Tag 49: Wo stehen wir jetzt?

8Wer denkt, ich könnte einmal einen Tag aussetzen mit Romane schreiben, irrt. Ich hab für heute mehrere Punkte auf der Agenda. Ich habe auch die Menüstruktur weiter unterteilt, damit nicht zu viele Links auf einer Seite landen.

Zuerst eine Wuchtel, die mir heute Vormittag nach dem Aufwachen eingefallen ist:

Die Gefahr ist nicht die naive Grundimmunität, sondern die immune Grundnaivität.

Die ideologische Agenda von Kurz ist gefährlich

Viele Mitmenschen, von denen ich dachte, sie seien grundvernünftig, plappern plötzlich die Mär davon nach, dass BK Kurz „richtige Maßnahmen“ gesetzt habe. Sie lesen offenbar kaum kritische Berichterstattung dazu und sind blind für die tiefergehende Agenda, die mit vielen Maßnahmen impliziert ist. Damit meine ich nicht die Ausgehbeschränkungen an sich, sondern alles, was über das physical distancing hinausgeht und tief in unsere Grundrechte und den Sozialstaat eingreift. Ich hab die Phase der Blindheit selbst gehabt. Als man die Bundesgärten gesperrt hat, schlug ich selbst vor, man könnte doch Drohnen einsetzen zur Überwachung des Abstand halten. Das war in der ersten und zweiten Woche, als ich zugegeben sehr emotional und sprichwörtlich durch den Wind war, nicht mehr klar denken konnte. Einige kluge Mitmenschen haben mir gleich einen Riegel vorgeschoben, dass Freiheit nicht zulasten von totalitärer Überwachung gehen darf, dass hier rechtliche und demokratische Grenzen überschritten werden, die vielleicht nicht mehr so leicht zurückgenommen werden. Ich habe es dann eingesehen und mich später dafür geschämt, dass ausgerechnet mir so ein Gedanke gekommen ist. Wachsam bleiben, das ist die Devise der nächsten Monate und sie hätte sie schon die letzten Jahre seit der Machtergreifung von Kurz in der ÖVP und dann mit der FPÖ sein müssen, als begonnen wurde, den Staat umzubauen. Über das wie habe ich schon genügend geschrieben.

Dazu zwei Zitate:

„A society’s greatness is measured by how it treats its weakest members.“

Mahatma Gandhi.

Transparency matters enormously in handling the Covid19 crisis, both for public confidence and for quality of public decision making.

David Davis, Conservative Member of Parliament for Haltemprice and Howden, UK

Wo und bei wem steckt man sich jetzt noch an?

Zu Beginn der Pandemie, als noch nicht bekannt war, wie ansteckend das Virus ist, herrschte business as usual – man ging krank in die Arbeit oder ließ sich nach drei Tagen wieder gesund schreiben, obwohl es einem dreckig ging. Es leben Parkemed und Neocitran! Natürlich fuhr man auch krank in den Urlaub, ging krank in Discos und Restaurants. Wenn man frei hat, muss das schließlich genutzt werden. Eine Menge an Infektionen ging vermutlich auf symptomatisch Infizierte zurück, die – wie einmal angemerkt wurde – mehr Auswurf von Viruspartikeln im Rachen (Husten, Niesen) aufweisen als symptomfreie Infizierte, die das nur durch Atemluft, Singen und Schreien tun, d.h., man hielt vielleicht Abstand zu jemandem, der hustet, aber in geschlossenen Räumen verbreitete sich das Virus natürlich trotzdem.

Dann kam der Lockdown und das physical distancing. Virologe Drosten hat geäußert, dass sich nur rund 10% über Kontaktinfektion anstecken (darunter fallen alle Ansteckungen durch Berührung über die Hände, wie Umarmungen, Hand geben, infektiöse Oberflächen berühren) und rund 90% über Tröpfcheninfektion, also im engen Kontakt mit der infizierten Person. Die Journalistin und und ehemalige Lehrerin Melisa Erkurt schrieb heute im FALTER, dass sie sich schon früher oft die Hände für 30 Sekunden gewaschen und desinfiziert habe, sich aber trotzdem mit Grippe durch einen Schüler angesteckt habe. Hygieneregeln sind sicherlich wichtig, aber sie schützen nicht ausschließlich vor Ansteckung, wenn die wichtigsten Regeln fehlen:

Abstand halten und für Verdünnung der Virenpartikel pro Raumeinheit Luft sorgen. Das zeigen auch die Untersuchungen in Großraumbüros oder Restaurants. Abstand alleine genügt nicht, wenn die Luft nicht ausgetauscht wird. In stehender Luft können sich die Partikel länger halten und bei längerem Aufenthalt in einem abgeschlossenen System mit einem oder gar mehreren Infizierten steigt die Infektionsgefahr deutlich an. Für Verdünnungseffekte genügen Frischluftzufuhr, eventuell auch große Raumluftumwälzer wie in Supermärkten oder modernen Büros. Ich kann da auch nur wiederholt auf die Lehren aus der Spanischen Grippe (Artikel von 2009)verweisen:  Feldlazarette statt Messehallen. Wenn die Regierungspolitiker jetzt also klarstellen, dass es nie ein Besuchsverbot gegeben habe, aber gleichzeitig private Treffen an öffentlichen Orten nicht nur kriminalisiert, sondern auch unverhältnismäßig bestraft werden, dann geht der Schuss nach hinten los. Gestern hab ich selbst das erste Mal seit Beginn der Ausgangsbeschränkungen beobachten können, wie sich in der Wohnanlage mehrfach junge Leute verabredet und gemeinsam gefeiert haben, ohne jegliche Abstände oder Hygieneregeln einhalten (Umarmungen, Händeschütteln). Drosten hat im Zib2-Interview mit Wolf gesagt, die Treffen sollten – wenn – dann im Freien stattfinden, und nicht in den Privatwohnungen. Wir müssen einfach mit einem Restrisiko leben müssen, aber wenn wir schon nicht in die Wohnungen hineinschauen können (Grundrechte!), dann soll man die Treffen im Freien nicht verteufeln.

Mit der Bewusstseinsschärfung und dem durchaus frühzeitig intelligentem System, dass Verdachtsfälle daheim bleiben und eine Nummer anrufen, statt in den Wartezimmern der Hausärzte und Ambulanzen andere Patienten anzustecken, konnte man die Verbreitung des Virus über symptomatische Infizierte massiv einschränken, das betraf gleichzeitig auch die Influenza. In mehreren Ländern endete die Influenzawelle abrupt. Die Mehrheit von Infizierten oder Verdachtsfällen mit Symptomen hält sich hoffentlich an die ausdrückliche Empfehlung, nicht unter Leute zu gehen. Leider herrscht auch die Anweisung, bei 14 Tagen Heimquarantäne die Wohnung nicht zu verlassen, dabei wäre Sonnenlicht (und Vitamin D) wichtiger denn je, siehe Lehren aus der Spanischen Grippe und Studien über die Auswirkung von Vitamin-D-Mangel auf den Verlauf der Erkrankung. Dann bleiben die Ansteckungen im eigenen Haushalt übrig, da gibt es aus Asien auch Anreize, Betroffene zu isolieren statt in der Familie zu lassen, wo sie weitere Angehörige anstecken können (wenn auch nur rund 15% und damit weit unter der Hälfte).

Die große Unbekannte sind die symptomfreien Infizierten, die das Virus jetzt vor allem in der Bevölkerung weiter tragen. Wobei sich da jetzt langsam was tut, was symptomfrei eigentlich bedeutet. Das könnte sich damit ändern, dass Covid19 nicht mehr als Lungenkrankheit verstanden wird. Man hat bereits frühzeitig entdeckt, dass über die Hälfte aller Infizierten den Geruchs- oder Geschmackssinn verliert, dann hat man bei jungen Betroffenen Sensibilitätsstörungen in den Zehen gefunden und zuletzt Hinweise auf eine systemische Gefäßentzündung bis hin zu erhöhter Gefahr für Thrombosen und dass die Blutgerinnsel in der Lunge dafür sorgen, dass die Sauerstoffzufuhr bei Beatmung erschwert wird. Indische und chinesische Forscher berichten, dass Covid19 ein HIV/Ebola-ähnliches Genom aufweise.

Spekulation als Laie: Kann man schon vor Auftreten der ersten Symptome anhand von Vitalmonitoring feststellen, ob man auffällige Veränderungen in der Lungenkapazität hat oder infektiös ist? Ich messe z.b. täglich Puls und Sauerstoffsättigung mit einem einfachen Finger-Pulsoxymeter. Ich habe ein Blutdruckgerät zuhause, ein Fieberthermometer und ein Fitnesstracker-Armband, das Herzfrequenz misst und den Schlafrhythmus errechnet. Der Ansatz muss doch letzendlich lauten, spezifische Symptome des Virus ausfindig zu machen, bevor es zu den klassischen Symptomen kommt. Wenn man kurzatmig wird, ist die Lunge bereits schwer bedient. Und selbst symptomfreie Infizierte können schwere Lungenschäden aufweisen, wie CTs von „Covid-Lungen“ zeigen.

Die Definitionsänderung für das Virus könnte – nach meiner Laieninterpretation – einen großen Sprung nach vorne bringen, auf welche Symptome eigentlich geachtet werden muss. Die AGES führt etwa Fieber nicht mehr als Leitsymptom auf, dafür die Anosmie als mögliche Begleiterscheinung.

Zu viele Regeln ohne Realitätssinn

Es gibt zu viele Regeln für alle Bereiche des Lebens und der utopische Versuch, das Risiko auf Null zu begrenzen. Wir werden mit einem Restrisiko leben müssen. Mich persönlich überfordert dieses Regelwerk, was dazu führt, dass ich vorerst weitermache wie bisher: Den Einkauf auf wenige Geschäfte beschränken, weiterhin bestellen und liefern lassen, wo möglich. Entweder besteht ein Risiko, sich in geschlossenen Räumen anzustecken, oder die Rate an Neuzuwächsen ist seit 2-3 Wochen bei Null und das Risiko nahezu Null. Dann braucht man aber auch keine künstlichen Abstände erzwingen oder Masken tragen. Meine Befürchtung ist, dass es vielen Menschen wie mir geht, sie sind überfordert und scheißen irgendwann auf (alle) Regeln, und im erneuten Lockdown wird dann aufbegehrt und nicht mehr hingenommen, wenn erneut das Leben massiv eingeschränkt wird. Sie werden die Regeln auch situationselastisch auslegen, nach den kommunikativen Fehlern der Regierung von Beginn an. Es ist auch in Summe unrealistisch, wie sämtliche Unternehmen, Gasthäuser, etc. mit den Regeln überleben können. Es bedeutet in vielen Fällen mehr Personalaufwand, aber defakto weniger Kundschaft. Das.geht.sich.nicht.aus.

Martin Sprenger schlug im verlinkten Artikel ein Ampelsystem zur Risikobewertung vor. Derzeit wird kein Unterschied gemacht zwischen Regionen mit vielen aktiven Erkrankungen und jenen mit wenigen. Überall tragen Menschen Masken, das öffentliche Leben ist durch existenzbedrohende Auflagen und kaum durchführbare Regeln beeinträchtigt. Sprenger vergleicht die Risikobewertung mit dem Lawinenwarndienst. Nur weil in zwei Regionen Lawinenwarnstufe 4 gelte, sonst aber 2, müssen sich nicht alle Tourengeher extrem defensiv verhalten oder gar keine Touren gehen. Dann könnte man Lawinenwarndienste abschaffen und Touren generell verbieten. Ebenso gibt es Pollenwarndienste, Hochwasserwarnungen, Unwetterwarnungen, etc. Die Risikobewertung könne nur dann funktionieren, wenn die Teststrategie und das Monitoring aufeinander abgestimmt werden, z.b. auch Abwassertests als Frühwarnsysteme (in Deutschland wurden Fitnesstracker-Daten überlegt, wenn in bestimmten Orten gehäuft z.b. erhöhte Pulsmessungen auftreten), dann könnte man Cluster frühzeitig erkennen und eindämmen.

Das Ampelsystem eignet sich aber auch sehr gut für die darauf basierende Risikokommunikation. Schließlich ist es für alle Bereiche unserer Gesellschaft wichtig, welche Vorkehrungen getroffen und welche Regeln beachtet werden müssen, wenn sich in einer Region im Infektionsgeschehen etwas ändert. Im Modus Hellgrün, also keinem positiv getesteten Fall in den letzten vierzehn Tagen pro 10.000 Einwohner, ist fast alles erlaubt. Aber auch im Modus Grün braucht kein Mensch Masken zu tragen, herrscht in den Kindergärten und Schulen Normalbetrieb, werden in der Regelversorgung alle Menschen gut betreut, sind soziale Begegnungen, Feiern, Freizeitaktivitäten, aber auch Gasthausbesuche mit geringen Einschränkungen möglich. Auch Pflegeheime und Personen mit erhöhtem ­Risiko können auf dieser Basis wissensbasierte und verständliche Informationen erhalten, was im Modus Grün gefahrlos machbar ist.

Ganz wichtig ist dieser Satz:

Wer sein Leben nur damit verbringt, alle Risiken zu minimieren, wird nicht nur einmalige Erlebnisse versäumen, sondern mit hoher Wahrscheinlichkeit auch alle Überraschungen und Emotionen, die unser Leben so lebenswert machen.

In diesem Sinne noch einen schönen Sonntag, äh Mittwoch!