Tag 32: Ostersonntag

Osterhäschen

Dritter Urlaubstag. Gestern Abend hatte ich einen Durchhänger. Die Vorstellung ist schrecklich, noch monatelang nicht die Menschen umarmen zu dürfen, die einem nahestehen. Ich wäre ja zu großen Opfern bereit, es wieder zu dürfen, sogar zu zwei Wochen Quarantäne, um auf Nummer sicher zu gehen, bevor ich mich einem Menschen mit Vorerkrankung unter dem Mindestabstand nähere.

Wie hoch die Gefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln und Supermärkten ist, wissen wir derzeit nicht. Bisher gibt es keine eindeutigen Ergebnisse, die für ein erhöhtes Ansteckungsrisiko sprechen. Wir wissen bisher, dass es Situationen gibt, die „super spreading“ ermöglichen, aber fast ausschließlich indoor:

  • Begräbnisse mit Menschenansammlungen in Aufbahrungshallen und Kirchen
  • Chorveranstaltungen (Singen befördert viel Virus in die Umgebung)
  • Karnevalssitzungen (Heinsberg)
  • Bridgeturniere
  • Nachtclubs, Bars (siehe Ischgl)
  • Kantinen – selbst Rücken an Rücken (siehe München)
  • Lange Busfahrten (Patient 1 in China, 4 Std. Busfahrt, Ansteckungen selbst 30min später, nachdem er ausgestiegen ist)
  • Ansteckungen im Büro (Konferenzen, Büros ohne Raumluftumwälzer/Fenster)

Ich wäre ja dafür, die Gesunden einzusperren, die mild Infizierten und Risikogruppen sollten (getrennt voneinander) in die Natur gehen, Frischluft und Sonnenlicht tanken. Aber gut, das ist eine ketzerische Einzelmeinung, basierend aus meinen Erkenntnissen vor vier Tagen. Aber ich bin kein Virologe, es wird schon seine Richtigkeit haben, welchen Teil der Bevölkerung man ins Innere verbannt und wer nach draußen gehen darf.

Für das vor allem von Denunzianten und den Regierungspolitikern verteufelte „Draußen“ gibt es hingegen noch keinen Beleg, der könnte z.b. so aussehen, dass man die Infektionskette eines positiv Getesteten so nachvollziehen kann, dass er sich beim letzten Joggingpartner angesteckt hat. Das würde allerdings voraussetzen, dass der Jogger keine Symptome aufwies, weil mit Symptomen wird kaum ein vernünftiger Mensch joggen können. Keine Symptome heißt aber auch, dass es sehr unwahrscheinlich ist, dass die infizierte Person hustet oder niest. Dann müsste die Virenpartikelwolke durch die normale ausgeatmete Luft ausreichen, um einen anderen Jogger anzustecken. Etwas höher wäre die Wahrscheinlichkeit für Niesanfälle, wenn die infizierte, symptomlose Person eine Pollenallergie hat. Man sieht, wie viele Annahmen dahinter stecken. Schwierig, daraus ein (erhöhtes) Risiko abzuleiten, um neue Maßnahmen zu rechtfertigen.

Die umstrittene Studie zum Abstand halten beim Joggen wurde fehlinterpretiert. Im Abstract wird betont, dass das größte Risiko für jene Personen besteht, die sich direkt hinter der infizierten Person befinden. Das Risiko kann deutlich verringert werden, wenn man versetzt zueinander oder nebeneinander läuft, oder mehr als 1,5 Meter Abstand hält. Je schneller man geht, desto größer sollten die Abstände sein. Nicht berücksichtigt wurde in der Studie der Umgebungswind, und in den bevölkerungsreichsten Regionen Österreichs weht nun mal häufig signifikanter Bodenwind.

Spekulation: Wären die Virenpartikel feste Körper, könnte stärkerer Gegenwind bewirken, dass sie nach hinten geschleudert werden und der Partikelstrom verstärkt wird (mehr Partikel pro Zeit und Ort). Tatsächlichen verhalten sich Virenpartikelwolken eher wie echte Wolken, sie verändern die Form der Wolke in einer Strömung. Größere Partikel werden verdünnt, kleiner, verdunsten. Turbulenz findet statt, damit wird die Gleichung nichtlinear. Nach der gängigen These ist die Gefahr einer schweren Erkrankung höher, je höher die Viruslast ist. Und da scheint es davon abzuhängen, wie groß die Virenpartikel sind, die man einatmet. Beim Husten und Niesen größer als beim Sprechen. Man könnte davon ausgehen, dass die Verdünnung durch den Wind (und Entrainment durch trockene Luft) ausreicht, um die Partikelgröße zu verringern und das Infektionsrisiko generell, aber vor allem schwerer Erkrankungen zu senken. Das ist jetzt pure Spekulation. Festzuhalten ist, dass alle Modellierungsstudien bestimmte Randbedingungen haben und nicht mit der Realität vergleichbar sind. Wer auf der Donauinsel joggt, hat immer Wind. Wer in der glühenden Hitze unbedingt joggen muss, hat stärkere Verdunstungsraten als unter Laborbedingungen.

Sonnenlicht hat allerdings nicht nur Vorteile, wie die WHO betont. Einerseits reichen unter eine Stunde Sonnenlicht am Tag für die Vitamin D-Produktion, andererseits kann die UV-Strahlung bei Erkältungsviren (z.b. Herpes-Viren) begünstigen, dass die Infektion reaktiviert wird (gleiches wird bei Covid19 vermutet, wenn sich Infizierte angeblich erneut infizieren). Dass das Sonnenlicht das Virus umbringt, ist leider ein Mythos, nur hohe UV-Strahlung wäre dazu in der Lage, würde aber mehr Schäden (Hautkrebs) anrichten als Nutzen.

Es ist ein bisschen schwierig gerade, den Überblick zu behalten. Es kostet viel Aufwand, in Österreich seriöse Zeitungsberichte zu finden, mit fundierten Quellen und Expertenaussagen. Da schau ich lieber häufiger ins Ausland. Aber die Summe an Berichten ist groß, also beschränke ich mich auf die wenigen Expertenaussagen in den Podcasts. Aber diese sind auch nicht unfehlbar, und der ein oder andere Bias könnte die Vielfalt an Aussagen kaschieren. Bleiben die Fachartikel selbst, davon gibt es eine so große Fülle, dass man wieder die WissenschaftlerInnen dafür braucht, um einordnen zu können, wie seriös eine Studie oder eine Modellierung ist. Unter Fortschritte verlinkte ich vor kurzem einen Artikel über die erfolgreiche Wirkung eines Medikaments, dann wurde angemerkt, dass die klinische Studie so ziemlich jede seriöse Durchführung vermissen lässt. Laien können vermeintliche Erfolgsmeldungen nicht richtig einschätzen, das ist das Problem. Hoffnungen machen kann man sich aber trotzdem, siehe das gestrige ORF-Interview mit Primararzt Christoph Wenisch vom Kaiser-Franz-Josef-Spital.

Selbst bei den Studien, die eine erhöhte Ansteckungsgefahr in den Krankenzimmern andeuten, gibt es wichtige Einschränkungen, hier sind zwei: „Erstens, die Ergebnisse des Nukleinsäurerests zeigen nicht an, wie viel aktives Virus vorhanden ist. Zweitens kennt man die minimale Infektionsdosis nicht, daher kann die Distanz der Aerosolübertragung nicht genau bestimmt werden.“

Mit anderen Worten, man weiß nicht, wie hoch die Viruslast sein muss, um infiziert zu werden, daher ist die Vorgabe von Abständen Spekulation.

Im verlinkten VICE-Artikel ist auch dieses Zitat wichtig:

„On the epidemiology side—where the droplets are is much less relevant than the amount of transmission that occurs via this route,“ Hanage said. „Advice on physical distancing is really about *reducing* the risk of transmission rather than eliminating it altogether.“

Vom epidemologischen Standpunkt aus betrachtet ist es viel weniger relevant, wo sich die Tröpfchen befinden, als die Menge an Übertragungen, die auf diesem Weg stattfinden. Der Rat, körperlichen Abstand zu halten, bezieht sich wirklich mehr darauf, das Übertragungsrisiko zu verringern, als es vollständig zu eliminieren.

Das ist vielleicht eine wichtige, wenn nicht die zentrale Erkenntnis für die Bevölkerung! Es ging nie darum, das Risiko zu erkranken zu 100% auszuschließen. Sterben gehört zum Leben dazu. Es geht und ging immer nur darum, das Risiko zu reduzieren, um das Gesundheitssystem nicht zu überlasten, wenn zu viele Menschen gleichzeitig schwer krank werden. Jetzt, wo wir scheinbar über den Berg sind und klar wird, dass das Gesundheitssystem nicht überlastet wird wie in anderen Ländern, werden die Maßnahmen gelockert. Damit ist zu 100% klar, dass die Ansteckungen wieder zunehmen. Vorausgesetzt, sie haben intelligente Berater im Regierungsstab, wird man jetzt besser abschätzen können, welche Maßnahmen welche Steigerungen/Senkungen zur Folge haben.

Ihr seht, ich verbringe Ostern mit Spekulationen, Fachartikeln und Bloggen. Ist schwer, sich bei den Schreiduellen der Kinder mit den Eltern zu konzentrieren. Der Wochenend-Standard ist sehr interessant heute, da lese ich gleich weiter. Und ich erfreue mich an der sprießenden Kresse auf dem Balkon, die ich aus dem Supermarkt-Schälchen in den Topf eingepflanzt habe, einfach, um etwas Grünes vor Augen zu haben. Vielleicht dreh ich gleich Heavy Metal auf zur Gegenbeschallung.