Tag 35: Populismus und Fakten

Gegen Depressionen, Angst und chronischen Stress

Im gestrigen Podcast [31] hat Dr. Drosten angesprochen auf die Joggerstudie offen zugegeben, dass er sich da nicht gut genug auskenne, er schätze aber das Risiko im Freien eher niedriger ein, weil die Tröpfchen schneller austrocknen und das Virus verdünnt wird. Ich komme gleich darauf zurück….

Reinfektion

Wichtiges Thema. Größte Furcht für verängstigte Menschen ist, dass man nach einer durchgemachten Erkrankung nicht immun ist, sondern sich erneut infizieren kann. Oder dass sich das Virus nur schlafend stellt wie Herpesviren und bei bestimmten Bedingungen reaktiviert werden können. Drosten führt die Berichte um Reinfektionen auf die asiatische Kultur zurück. Dort gibt es strikte Regeln. Wenn jemand zwei Mal negativ getestet wurde, gilt er als geheilt. Wird er dann erneut positiv getestet, als reinfiziert. Er vermutet aber stark, dass diese Ergebnisse mit der schwankenden Nachweisgrenze des Virus zusammenhängen. Sein anschaulicher Vergleich:

Ein Planschbecken mit Goldfischen und jemand nimmt mit verbundenen Augen einen Eimer heraus, mal sind Fische drin, mal nicht. Am Ende der Krankheit sind immer weniger Viren vorhanden, immer weniger Goldfische. Man erwischt auch mal einen Eimer ohne Goldfische, der Patient wird als geheilt entlassen. Problematisch ist vor allem die Art des Nachweises:

  • Lungensekret bleibt nach der Entlassung viel länger positiv, ist aber nicht mehr infektiös
  • Der Rachenabstrich wird am frühesten negativ, mit Beginn der zweiten Krankheitswoche, Stuhl und Sputum aber noch positiv
  • Stuhlproben bleiben länger positiv, aber nur totes ausgeschiedenes Virus

Das alles kann dazu führen, dass jemand erneut positiv getestet wird. Echte Reinfektionen sind aber weiterhin sehr unwahrscheinlich.

Höhere Infektionsrate als angenommen?

Das zweite Video, das ich mir angeschaut habe, war wieder von Dr. John Campbell. Er seziert auf verständliche und anschauliche Weise die kürzlich veröffentlichten wissenschaftlichen Artikel. In China wurde eine neue Studie veröffentlicht. Demnach sind rund 80% der Infektionen asymptomatisch. Festgestellt wurde das bei 130 von 166 Infektionen bis 1. April, großteils vom Ausland eingereist. Sie fühlten sich gut, wurden aber positiv getestet. Campbell schließt daraus, dass das Virus schon wesentlich länger zirkulieren könnte (3-5 Wochen!). Umso wichtiger sei es, asymptomatische Patienten zu erkennen und von anderen zu isolieren. In China wurden 43000 asymptomatische Infizierte durch Contact Tracing ausfindig gemacht.

Er führt ein weiteres Beispiel an, von einem Mediziner (Sergio Romagnani) der Uni Florenz. In Norditalien wurde ein Ort untersucht, 3000 Menschen wurden getestet. Der Großteil wies keine Symptome auf, wurde aber positiv getestet. Nachdem man symptomatische und asymptomatische Infizierte isolierte, ging die Zahl der Leute mit Symptomen innerhalb von zehn Tagen um 90% zurück.

Schlussfolgerung: Es ist sehr wohl möglich, das Virus effektiv einzudämmen, aber es sind viele Tests möglich, und nicht wie bisher die Fokussierung auf symptomatische Infektionen.

Randnotiz: In Österreich gibt es weiterhin sehr wenige Tests. Es gibt dutzende Berichte darüber, dass nicht einmal Verdachtsfälle mit Symptomen getestet werden, weil als Kriterium immer noch die Risikogebiete gelten. Obwohl man längst vom „community spread“ ausgehen muss. Zwar ließen sich zuletzt 57% aller Infektionen auf Ischgl zurückführen, aber das heißt im Umkehrschluss, dass sich die restlichen 43% woanders angesteckt haben. Es wäre unfassbar wichtig, wenn man anfinge, ganze Ortschaften durchzutesten, egal, ob Symptome vorliegen oder nicht. Oder wenn es einen Arbeitskollegen erwischt, alle Arbeitskollegen testen.

Populismus

Von den Fakten nun zum Populismus. Ich hatte es letzte Woche schon befürchtet und nun ist es eingetreten. Vizekanzler Kogler hat neue Abstandsregeln für Läufer und Radfahrer definiert und bezieht sich dabei auf die umstrittene Modellstudie von Aerodynamikern und Ingenieuren, während Virologen und Epidemologen eine andere Sichtweise haben.

20 Meter Abstand halten soll man beim (schnellen) Radfahren. Das trifft wieder einmal vor allem alle, die in der Stadt wohnen und sich bewegen wollen. Denn Radwege sind schmal, Überholen geht oft nicht einmal, und wenn Familien mit Kindern unterwegs sind, bilden sich schnell Staus. Ich werd ab sofort wohl auf die Straße ausweichen müssen, wo immer es möglich ist.

Virologen sehen die Gefahr im Freien – siehe meine einleitenden Sätze – als gering an. Der Nutzen, sich draußen zu bewegen, überwiegt bei weitem den Risiken. Die AGES betont wiederholt, dass das größte Risiko im engen Kontakt bestehe, im Haushalt, am Arbeitsplatz, speziell auch in den Arztberufen, im längeren Kontakt, mindestens 10-15 Minuten. Es geht um Risikominimierung, es ging nie darum, das Risiko auf Null zu setzen, das betonen auch Epidemologen! Es geht um Sozialkontakte verringern, nicht auf Null zu setzen. Denn das langfristige Ziel wird sein, die Bevölkerung kontrolliert zu infizieren, ohne das Gesundheitssystem zu überlasten, bis ein Impfstoff entwickelt wurde, und das wird noch lange dauern.

In der heutigen Berichterstattung sieht man viele neue Verhaltensregeln für Menschen, die nach draußen gehen, zusätzlich zu den bestehenden Regeln:

  • Neue Abstände beim Gehen, Laufen, Radfahren
  • Weiterhin nur alleine oder mit Personen aus dem eigenen Haushalt nach draußen gehen
  • Bekannte oder Freunde treffen wird von der Polizei scharf kontrolliert (Schlüsselkontrolle selbst beim Mitbewohner)
  • Und als wichtigste Regel wird kommuniziert: Bleiben Sie so weit wie möglich zu Hause,

Und ich halte das inzwischen für absolut fatal und kontraproduktiv. Ich stütze mich dabei auf die Expertenmeinungen, die ich in den vorherigen Blogtexten (und neu im Menüpunkt GESELLSCHAFT) aufgeführt habe, und auf meine persönlichen Erfahrungen. Die sehe ich durch diesen Artikel über die Folgen von Kontaktsperren bestätigt.

Denkanstoß: Wie vielen Menschen geht es wohl so ähnlich wie mir?

Ich wohne alleine. Von heute auf morgen fielen alle Sozialkontakte weg. Ich lasse so viel Hausverstand walten, dass ich die liebsten Menschen, die sich in der Risikogruppe befinden, nicht mehr umarme oder in ihrer Wohnung besuche. Von heute auf morgen sind alle Urlaubspläne weggefallen, samt Möglichkeiten, neue Bekanntschaften zu schließen. Gemeinsame Ausflüge sind nicht mehr erlaubt. Der Bundesgarten nebenan war einen Monat lang geschlossen. Ich durfte keine öffentlichen Verkehrsmitteln benutzen. Wann immer ich draußen war, brauchte ich einen triftigen Grund dafür. Der soziale Druck ist gestiegen. Denunzianten gibt es überall. Die führenden Politiker kommunizieren das Rausgehen wie Bewährungsauflagen für bedingt verurteilte Straftäter. „Wenn es unbedingt sein muss.“ – „Wenn Ihnen die Decke auf den Kopf fällt.“

Was aber kaum und vor allem nie offensiv gesagt wird:

Es ist gerade in dieser Situation die beste Gegenstrategie, nach draußen zu gehen.

Es gibt bisher keine Beweise dafür, dass sich Menschen über ihren Laufpartner oder beim Gruppenradfahren angesteckt haben, aber es gibt unzählige Studien dafür, wie positiv sich Bewegung an der frischen Luft und stundenlange Waldspaziergänge auf das Immunsystem auswirken. Ebenso dafür, dass chronischer Stress krankmacht, die Immunabwehr schwächt. Ich kann das aus eigener Erfahrung bestätigen als „Chronischer Stresspatient“. Mein Autismus, die andere Wahrnehmung, die Nichtakzeptanz in der Mehrheitsgesellschaft, bedingen ein dauerhaft erhöhtes Stresslevel. Bei mir schlägt sich das vor allem auf den Magen mit wiederkehrenden Infektionen. Dauerhaft Stress bedeutet auch chronische Schlafstörungen und umgekehrt. In der jetzigen Situationen dürfte die Mehrheit in der Bevölkerung schlecht schlafen, dazu dauerhafte Sorgen und Ängste um die Zukunft. Die Gesamtsituation befeuert Stress und schwächt das Immunsystem! Was haben wir früher dagegen gemacht, was hab ich dagegen getan? Ich bin nach draußen gegangen, mit Zug und Bus in die Berge, und hab mich den ganzen Tag bewegt, mich abgelenkt, Sinneseindrücke aufgefangen, durch die Anstrengung Stresshormone abgebaut, und unwissentlich im Wald Terpene eingeatmet, die zusätzlich Stresshormone abbauen.

Ich seh drei wesentliche Ziele, die leider nicht mit den Zielen unserer populistischen Regierung, die nur nach Stimmung geht, übereinstimmen:

  • Vor allem Menschen mit körperlichen Vorerkrankungen und Ältere vor einer Ansteckung schützen (Abstand halten)
  • Die gesundheitliche Versorgung abseits von Covid19 gewährleisten, um Folgeschäden zu vermeiden
  • Menschen mit psychischen Vorerkrankungen und die durch den Ausnahmezustand hohem psychischen Stress ausgesetzt sind, so lange gesund wie möglich zu halten, damit sie im Fall einer Ansteckung nicht wehrlos gegenüber dem neuen Virus sind

Die Gesundheit aller Menschen erhalten, nicht nur auf Covid19 beschränkt und vor allem nicht kurzfristig.

Die Botschaft der Regierung lautet dagegen:

„Körperlich aktive Menschen sind eine Bedrohung für inaktive Menschen.“

(ein Bewegungscoach und Neurowissenschaftler)

Zurück zum Denkanstoß. Die Welt hat sich verändert, wir werden noch sehr lange mit dieser veränderten Realität leben müssen. Ich weiß derzeit nicht, ob und wann ich meinen Bruder und meine Eltern in Deutschland wiedersehen werde, ob ich sie noch einmal in die Arme schließen kann. Das Gleiche gilt für enge FreundInnen. Die Welt war für mich vorher schon eine mentale Herausforderung. Der Stress ist jetzt nicht weniger geworden. Der Grat ist momentan sehr schmal, nicht in eine tiefe Depression abzustürzen. Meine früheren Kompensationsstrategien, die Wanderurlaube und ausgiebige Tagestouren, sind nicht mehr umsetzbar. Längere Fahrten mit aufgesetzter Maske sind sehr unangenehm und das Risiko in einer vollen U-Bahn trotz Maske wahrscheinlicher höher als in einem Pulk von Radfahrern. Ich werde trotzdem alles daran setzen, weiter meine Wanderungen zu machen, auch weiter weg zu sein, den ganzen Tag draußen zu sein. Ich hab meine genetischen Risikofaktoren, die derzeit noch schlafen, aber bei zuviel Inaktivität ausbrechen können, und ich weiß, dass ich viel viel Stressbewältigung brauchen werde, um die Monate oder Jahre bis zu einer breiten Immunisierung der Bevölkerung durchzustehen, und ist nicht einmal eingerechnet, dass die berufliche Perspektive unsicher geworden ist, dass ich selbst erkranken kann, dass es Freunde schwer treffen kann.

Ich werde weiterhin körperlich aktiv sein – mit Hausverstand, aber ohne Hysterie. Nur sehe ich, dass der Regierung jeglicher Hausverstand abhanden gekommen ist, dass ihre Politik auf Dauer mehr Menschenleben gefährdet als schützt. Dieser Politik muss ich mich nicht unterordnen. Es gibt rote Linien.