Tag 31: Karsamstag: Normalität für die anderen?

Kaltenleutgeben

Karsamstag. Ich hab nicht lang geschlafen, konnte aber etappenweise noch etwas länger schlafen. Ich war auch noch einkaufen im Merkurmarkt, mit Maske in der Straßenbahn. Im Supermarkt steht ein Desinfektionsspender am Eingang. Ich hatte Handschuhe an. Einkaufswagenpflicht war keine, es waren einige mit und ohne unterwegs. Eng wurde es nur bei den Leuten mit Wagen. Aber der Maskenanteil betrug annähernd 100%. Auf der Rückfahrt gab es die Durchsage, dass „in den Öffis ab 14. April Maskenpflicht herrsche“, ja, die weibliche Stimme hat wirklich Öffis gesagt. Soviel Wienliebe. Ich hab erstmals nach Wochen wieder durchgesaugt und den Balkon notdürftig mit Kartons abgeklebt als Schattenspender. Nächster Schritt sind noch ein paar Schälchen Wasser für die durstenden Vögel, allerdings scheißen die auch alles voll. Draußen ist viel los, aber die meisten haben kapiert, dass man derzeit Abstand halten muss. Selbst die alten Männer auf den Betonplätzen sitzen im Respektabstand auseinander. In den Öffis fühle ich mich sicher, speziell im 20. Bezirk mit hohem Migrantenanteil. Das sind Menschen, die kaum aus dem eigenen Grätzel herauskommen, wie sollen sie sich infizieren? Ach ja, über den Migrantenanteil erfährt man gar nichts in den offiziellen Statistiken. Meine Vermutung wäre, dass es großteils Einheimische sind, die das Virus weiterverbreiten, höhere Mobilität, besserer Verdienst.

Virale Meteorologie

Von Virologie hab ich keine Ahnung. Ich mag nicht weiter spekulieren, dennoch fühle ich eine gewisse Sympathie für die Virologen und Epidemologen. Sie klären in der Coronakrise auf, wir Meteorologen in der Klimaerwärmungskrise. Wir haben ähnliche Funktionen zu erfüllen und werden von den Medien und der Bevölkerung ähnlich betrachtet. Journalisten wollen künstlich polarisieren und in die eine oder andere Richtung übertreiben. Wenn Menschen nach draußen gehen, kommt das Totschlagargument „Willst Du spanische oder italienische Verhältnisse?“ Wenn man darauf hinweist, dass nicht jedes einzelne Sturmereignis ein Beweis für die Klimaerwärmung ist, wird man von FridayforFuture-Anhängern als Leugner hingestellt. Einzelne Klimatologen werden wie Popstars behandelt und ziehen auch jede Menge an unguten Reaktionen an. Rahmstorf dort, Drosten hier.

Mir tut er ein bisschen Leid. Diesen Rummel hat er nicht verdient und wohl nicht erwartet. Er macht einen guten Podcast, lehnt sich nicht zu weit aus dem Fenster. Auch Streeck klingt in den Podcasts weitaus vorsichtiger als es die Zeitungsberichte suggerieren. Dann wären da noch ein paar englischsprachige Experten, wenngleich verständlicherweise derzeit sehr US- und UK-fixiert. Wichtig ist, und da bin ich bei Lars Fischer, Redakteur von Spektrum, dass man im Laufe der Recherchen seine Meinung ein, zwei Mal ändern sollte, um seriös zu sein (sinngemäßes Zitat, seinen angehefteten Tweet hat er leider entfernt). Das unterscheidet die meisten Wissenschaftler von den Politikern, die öffentlich so tun, als seien sie unfehlbar, und das wahrscheinlich auch privat glauben. Ich hab meine Meinung auch schon mehrmals geändert, aber es prasseln täglich so viele neue Erkenntnisse auf einen ein, dass es unklug wäre, seine Linie durchzufahren. Letzendlich bin ich Privatmensch, ich kann meine Meinung so oft ändern wie ich will.

Ich hab ein düsteres Bild von der Zukunft. Die Regierung macht leider keinerlei Anstalten, die auf eine sozial verträgliche Lösung schließen lassen. Das Arbeitslosengeld wird nicht erhöht, Grundeinkommen war noch nicht einmal Thema. Die SPÖ kann das Sozial aus ihrem Kürzel streichen. Aber das Thema politischer Stillstand unter den Ökoneoliberalen ist nur ein Teil des Problems, der Griff von Kurz nach der Absoluten. Man darf nicht glauben, dass Kurz das Thema Klimaerwärmung unterschätzt. Er weiß sehr genau, was da auf uns zukommt, und möchte seiner Wählerschaft langfristig bessere Voraussetzungen schaffen, um in einer Welt mit Verteilungskampf, vielleicht sogar Verteilungskriegen die Oberhand behalten zu können. Geringere Wohlstandsverluste als bei den finanziell Schwächeren. Wie Verteilungskonflikte aussehen können, sieht man aktuell beim Thema Schutzmaterial und wie die Staaten sich gegenseitig Vorwürfe machen statt an einem Strang zu ziehen. Dass China Millionen unbrauchbarer Masken schickt, führt ihre anfangs gelobte Hilfsbereitschaft ad absurdum. Beim Thema Bewältigung der Klimaerwärmung besteht noch weniger Einigkeit. Derzeit brennen in der Ukraine ganze Wälder nahe der Atomkraftwerksruine Tschernobyl. Erhöhte Radioaktivität wird gemessen. Wir haben momentan Glück, dass keine Ostströmung herrscht, aber gegen Ende April könnte sich eine Ostwetterlage noch einstellen. Corona, Klimaerwärmung, radioaktive Wolken – die Katastrophen kulminieren gerade. Und da hab ich noch nicht einmal das Thema Flüchtlingskatastrophen erwähnt.

Vergleiche mit dem Zweiten Weltkrieg?

Was spricht dafür? Wahrscheinlich in erster Linie die wirtschaftlichen Auswirkungen. Globale Depression, höchste Arbeitslosigkeit seit dem Krieg, hohe Verschuldung. Ausgangssperren, harte Polizeistrafen und Denunzierung durch die lieben Mitmenschen. Totalüberwachung gewünscht, nicht überall durchsetzbar. Diktaturen werden am schnellsten aus der Krise kommen, demokratische Staaten werden zum Teil zu Diktaturen (Ungarn) oder zumindest zu autoritären Systemen (Polen).

Was spricht dagegen? Wir haben alle genug zu essen, jedenfalls in Mitteleuropa. Noch herrscht Meinungsfreiheit, wir sind in unserern Häusern sicher, es fallen keine Bomben, wir müssen nicht in die Luftschutzbunker. Es wird niemand erschossen auf der Straße. Trost in menschlicher Nähe zu finden, eng umschlungen mit Fremden geht aber auch nicht.

Ein Aspekt ist interessant, und der macht die Situation sehr wohl vergleichbar: Psychosoziale Folgen treten nämlich (immer noch) in den Hintergrund. Psychische Erkrankungen waren vorher schon stigmatisiert, jetzt spricht man auch nicht darüber. Und wenn es über Behinderungen geht, dann lässt die Wortwahl erschreckend viele Gemeinsamkeiten erkennen: „20 neue Todesfälle, aber alle mit Vorerkrankungen!“ Na, dann bin ich ja beruhigt! Behinderte Menschen, die lesen, dass sie bei einer Triage benachteiligt werden. Im Zweifelsfall überlebt der gesunde Volkskörper. Und für viele, die die Maßnahmen am liebsten ganz aufheben und „Risikogruppen“ wegsperren wollen, ist diese jenseitige Vorstellung aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht einmal fragwürdig. Von den psychischen Folgen der langen Isolation ganz zu schweigen, über die auch nicht gesprochen wird, weder im Fall einer Lockerung noch bei erneutem monatelangen Lockdown, bis ein Impfstoff gefunden wurde. Über die psychischen Folgen einer Überwachungsapp sollte man ebenso sprechen, was das aus uns machen wir, wenn wir in jedem Fremden einen „Gefährder“ sehen, so wie es Innenminister Nehammer suggerieren will.

Luftfahrtbranche am stärksten betroffen

Ich arbeite in der Luftfahrtbranche. Meine Sichtweise ist nicht objektiv. Zwar bin ich Realist als Meteorologe und hätte mir gewünscht, dass der raketenhafte Anstieg des Flugverkehrs durch den Massentourismus und Billigstpreise abflacht und im kommenden Jahrzehnt zugunsten umweltfreundlichen Reiseverhaltens zurückgeht, aber nicht innerhalb von zwei Wochen! Im Laufe des Jahres werden die anderen Branchen langsam wieder hochfahren, auch der Inlandtourismus mit mehr oder weniger sinnvollen Maßnahmen (Schutzmaske im Restaurant oder am Frühstückstisch?). Die Flugzeuge bleiben noch länger am Boden. Ich – und ich bin kein Virologe – sehe nur zwei Möglichkeiten, um geordneten Flugverkehr stattfinden zu lassen: Entweder einen zuverlässigen Antikörper-Schnelltest oder einen Impfstoff. Es wird aber kein Staat der Welt das Risiko eingehen wollen, eine zweite Epidemie-Welle durch infizierte Touristen zu riskieren.

Viele der Leute, die jetzt sagen, man solle die AUA pleite gehen lassen und die Flughäfen mit dazu, sind sicher vorher noch nie in den Urlaub geflogen. Ich bezweifle das ja. Gegen das Flugpreisdumping hat sich nie einer gewehrt, dass Flugbegleiterinnen 2000 brutto verdienen, dass man für 20 Euro nach Barcelona oder Mailand fliegen kann. Die billigen Angebote hat man gerne genommen, und in Kauf genommen, dass sich die Billigairlines gegenseitig unterbieten. Geiz ist eben geil.

Nein, ich will keine Zustände wie vorher, weniger Flugverkehr ja, aber nicht Null. Auch aus Eigeninteresse. Meine Fernreisen kamen nie zustande. Kap Verden hatte ich für November 2021 über den Alpenverein geplant. Trekkingtour in Griechenland musste ich letzten Herbst verletzungsbedingt absagen. Sonst war ich zwei Mal in der Slowakei und das wars mit Auslandsreisen bei mir. Geflogen bin ich nur zu Konferenzen (dienstlich) und für die Ausbildung. Ich könnte damit gut leben, wenn es heuer und nächstes Jahr wieder nur ein Inlandsurlaub wird, allerdings bevorzugt dort, wo nicht alle anderen auch Urlaub machen. Nach voraussichtlich einem restlichen Jahr nur in Wien langt es mir wieder mit Menschenmassen.