Tag 33: Ostermontag – ein Blick in die Zukunft

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Inzwischen ist ein Monat Lockdown in Österreich vergangen. Mein Leben wurde auf den Kopf gestellt. Innerhalb weniger Tage habe ich mich von all meinen Träumen verabschieden müssen, kurzfristig, mittelfristig und wohl auch langfristig. In meinem messerscharfen autistischen Realismus hatte ich schon geahnt, dass dieses Jahr nichts mehr so ablaufen wird wie ursprünglich erwartet. In einem Wutanfall hab ich meine geographische Österreichkarte von der Wand gerissen und entsorgt. Mein Bewegungsradius war innerhalb weniger Tage auf Wien geschrumpft, und wegen dem Öffinutzungsverbot auf wenige Kilometer außerhalb der Wohnung, die ich – untrainiert – mit dem Rad erreichen konnte. Ich hing alle Kalender ab und legte sie außer Reichweite aufs Regal, den Anblick von Urlaubsdestinationen ertrug ich nicht. Am Tag der Lockdownverkündigung war zudem meine Uhr stehen geblieben, ich wechselte erst zwei Tage später die Batterien aus. Die Uhrzeit schien auf einmal so sinnlos. Meinen Terminkalender hab ich auch entsorgt, gut, ausnahmsweise bereue ich das, denn da stand auch ein wichtiger Arzttermin darin, den ich gerade nicht mehr auffinden kann.

Die Pandemie überrollte uns wie ein Tsunami

Ich hab verzweifelt versucht, das alte Leben zu verbannen, so gut es nur ging, aber aus den Erinnerungen konnte ich es nicht vertreiben, nicht so schnell. Ich glaube, das trifft derzeit jeden, nicht nur Autisten, aber es ist schon ein harter Schnitt und so ziemlich das Gegenteil von dem, was Autisten tendenziell gut tut: Langsame, gut kommunizierte Veränderungen mit ausreichend Vorinformation und Vorbereitungszeit. Auf das, was da auf mich (uns) zurollte, konnte man sich nicht einstellen. Ende Jänner auf der Rückfahrt von der Kur hatte ich noch gewitzelt, ob ich mich bei den hustenden Einheimischen mit Influenza oder bei den Chinesen mit Corona anstecken sollte, letztere trugen da schon Schutzmasken. Der Februar war ein verlorener Monat, nicht nur für die Regierung, sondern auch für die eigene Vorbereitung. Das Schneeschuhwandern zum Monatswechsel war noch unbeschwert. Anfang März dann die ersten Verdachtsfälle in Wien, aber niemand ahnte, wie schnell sich die Situation bald verschärfen sollte.

Am Dienstag, 10.03., fuhr ich nochmal mit dem Zug in den Wienerwald und machte eine schöne Wanderung. Während der Wanderung erfuhr ich die Nachrichten und die Ankündigung der ersten Verschärfungen. Trotz der Müdigkeit und Schlafdefizit stand ich auch am Mittwoch, 11.03., noch einmal auf – ich schrieb es auch im Wanderbericht – um die vielleicht letzte Wanderung für längere Zeit durchzuführen. Es war zumindest die letzte Wanderung ohne “Betretungsverbot für öffentliche Orte” und ohne Maskenpflicht, ohne Abstand halten, und hätte ich es damals gewusst, wäre ich noch einmal eingekehrt in einem Gasthaus. Wie sich inzwischen herausstellte, war es nicht die letzte Wanderung, denn ich wurde kreativ. Am Sonntag, 22.03., sechs Tage nach dem Lockdown, drehte ich – mit Abstand – mit einem Bekannten eine Runde durch den Wienerwald. Am Freitag, 27.03., machte ich erstmals mit dem Rad einen Ausflug und ging dann zu Fuß weiter. Die paar Stunden im Wienerwald mit Bäume umarmen taten unendlich gut, doch war es schwierig, aufgrund der vielen Ausflüger auch nur für Minuten alleine zu sein. In den vergangenen zwei Wochen bin ich zunehmend auf Radtouren umgestiegen, am vergangenen Freitag kam noch eine ausgiebige Radtour mit kurzer Wanderung hinzu. Die Not macht erfinderisch und so lernte ich die letzten fünf Wochen Gegenden von Wien kennen, die ich ohne diese Ausnahmesituation wohl nie besucht hätte. Es half auch dabei, ein paar Vorurteile über bestimmte Problembezirke abzubauen, und sollte es wieder nach einer gesicherten finanziellen Zukunft aussehen, weiß ich jetzt, dass ich ein paar Alternativen zum jetzigen, zentral gelegenen Wohnort habe.

Selbst gewähltes alleine sein versus erzwungene Einsamkeit

Ich wohne schon lange alleine. Man könnte meinen, es habe sich für mich durch den Lockdown wenig geändert. Doch es besteht ein Unterschied darin, ob ich mich freiwillig einen Tag in der Wohnung aufhalte oder ob ich durch äußere Umstände, die ich nicht beeinflussen kann, dazu gezwungen werde. Ich hab meine Einsamkeit immer damit kompensiert, viel zu wandern. Die letzten Jahre kamen Wandergruppen vom Alpenverein dazu, leider eine Altersetage höher und keine Gelegenheit, eine Wanderpartnerin kennenzulernen. Wenige Tage vor dem Lockdown wollte ich das ändern und schrieb jemanden an, dessen Kontaktadresse mir vermittelt wurde. Dass darauf keine Antwort mehr kam, ist eindeutig den veränderten Umständen geschuldet. Mit Abstand halten wird es künftig auch schwierig werden, sich auf einen Kaffee zu treffen oder gemeinsam auf einer Parkbank zu sitzen. Ich hab mir zu lange Zeit gelassen, andererseits habe ich bis 2015 damit gehadert, dass mein Autismus unentdeckt blieb und ständig Konflikte mit Kollegen oder Freunden daraus erwuchsen. Ich hab wahrscheinlich auch zu viel erhofft von Freizeitbekanntschaften, die nicht zu den engen Freundschaften wurden, die ich mir gewünscht hätte. Zwischen 2017 und 2019 empfand ich es als verlorene Zeit, die ich in Salzburg verbrachte. Ich lernte spät gute Bekannte kennen, vermisste aber regelmäßige Freizeitpartner und Freunde zum (tiefsinnig) Reden. Ich wollte schon bald zurück nach Wien, obwohl ich wusste, dass der Job viel fordernder werden würde. Doch war ich bereit, das in Kauf zu nehmen, wenn ich dafür den gewohnten Bekannten- und Freundeskreis wieder in meiner Nähe hatte. Ich hab mich durch das Jahr 2019 durchgebissen, trotz vieler Rückschläge, mit dem Knochenmarködem, was meine Urlaubspläne zunichte machte und meine Mobilität einschränkte, denn zu Fuß unterwegs sein war plötzlich ein Problem. Ohne zu übertreiben, von einer echten Gehbehinderung war ich weit entfernt, aber vieles war eben mühsamer als vorher und ich musste lernen, geduldig zu sein und mich mehr über das zu freuen, was möglich war. Das ging nicht von heute auf morgen.

Mobilität ohne Auto

Schon in diesem Jahr wünschte ich mir, dass ich regelmäßige Fahrpraxis hätte und ein Auto wieder eine Option gewesen wäre. Ich wollte damals aus ideologischen Gründen keines, ich war stolz darauf, alle alleinigen Wandertouren per Öffis zurücklegen zu können, und mein Autismus stand mir im Weg: Multitasking, andere Verkehrsteilnehmer, Beifahrer, das verursachte höllisch Stress bei mir. Ich schwitze zudem sehr stark und nach jeder Autofahrt tropfte es vom Lenkrad, sehr unangenehm für jeden, der sich nach mir ans Steuer setzte, und unangenehm auch für mich, wenn ich beinahe vom Lenkrad abrutschte. Ohne Handschuhe wäre es gar nicht mehr gegangen, aber ich hörte vorher auf.

Im letzten Herbst sah es so aus, dass mein Knochenmarködem langsam abheilte, ich konnte wieder mehr belasten und alllmählich neue Pläne schmieden. Für dieses Jahr hatte ich mir wenig Gruppenurlaube und dafür mehr Kurzurlaube alleine vorgenommen, wo ich spontan entscheiden konnte, wo ich hinfuhr und wie stark ich belasten konnte. Mit der neuen Ausgangssituation stehen die Urlaube noch, aber ich kann sie nicht mehr nutzen, weil alle Unterkünfte noch bis mindestens Juni geschlossen sein werden. Danach ist fraglich, wie sie geöffnet werden können, und wenn ganz Österreich gleichzeitig im Inland bucht, komme ich garantiert wieder zu spät – denn ich muss mich weiterhin nach Destinationen richten, die mit öffentlichen Verkehrsmitteln erreichbar sind. Ich hab meine Pläne inzwischen stark abgespeckt, ich möchte nur ein paar Tage aus Wien heraus kommen, das ist die Mindestanforderung. Ideal wäre natürlich eine Hütte in den Bergen, aber solange es keinen Impfstoff gibt, ist es unvorstellbar, die Nacht auf engstem Raum gemeinsam mit Fremden zu verbringen. Selbst ein Mindestabstand und nur halb gefülltes Lager wäre ohne Fenster auf Durchzug eine Einladung für das Virus. Die letzten Wochen hab ich das Auto sehr vermisst, es hätte mir mehr Mobilität gegeben und wenn man schon nirgends übernachten darf, hätte man sein Auto irgendwo abgelegen abstellen und darin übernachten können.

Ab morgen beginnt Phase 2: Lockerung mit Vorsicht

Die Maßnahmen in Österreich wurden früh gesetzt, als die offiziellen Fallzahlen noch nicht so hoch waren. Inoffiziell hat die Regierung schon vom Versagen Ischgl gewusst und diese drastischen Schritte gesetzt, um eine weitere explosive Ausbreitung im Keim zu ersticken. Morgen öffnen Bau- und Gartenmärkte, die Schulen bleiben weiter geschlossen. Im Zwei-Wochen-Rhyhthmus möchte man abhängig von der Entwicklung der Fallzahlen weitere Geschäfte öffnen. Zudem darf man ab morgen wieder öffentliche Verkehrsmittel uneingeschränkt benutzen, also auch zum Ausflug ins Freie – mit Mindestabstand und Mund-Nasen-Schutz. Das bringt mir ein signifikantes Maß an Mobilität zurück. Nur, weil bestimmte Geschäfte wieder aufmachen, und diese Woche sicherlich ein Run einsetzt, muss ich aber nicht mitmachen. Ich kann warten, ein paar Sachen noch online bestellen.

Es ist derzeit eine Situation wie zu Silvester, die Vorsätze fürs neue Jahr. Kaum ernsthaft versucht, sie umzusetzen. Ich weiß, dass Regelmäßigkeit bei mir ein großes Problem ist. Regelmäßig sind bei mir derzeit nur die wöchentliche Biolieferung und meine täglichen Blogeinträge über aktuelle Entwicklungen und Gedanken zur Coronakrise. Ich hab mal ein paar Tage mein Rudergerät benutzt, dann aber aufgrund der Radfahrten und Wanderungen wieder aufgehört, zu unregelmäßig und zu kurz insgesamt für ein Training. Für 14 Tage Quarantäne oder einem erneuten Lockdown wäre ich aber gerüstet. Ich habs nicht geschafft, vor dem Schlafen gehen das Smartphone wegzulegen und zu lesen. Neue Routinen aufzubauen war von Beginn an schwierig mit täglichen Pressekonferenzen und Neuigkeiten, unheilvollen Ankündigungen der Politiker. “Neue Normalität”, “Die Ruhe vor dem Sturm” , “Bald wird jeder einen Todesfall in seinem Umfeld haben”, “Es wird uns noch monatelang begleiten”, “Es wird keine Reisefreiheit vor einem Impfstoff geben”. Ich mach mir keine Illusionen darüber, dass alle Aussagen zutreffend sind. Nur sollten solche Aussagen von Politiker im Anschluss von einem Arzt und auch von einem Psychologen mit unterstützenden und auffangenden Informationen begleitet werden. Die Zukunftsangst ist unerträglich. Depressive Phasen kommen in Wellen, bevorzugt am Abend.

Apropos Zukunft: Wie geht es jetzt weiter?

Diese Betrachtung hängt von zwei Faktoren ab:

Was kann ich für mich tun und wie kann den neuen Status Quo am besten akzeptieren?

Mir haben die Radausfahrten der letzten Wochen gut getan, es hat Spaß gemacht, auch wenn die Vorausplanung länger dauerte, denn ich musste für die Anfahrt zusätzliches Essen und Trinken einplanen. Es spricht also nichts dagegen, weiterhin Radtouren zu planen, etwa entlang vom Marchfeldkanal oder in die Lobau. Und wenn es realisierbar ist trotz der zusammengestrichenen Fahrpläne, auch von Laa an der Thaya nach Retz (ohne tschechischen Abschnitt), auch beim Heidentor wäre ich gerne mal vorbeigefahren und hätte eine Runde über Bruck an der Leitha gedreht. Passt, Radfahren kann also bleiben. Das Biokisterl ist zwar ganz nett, aber ich verschätze mich immer noch mit den Mengen. 1kg Zwiebeln die Woche ist zu viel. Die Wurst/Käse-Auswahl wechselt wöchentlich, aber das ist eine Veränderung, die ich ertrage, das erspart mir Zeit im Supermarkt. Leider ist es wegen dem Schichtdienst auf Dauer schwierig, immer Mittwochs frei zu bekommen, wenn geliefert wird, und sobald Massagen wieder erlaubt sind (die Mittwochs in der Firma angeboten werden), zieh ich jede Massage einem überteuerten Biokisterl vor. Das wird also auf Dauer verschwinden. Sonst möchte ich ein paar Tagestouren im Wienerwald machen und soweit verantwortbar, auch wieder entferntere Ziele, um so lange wie möglich die Zeit zu nutzen, wo ich finanziell und jobmäßig noch abgesichert bin. Wenn die große Depression über uns hereinbricht, wird zwar manches wieder billiger (Ölpreisverfall), aber vieles womöglich drastisch teurer. Ich weiß also nicht, wie lange ich noch guten Gewissens meinen Lebensstandard halten kann, für den ich so viele Jahre gekämpft habe, die Kindheitstraumata und das Mobbing überwunden schienen.

Und das führt mich zum zweiten Teil, der neuen Normalität. Die besteht darin, dass wir bis zur Produktion und Verteilung eines Impfstoffs mit diesem Virus leben müssen. Die Gefahr einer Ansteckung wird zum täglichen Begleiter. Das Sterben gehört zum Leben dazu. Ganz etwas Neues. Was bleiben darf: Im öffentlichen Raum Abstand halten statt Gedränge, und Masken in den öffentlichen Verkehrsmitteln der Stadt. Ob sie in einem halbleeren Zug sinnvoll sind, und man unterwegs dann nichts mehr essen und trinken darf, sei dahingestellt. Es geht um Risikominimierung, und das für einige Monate oder Jahre. Wenn ich also bewusst in den Bus oder Zug steige, um eine Tour zu machen, wird mir bewusst sein, dass ich mich einem erhöhten Risiko aussetze. Ein Risiko, das ich nicht hätte, wenn ich auf die Bus- oder Zugfahrt verzichten würde. Aber wie vorher angedeutet, wenn die Depression kommt und das ganze System wackelt, wer weiß, wie oft ich noch Gelegenheit haben würde. Risiko reduzieren ja, aber aufhören zu leben und sich nur daheim einschließen, ohne einen konkreten Zeithorizont, wann man wieder unbeschwert leben darf? Was ist, wenn sich währenddessen die eigene Gesundheit verschlechtert, ein Unfall, oder man das Pech hat, die volle Virusdosis abzubekommen und schwer erkrankt mit irreparablen Lungenschäden? Dann hatte ich nichts von meiner Zurückhaltung. Wichtig bei all diesen Betrachtungen ist nur, im Hinterkopf zu behalten, dass man andere nicht gefährdet, und speziell nicht die sogenannten Risikogruppen. Das führt zur schmerzvollen Auseinandersetzung mit der eigenen Gesundheit.

Aufgrund meiner Chromosomenvariante 47,XXY ist mein genetisches Risiko, im Laufe des Lebens Diabetes und kardiovaskuläre Erkrankungen zu entwickeln, deutlich erhöht. Ich würde dann exakt ins Risikoprofil fallen. Ich habe die letzten Jahre meinen Bewegungsdrang und meine vielen Wanderungen im Jahr immer als Lebensversicherung betrachtet, um den Zeitpunkt X möglichst lange hinauszuzögern. Das gilt für mich jetzt mehr als vorher. In gewisser Weise seh ich mein Beispiel stellvertretend dafür, was passieren würde, wenn man jetzt Risikogruppen zuhause einsperrt und die gesundheitliche Versorgung für sie längere Zeit zurückfährt. Was würde wohl passieren? Ihre Lebensqualität nimmt ab, chronischen Erkrankungen verschlimmern sich, die Gefahr, dass sich Risikoprofile wie in meinem Fall erst verschärfen, nimmt zu, die Lebenserwartung nimmt auch ohne Corona ab. Dazu die ignorierten Auswirkungen von chronischem Stress, Angstzuständen und Einsamkeit. Wen wollte man nochmal schützen? Ich glaube, ganz so leicht ist es nicht, Entscheidungen zu treffen, wie uns die Politik weißmachen will. Nicht einmal Ärzte an der Front können das. Dafür ist es gut, Public-Health-Experten zu haben, Gesundheitsexperten, die das big picture im Auge behalten, die berüchtigte vierte Welle von Spätfolgen ausbleibender Behandlungen und Berücksichtigungen. Darüber wird leider noch zu wenig geredet. Die aktuellen Zahlen zeigen seit Beginn an, dass es nicht gelungen ist, die Alten zu schützen, sie haben inzwischen die höchste Infektionsrate in der Bevölkerung. Vielleicht müssen wir die Alten besser aufklären als die Jungen. Vielleicht haben wir aber auch nur zu lange die Alten- und Pflegeheime vergessen. Ich weiß nur, dass ein monatelanges Leben in der Isolation für niemanden erstrebenswert sein kann. Niemand weiß, wie das Weiterleben aussehen wird in den nächsten Monaten oder Jahren. Ohne soziales Auffangnetz weiß man derzeit nicht einmal, ob es lebenswert sein wird, alt zu werden. Die Politik sollte jetzt die Voraussetzungen schaffen, diese Angst zu nehmen (Grundeinkommen, Pensionserhöhungen). Das gehört geklärt, bevor uns die Politiker erklären, wie wir ab jetzt für Monate oder Jahre leben sollen.