Tag 39: Reichweitenverantwortung

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Ausblick auf Wien von der Perchtoldsdorfer Heide, 17. April 2020

“No model will take into consideration the increase in family violence. No model will track the number of suicide from financial loss, job loss. No model will track the number of people who will die of other conditions because they could not access care during covid. No model will show the increase in addiction, overdoses because of the situation. No model will track the number of divorces. And more importantly, no model will track who has profited from this, and no model will track how our rights and freedom have been violated.” – Patricia Careau

Je größer die Reichweite, desto größer die Verantwortung gegenüber den Lesern und der Bevölkerung. Die Chemikerin und Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim klärt auf ihrem Youtube-Kanal anschaulich über Covid19 auf und widmet sich im heutigen Beitrag der Wissenschaftskommunikation von Experten. Hier vergleicht sie die derzeit wohl prominentesten Virologen von Deutschland, Drosten, Streeck und Kekulé, und beurteilt ihre Performance anhand von WHAT? (inhaltlich verständlich?) und SO WHAT? (was hat das für Auswirkungen?) -Fragen.

In Österreich ist es ungleich schwieriger, an regelmäßige Informationen aus erster Hand zu kommen. Lediglich der Genetiker Josef Penninger ist hervorzuheben, einer der wenigen international bedeuteten Naturwissenschaftler aus Österreich, der aktuell an einem Medikament forscht, das bereits Erkrankten einen schweren Verlauf ersparen soll. Placebokontrollierte Studien laufen bald und könnten bis Juni abgeschlossen sein. Regelmäßige Infos aus erster Hand gibt es leider in Österreich nicht.

International gibt es hingegen noch mehr Expertinnen und Experten, die gewillt sind, die Öffentlichkeit sachlich zu informieren, z.b. Dr Edsel Salvana von den Philippinen, dessen Beiträge ich zu einer der besten zähle, die es derzeit zu lesen gibt. Regelmäßig kritische Analysen liefern auch Dr. Angela Rasmussen (Virologin), Dr. Krutika Kuppalli (Gesundheitsmedizinerin, Infektiologie, Pandemievorbereitung), Helen Branswell (Wissenschaftsjournalistin, Infektionskrankheiten), Nathalie E. Dean (Assistenzprofessorin für Biostatistik, Infektionskrankheiten, Impfstoffe), Caitlin Rivers (Epidemologin am Johns Hopkins Center). Aus Deutschland hervorheben möchte ich noch Prof. Dr. Christina Hölzel (Mikrobiologin). Es gibt sie also sehr wohl, die weiblichen Experten, die aktiv an Wissensdurstige herantreten.

Die Verantwortung mit der Reichweite obliegt aber nicht nur den Wissenschaftlern, sondern auch den Medien, über die sie kommunizieren. Drosten beklagte sich zuletzt immer wieder in seinen Podcast-Interviews, dass seine Aussagen aus dem Zusammenhang gerissen wurde. Deutsche Medien versuchten gar, einen Streit zwischen ihm und Streeck über die Heinsberg-Studie zu inszenieren, später betonte Drosten, dass er die Heinsberg-Studie für extrem wichtig halte und glaube, dass das eine gelungene Veröffentlichung werden würde.

Und das führt mich zu einer Aussage, die ich gestern in Österreich auf vielen seriösen Onlineportalen (z.b. ORF, Standard) lesen musste:

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Screenshot Google, 19.04.20, 12.27 MESZ

Infektiologe Wenisch: „Einen normalen Alltag gibt erst nach Covid. Das wird frühestens im 2022er, 2023er-Jahr sein, wenn die Impfung da ist. Alles andere wäre verfrüht zu sagen“.

Ich halte eine derartige Aussage ebenfalls für verfrüht, vor allem macht sie eines: Angst, um nicht zu sagen, Panik. Sie ist zum jetzigen Zeitpunkt auch nicht seriös, weil wir vieles über das Virus noch gar nicht wissen. Und da geht es nicht einmal um die Impfstoffentwicklung, die – wenn sie nach dem Vorsorgeprinzip vonstatten gehen soll – wahrscheinlich länger dauern wird als viele hoffen, sondern darum, wie schnell sich das Virus überhaupt ausbreitet und über welche Situationen das vorrangig geschieht.

  • So wurde erst kürzlich die Falldefinition für eine Erkrankung durch COVID19 geändert, die jetzt auch den plötzlichen Verlust von Geruchs-/Geschmacksinns inkludiert, während Fieber als Leitsymptom weggefallen ist. Das erhöht zumindest jetzt im Sommer die Trefferquote beim Nachverfolgen der Infektionsketten.
  • Weiters kratzen wir erst an der Oberfläche der Frage, wie groß der Prozentsatz an Infizierten in der Bevölkerung ist, die die Erkrankung durchwegs symptomfrei durchgemacht haben. Dazu gibt es eine relativ neue Studie aus Italien, bei der bei zwei Untersuchungen 43% aller Infektionen asymptomatisch waren. Die meisten Infektionen fanden vor dem Lockdown durch „community spread“ statt bzw. durch symptomfreie Infektionen im gemeinsamen Haushalt.
  • In einem Sample mit 200 zufällig ausgewählten Leuten in Chelsea, einem Teil von Boston, der schwer von Covid19 getroffen wurde, sind ein Drittel positiv auf Antikörper getestet worden. Im Gegensatz zur gestern erwähnten Studie aus Santa Clara, Kalifornien, die inzwischen heftig kritisiert wird wegen Selection bias, hat man in Chelsea Leute zufällig auf der Straße angehalten. Außerdem bekamen sie ihre eigenen Ergebnisse nicht, weshalb die Motivation an der Teilnahme geringer gewesen sein dürfte als in Santa Clara. Außerdem wurden Leute ausgeschlossen, die aussagten, dass sie bereits einmal positiv getestet waren.
  • In einem früheren Podcast hat Dr. Drosten angesprochen, dass weiterhin unklar ist, warum Kinder vielfach keine oder nur geringe Symptome zeigen bzw. nicht erkranken. Generell wäre es nicht ausgeschlossen, dass eine Kreuzimmunität vorhanden sei durch die sich bereits im Umlauf befindlichen gewöhnlichen Corona-Erkältungsviren. Diese könnten zumindest etliche Verläufe abschwächen, weshalb über 80% der Infektionen „mild“ verlaufen (unklar allerdings, wie hoch der Prozentsatz an langwierigen Lungenschäden ist). Wenn man Kinder abzieht, bräuchten wir vielleicht nur 50% für eine Herdenimmunität, nicht 70%. Das ginge dann schneller.
  • Fortschritte sind wohl auch noch in der Sensitivität und Spezifizität von Schnelltests für das Virus und auf Antikörper zu erwarten, was auch ohne Tracing Apps erleichtern könnte, weite Teile der Bevölkerung durchzutesten und erkannte Infektionen zu isolieren. In den USA wird von der FDA bald ein neues Selbsttestverfahren mit Teststäbchen für zuhause zugelassen, dann müssten Infizierte nicht mehr ins Spital kommen und verringern das Risiko des Gesundheitspersonals, sich anzustecken.
  • Der Infektiologe Dr. Salvana, Philippinen, hat gestern betont, wie wichtig es sei, auch symptomfreie und präsymptomatische Patienten zu erfassen. Der PCR-Test übersieht ein Drittel aller Fälle und Antikörpertests übersehen nahezu alle Fälle, wenn sie fünf Tage vor den ersten Symptomen stattfinden, weil die Viruslast in den oberen Atemwegen noch zu gering ist. Auch negativ getestete Personen können später Krankheitssymptome entwickeln und sollten nochmals getestet werden. Alle symptomfreien Patienten, die in engem Kontakt mit einem positiven Fall waren, sollten 14 Tage lang isoliert werden, unabhängig davon, ob sie getestet wurden.

Das Virus verhält sich ein wenig wie die Prognose eines Gewitters. Wenn die Anfangsbedingungen nicht gut erfasst wurden, kann die Prognose nicht gut modelliert werden. Dann gibt es zwar zum Zeitpunkt Null Gewitter im Modell, aber nicht in der Realität. Und egal, wie die Trajektorie verläuft, sie wird die Realität nicht abbilden können, weil das ziehende Gewitter gar nicht vorhanden ist. Deswegen halte ich es für verfrüht, jetzt schon Aussagen abzugeben, ab wann eine Rückkehr zum Alltag möglich ist, das ist aus mehreren Gründen daneben:

  • Aufgrund der bestehenden Unklarheiten, wie hoch die Immunität in der Bevölkerung wirklich ist, durch symptomfreie Infektionen, durch unbekannte Grundimmunität (vor allem bei der jüngeren Bevölkerung), aber auch durch die derzeit bestehenden Ungenauigkeiten der Testverfahren, fehlen uns die Anfangsbedingungen, um in die Zukunft zu extrapolieren.
  • Als Nächstes stellt sich die Frage, wie lange realistischerweise die Bevölkerung die Verringerung von Sozialkontakten erträgt. Wenn sie früher die Nerven wegschmeißt, steigen die Fallzahlen rascher an, die Epidemie ist dann früher vorbei, mit hohem Preis zwar, aber die Herdenimmunität würde erzwungenermaßen früher erreicht.
  • Die Folgen des Lockdowns werden zu wenig berücksichtigt. In den USA und in UK ist das Thema Übergewicht brisant, denn zu viel Körperfett stört die Immunregulation und fördert ein überschießendes Immunsystem, das für schwere Atemnot bei Influenza und anderen Atemwegsviren verantwortlich ist. Von den ersten 2204 Patienten auf den Britischen Intensivstationen waren 72,7% übergewichtig oder fettleibig.
  • Die Folgen des Lockdowns umfassen aber auch die psychische Komponente, nämlich wie sich zuhause sitzen auf das Risiko, Depressionen und in weiterer Folge Suizidgedanken auswirkt (vgl. Edwards and Loprinzi, 2016). Die Message der Regierung ist also völlig kontraproduktiv hinsichtlich der mentalen und körperlichen Gesundheit der Bevölkerung: Statt zuhause zu bleiben, sollte man sie dazu motivieren, aktiv zu sein und sich zu bewegen.
  • Letztlich ignorieren Experten durch ihren Tunnelblick die psychoszialen Folgen eines angedeuteten jahrelangen Lockdowns, insbesondere im Hinblick auf Menschen, die alleine leben und/oder zur Risikogruppe gehören und für Jahre gezwungen wären, keine regelmäßigen engen Kontakte zu haben. Genauso wird ignoriert, dass es in zwei, drei Jahren keine Gasthäuser mehr gibt, keine Kultur, keine Sportereignisse, keine Musikkonzerte, schlicht, weil dann nicht nur alle pleite sind, sondern auch der Staat ohne Einnahmen pleite ist.

Das bringt mich zum Zitat am Beginn des Texts. Zu Tode gefürchtet ist auch gestorben, genauso: Ob mich das Virus dahinrafft oder eine in Aussicht gestellte jahrelange soziale Enthaltsamkeit, ist auch schon egal. Völlige Social Media-Enthaltsamkeit hätte mich gestern davor bewahrt, die Jahreszahl „2022“ lesen zu müssen und aufkeimende Panik und düstere Gedanken mühsam zu unterdrücken. Doch ist das leichter umsetzbar, wenn man die Pandemie mit dem Partner oder Familie durchstehen kann, so ist Twitter momentan mein Nabel zur Welt (war es vorher autismusbedingt auch schon, aber jetzt natürlich noch mehr). Nachdem ich kein Einzelfall sein dürfte von Menschen, die durch „es wird noch Jahre dauern“ zutiefst verstört werden, weil sie derzeit nicht einmal wissen, wie sie die kommenden Wochen durchhalten sollen und Existenzängste hinzukommen, halte ich solche Aussagen für unprofessionell und empathielos.