
Kürzlich bekam ich über Social Media mit, dass eine Veranstaltung zu einer Buchpräsentation über “Die verdrängte Pandemie” stattgefunden hat (siehe meine Rezension). Einer der beiden Herausgeber trug eine besonders hochwertige Schutzmaske, ein eingeladener Co-Autor und Arzt trug keine Maske. Auf Social Media reichte das für einzelne persönliche Angriffe (“Shitstorm“). Der Arzt rechtfertigte sein Auftreten mit der nahezu nicht vorhandenen Inzidenz der drei schwersten Infektionskrankheiten (Covid, Influenza, RSV). Welchen Sinn hätte es, das Risiko von 0,05% auf 0,0005% zu senken?
Die scharfen KritikerInnen ließen das nicht gelten – sie hätten gerne, dass “TeamVorsicht” grundsätzlich in Innenräumen Maske trägt, um Vorbildfunktion auszuüben und die Gesellschaft “von unten” dazu zu motivieren, dass eines Tages *alle* jederzeit und überall in Innenräumen Maske tragen. Das ist aber weder realistisch noch für die Gesamtgesellschaft zielführend, nämlich sogar aus immunologischen Gründen abzulehnen. Aus politischen Gründen sind solche Forderungen in der aktuellen Situation sogar ausgesprochen kurzsichtig und geradezu fahrlässig, denn die rechtsextreme FPÖ ist in Österreich nurmehr eine Parlamentswahl von der Kanzlerschaft entfernt.
Jetzt mit Vehemenz etwas zu verlangen, was bereits in der pandemischen Notsituation nur eine begrenzte Zeit von der Mehrheitsgesellschaft mitgetragen wurde, ist kontraproduktiv. Insofern irritiert mich die Vehemenz für derartige Maßnahmen auch von der ZeroCovid*-Blase in den USA, wo bereits die Faschisten an der Macht sind. Wen glauben sie damit erreichen zu wollen oder zu können? Aber das ist ein anderes Thema und gehört in einen anderen Beitrag.
* ich definiere den Begriff “ZeroCovid-Blase/Aktivisten” als jene Gruppe, die seit Pandemiebeginn geglaubt hat, man könne das Virus vollständig ausrotten und auch heute noch glaubt, man müsse eine generelle Maskenpflicht in Innenräumen wiedereinführen, um die Viruszirkulation auf Null zu bringen. Manchmal findet man auch die Hashtags “TeamVorsicht”, “#TeamWissenschaft” oder “CovidIsNotOver” – diese User sind meist etwas heterogener, aber man sollte ihre Aussagen immer mit einem “grain of salt” interpretieren. Vorsicht ignoriert mitunter die Statistik und Wissenschaft kann auch cherrypicking von Studien sein.
Ist die Welt verrückt geworden oder war ich es?
Ja, das ist ein wenig zugespitzt formuliert. Ich übersetzte Anfang 2024 einen Beitrag aus der ZeroCovid-Blase, welcher der Gesamtgesellschaft eine kollektive Verleugnung der immer noch andauernden Pandemie unterstellt hat. Menschen würden ihre Ängste vor einer Infektion auf die Maskenträger projizieren, lautete die damalige, eloquent vorgetragene These. So sollte man das ablehnende bis feindliche Verhalten gegenüber anderen Maskenträgern verstehen. Es gab aber auch eine andere Möglichkeit, deren Wahrscheinlichkeit man zumindest hätte diskutieren können – nämlich, dass die infektiologische Ausgangslage sich tatsächlich verändert, nämlich deutlich gebessert hat dank Impfung, neuer Werkzeuge und allgemein gestiegener Bevölkerungsimmunität. Und dass ein Beharren auf Maßnahmen wie im ersten Pandemiejahr über das Ziel hinaussschoss, nämlich mit beträchtlichen Kollateralschäden für die Gesellschaft selbst. Im Hinblick auf den kürzlichen Shitstorm rund um die Buchpräsentation gibt es auch heute noch eine kleine, aber lautstarke Zahl an Aktivisten, die Covid19 so gefährlich wie 2020 bis 2022 sieht, und von der Gesamtgesellschaft fordert, die Maßnahmen von 2020 bis 2022 zurückzubringen. Mittlerweile sieht man immer wieder Maskenträger im öffentlichen Raum, im ganzen Jahr, verstärkt zu Infektionszeiten, in allen Altersgruppen. Aus unterschiedlichen Gründen (und sei es eine Allergie). Das ist völlig legitim.
Wer das Buch gelesen hat, wird allerdings feststellen, dass an mehreren Stellen dieser Eindruck ebenfalls erweckt wird – sehr oft werden dabei die “Reinfektionen” und das “kumulierte Long Covid Risiko” genannt. Das trifft erstens auf nahezu alle Virusinfektionen zu, und es ist keine Raketenwissenschaft zu postulieren, dass weniger Infektionen gesünder sind als mehr Infektionen, und zweitens, wenn man die Inzidenzverläufe in den letzten vier Jahren betrachtet, zirkuliert insgesamt immer weniger Virus – damit sinkt auch das Reinfektionsrisiko. Selbst wenn man unterstellt, was ja viele ZC-Aktivisten tun, dass systematisch untertestet wird, also beim Hausarzt oder im Krankenhaus nicht auf Covid getestet wird, zeigt sich dennoch eine allgemein rückläufige Anzahl bei den Toten, Schwerkranken und Langzeitkranken. Bei Long Covid und MECFS sinkt die Inzidenz (neu auftretende Fälle) dabei schneller, weil es insgesamt weniger Infektionen gibt, als die Prävalenz (bestehende Fälle), da PEM nicht heilbar ist. Dazu wird seit der Pandemie intensiv geforscht und österreichische Journalistinnen und Journalisten sind etwa intensiv dran, die Versorgungslage der Betroffenen anzuprangern und dadurch Verbesserungen anzustoßen. Der Rest ist Statistik. Ich war zehnfach geimpft, alle halbe Jahr, vor meiner Erstinfektion, also viel niedriger konnte ich mein Risiko nicht drücken, Spätfolgen zu entwickeln. Trotzdem habe ich meine soziale Teilhabe viel länger eingeschränkt und Freunde, Bekannte, ja selbst die eigene Familie vor den Kopf gestoßen.
Vor etwa zwei Jahren hatte ich erstmals das Bedürfnis, meinen Sinneswandel auszusprechen. Auch das wird übrigens von ZC-Aktivisten kritisiert, die am liebsten hätten, wenn ehemalige MitstreiterInnen einfach ihren Mund halten und still aus “Team Vorsicht” austreten. Zweifel, Kritik, andere Perspektiven sind nicht erwünscht, denn sie könnten das vorherrschende Narrativ in Frage stellen, dass wir uns immer noch in einem pandemischen Notstand befinden würden. Kritik wird dann gerne als ein “Hauptlast auf Vulnerable abwälzen” umgedeutet, alias Victim Blaming. Das sind natürlich Totschlagargumente, gegen die man sich kaum wehren kann.
Ironischerweise verwenden Covid-Leugner und allgemein Querdenker ebenso Emotionen, um Sachkritik zu diskreditieren. “Ihr verhaltet euch ja so wie die Covidleugner”, sagte der Virologe Andreas Bergthaler sinngemäß im Frühjahr 2022, als ZC-Aktivisten geradezu empört waren, als er von “breiter Immunität” gesprochen hat. In Österreich war leider früh klar, dass eine hohe Impfrate nicht möglich war in diesem wissenschaftsskeptischen, esoterisch geprägten Land mit hohem Rechtsanteil in der Politik. Die Pandemie konnte also nur über (Re-) Infektionen beendet werden, die angesprochene “breite Immunität”. Das Durchlaufen lassen der Omicron-Wellen forderte tausende Tote und bis heute an Long Covid/MECFS-Erkrankte. Unbestritten wäre mehr möglich gewesen, so viel Leid zu verhindern. Es ist wie es ist, aber es war und ist doch ein gutes Zeichen, dass die Pandemie selbstlimitierend war und nicht jede neue Variante gleich viel Tote und Langzeiterkranke erzeugt wie in den Wellen davor. Erstmals sah man das in der starken Infektionswelle mit JN.1, als die Hospitalisierungen gleichzeitig schon deutlich niedriger waren als in den Omicron-Wellen davor. Zumindest kenne ich weitaus mehr Menschen, die froh waren, dass die Notstandslage zu Ende ging als Menschen, denen es anscheinend lieber ist, die Gefahr ist nach wie vor so groß wie 2020, um Maßnahmen wie 2020 verhängen zu können.
Jedenfalls fiel in meinen damaligen Aussagen der Begriff “Anpassungsstörung”, was ich später nach heftiger Kritik relativiert habe. Zwei Jahre später kann ich diesen Begriff nicht mehr zurücknehmen. Ich unterstellte damals selbst seriösen Wissenschaftlern, die ihre Verdienste mit der Aufklärung hatten, etwa Drosten oder Elling, falsch abgebogen zu sein und ließ mein direktes Umfeld spüren, was ich davon hielt, wenn sich jemand räuspern oder husten musste. Das hat mir masssiv geschadet und die Folgen meines Verhaltens spüre ich bis heute. “wer nicht so lebt wie ich, ist gegen mich” – das schien die Devise der ZC-Aktivisten zu sein – damit verlor ich einen Teil meines Bekanntenkreises, die Mehrheit war keine Schwurbler. Ich ließ andere Meinungen aber nicht gelten, sondern wollte mit dem Vorschlaghammer überzeugen – das war auch rein diplomatisch oder kommunikativ gesehen sehr unglücklich bis kontraproduktiv.
Mir kam es jahrelang gar nicht in den Sinn, meine Vorverurteilungen Dritter zu hinterfragen, denn ich wurde ständig angestachelt von der eigenen Blase, möglichst streng zu sein – unter dem Deckmantel von “Team Wissenschaft” oder “COVID bewusst”. So hat es etwa Jahre gedauert, bis ich mich in die Situation von Eltern mit Kindern im schulpflichtigen oder Kindergarten pflichtigen Alter hineinversetzen konnte, und dass sie strikte Vermeidung von Infektionen nur zu einem hohen sozialen Preis möglich war.
Rückblickend betrachtet ging die Pandemie tatsächlich zu Ende, aber wenn man diesen Fakt nicht akzeptierte, konnte man darauf ein Gerüst an Verschwörungstheorien aufbauen, von “kollektiver Verleugnung” über “Behörden vertuschen das wahre Ausmaß der Infektionen” bis hin zu “der Rechtsruck und die zunehmenden Femzide sind durch von Covid zerstörte Gehirne verursacht”. Schon zu Beginn meiner Bloggerei hier schrieb ich in meine Zitatsammlungen, dass Inkompetenz viel häufiger eine Erklärung ist als Boshaftigkeit. Boshaft ist, wenn der rechtsextreme Verteidigungsminister der USA NATO-Truppen aus Europa abzieht, weil wir beim illegalen Angriffskrieg der USA gegen den Iran nicht mitmachen wollten. Inkompetenz ist, diesen Angriffskrieg überhaupt begonnen zu haben.
Das oben angesprochene Buch geht zwar nicht in Richtung Verschwörung, aber postuliert weiterhin eine andauernde Pandemie (“Die verdrängte Pandemie”). Natürlich sind die eigenen Anhänger dann irritiert, wenn ein Co-Autor nicht bedingungslos Maske trägt. Diesen Widerspruch nach außen wird man nicht auflösen können, ohne die im Buch getroffenen Aussagen selbst zu hinterfragen. Deswegen bin ich unendlich froh, mich aus dem Buchprojekt frühzeitig zurückgezogen zu haben. Zum Einen bin ich kein Anhänger des Kommunismus (beide Herausgeber sind Kommunisten) – meine Beschäftigung mit der Pandemie war weitgehend aus einem wissenschaftlichen Interesse heraus und nicht als Kapitalismuskritik zu verstehen gewesen, zum Anderen hätte ich mich von einer Sichtweise auf die Pandemie vereinnahmen lassen, die ich später definitiv nicht mehr mittragen konnte.
Anpassungsstörung bezieht sich vordergründig darauf, in einfache Worte gepresst, dass die Welt sich weitergedreht hat, ich aber stehenblieb. Ich musste erst wieder lernen, zurück in die Gemeinschaft zu finden und zu akzeptieren, dass Gemeinschaft und Gesellschaft mit Lebensrisiken einherging. Später lernte ich, dass die Immunitätslücken nach der Pandemie durch die Maßnahmen nicht nur real waren, sondern frühzeitig erwartet wurden. “Nachholeffekte” klang wie eine Aufforderung, sie waren aber eine logische Folge der nachlassenden spezifischen Immunität gegen andere Erreger, die durch die Maßnahmen unterdrückt wurden. Ich hatte meine drei respiratorischen Infekte Ende 2023 und 2024 und seitdem herrscht Ruhe. Ich lernte, dass die Mehrzahl aller Infekte symptomlos verläuft und dadurch das Immunsystem wiederholt ein “stilles Update” erhält. Das war nichts Schlechtes und außerdem nicht verhinderbar. Ich lernte zwischen 2023 und 2025, wieder auf soziale Anlässe zu gehen und diese zu genießen, ohne ständig an Infektionsrisiken zu denken. Ich übernachtete wieder auf Hütten und ging in volle Lokale, was ich aus Gründen der Reizüberflutung schon immer vermieden habe, aber manchmal geht es eben nicht anders (z.B. Geburtstagsfeiern). Ich lernte, dass nicht jeder Lokalbesuch, jede Präsenz bei hohen ppm-Werten (Hüttenübernachtung 2025: über 8000ppm) Konsequenzen hatte. Ich lerne wortwörtlich wieder zu leben statt ständig auf Messwerte zu schauen und andere Menschen nurmehr als Krankheitsüberträger zu sehen.
Vor vier Jahren hab ich für den Alpenverein ein Webinar begonnen, wo ich dankbar war, dies online machen zu können – ich hätte auch gar keine andere Möglichkeit gesehen. Nun habe ich schon zwei potentielle TeilnehmerInnen auf anderem Wege kennengelernt, und finde es daher inzwischen schade, dass ich diese Möglichkeit im Zuge des Webinars nicht habe – davor mit interessierten TeilnehmerInnen plaudern, danach plaudern. Auch bei Fortbildungen finde ich “die Gespräche dazwischen” immer am fruchtbarsten. Virtuell alleine reicht nicht. Im Zuge meiner “Anpassungsstörung” Anfang 2023, als ich eine Zeit lang arbeitsunfähig war, wäre eine Reha das beste gewesen, aber mir nicht möglich aufgrund der Angst, sich anzustecken. Heute freue ich mich auf die nächste Gelegenheit, wieder eine Kur machen zu können – für die Erholung und für interessante Gespräche.
Citizen Journalism mit Grenzen
Ich beschäftige mich jetzt seit einigen Monaten fast gar nicht mehr mit Covid und habe nicht das Gefühl, etwas verpasst zu haben. Ich merke außerdem: Um ansatzweise fundierte Antworten geben zu können, müsste ich mich intensiv damit beschäftigen – und auch das würde nicht ausreichen, wie man in der Pandemie gesehen hat. Ein medizinisches Studium oder eine richtige Ausbildung im Wissenschaftsjournalismus sind unerlässlich, um ideologiebefreit zu recherchieren und auch unangenehme Wahrheiten zuzulassen, etwa, dass Schulschließungen den Kindern geschadet haben. Insbesondere wichtig ist, seine eigene Lebensrealität außen vor zulassen, wenn es um gesamtgesellschaftliche Maßnahmen geht. Ja, für mich persönlich als Autist hatte der Lockdown auch Vorteile – kein Zwang auf gesellschaftliche Anlässe zu gehen, viel Ruhe, und autistische Kinder waren vermutlich froh, eine Zeit lang nicht in der Schule gemobbt zu werden, andererseits ist Cybermobbing heutzutage viel verbreiteter und daran änderte der physische Lockdown nichts. Doch nicht einmal Autisten kann man über einen Kamm scheren, wie ich selbst weiß, und es wird Autisten gegeben haben, die traurig waren, weil ihre Sozialkontakte wegfielen. Schulen offen zu lassen, war und ist keine Alternative und schon gar nicht eine Option für die nächste Pandemie, in der vielleicht Kinder am stärksten betroffen sind.
Umso dankbarer bin ich für die guten Recherchen von einzelnen Journalistinnen und Journalisten des ORF, der APA, von Dossier und anderen Zeitungsmedien, die derzeit etwa am Thema Gutachten der PVA, ÖGK und SMS dranbleiben und nicht müde werden, auch über Schicksale durch Long Covid und MECFS zu berichten. Sie haben das Handwerkzeug dafür, die notwendigen Kontakte, und schaffen es zeitlich, selbst wenn es sehr aufwendig ist. Das kann ich nicht bieten. Das war eine Ausnahmesituation in den ersten Pandemiejahren, dass ich so viel Freizeit dafür aufgewendet habe, aber ich habe mich auch immer wieder geirrt, ohne es zu merken, und unliebsame Fakten verdrängt. Um das zu verhindern, müsste ich ungleich mehr Gehirnschmalz in die Recherche investieren, und das geht sich in meinem Leben einfach nicht aus – ich hätte eben auch gar nicht die Reichweite, die ein APA-Journalist mit einer Presseaussendung hat, oder eine ORF-Journalistin mit einem Bericht im Radio oder Fernsehen.
Leid gegen Leid aufrechnen bringt nichts
Das bedeutet keineswegs, dass mir das Thema gleichgültig wäre. Letztes Jahr hab ich wieder eine Höhenmeter-für-MECFS-Aktion gemacht und über 2300 Euro privat gespendet. Beim Wandern hab ich immer MECFS/LC-Sticker dabei, um sie an geeigneter Stelle anzubringen – und Bewusstsein zu schaffen. Vom Gutachter-Thema bin ich persönlich aus anderen Gründen betroffen und habe selbst Interesse daran, dass sich etwas verbessert.
Ich kann es nicht allen Recht machen und habe mittlerweile diesen Anspruch nicht mehr. Aus Betroffenensicht ist es zynisch, wenn ich für mich feststelle, mich aus der Gemeinschaft entfernt zu haben, da etwa MECFS-Betroffene durch die Krankheit gezwungen wurden, sich aus der Gemeinschaft zu entfernen. Ich habe mich, wenn man so will, aus freien Stücken aus der Gemeinschaft entfernt und die Messlatte für mein Umfeld extrem hoch gelegt. Als ich dann selbst Infekte hatte, habe ich diese Messlatte jedes einzelne Mal selbst deutlich verfehlt. Sich dann nicht so verhalten zu können wie man das bei anderen erwartet, ist heuchlerisch. Dann kann man sich entweder Vorwürfe machen oder hinterfragen, ob die Messlatte unbedingt so hoch hängen muss. Ich hab gottseidank Letzteres getan, und kann zumindest sagen, nicht wissentlich mit einer Infektion andere gefährdet zu haben.
Ich glaube ein zentraler Aspekt in der Pandemie und speziell mit dem ZC-Aktivismus ist der Zwang, sich ständig mit anderen zu vergleichen oder zu messsen. Zeitweise schien es wie ein Wettbewerb, wer mehr Geschütze auffährt, um das Risiko von 0,05 auf 0,005% zu senken. Dann reichte die halbjährliche Impfung und die Maske nicht mehr, es musste das Pluslife, die Nasensprays und Rachentabletten, das CO2-Messgerät, das immer offene Fenster im Auto, auch wenn man dadurch fror, auch noch sein. Und die Augentropfen, die hab ich vergessen.
Manche Betroffene sagen, Maske und Isolation sind das kleinere Übel zur Erkrankung. Das war ein vernünftiger Ansatz in der Pandemiephase, als außer Covid nichts anderes zirkulierte und die Durchimpfung noch nicht weit fortgeschritten war, als Paxlovid noch nicht am Markt war. Doch im Jahr 2026 schießen Maske und Isolation übers Ziel hinaus – schlichtweg, weil so viel Virus nicht mehr zirkuliert und die Immunität viel besser ist. Beides hängt außerdem zusammen: BA.3.2 ist imho die erste Virusvariante, die trotz signifikanter Mutationen keine Durchschlagskraft hatte – anders BA.1/BA.2 oder JN.1. BA.3.2 hat etliche Monate gebraucht, sich langsam durchzusetzen – mancherorts zirkuliert sie gleichzeitig neben anderen Varianten, ist aber immer noch nicht dominant. Obwohl sie dutzende Mutationen aufweist. Warum gibt es dann keine vergleichbar großen Infektionswellen mehr? Warum nimmt die Krankheitslast insgesamt ab? Weil SARS-CoV2 ein Lehrbuchvirus ist und die Bevölkerungsimmunität über die Jahre gestiegen ist, sodass das Virus immer weniger Effizienz hat, der Immunantwort zu entkommen. Das ist eine positive Entwicklung, die auch Entlastung für LC/MECFS-Betroffene bedeutet – da ihr Risiko sinkt, sich erneut zu infizieren.
Mein zentraler Erkenntnisgewinn aus der Pandemie ist, dass verschiedene Menschen verschiedene Zugänge hatten, mit der Notsituation umzugehen. Ganz wichtig für das Miteinanderreden ist, gegensätzliche Positionen erst einmal zuzulassen, und dann zu überlegen, wo diese herkommen. Genauso muss man natürlich nicht jede Diskussion führen, wenn es herabwürdigende Positionen sind. Man kann sagen, warum man das anders sieht, aber damit muss man es auch gut sein lassen. Ob es einen Sinneswandel gibt, wird sich selten in der gleichen Diskussion zeigen. Solche Prozesse reifen langsam, brauchen mitunter “ein paar Nächte darüber schlafen”. Zu oft hab ich versucht, mit der Brechstange ein Umdenken einzuläuten – und längst nicht immer lag ich fachlich richtig oder war fachlich überhaupt kompetent genug zu beurteilen, dass mein Weg der Richtige war.