Ich teile die Faszination der Epidemiologen, die wie gebannt auf Abwasserkurven, Sentineldaten und Hospitalisierungsdaten schauen. Mit jedem Jahr gehen die Werte deutlich zurück. Derzeit messen viele im Abwasser Null COVID. Das war vor wenigen Jahren noch unvorstellbar.
Ich berief mich auf mehrere Studien, wonach es alle drei Monate zu neuen Wellen kommen sollte. Auf COVID-19 traf das ab 2023 nicht mehr zu, allenfalls auf die Anzahl dominanter Varianten im Jahr. Bald waren es nur mehr 2 Wellen im Jahr, dann ein saisonaler Peak im Herbst. Die Grundinfektionsrate blieb lange hoch, sodass es zwischen den Wellen zu nennenswerten Ansteckungen kam. In so einer Talsohle holte ich mir im Vorjahr im Juli meine Erstinfektion ab.
Doch wie schon öfter erwähnt, hat sich die Fortpflanzung von SARSCoV2 gewandelt. Neue Varianten brauchen nun etliche Monate, um andere Varianten zu verdrängen, und scheitern daran zunehmend, egal wie heftig mutiert sie sind. Ich ging laienhaft, aber überheblich davon aus, dass es immer so bleiben würde wie 2022 – ständig neue Varianten, in wiederkehrenden Abständen eine Sprungvariante, die sich dann durchsetzen würde und eine neue globale Welle auslöst. Doch JN.1 im Herbst 2023 war die letzte globale Welle. Und obwohl auch diese viele Opfer forderte, in Österreich mit 20% Übersterblichkeit im Winter einherging, halbierten sich die Spitalspatienten im Vergleich zum Vorjahr.
Zweifellos war das ein Fehler, die sinkenden Zahlen zum Anlass zu nehmen, die LC-Ambulanzen im ganzen Land zu schließen oder zu verkleinern. Es fiel auch auf, dass viele “LC” Ambulanzen vor allem auf die Versorgung schwerer Verläufe nach der Entlassung aus dem Krankenhaus spezialisiert waren, also mit Lungenbeteiligung (PICS) und entsprechenden Nachwirkungen. Das war aber nicht das klassische Long COVID, dass verzögert auch nach milden Verläufen auftritt, bzw die Betroffenen ohne Verzögerung symptomatisch bleiben. Ich verwende hier die Gegenwartsform, weil diese Folgen immer noch auftreten, aber sind ebenfalls deutlich seltener geworden.
Das hat vor allem drei Gründe:
- Das Risiko für eine Reinfektion ist gesunken, derzeit ist es sogar nahe Null.
- Das Risiko für einen schweren Verlauf ist allgemein gesunken, selbst für hochvulnerable Personen. Das bestätigen viele Spitalsärzte auf Bluesky anekdotisch aus unterschiedlichen Ländern. Schwere Verläufe erhöhen allgemein das Risiko für Long COVID.
- Das Risiko eines symptomatischen Verlaufs ist gesunken, mehr Verläufe sind nun symptomfrei. Je mehr Symptome, desto höher das Risiko von LC.
Der Grund für diese Entwicklung ist die Immunität der Bevölkerung. Manche Virologen sprechen von Herdenimmunität auf T-Zellen-Ebene. Deswegen können sich neue Varianten nicht mehr durchsetzen. Doch was passiert langfristig mit COVID? Könnte es tatsächlich ohne zusätzliche Maßnahmen aussterben? Auffallend war bereits sein antizyklisches Auftreten zu den vier humanen Coronaviren. Mehr als zwei humane Coronaviren pro Saison geht anscheinend nicht. Eine gewisse Kreuzimmunität wurde ebenfalls seit Pandemiebeginn nachgewiesen.
Unklar ist, wie es mit der Impfung weitergeht. Eine Anpassung scheint nicht mehr nötig zu sein. Ob sie auf BA.3.2 erfolgen wird, scheint ungewiss. Für Kleinkinder, Ältere und als Hochrisikopatient wäre sie weiterhin sinnvoll.
Die Immunität gegen SARSCoV2 selbst wird innerhalb der Bevölkerung ohne regelmäßige Impfung nachlassen, wodurch es zu Reinfektionen kommen kann. Diese geschehen aber längst nicht jährlich, wie zunächst geglaubt, sondern inzwischen alle 2-3 Jahre, womöglich auch länger anhaltend: Das zeigen ja gerade die niedrigen Inzidenzen, dass die Reinfektionen zurückgegangen sind. Möglich ist durchaus, dass SARSCoV2 wie die vier humanen Coronaviren in jährlichen oder zweijährlichen Wellen auftritt, saisonal verstärkt, aber ohne die Peaks der Pandemiejahre. So verstand ich einen kürzlichen Post auf Bluesky des Epidemiologen Gideon MK (@healthnerd).
Die aktuellen Inzidenzen widersprechen der oft geäußerten Befürchtung, es würde nun zu mehr Infektionen kommen, weil die Infektion von vielen nicht bemerkt werde (und niemand mehr ohne Anlass testet) und sich daher in der Bevölkerung ausbreiten können würde.
Das ist insgesamt eine sehr positive Entwicklung. Für alle, nicht nur für “gesund gebliebene”, die die Pandemie völlig unbeschadet überstanden haben. Es ist natürlich auch für LC/MECFS Betroffene eine Entlastung, wenn das Reinfektionsrisiko sinkt oder aktuell nahe Null ist. Es bringt für die psychische Gesundheit aller keinen Gewinn, daran festzuhalten, dass die Gefahr so hoch wie 2020-2022 sei – weil es nicht so ist. Alle Zahlen bestätigen das.
Es ist falsch, die Sichtweise “gesunder’ Menschen als Maßstab für alle Menschen zu nehmen, aber das gilt auch für “kranke ” Menschen. Das Risiko ist nicht gleich verteilt in der Bevölkerung. Je größer die Wellen, umso sinnvoller eine “kranke Sichtweise”, da die Opferzahl sonst intolerabel hoch ist. Was nicht heißt, dass es in ruhigeren Phasen keinerlei Maßnahmen braucht oder man nicht aus der Pandemie lernen könnte. Die Durchseuchung mit Omicron Anfang 2022 hat gezeigt, dass die Zahl tolerierter Opfer leider viel zu hoch war. Mangelnde Bereitschaft für Rücksichtnahme, nicht einmal wenige Monate länger möglich.
Doch das erlittene und erlebte Unrecht von damals rechtfertigt in Phasen absoluter Niedriginzidenz nicht, die volle Keule an Maßnahmen wieder anzuwenden auf die Gesamtgesellschaft – mit Cherrypicking von Studien und Verschwörungstheorien. Darüber sollten wir nochmal sprechen. Ich belasse es für heute dabei.