Tag 29: Nichts ist mehr wie vorher

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Leer gefegter Michaelerplatz am Donnerstagvormittag

Zu den gesellschaftlichen Verwerfungen hat eine Freundin bereits einen trefflichen Text geschrieben. Die Verdrängungsmechanismen funktionieren nur stunden- oder tageweise, leider unterbrochen von den täglichen Pressekonferenzen der Regierung mit mehr oder weniger glaubwürdigen Informationen. Man gibt uns nicht viel Zeit, sich auf etwas einzustellen. Ich hätte damit leben können, wenn sich bis Ende April nichts am status quo ändert (abgesehen von der überfälligen Öffnung der Bundesgärten und Zurechtweisung der außerhalb jeder Erlässe strafenden Polizei), um neue Routinen aufzubauen. Stattdessen kommt im Schnitt alle drei Tage eine Änderung. Die letzte Stichprobe hat ergeben, dass von 422 Supermarkt-Mitarbeitern kein einziger infiziert sei. Maskenpflicht? Aber sei es wie es sei. Solange man nur Zahlen erfährt und nicht, wie sie zustandegekommen sind, glaube ich der Regierung kein Wort mehr. Ich habe die letzten Wochen exzessiv viele wissenschaftliche Artikel und Zusammenfassungen gelesen, und wenn eine repräsentative Statistik/Studie so aufbereitet werden würde wie die Heinsberg-Protokolle, dann müsste man in Österreich nicht soviel Kaffeesud lesen und hätte mehr Vertrauen in die Entscheidungen der Regierung. Ich hab leider gar keines mehr. Kurz missbraucht die Ausnahmesituation, um seine Vorstellungen eines feudalen Ständestaats weiter voranzutreiben, die Verteilung geht weiterhin von unten nach oben. Mangels Versammlungsfreiheit kann derzeit niemand öffentlichkeitswirksam protestieren. Es wäre anders gegangen, wie im obigen Link untermauert, die Chance wurde leider verpasst, denn jetzt soll schrittweise geöffnet werden und dann ist rasch wieder alles beim Alten, auch in der neuen Normalität. Aber – sorry – das wird’s net spün, das geht mit der Abstandsregel einfach net zamm, und solange nur 1% der Gesamtbevölkerung infiziert ist, kann das Virus sich ungehindert ausbreiten.

Ich werde Tag und Nacht daran erinnert, dass die Welt sich verändert hat. Der tröstlichste Aspekt davon ist ein Specht, der momentan den ganzen Vormittag – laut hörbar bis in den Innenhof – hämmert. Selbst gestern um 12.40 MESZ war er noch deutlich zu vernehmen. Ich glaube nicht, dass es das die letzten 60 Jahre in einem Wiener Innenstadtbezirk gegeben hat. Aber den Specht zu hören bedeutet gleichzeitig, dass das Hintergrundrauschen verschwunden ist, das eine pulsierende Stadt ausmacht. Baustellenlärm, Flugzeuge, Autoverkehr – nicht, dass man darauf unbedingt scharf ist, aber es bedeutet LEBEN oder besser gesagt ein NORMALER ALLTAG, oder vom jetzigen Standpunkt aus betrachtet: die alte Normalität. Wenn ich in der Wohnung umhergehe, fällt mein Blick auf die Vorräte, von denen ich noch nie soviele angelegt habe, anlegen musste, und schwarz auf weiß demonstrieren, dass nichts normal ist. Der Lieferant läutet, aber man muss die Türe nicht öffnen, das ist auch gut so, weil an Tagen, an denen ich nicht außer Haus gehe, muss ich mich auch nicht kämmen oder mehr als eine Jogginghose anziehen. Die regelmäßige Biolieferung ist mit Schichtdienst nicht einfach, theoretisch könnte ich weiterhin alles im Supermarkt bekommen, aber das Einkaufen war und ist von Beginn an mühsam, weil Innenstadt-Supermärkte in Gründerzeithäusern vom Platz her oft beengt und verwinkelt sind. Leider hat sich das zu den Einkaufswagenpflicht-Politikern im Speckgürtel, die mit ihrem SUV nur einmal die Woche in Mega-Märkten einkaufen gehen, nicht herumgesprochen. Lieferungen sind derzeit generell angenehmer als vorher, weil man eh immer daheim ist. Naja, meistens. Ich muss täglich selbst kochen, jedenfalls die ersten drei Wochen, letzte Woche hab ich zwei Mal Essen bestellt, das war teuer, aber von der Qualität besser als erwartet. Ich muss auch wieder selbst putzen – wie war ich froh, heuer im Februar nach jahrelangem Hinauszögern endlich eine Reinigungskraft gefunden zu haben. Drei Mal war sie bei mir, das letzte Mal am 12. März. Ich hoffe, ich kann/darf sie wieder beschäftigen, auch wenn ich unfreiwillig genug Zeit zum Putzen hätte. Neu ist, dass die Nachbarn immer da sind, manchmal zum Leidwesen, oft zum Leidwesen. Die Nerven liegen zunehmend blank, das spürt man. Aber wir wohnen auch alle gegenüber vom Augarten und der ist eben zu. Die Kinder können nicht spielen oder trainieren, während die Eltern Homeoffice betreiben müssen und in engen Wohnungen aufeinanderpicken. Auch die Paare sitzen aufeinander.

Geht man doch nach draußen, werden die Veränderungen augenscheinlich sichtbar. Die Bauarbeiten an der Straße stehen still, dafür hat man am Gehsteig kaum Platz. Und überall Radfahrer, noch nie soviele Radfahrer. Ich wünschte, ich könnte das gleiche im umgekehrten Vorzeichen für die Autofahrer sagen, aber der Landadel hat entschieden, dass das Auto jetzt das sicherste Verkehrsmittel ist. Zwar hat der Autoverkehr abgenommen, aber sie beanspruchen stehend und fahrend den gleichen Platz wie vorher. Öffi-Nutzung ist in der Stadt schwierig geworden, ohne Strafen im Ausmaß von 500-700 Euro zu kassieren. Cowboy-Sheriffs wildern beim schwächsten Glied. Klassenkampf. Man sieht die geschlossenen Geschäfte, die fast flehenden Hinweise auf eine baldige Wiedereröffnung, die Hoffnung, dass die treuen Kunden erhalten bleiben. Gefühlt wird die Hälfte der Geschäfte zusperren müssen, wenn die Situation länger erhalten bleibt. Der überwältigende Anteil der Unternehmer fällt auf Klein- und Mittelunternehmen. Länger erhalten mit Umsatzausfällen können sich aber nur die großen. Was wird von der Vielfalt an Gastronomie und kreativen Ein-Personen-Unternehmen bleiben?

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Sonnenaufgang über den Kleinen Karpaten – Der Eiserne Vorhang steht wieder

Der Weg zur Arbeit zeigt mir die Veränderung am schmerzvollsten. Die U-Bahnen und S-Bahnen zum Flughafen sind leer, keine Touristen mehr. Nur noch Hackler, die sich – weiterhin – krank zur Arbeit schleppen, weil für sie kein Homeoffice möglich ist und weil sie keinen fürsorglichen Arbeitgeber haben, der ihnen eine Freistellung ermöglicht. Das Flughafengelände ist derzeit wie ausgestorben. Man kann gefahrlos die Straße überqueren, ohne von einem eiligen Taxifahrer umgemäht zu werden. Die Ankunftshalle ist fast leer. Wo sonst Menschentrauben auf die ankommenden Fluggäste warten, kann man ohne Slalomlauf durchschreiten. Die Geschäfte sind großteils geschlossen, nur der SPAR und die Apotheke haben noch offen. Es ist gespenstig ruhig, kein nennenswerter Flugverkehr. Überwiegend Frachtmaschinen. Auch die sind wichtig. Mich ärgert, wenn man jetzt am liebsten alle Flughäfen dicht machen möchte. Weltweit hängen viele Millionen Arbeitsplätze an der Luftfahrtbranche und natürlich auch der Tourismus in vielen Ländern. Und selbst, wenn wir sagen, brauchen wir nicht, machen wir halt daheim Urlaub, was ist mit den Inselstaaten im Pazifik, für die Tourismus die Haupteinnahmequelle ist? Es muss nicht mehr das Niveau von vorher erreichen, das war schädlich. Massentourismus, Billigstpreise fürs Fliegen. Schädlich fürs Klima, für die Natur, für Bewohner. Aber gar keine Fernreisen? Jeder schmort in seinem eigenen Land vor sich hin. Wollen wir das? Davon abgesehen verstreut sich so manche Verwandtschaft und Bekanntschaft über die ganze Welt. Wollen wir die nur noch via Skype und Telefon kontaktieren?

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Schwechat (Fluss)

Heute ist Türkisgründonnerstag. Ich hab schon lange keine Zahlen mehr auf dem Blog veröffentlicht. Weil sie eh nicht stimmen.

testing

Nasen- und Rachenabstriche: Abnahme der Wahrscheinlichkeit eines positiven Tests bei einem infizierten Patienten in Abhängigkeit von den Tagen, die seit dem ersten Auftreten von Symptomen vergehen – Wikramaratna et al. (2020)

Die Abbildungen zeigen, dass nach zehn Tagen nur noch jeder zweite infizierte Patient über einen Rachenabstrich erkannt werden kann, bereits nach drei Tagen verliert man ein Drittel der infizierten Personen beim Rachenabstrich, beim Nasenabstrich sind die Werte noch etwas besser.

Mit Stand 09. April, 10.30 wurden 126.287 Testungen veröffentlicht, davon sind 13011 positiv getestete Personen dabei, davon liegen derzeit 1086 im Krankenhaus und 266 auf der Intensivstation. 295 Menschen sind an Covid19 gestorben. Das entspräche ohne Dunkelziffer einer CFR von 2,2%. Tendenziell ist diese aber höher, weil die jetz Todeszahlen der Infiziertenstatistik um Wochen hinterherlaufen. Heute oder morgen soll das Ergebnis der repräsentativen Stichprobe veröffentlicht werden, Ende April soll es Antikörpertests geben, die gezielt Berufsgruppen abdecken sollen. Betonung auf soll.

Im Podcast von Drosten am Dienstag wurde erwähnt, dass bisherige Antikörpertests nicht direkt die Immunität anzeigen, aber eine „durchgemachte Erkrankung“. Ein großes Problem dabei ist, dass fast alle kreuzreagieren (falschpositiv) mit normalen Corona-Erkältungsviren. IgM-Antikörper sind nach kürzlich durchgestandener Erkältung kreuzreaktiv. Stichprobentests mit Antikörpern müssen jedenfalls mit dem gleichen Sample wiederholt werden, speziell, wenn die Maßnahmen gelockert werden und neue Infizierte hinzukommen. Vorbild Hongkong veröffentlicht wochengenau R (Ansteckungszahl), kann jeder sehen, wo sie stehen. 

Ziel ist die Beobachtung von Serokonversionen => 1. Test keine Antikörper, 2. Test Antikörper.

=> Rate der Serokonversionen pro Zeiteinheit soll erfasst werden

=> wahres Maß für Infektionstätigkeit
Daher werden Antikörper-Studien in großer Breite gestartet, punktuelle Untersuchungen sind sinnlos! Am Anfang läuft Pandemie zufällig dort, wo Infektionsherde liegen (z.b. Skiurlauber), Nachbarschaft virenfrei, unterscheidet sich aber nicht von Eigenschaften
=> Zufallsbefunde! Keine Aussage für gesamte Bevölkerung ableitbar!
Jetzt bin ich von Alltagsbeobachtungen wieder ins Fachliche abgeglitten, Verzeihung.