Was ich auch 2023 …

… nicht durchgehen lassen werde, ist den angestrengten Versuch vieler Staaten einschließlich und gerade von Österreich, die Pandemie vorzeitig für beendet zu erklären und die Folgen einer Covid19-Infektion herunterzuspielen.

Es ist noch nicht vorbei.

Wir erleben gerade die Entwicklung neuer gefährlicher Varianten.

  • XBB.1.5, das seinen Anteil an allen Varianten in den USA innerhalb von nur einer Woche verdoppelt hat und womöglich schwerere Verläufe verursacht. BA.1- und BA.5-Infizierte können sich mitunter leichter mit XBB und Subvarianten infizieren (Zhang et al. 2022, Cao et al. 2022)
  • In Japan hat BF.5* die gefährliche Mutation ORF3a:D155Y erlangt, welche die asymptomatische Übertragungsphase verlängern kann.
  • Bei uns wurde bis vor Weihnachten BQ.1.1. dominant, das von Infektiösität und Zelleintritt her am nähesten mit DELTA verwandt ist (Aggarwal et al. 2022)

Allen derzeit zirkulierenden Varianten ist gemein, dass sie den Immunschutz nach Impfung und Infektion effektiv umgehen können und etliche therapeutische Antikörper nutzlos machen bzw. in ihrer Effektivität deutlich abschwächen (Wang et al., 13.12.22)

Covid19 kann das Immunsystem schwächen (Maher et al. 2022, Miura et al. 2022, Phetsouphanh et al. 2022) und Kinder durch Folgeinfektionen mit bakteriellen oder viralen Erregern töten – siehe die aktuelle Serie mit zahlreichen Todesfällen durch Streptokokken in UK, wo bereits 30 Kinder gestorben sind. Es ist jedenfalls anzunehmen, dass wiederholte Covid19-Infektionen mitverantwortlich für die endlose Aneinanderreihung von Infekten bei Kindern, Jugendlichen und teilweise auch Erwachsenen ist – das Immunsystem hat einfach keine Zeit, sich zu erholen. Kein dauerhaft erstrebenswerter Zustand.

Übersterblichkeit in Europa bei den 0-14jährigen. Man sieht genau den Zeitpunkt 2021, als man begonnen hat, die Schutzmaßnahmen an den Schulen aufzuheben. Wir töten unsere Kinder, weil wir uns weigern, drinnen ein Fetzerl vor dem Mund zu tragen, Quelle: Euromomo

Eines der größten Probleme in der Pandemie ist, dass die Menschen berechtigerweise keine Ahnung haben, wie man Expertise identifiziert. Weder die Bevölkerung, Politiker noch Journalisten. Expertise wird alleine an der Zahl der Titel, der hierarchischen Position innerhalb des wissenschaftlichen Establishments, der Beliebtheit und Bekanntheit und nach persönlichen Präferenzen (sagt das, was weniger wehtut und mich aus der Verantwortung entlässt) bemessen, nicht am wissenschaftlichen Konsensus und nach ethischen Prinzipien. Sonst wäre glasklar, dass eine Public-Health-Expertin, die für Abschaffung von Schutzmaßnahmen in einer Pandemie plädiert, keine Expertise in diesem Bereich hat. Sie mag eine hervorragende Ärztin sein, als Sprachrohr für all jene, die den Schutz der Öffentlichen Gesundheit benötigen, ist sie dann aber ungeeignet.

Die vorläufig finale Fassung der Coronazitate aus den Bereichen Politik, Wissenschaft und Medizin hat 232 Seiten und erstreckt sich von Pandemiebeginn bis Jahresende 2022. Daraus sollte ersichtlich sein, wer im Laufe der Pandemie Expertise erworben bzw. bewiesen hat, und wer nicht. Für 2023 werd ich ein neues Dokument beginnen. Das alte Dokument wird ggf. aktualisiert, falls sich interessante Wortmeldungen der Vorjahre auftun.

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Faktencheck Schernhammer, zib2 (28.12.22)

Genomsequenzen in Österreich, analysiert von Molekularbiologe Ulrich Elling, vorletzte Kalenderwoche 2022. DELTA wurde zu Jahresbeginn von den OMICRON-Subvarianten abgelöst, erst kam BA.1 (und BA.1.1), dann BA.2 bis zum Frühsommer, abgelöst von der starken Sommerwelle BA.5 und der Herbstwelle erneut durch BA.5. Der immunflüchtigere Strang BA.5+R346T (hellgrün) wurde kurzzeitig dominant, inzwischen abgelöst von den BQ.-Varianten. XBB und CH.1.1. haben ebenfalls signifikante Anteile gewonnen in den letzten Wochen.

Mein starker Reflux derzeit ist keine Reaktion auf den Unsinn vermeintlicher Experten, aber ich könnte es glatt so interpretieren. Die gestrige Lektüre des Transkripts des ZiB2-Interviews von Martin Thür mit Epidemiologin Eva Schernhammer hat die Symptomatik jedenfalls nicht verbessert. Es scheint alles so aussichtslos derzeit. Noch nie hab ich mich hoffnungsloser in den letzten drei Jahren gefühlt. Ich stehe wie vor über 25 Jahren, als ich im Religionsunterricht klar Stellung gegen die Todesstrafe bezog, weiterhin dafür ein, dass es richtig ist, Infektionen zu vermeiden. Krank sein ist nichts erstrebendswertes. Das können viele Menschen, die nicht chronisch krank sind, leider kaum nachvollziehen. Ein paar Wochen Krankenstand durch Infekte oder unfallbedingt, aber chronisch krank sein ist doch noch einmal etwas anderes. Wer chronisch krank ist, konnte früher davon ausgehen, dass im Notfall die beste gesundheitliche Versorgung möglich ist. Jetzt ist das Gesundheitspersonal seit Jahren überlastet und seit diesem Herbst spitzt sich die Situation mit dem Wegfall aller Maßnahmen weiter zu. Plötzlich ist es nicht mehr garantiert, im Notfall rasch und bestmöglichst versorgt zu werden. Triage war noch im ersten Pandemiejahr in aller Munde, davon hört man die letzten Monate leider wenig. Plötzlich findet man sich selbst in der Situation wieder, wo man einerseits hofft, sich nicht beim Besuch des Hausarztes mit einem der dort kursierenden Viren anzustecken, und andererseits betet, dass die eigenen Beschwerden eine leicht zu beseitigende Ursache haben und kein Spitalsbesuch notwendig wird, eben um jenem Chaos aus dem Weg zu gehen, dass das konsequente Ignorieren der Pandemie und seiner Folgen durch die Bundespolitik verursacht hat.

Ich schreibe das so persönlich, um zu zeigen, dass man nicht einmal ein schwerkranker Risikopatient sein muss, um in der jetzigen Phase der Pandemie mit Unterversorgung im Gesundheitswesen konfrontiert zu sein. Es kann auch vormals gesunden Menschen passieren, die ein ganz gewöhnliches Lebensrisiko haben, ob ein Unfall auf der Skipiste, ein sich plötzlich bemerkbar machender Blinddarm oder eine Nierenkolik. Aus eigener Erfahrung kann ich nur davon abraten, mit einer akuten Nierensteinkolik stundenlang in der Notaufnahme auf Behandlung warten zu müssen. Vergleichbar werden diese Schmerzen nur mit Geburtswehen beschrieben.

Es scheint wie gesagt aussichtslos, etwas gegen die gezielte Volksverdummung ausrichten zu können. Ich weiß, dass sich viele Menschen in Österreich fast ausschließlich über den ORF informieren, über Landesstudio-Berichte, Zib1, Zib2 und die blaue Seite. Was dort nicht steht, existiert nicht. Was dort falsch steht, wird für bare Münze genommen. Und wenn Experten interviewt werden, hinterfragt man weder Expertenstatus noch den Inhalt. “Ich verlasse mich auf die Experten”. Ich werde so nie sein können. Nicht nur, weil ich in Deutschland trotz etlicher ähnlich schieflaufender Entwicklungen immer noch eine breitere Medienvielfalt wahrnehme als in Österreich, sondern auch aufgrund meines autistischen “thinking outside the box”. Wahrscheinlich kann ich mich dewegen so schlecht anpassen in Hierarchien, tu mir schwer mit Vereinen und Gruppen, aber eben auch mit politischer Obrigkeitshörigkeit. Wenn ich hier nicht so klar sagen würde, dass ich pro Wissenschaft, pro Gesundheit, pro Impfung und vor allem pro Schutz des Lebens bin, könnte man meine Worte auch als Statement eines Leerdenkers interpretieren. Das unterscheidet uns eben: Ich vertrete meinen Standpunkt nicht aus Eigennutz, sondern weil ich überzeugt bin, dass es gesamtgesellschaftlich den größten Benefit bringt, gesund zu bleiben.

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Warum tut man nichts dagegen: Der Variantenmanagementplan

Grippale Infekte und Grippemeldungen in Wien (links oben), gemeldete Scharlachfälle in Wales (oben mittig), Kinderhospitalisierungen wegen Influenza in Kanada (rechts oben) und Infektionszahlen verschiedener Viren in Kanada (unten)

Gegen alle Infektionskrankheiten, die über die Atemwege in den Körper eindringen, hilft das Masken tragen. Trotzdem tun wir es nicht. Bis zur DELTA-Welle im Herbst 2021 wurde argumentiert, dass man nur dann einen Lockdown verhängen darf, wenn die Intensivstationen kollabieren. Die halbherzigen Maßnahmen seit Welle zwei bzw. dem zweiten Lockdown mit zahlreichen Ausnahmen haben stattdessen dazu geführt, dass die Fallzahlen immer nur langsam gesunken sind. Die Folge: Schleichend hohe Krankheitslasten und Akkumulation von Todesfällen – wobei man ein paar tausend dabei “übersehen” hat.

Es gibt also keinen Covid-Notstand mehr, indem eine kritische Zahl von x Covid-Patienten ins Spital eingeliefert wird, sondern einen Notstand durch Personalmangel, Krankenstände, Covid-Patienten, Influenza-Patienten und andere Patienten. Der Notstand ist nicht direkt auf Covid19 zurückzuführen, sondern durch die Gleichzeitigkeit der Wellen und dem Massenexodus des Gesundheitspersonal bedingt. Da kann man dann wohl nichts machen.

Wenn ein Kleinkind an einem heißen Sommertag am Rücksitz eines Autos bewusstlos liegt, dann überleg ich auch nicht, ob mich die Autobesitzerin klagt, weil ich die Scheibe eingeschlagen hab, sondern dann schlag ich die Scheibe ein und rette das Kind. Später wird man erkennen, dass ich völlig richtig gelegen bin. Menschenleben retten vor materialem Schaden. Da gibt es nicht einmal eine Diskussion. Wenn wir jetzt wieder wie im Vorjahr, übrigens erneut verschuldet durch die Untätigkeit der Regierung, einen dreiwöchigen Lockdown beschließen, und so die enorme Krankheitslast aus dem Gesundheits-, aber auch Bildungswesen nehmen würden, dann wäre der furchtbarste Kollateralschaden, dass nochmal Coronahilfen in die Betriebe fließen müssten. Aber es würde viele Leben retten. Trotzdem tun wir es nicht, weil die Torpfosten verschoben wurden, eine beliebte PLURV-Strategie. Früher wurde ja auch gestorben, wo kämen wir denn hin, wenn wir jetzt anfangen würden, auch Influenzatote zu vermeiden. Dabei könnte man da viel tun, etwa Impfung in allen Altersgruppen bewerben, gilt für Covid und Influenza.

Nun kann also nicht einmal eine Maskenpflicht in Verkehrsmitteln oder im Handel eingeführt werden, weil angeblich kein Covid-Notstand herrscht. Begründet wird das mit dem Variantenmanagementplan.

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Ist Long COVID eine Spektrum-Störung?

Folgen einer SARS-CoV2-Infektion als übersichtliches (vereinfachtes) Schaubild

In vielen westlichen Ländern, besonders im deutschsprachigen Raum, dominiert bei der Berichterstattung, in der politischen Debatte und bei Experteninterviews vor allem die linke Spalte, der sogenannte “schwere Akutverlauf”, der in den Spitälern für volle Normal- und Intensivstationen sorgt und dadurch das Gesundheitssystem überlastet – in den täglichen Krisenstabsmeldungen etwas abschätzig als “Belag” bezeichnet. Denn hinter jedem “Belag” stecken Einzelschicksale – Angehörige, die sich um schwerkranke Patienten sorgen. Die Betroffenen selbst mit Todesangst, insbesondere mit Erstickungsanfällen und Beatmungsmaske. Die Covid19-Patienten, die seit drei Jahren in den Spitälern landen, sind oft nicht mehr als eine Nummer, Statistik. Über ihre weitere Entwicklung erfährt man nichts. Wer wird wieder vollständig gesund: Nur rund 29% erholen sich innerhalb eines Jahres (Evans et al. 2022) Wer muss nach der Entlassung erneut ins Krankenhaus: bis zu vier Mal häufiger als ohne Krankenhausaufenthalt (Ayoubkhani et al. 2021). Einer von zehn hospitalisierten Patienten starb im März 2021 noch an den Folgen seiner Covid19-Infektion – das war vor der Impfung. Wie viele der hospitalisierten Patienten entwickeln ein Post-COVID-Syndrom: Rund ein Viertel (Ozonoff et al. 2022), daneben gibt es besonders nach längerer Beatmung/ECMO noch das PICS-Syndrom (Post-Intensive Care Syndrom), das neben körperlichen Schäden auch kognitive und psychische Symptome umfasst. Wie im letzten Blogtext erläutert, können diese Folgen auch Patienten betreffen, die im Krankenhaus zufällig positiv auf SARS-CoV2 getestet werden.

Zu wenig geredet wird über die Kollateralschäden, die mit einem dauerhaft belasteten Gesundheitswesen und hoher Krankheitslast in der Gesellschaft einhergehen: Die öffentliche Gesundheitsversorgung kann nicht mehr sichergestellt werden, etwa dass ein Rettungswagen zeitnah am Unfallort oder zuhause eintrifft, da Fahrer fehlen oder alle Rettungswägen im Einsatz sind, oder der Notfall abgewiesen werden muss, weil keine personellen Kapazitäten mehr verfügbar sind, weil alle Betten im Aufwachraum belegt sind. Überlasteten Pflegern und Ärzten unterlaufen häufiger Fehler, haben mehr Krankenstände, landen schneller im Burnout durch enorme Zahl an Überstunden. Die vielen Kündigungen durch drei Jahre Dauerbelastung verschärfen das Problem – eine beschleunigende Abwärtsspirale, vergleichbar mit Öl ins Feuer der globalen Erderhitzung gießen. LongCOVID führt auf Dauer zur Arbeitsunfähigkeit von Millionen Menschen weltweit. Das Problem ist schon lange bekannt, wird aber erst seit diesem Jahr breiter thematisiert (z.B. Aimee Picchi, 01.02.22), wenngleich überwiegend international und kaum hierzulande, mit Ausnahme eines PRESSE-Artikels vom 12.09.22. Die Wahrscheinlichkeit beträgt 40%, durch LongCOVID arbeitslos zu werden, auch die Vollzeitfähigkeit sinkt (Trujillo et al. 2022, preprint). Man rechnet inzwischen mit Trillionen Dollar Schaden durch LongCOVID. Letztendlich sinkt die Lebensqualität und Lebenserwartung auch für all jene, die sich nicht infizieren oder durch eine Infektion keine gesundheitlichen Folgen davontragen, denn ein marodes Gesundheitssystem kann auch chronisch kranke, Schmerzpatienten oder Krebspatienten nicht mehr bestmöglich versorgen, es versagt bei Notfällen und führt zu langen Wartezeiten bei geplanten Operationen und Reha.

In diesem Beitrag möchte ich vor allem auf die rechte Spalte eingehen, und weshalb ich es für sinnvoller halte, statt von LongCOVID oder PostCOVID besser vom Oberbegriff LongCOVID/PostCOVID-Spektrum zu sprechen.

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Fakten statt Wunschdenken zu SARS-CoV2

Genom-Überwachung in Österreich durch AGES/IMBA, Stand 09. Dezember 2022 Quelle: Twitteraccount Ulrich Elling

Vor zwei Jahren um diese Zeit befanden wir uns gerade im gelockerten Lockdown, damit der Handel vor Weihnachten entlastet wurde. Die Zulassung der Covid-Schutzimpfung war in Reichweite, aber noch vor dem ersten Stich in Österreich kam ALPHA in Großbritannien, mit bis dahin noch unklaren Folgen für die Wirkung der Impfung. Letztes Jahr befanden wir uns noch in der abklingenden DELTA-Welle, als die ersten Meldungen von OMICRON aus Südafrika eintrudelten. Anfang Dezember kamen die ersten Zeitungsmeldungen einer Masseninfektion während einer Weihnachtsfeier in Norwegen am 26. November 2021, bei dem alle Infizierten zwei Mal geimpft waren. Die meisten hatten ordentliche Symptome. Die jubelnden Berichte, dass die Verläufe milder seien, weil weniger Erkrankte ins Spital mussten, stimmten mich nicht zuversichtlich, denn das größere Problem für immunkompetente Menschen wie mich war LongCOVID. Außerdem hatte Südafrika bereits mehrere große Infektionswellen hinter sich mit hoher Sterblichkeit – bei einer im Durchschnittsalter sehr jungen Bevölkerung. Nicht vergleichbar mit europäischen Verhältnissen. Ich erinnere mich noch an den Podcast mit Bob Wachter und Eric Topol, zwei angesehenen Medizinern in den USA. Sie warnten davor, dass aufgrund der hohen Immun Escape-Eigenschaft von OMICRON LongCOVID häufiger oder schwerer ausfallen könnte. Heute wissen wir, dass LongCOVID ähnlich häufig wie bei DELTA auftritt.

Jetzt ist laut den neuesten Daten der Genomüberwachung BA.5 am Verschwinden, allerdings gefolgt von einer BA.5-R346T-Welle – die zusätzliche Mutation sorgt noch für effektivere Immunflucht und vermehrte Reinfektionen. Im Hintergrund baut sich schon die erwartete Welle der “konvergenten Varianten” auf, die unabhängig von ihrer Mutter-Variante dieselben Mutationen anhäufen, darunter BQ.1 und Sublinien, die mit knapp 50% zur dominanten Variantengruppe geworden ist.

Im Gegensatz zu ALPHA und DELTA haben die neuen Subvarianten OMICRON ihren Wachstumsvorteil vor allem durch höheren Immun Escape, d.h. sie können die erste Verteidigungslinie der Immunabwehr durch Antikörperbildung effektiver umgehen. Das ist ein wichtiges Argument FÜR regelmäßige Auffrischimpfungen. Das Immunsystem braucht regelmäßige Updates, um den Eindringling besser erkennen zu können. Das ist so, wie wenn ein Fahndungsfoto eines Verbrechers kursiert, der aber sein Aussehen geändert hat und jetzt eine Glatze trägt. SARS-CoV2 ist besonders effektiv darin, das Aussehen zu ändern. Die Impfung wirkt aber weiterhin gut gegen das Virus, weil auch Glatze und Vollbart nichts daran ändern, dass der Verbrecher immer noch männlich und 1,80m groß ist.

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Der 1000. Tag: Die Dystopie ist wahr geworden.

18. April 2020 in der Ankunftshalle vom Flughafen Wien (Terminal 1)

“In an emergency, only 15% of people make decisions that help them, 15% make decisions that hinder their survival and 70% basically just follow the herd.” (Richard Champion de Crespigny, 27.11.22)

Ich hab das hier vor über 1000 Tagen als Tagebuch zur Psychohygiene begonnen, in Hoffnung, dass der Alptraum wieder enden würde. Mit jeder neuen Welle schwand die Hoffnung auf einen erkennbaren Lerneffekt in der Pandemie. Ich hätte natürlich aufgrund der ÖVP-Regierung nichts erwarten dürfen. Man beauftragt ja auch keine Drogendealer für die Suchtprävention.

In die Pandemie hinein fiel unglücklicherweise die Kassenfusion mit Milliarden-Verlust statt Gewinn, die Zusammenstutzung des Gesundheitsministerium durch die vorherige FPÖ-Gesundheitsministerin und der unbesetzte Oberste Sanitätsrat.

Als Citzen Journalist fülle ich die Lücke aus, die der Journalismus in der Krise hinterlassen hat. Alles, was auf meinem Blog steht, ist freiwillig und unbezahlt entstanden. Das fordert natürlich seinen Preis – hunderte Stunden Freizeitaufwand und zunehmende Irritation bis Entsetzen darüber, wie wenig sich von meiner Recherche in den etablierten, traditionsreichen Medien wiederfindet. Ich verwende Twitter als Hauptquelle und dort verlinkte Zeitungs- und Wissenschaftsartikel. Für die Recherche von Interessenskonflikten benutze ich Google. Es ist also alles keine Hexerei und es ist verblüffend, auf welche Zusammenhänge man stoßt, selbst wenn man kein Investigativjournalist ist. Was da für Schätze lagern, wenn man es professionell anlegen würde…

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Tag 997: Es gibt keine Immunschuld! [B]

Diese Abbildung zeigt die Gesamtzahl der Spitalseinweisungen wegen RSV bei Kindern der Altersgruppen 0-12, 12-24, 24-36 und 36-48 Monate. Jede Linie steht für eine Altersgruppe, nicht für eine RSV-Saison. In der unteren Grafik ist erklärt, wie man sie zu interpretieren hat: Säuglinge, die im Lockdownjahr 2020/2021 geboren wurden, waren wegen RSV nie im Krankenhaus, auch in späteren Jahren in viel geringerem Ausmaß als vor und nach den Lockdowns. Sie haben also davon profitiert, als Neugeborene nicht infiziert zu werden. Später geborene Kinder haben schon als Säuglinge in hoher Zahl RSV durchgemacht, in den letzten Jahren nur von der RSV-Saison 2015/2016 übertroffen. Die Statistik zeigt also, dass das Auslassen von Infektionen im Säuglingsalter nicht dazu führt, dass die Kinder später häufiger oder schwerer erkranken.

“Es gibt kein “Infektionskonto”, das man abarbeiten muss, damit man am Ende des Jahres bei Null ist. Wenn man sich weniger ansteckt als der Durchschnitt, dann muss man das nicht später nachholen. Man ist dann einfach weniger krank und fehlt weniger (z.B. Schule)”

Virologin Isabella Eckerle, 23. November 2022

“Wer glaubt, durch eine Infektion sein Immunsytem zu trainieren, muss konseqeunterweise auch glauben, durch ein Steak seine Verdauung zu trainieren.”

Virologe Christian Drosten, 29. Dezember 2021

In diesen Wochen und Monaten wird eine Sau durchs Dorf getrieben – von der Politik, von den Medien, von Ärzten, darunter auch viele Kinderärzte. Sie reden von Immunschuld. Durch die vielen Lockdowns und ständiges Maske tragen wären die Kinder mit weniger Keimen in Berührung gekommen und ihr Immunsystem wäre nun untrainiert. Damit erklärt man die vielen, auch schweren Infektionen. Was in gewisser Weise paradox ist, denn dieselben Leute haben vorher monatelang behauptet, dass Maske und Lockdowns Ansteckungen nicht verhindern hätte können.

Immunschuld – woher kommt dieser Begriff überhaupt? Aus einem Wall Street Journal Article im Juni 2021. Davor hat den Begriff niemand in der medizinischen Community benutzt.

In diesem Beitrag möchte ich kurz erklären, wie das Immunsystem funktioniert, warum es kein Training braucht und warum man sein Immunsystem nicht stärken, aber sehr wohl schwächen kann.

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Tag 997: Seit wann sind Fakten verhandelbar? [A]

Dieses Mal werden mehrere kürzere Beiträge erscheinen, vielleicht alle heute noch.

Ich erlebe immer häufiger in “Diskussionen”, dass ich VERZWEIFELT versuche, offenkundige Desinformation richtigzustellen. Ich zitiere Studien und seriöse Experten – seriöse Experten sind grob gesagt Experten, die eigene Fehleinschätzungen zugeben können und neuen Erkenntnissen anzupassen in der Lage sind. Sie bewegen sich im Mehrheitskonsens der Wissenschaft, in einem Geflecht von Fakten, und stützen sich nicht nur auf eine Studie. Seriöse Experten sagen durchaus auch mal etwas, was wehtut, weil es dem eigenen Wunschdenken widerspricht. Nein, die Pandemie war im Sommer 2020 nicht vorbei, nein, die Impfungen beenden die Pandemie nicht, nein OMICRON wurde nicht milder. Nein, es gibt zum Masken tragen keine Alternative, wenn man keine Lockdowns oder Massensterben will. Wie gesagt, ich geb mir wirklich Mühe bei der Recherche. Das, was ich dann sage, wird anscheinend nicht gelesen oder in Präsenz überhört. Viele “Diskussionen” enden damit, dass das Gegenüber sagt: “Das ist nur meine Meinung. Du hast eine andere.”

Stellt Euch vor…. Du bist Meteorologe und zeigst ein Satellitenbild. Dein Gesprächspartner behauptet steif und fest, dass ein Tiefdruckgebiet im Uhrzeigersinn rotiert. Es ist aber physikalische Tatsache, dass das Tiefdruckgebiet gegen den Uhrzeigersinn rotiert – was sich im Satellitenbild auch sehr gut belegen lässt.

Stellt Euch vor… Du bist Jurist, und Dein Gesprächspartner behauptet steif und fest, dass im Paragraph so und so vom Strafrecht diese Passage steht. Du kennst das Gesetzbuch aber auswendig und weißt, dass da etwas ganz anderes steht.

Stellt Euch vor … Du bist Klimatologe oder Physiker, und weißt genau, dass Unmengen an Kohlendioxid in die Erdatmosphäre geblasen die Wärmeabstrahlung ins Weltall verhindert. Dein Gegenüber behauptet aber steif und fest, dass diese riesigen CO2-Mengen, die es mangels menschlicher Erzeugung Millionen Jahre lang nicht gegeben hat, keine Rolle bei der Erderwärmung spielen.

Stellt Euch vor… Du bist Lungenfacharzt und weißt genau, dass Rauchen – auch Passiv Rauchen – schädlich für die Gesundheit ist, sich daraus COPD entwickeln kann. Dein rauchender Gesprächspartner behauptet aber steif und fest, dass Rauchen unbedenklich ist, weil seine Oma hat jahrzehntelang geraucht und die ist damit immerhin 90 geworden. Wir wissen nicht, warum manche Menschen trotz Suchtverhalten keine Krankheitsfolgen entwickeln, aber wir wissen, dass es den Zusammenhang zwischen Rauchen und Krebs/COPD gibt. Mit dem Argument hätte man auch die große Polio-Impfkampagne nie eingeführt – bei Polio sind nur 5% überhaupt erkrankt, und nur 1% der Kinder schwer mit bleibenden Lähmungen. Letztendlich zählte glücklicherweise der Schutz der Mehrheit mehr als Anekdoten von heldenhaften Rauchern, die damit alt geworden sind. Daher haben wir jetzt einen strengen Nichtraucherschutz.

Stellt Euch vor… Du bist Angehöriger eines Kindes mit Herzfehler. Es ist klar ein Kind mit erhöhtem Risiko, weil Covid19 das Herz angreifen kann. Der Kinderarzt verweigert das Attest für zum Fernbleiben vom Unterricht mit dem Argument, dass Kinder die Gemeinschaft der Schule brauchen und normal weiterleben sollen. Du weißt aber, dass in den Schulen nicht mehr getestet wird, keine Masken getragen werden, viele Kinder ungeimpft sind, viele Eltern ihre Kinder trotz Symptomen in die Schulen schicken. Die anderen Kinder bzw. deren Eltern, die keine sichere Schule fordern, gefährden das Leben Deines Kindes. Es kommt zum Schlimmsten. Dein Kind wird angesteckt und erholt sich von der Infektion nicht mehr. Es hat nun LongCOVID und kann gar nicht mehr am Unterricht teilnehmen. Dein Gesprächspartner sagt: Hätte ich jetzt für immer Maske tragen sollen? Nein, nur während der gottverdammten Infektionswellen, damit diese abgeschwächt werden!

Stellt Euch vor … Du bist Arzt und behandelst derzeit tagtäglich dutzende schwerkranke Kinder, die wegen Covid19, Influenza oder RSV so verengte und entzündete Atemwege haben, dass sie beinahe ersticken. Du bist nicht sicher, ob es einfach mehr Viruszirkulation gibt, weil die Maßnahmen gefallen sind, oder weil so viele Kinder ihr Immunsystem durch eine Covid19-Infektion geschwächt haben. Es ist Dir in dem Moment auch nicht wichtig, warum so viele Kinder gleichzeitig krank sind. Du weißt nur, dass es keine personellen Kapazitäten mehr gibt, Du findest auch keine freien Betten mehr, musst Kinder im Gang der Ambulanz behandeln oder gar am Boden sitzen lassen, bis sie aufgerufen werden. Du weißt, dass Du nicht alle Kinder bestmöglichst behandeln wirst können. Triage-Situationen häufen sich. Du bist verzweifelt, denn Du weißt, was hilft: Die Viruszirkulation eindämmen, wie man es im ersten Pandemiejahr noch konsequent versucht hat, als die gleiche Situation bei Erwachsenen gedroht hat. Großveranstaltungen, Menschenansammlungen meiden und Maske tragen. Und dann sagt Dein Gesprächspartner: Soll ich jetzt für immer Maske tragen? Es gäbe auch andere Viren neben Covid19. Ja, die gibt es und derzeit zirkuliert alles gleichzeitig – darum bitte JETZT Maske tragen. Außerdem hat der Tag 24 Stunden und Du wirst wahrscheinlich nicht im Schlaf Maske tragen. Du wirst in den Öffis Maske tragen, vielleicht hast Du aber eh ein Auto, dann trägst Du nur beim Einkauf Maske. Und wenn Deine Bürokollegen brav regelmäßig testen und bei Symptomen zuhause bleiben, und man gut lüftet oder gar einen HEPA-Filter hat, dann kann man die Maske auch mal absetzen. “Für immer jederzeit” ist ein Strohmannargument.

Stellt Euch vor… dass Konzept der Immunschuld hatte nie eine wissenschaftliche Basis, steht in keinem Lehrbuch der Medizin oder Kindermedizin. Kein Public-Health-Buch fordert dazu auf, sich wiederholt zu infizieren, um sein Immunsystem zu trainieren. Viele Mediziner wissen genau, dass etwa RSV für Säuglinge und Kleinkinder am gefährlichsten ist. Kinder können daran versterben, auch Spätfolgen wie Asthma und Allergien sind möglich. Auch ältere Menschen, obwohl sie sich seltener infizieren, können schwere Verläufe haben. Jeder Arzt wird einem sagen, dass es besser ist diese gefährlichen Viruserkrankungen zu meiden, und – sofern es eine Impfung gibt – sich impfen zu lassen. Nachdem man ja nie weiß, ob es sich um einen banalen Atemwegsinfekt oder eine schwere Viruserkrankung handelt, wird einem auch niemand dazu raten, bei hohem Infektionsgeschehen unvorsichtig zu werden, die Infektion in Kauf zu nehmen. Leider hat man nie zwischen grippalen Infekten und echter Grippe unterschieden. Es macht eben auch nochmal einen Unterschied, ob man sich wiederholt mit Viren ansteckt, gegen die man eine gute Immunität gegen schwere Verläufe entwickelt hat, oder ob es die echte Grippe ist, deren Gefahr die bakterielle Superinfektion ist. Willst Du diese Gefahr wirklich eingehen im vermeintlichen Glauben, in fünf Jahren gegen die nächste Influenzawelle geschützt zu sein?

Realität ist nicht verhandelbar. Die Realität ist keine Meinungsverschiedenheit. Naturwissenschaften lassen auch keine Kompromisse zu. Ein harter Lockdown, wo man die Kinder ausnimmt und die Schickeria weiter Après-Ski feiern kann, funktionierte nicht. Er hat in Österreich zu einem sehr langen Lockdown von Anfang November 2020 bis Ende Jänner 2021 geführt, gefolgt von einem kurzen Lockdown im April 2021 in Ostösterreich, dessen Wirkung durch die vielen Erstimpfungen verstärkt wurde. Später hat man völlig berechtigt festgestellt, dass diese langen Lockdownphasen nicht gut für die Kinder, Jugendliche und generelle psychische und wirtschaftliche Belastung waren. Aber statt zu hinterfragen, wie man den Lockdown hätte verhindern oder verkürzen können und trotzdem die Krankheitslast der Bevölkerung reduzieren, hat man die Lockdowns selbst in Frage gestellt.

Zurück zum Ausgangsthema:

Es ist keine “andere” Meinung, wenn Du etwas behauptest, was sich in den wissenschaftlichen Fakten nicht belegen lässt. Es ist allenfalls eine kühne Behauptung. Diese Meinungsverschiedenheiten, auch False Balance genannt, weil die Behauptungen einer Minderheit genauso hoch gewichtet werden wie die Fakten der Mehrheit, kosten seit bald drei Jahren viele Leben und Lebensentwürfe, denn viele LongCOVID-Betroffene entwickeln MECFS und werden nie mehr gesund. Manche versterben an ihrer Krankheit oder begehen Suizid, weil sie den Leidensdruck nicht mehr aushalten.

Wir können anderer Meinung sein, welche Partei uns eher aus der Krise führen wird, was unsere Lieblingsmusik ist, welchen Sport wir lieber ausüben. Ob Trailrunningschuhe super auf felsigem Untergrund sind. Welche Mannschaft bei der WM gewinnt.

“It is not within the power of practitioners of demonstrative sciences to change opinion at will, choosing now this and now that one; there is a great difference between giving orders to a mathematician or a philosopher and giving them to a merchant or a lawyer; and demonstrated conclusions about natural and celestial phenomena cannot be changed with the same ease as opinions about what is or is not legitimate in a contract, in a rental, or in commerce.” (Richard Feynman, Physiker)

Oder anders gesagt: Wunschdenken ändert physikalische Gesetze und wissenschaftliche Tatsachen nicht.

Tag 994: Ist die Pandemie vorbei?

Links: Fallprojektion pro Tag für Singapur, Pentagon bezeichnet die konvergenten Varianten wie BQ, XBB, etc., versus ablaufende BA.5-Welle. Rechts: Genom-Überwachung in Österreich durch AGES/IMBA, Stand 02. Dezember 2022

Derzeit zeigen die Abwasserdaten in den Bundesländern starke Anstiege und wesentlich mehr “fiktive” Ausscheider als die Zahl der positiven Tests wiedergibt. Seit dieser Woche ist die Subvariante BQ.1.1 in Österreich dominant geworden, aber auch andere Varianten holen auf, darunter die gefährliche CH.1.1-Variante, die in Vorarlberg durch starkes Wachstum auffällt. Bei mehreren Personen wurde die Spike-Mutation P681R nachgewiesen, die bereits DELTA hatte. Sie kann sowohl einen Wachstumsvorteil durch höheren Immun Escape bringen (Liu et al. 2021), als auch mit schwereren Akutverläufen einhergehen (Saito et al., 2021). Ob die leichtere Ansteckungsfähigkeit auch mit mehr Reinfektionen bzw. höherem Risiko von LongCOVID einhergeht, wissen wir nicht. Ebenso ist unklar, wie gut die angepassten Impfstoffe WT/BA.1 bzw. WT/BA.5 wirken. Im Oktober und November waren jedenfalls rund 30% aller Neuinfektionen bereits Reinfektionen.

Die Aussage Drostens in Richtung baldiges Pandemieende, die von Politikern und Medien wohlwollend aufgegriffen wurde, wird in der Fachwelt kontrovers gesehen. Angesichts der hohen Inzidenzen mit vielen Sublinien sieht etwa Virologe Björn Meyer keine “virologische Sackgasse”. SARS-COV2 verhält sich weiterhin wie eine Driftvariante, entwickelt sich nicht immer aus der vorherigen Variante weiter, sondern querbeet auch aus früheren Varianten. Zudem hat Drosten schon Anfang Jänner 2022 das Ende der Pandemie verkündet und musste diese Aussage Ende Juni 2022 korrigieren. Lustig et al. (2022) haben gezeigt, dass eine chronische Infektion bei immungeschwächten Patienten sich nicht zu einem milderen Virus weiterentwickelt. Anhaltend hohe Viruszirkulation führt wie erwartet bei steigender Bevölkerungsimmunität zu neuer Variantenbildung (Tan et al. 2022).

Die WHO sagt jedenfalls, dass das Ende der Pandemie noch nicht erreicht ist und warnt gleichzeitig vor einer Masern-Pandemie aufgrund nachlassender Durchimpfungsraten und schwächelnder Überwachung.

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