicht erniedrigen, aber die Luft dennoch sauberer machen.
  • Ein CO2-Messgerät installieren, damit Mitarbeiter wissen, wann erhöhter Lüftungsbedarf besteht, wann man etwa nochmal nachdrücklich auf eine korrekt getragene Maske hinweist.
  • Und – siehe Weißes Haus – Gratis-FFP2-Masken bei der Aufnahme, damit gerade Menschen mit geringem Einkommen, und die werden gerade täglich mehr, die Chance auf eine frische, filternde FFP2-Maske haben.

In anderen Labors bzw. Arztpraxen maß ich deutlich geringere Werte, vielfach sogar unter 600ppm oder nur knapp darüber. In einer Wahlarztpraxis waren nur wenige Personen im Wartezimmer, es gab sogar einen Lichthof mit Bänken zum Draußen sitzen, die Tür stand dauernd offen. In einem anderen großen Diagnosezentrum hatte ich meinen Aranet4 nicht dabei, aber es machte einen gut belüfteten Eindruck, zudem kurze Wartezeiten.

Jetzt heißt es abwarten und hoffen, dass nichts passiert ist. Ich hab immer frische FFP3-Masken getragen. Doch der Nervenkitzel wird weitergehen, im Spital, nach der stationären Aufnahme. Ich hatte mich immer davor gefürchtet, bei hohen Infektionszahlen wie jetzt ins Spital zu müssen. Die Gefahr, dass Personen/andere Patienten oder Besucher mit einem noch nicht positiven Test durchrutschen, ist einfach hoch. Und das müsste alles nicht sein, wenn man ernsthaft Gesundheitsprävention betreiben würde.

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