Tag 50: Viele Regeln

hundsi

Mir geht’s wie dem Hund.

Fünfzigstes Jubiläumstagerl des Pandemie-Ausbruchs, wie er erstmals in mein Bewusstsein schlüpfte.  Wie schon mehrfach auf Twitter angemerkt wurde, ist es diese Halbnormalität, die beunruhigender ist als der Lockdown selbst. In weniger als vier Stunden erlöschen die Ausgangsbeschränkungen in Österreich, aber Abstand halten gilt weiterhin. Und damit einhergehend in ALLEN Lebensbereichen unzählige Regeln. Als Autist schätze ich klare Strukturen und Regeln, zugleich müssen sie für mich aber nachvollziehbar und verhältnismäßig sein. Es gibt mangels wissenschaftlicher Daten keine öffentlich einsehbare Entscheidungsgrundlage für beides.

Nachvollziehbarkeit und Verhältnismäßigkeit.

Es ist nicht nachvollziehbar, wenn Kellner Maske tragen müssen, aber die Gäste nicht. Der Meterabstand gilt im Restaurant nur zwischen den Tischen. Darüber hinaus dürfen maximal vier Personen an einem Tisch sitzen und reservieren muss man auch, ach ja, und alles mit der Karte zahlen, bloß kein Bargeld. Beim Betreten und Verlassen der Lokale muss man Maske tragen, und beim Toilettenbesuch, was die Frage aufwirft, wohin man die Maske in der Zwischenzeit legen soll? Auf den Tisch?

In den ÖBB-Zügen kommen vor allem innerhalb des Stadtgebiets von Wiens fast minütlich Durchsagen, dass man einen MNS tragen muss und Abstand halten. Der Speisewagen wurde zum Snackautomaten reduziert, es werden nur noch verpackte Speisen und Getränke abgegeben. Längere Fahrten machen so für mich auch keinen Spaß mehr, bin ich doch immer gerne in den Speisewagen, weil ich nie reserviere, und weil ich bei längeren Anfahrten für Wanderungen gerne im Zug gefrühstückt habe. In den Großraumwagen soll man die Tische möglichst nicht benutzen, das war Regel Nr. 4 am Monitor, die anderen hatte ich verpasst, ich wollte es gar nicht mehr wissen. Dann wirds Regeln geben für die Bäder, für sämtliche Geschäfte, für die, und, bla, und blubb. Mein Gehirn explodiert bald. Und das ist Punkt zwei: Verhältnismäßigkeit. Es wird so viel geregelt, dass man den Eindruck bekommt, es darf gar keine Risiken mehr geben. Dabei passieren auch ständig Autounfälle und keiner sagt, man müsse Autos verbieten, mit Pferden würde nichts passieren. Die Pferde tragen keine Masken, wir dafür Scheuklappen.

Ich kapituliere gerade vor der Vielzahl an Veränderungen. Das ist für mich nicht mehr packbar. Es wird dazu führen, dass ich weiterhin online bestelle, wo es möglich ist. Essen gehen nur auf Berghütten (Terrassen), outdoor ist mir definitiv lieber als indoor. Ob ich unter diesen Umständen überhaupt *Urlaub* machen soll, weiß ich nicht, aber monatelang in der Stadt bleiben ist im Sommer definitiv keine Option. Andererseits bedeutet Urlaub nur Stress, von der Anfahrt mit dem Zug über diverse Abstands- und Hygieneregeln vor Ort. Essen gehen nur mit Reservierung, keine Spontanität mehr möglich. Alles muss streng durchgetaktet sein. Nichts darf dem Zufall überlassen werden. Wah grausig, ich mag gar nicht weiter darüber nachdenken. Frühstücksbuffets gibt es dann nicht mehr, wieder eine Änderung, wieder was zum darüber nachdenken. Wenn ich mir diesen ganzen IRRSINN an Regeln anschaue, was das Kundschaft kosten wird, weil es mehr Leute wie mich geben wird, die sagen, dass sie sich das nicht antun werden, dann wäre es vielleicht doch gescheiter gewesen, den Lockdown noch drei Wochen zu halten, und dann mit einer minimalen Infektionszahl wieder *weitgehend* normal neu anzufangen.

Trinkgeld geben?

Gestern hab ich eine Umfrage gemacht, wer Trinkgeld für Zusteller oder Supermarkt-Angestellte gibt. Von 103 Personen stimmten 57,3% für ja, 42,7% für nein. Ernüchternd. Supermarkt-Kassiererinnen dürfen übrigens derzeit Trinkgeld annehmen. Ich hab schon häufiger aufgerundet und sie haben sich herzlich bedankt. Vielleicht bin ich naiv, aber wenn es anders wäre, würden sie wohl was sagen. Deswegen zahl ich übrigens auch mit Bargeld, denn bei Kartenzahlung ist das schwieriger und man ist meist auch nicht schnell genug, etwas zu sagen. Und natürlich wärs mir lieber, sie würden von ihren Arbeitgebern nicht mit Warengutscheinen abgespeist, sondern mit saftigen Lohnerhöhungen. Diesbezüglich fehlt aber völlig der Druck der Politik. Und wenn manche Beidln jetzt sagen, „hättens halt was gscheits gelernt und einen anderen Job angenommen“, dann fällt mir dazu nichts mehr ein, aber es sind eben jene Beidln, die dann auch so wählen, dass nur auf Handelsangestellte herabgeschaut wird.

Bei den Zustellern hinterlege ich immer Trinkgeld im Kuvert vor der Haustür, für die wöchentliche Biokiste, aber auch für Essenslieferungen. Meistens machen den Job Ausländer, warum wohl, gut bezahlt wird er nicht sein. Und jetzt, wo die Bestellungen deutlich zugenommen haben, dürfte es auch recht stressig sein. Noch ein Grund mehr für mich, hier und dort mit Bargeld zu zahlen, weil ich sonst keine Münzen mehr für Trinkgeld habe. In der Gastronomie verdienen die Kellner teilweise die Hälfte ihres Einkommens mit Trinkgeld, es ist fraglich, ob die Bereitschaft der regelerdrückten Kundschaft genauso hoch sein wird, mit Kartenzahlung aufzurunden wie vorher mit Bargeld. Dabei spielt die Schmier(geld)infektion nur eine untergeordnete Rolle in der Verbreitung des Virus. Nur etwa jeder Zehnte steckt sich über infektiöse Oberflächen an, aber selbst das ist eine Modellrechnung. Mit Hygieneregeln ließe sich das Problem leicht umgehen.

Fluglinien pleite gehen lassen

Die Wogen gehen hoch, weil die AUA knapp 800 Millionen Euro Staatshilfe beantragt hat. Auch in anderen Ländern werden Airlines mit Milliardenkrediten gerettet, die wohlgemerkt zurückgezahlt werden müssen. Die Folgen für die Belegschaft sind dennoch dramatisch. Zehntausende bis hunderttausende Mitarbeiter verlieren ihren Job weltweit. Bei den verbleibenden Mitarbeitern wird der Sparstift angesetzt.

Ich muss das etwas aufdröseln, ich bin ja nicht dagegen, dass Flugverkehr aus Umweltgründen weniger wird. Problematisch ist, dass innerhalb weniger Wochen der Verkehr weltweit zusammengebrochen ist. Kein geordneter Übergang möglich, es stehen Millionen Jobs auf dem Spiel, aber auch die Produktions- und Lieferketten aus dem Ausland. Österreichs Tourismus, der nicht davon überleben kann, wenn die Österreicher im Inland Urlaub machen. Wien, die Kongressstadt, diverse internationale Messen, es hängt eben viel daran, ob geflogen werden kann.

Das Grundproblem ist, dass Kerosinverbrauch nicht besteuert wird, Bahnfahren aber schon. Niedrige zweistellige Flugpreise in Europa kann die Bahn nicht toppen, weder vom Preis, vom Komfort noch vom Zeitaufwand. Ich sitze auch ungern einen ganzen Urlaubstag im Zug, wenn ich sonst in eineinhalb Stunden dort wäre. Dann gab es vor Corona zu viele Billigfluglinien, die sich gegenseitig unterboten. Die Wizz Air fängt jetzt schon wieder mit dem Scheiß an, sie wollen ab Mai wieder Flüge anbieten, aber erneut möglichst billig. Sie lehnen sogar Staatshilfen ab. Da ist doch was faul, da läuft wieder was verkehrt! Die Niedrigpreisspirale dreht sich auch für die Löhne der Mitarbeiter. Flugbegleiterinnen verdienen teilweise so viel wie Handelsangestellte. Und an dritter Stelle stehen Kunden, die es für normal halten, jedes Wochenende quer durch Europa Städte zu besichtigen und einzukaufen und die sich entrüsten, wenn man die Preise anhebt, weil dann könne sich nicht mehr jeder das Fliegen leisten, das können sich nur noch Reiche.

Wie könnte man das Dilemma lösen? Die europäischen Staaten müssten sich darauf einigen, flächendeckend Kerosinverbrauch zu besteuern, sodass nicht billig im Ausland getankt werden kann. Die Steuereinnahmen könnten dazu benutzt werden, ökologisch sinnvolle Infrastruktur auszubauen, vor allem Fernverkehrsverbindungen, aber auch stillgelegte Regionalbahnen mitunter zu revitalisieren. Die Preisen würden notgedrungen steigen, die Billigairlines verschwinden, wenige überleben und der Flugverkehr wäre insgesamt konstanter. Man würde damit zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen, weniger Flüge und weniger Umweltverschmutzung, aber auch weniger Massentourismus. Kunden würden sich zunehmend überlegen, ob man statt dem Flieger auch den Zug verwenden kann, speziell zu Messen, Kongressen, Konferenzen. Im Business-Bereich verlagert sich eventuell ohnehin mehr zur digitalen Kommunikation hin.  Es muss einem aber auch klar sein, dass Fliegen zu Shopping/Urlaubszwecken kein Grundrecht für jeden Erdenbürger sein kann. Viele werden sich damit abfinden müssen, andere Länder der Erde nur über TV-Reportagen oder Bilder zu kennen, und nie dort gewesen zu sein. Wenn man das akzeptiert, wird es so sein, dass die *priviligiertere* Bevölkerung eher diese Freiheit hat als die ärmere Bevölkerungsschicht. Aber mit Privilegien kommt Verantwortung, und evtl. kann man irgendwann steuern, wie viele Flüge pro Person pro Jahr erlaubt sind. Jetzt könnte man diese Überlegungen von Grund auf machen, ob man einen Neuanfang wagt. Nichtsdestrotrotz hängen weltweit über 25 Millionen Arbeitsplatze an der Luftfahrt. Das ist nicht nichts, alleine vom Steuervolumen her. Ich bin dagegen, hier zwei Gruppen gegeneinander auszuspielen. Es heißt nicht, entweder AUA retten oder EPUs, sondern sowohl als auch, und natürlich wird viel zu wenig auf jene geschaut, die gar kein Einkommen haben.

Jetzt hab ich den Text fast fertig und es kam gerade die neue Lockerungsverordnung (gültig bis 30. Juni) heraus.

§ 4. (1) Die gemeinsame Benützung von Kraftfahrzeugen durch Personen, die nicht im gemeinsamen Haushalt leben, ist nur zulässig, wenn dabei eine den Mund- und Nasenbereich abdeckende mechanische Schutzvorrichtung getragen wird und in jeder Sitzreihe einschließlich dem Lenker nur zwei Personen befördert werden.

Auf den ersten Blick positiv fällt mir auf, dass der unsinnige Meterabstand in Fahrgemeinschaften weggefallen ist. Es genügt die Maske.

§ 9. (1) Das Betreten folgender Einrichtungen durch Besucher ist untersagt:

4. Seil- und Zahnradbahnen

Nicht nachvollziehbar, gerade durch die Kabinenbauweise lassen sich weiterhin Passagiere transportieren, für Durchzug kann man ebenso leicht sorgen.

„Personen, die nur zeitweise im gemeinsamen Haushalt leben, sind Personen, die im gemeinsamen Haushalt leben, gleichgestellt.“

Wieder mal so eine schwammige Formulierung. Ich zähle dazu einfach mal Freunde.

Sonst… wie gesagt, zu viele neue Regeln. Für heute langts.