Tag 54: Kein leichter Weg aus der Krise

Vielversprechende Neuigkeiten hinsichtlich Antikörpertest: Der Schweizer Pharmakonzern Roche hat nun einen Test mit 100% Sensitivität und 99,81% Spezifität entwickelt. Die fälschlich positiv getesteten Personen bewegen sich nur noch im Promillebereich. Am Flughafen Schwechat gibt es jetzt (nicht nur) für Passagiere einen PCR-Schnelltest, allerdings privat und 190 Euro teuer. Wenn ich etwas davon verstehen würde und netzwerken könnte, würde ich einen Fonds gründen, der Angehörigen und Betroffenen von Risikogruppen ermöglicht, bevorzugt getestet zu werden, damit, wenn schon die Bewegungsfreiheit eingeschränkt bleibt, zumindest die Isolation aufgehoben werden kann und sie zu ihren Liebsten können.

Verbote statt Zusammenhänge erklären

Verstehe die Aufregung über den vollen IKEA nicht. Wenn man sich deutlich mehr auf die Kommunikation von Verboten als auf das Erklären von Zusammenhängen konzentriert, ist doch völlig klar, dass es nach der Aufhebung der Verbote kaum Verhaltensänderungen zu vorher gibt.

Andererseits muss man auch anerkennen, dass es ein wenig (zu) viel verlangt wäre, das „Was“ und das erklärende „Warum“ gleichzeitig im vollen Umfang zu vermitteln. Gegen eine zweite Welle wird es daher wohl auch eine zweite, auf-/erklärende Welle der Kommunikation brauchen. (Stefan A. Sengl)

Die für die Dauer der Pandemie bestehende Verhaltensänderung bestünde im Abstand halten. Meine eigene Erfahrung seit Ostern zeigt, dass viele glauben, die Masken ersetzen das Abstand halten. Viele tragen außerdem die Masken falsch oder falsche Masken. Für jene mit erhöhtem Risiko eines schweren Verlaufs heißt das, dass sie in ihrer Bewegungsfreiheit stärker eingeschränkt sind als vorher. Denn bei gestiegener Kundenfrequenz und vollen öffentlichen Verkehrsmitteln KANN man keinen Abstand mehr halten.

Jeder, der sich infiziert, hat etwas zu verlieren. Seine eigene Gesundheit, sein Leben, die Gesundheit derer, mit denen er in engeren Kontakt tritt. Deren Leben. Die Risiken mögen unterschiedlich verteilt sein, aber die Schlussfolgerung ist dieselbe: Sich besser nicht infizieren.

Aber wie schon oft von mir geschrieben: Es gibt keinen 100% Schutz vor dem Risiko. Das lässt sich ein paar Wochen durchziehen, aber keine Monate und schon gar nicht Jahre. Statistisch gesehen ist aktuell das Risiko, durch einen Unfall im Straßenverkehr verletzt oder getötet zu werden viel höher als mit einem Infizierten in engeren Kontakt zu kommen. Obwohl das Infektionsrisiko für viele gleich ist (nicht für Pflege- und Gesundheitspersonal oder solchen in Büros ohne Lüftung), ist die implizierte Gefahr individuell unterschiedlich. Ich sehe in meiner Timeline unter Risikopatienten immer noch Panik vor jeder Lockerungsmaßnahme. Auch Ärzte schütteln nur den Kopf vor den aktuellen Forderungen. Die Strategie der Regierung ist nicht klar erkennbar, die begleitende Information ist in Deutschland besser, der Doktortitel der Naturwissenschaften bei der Kanzlerin macht sich bezahlt. In Österreich scheint die Perspektive der Wirtschaft und der Personengruppe ohne Vorerkrankungen zu dominieren, daher die Lockerung in fast allen Bereichen des Lebens, aber Normalisierung nicht für alle Menschen.

Es wäre aber genauso falsch, wenn Ärzte oder in Panik geratende Personen der Risikogruppe die Entscheidungsgewalt hätten. Der Lockdown lässt sich nicht über Monate durchziehen. Ich versetze mich dabei in die Perspektive einer alleinerziehenden Mutter, der gerade das Einkommen wegbricht, weil sie nicht gleichzeitig arbeiten und auf ihr Kind aufpassen kann, oder in die Perspektive der vielen freischaffenden Künstler und anderen Selbstständigen, die seit vielen Wochen auf die zugesicherte Soforthilfe warten, während ihre Ersparnisse zur Neige gehen. Aus mancher Ärzte- oder Virologensicht wird der Eindruck erweckt, es ginge die nächsten Monate ausschließlich darum, Covid19-Patienten zu verhindern. Für die Gesamtheit aller individueller Perspektiven auf die Krise braucht es PUBLIC-HEALTH-Experten wie Martin Sprenger sowie einen breiten gesellschaftlichen Diskurs, der in Österreich aber nie erwünscht war und ist. Stattdessen schimpfen wir uns gegenseitig Trotteln und gleiten in die Inhumanität und Entsolidarisierung ab. Die Regierung erlässt Verordnungen bis in jeden Winkel des Lebens. Eigenverantwortung ohne Aufklärung funktioniert nicht, ein wunderbares Totschlagargument, um weiter von oben herab zu regieren und die Bevölkerung für zu dumm zu erklären, sich richtig zu verhalten.

Keine bekannte Ansteckung im Freien, in Öffis oder im Supermarkt in Wien (n = 600)

Einer der wenigen sachlichen Stimmen kommt vom tüchtigen Mediensprecher von Stadtrat Hacker (Wien) , der – Stand 03. Mai 2020 – bestätigt, dass bisher noch keiner der 600 Covid19-Fälle in Wien auf eine Ansteckung im Freien, in den Öffis oder im Supermarkt zurückgeführt werden kann. Doch Vorsicht: Evidence of absence is no absence of evidence, wie es so schön heißt. Völlig ausschließen kann man gar nichts. Dass das Risiko viel viel geringer ist im Freien als in geschlossenen Räumen, war aber schon früh bekannt und wurde durch namhafte und weniger bekannte Virologen wiederholt kommuniziert.

„In the CDC report, even super-spreaders can’t seem to infect people effectively in open spaces, even in areas with high population density.“ (28. März 2020)

Die einzige bekannte Ausnahme sind Fußballspiele, wo sich Fans in den Armen liegen, sich gegenseitig anhusten, ihre Getränkebehälter reichen, gröhlen, schreien und singen – eine bessere Umgebung für eine Übertragung kann es aus Sicht eines Virus nicht geben. Vielleicht werden Fußballspiele und Konzerte wieder möglich sein, aber mit reduziertem Publikum, um Abstände zu halten. Indoor kaum vorstellbar, dass die geplanten Abstands- und Maskenregeln irgendetwas bringen, speziell auch bei Restaurantbesuchen.

Trotz dieser Erkenntnisse hielt die Bundesregierung die Bundesgärten in Wien (nicht aber in Wiener Neustadt!) wochenlang geschlossen mit der Begründung, das Virus lauere draußen. Innenminister Nehammer hat nie öffentlich Stellung bezogen zu Denunzianten, die vermeintliche Gefährder bei der Polizei verpetzten. Das ist das, was ich gestern u.a. mit dem Vorwurf der Gehirnwäsche meinte. Der Bevölkerung wurde das Bild vermittelt, dass alleinig das Verlassen der Wohnung eine Gefahr für andere bedeute, sich zu infizieren. Es wurde der Eindruck vermittelt, das Virus sei so ansteckend wie Masern oder Pocken und schon das bloße Aneinandervorbeigehen am Gehsteig oder im Park bzw. beim Radfahren in Gruppen würde das Virus verbreiten. Diametral anders lauteten die (spärlichen) Infos der AGES, die wiederholt betonten, dass mindestens 10-15 Minuten engerer Kontakt mit einem Infizierten notwendig seien. Dann genüge normales Sprechen. Der AGES-Sprecher beruhigte außerdem, dass er sich in öffentlichen Verkehrsmitteln sicher fühle, solange genügend Abstand zu anderen Fahrgästen gegeben sei.

Aus China wusste man früh, dass Ältere stärker gefährdet waren als jüngere. In etlichen westlichen Ländern hat man Alters- und Pflegeheime schlicht übersehen. Das ist etwas, was mich im Nachhinein schockiert, wie das passieren konnte. Unsichtbar bleiben (blieben) Ansteckungsorte am Arbeitsplatz – nicht alle Angestellten konnten oder durften ins Homeoffice und in den eigenen Haushalten, auch wenn die Übertragungsrate vergleichsweise gering ist (unter 20% Ansteckungen von Familienmitgliedern).

Ich hab die Entwicklung die letzten Wochen sehr aufmerksam verfolgt, ich habe nicht nur Podcasts gehört, sondern auch Paper gelesen und die Einordnung von diesen Papern durch Experten. Es gibt Unterschiede zwischen echten Fallberichten und Modellsimulationen. Jeder Artikel hat seine Beschränkungen, auf Interessenskonflikte ist zu achten, speziell wenn es um wirtschaftliche Interessen geht. Ganz ehrlich: Ich hätte erwartet, dass die Fallzahlen in Österreich viel stärker ansteigen, angesichts weiterhin geöffneter Supermärkte, den Schlangen darin, angesichts der Menschenmassen in den Parks, auf der Donauinsel, im Prater, am Donaukanal, die keuchenden Jogger und die Radfahrergruppen. Die Abstandsunterschreitung in den Öffis zu den Rush Hourn, wenn jene, die kein Home Office machen durften oder konnten, zur Arbeit fuhren. Passiert ist nichts, jedenfalls nichts Dramatisches. Das bloße Physical Distancing hat bewirkt, dass die Zuwachsraten konstant fielen. Nicht das exzessive Desinfizieren aller Gegenstände und Oberflächen, nicht die Masken in der Öffentlichkeit, sondern das Abstand halten. Und testen, testen, testen, nachverfolgen und isolieren. Das ist der Schlüssel zur Bekämpfung der Pandemie.

Ich rede die Gefahr vom Virus übrigens nicht klein. Ich kenne auch etliche Berichte von schweren, womöglich irreversiblen Lungenschäden, auch bei jungen Menschen ohne bekannte Vorerkrankungen. Ich hab die Theorien gelesen, dass Covid19 Gemeinsamkeiten mit dem HIV/Ebola-Genom hat, dass Gefäßentzündungen gehäuft auftreten und dass bei der Intensivbehandlung häufiger Blutverdünner gegeben werden muss als üblich. Das Virus ist nicht harmlos. Und selbst wenn es weniger tödlich wäre als die Influenza (die Übersterblichkeitszahlen sagen das Gegenteil), möchte ich keine lebenslangen Einschränkungen durch verminderte Lungenkapazität davontragen.

Das Leben muss für uns alle aber weitergehen. Mit dem Risiko. Nur: Es gibt keine “one size fits all“ Lösung. Was für den einen praktikabel ist, kann für den anderen inakzpetabel sein. Wir wissen zu wenig von unseren jeweiligen Lebensrealitäten.

Wie in Berlin den Unternehmen geholfen wird:

Kurz war die Angst um die Zukunft schon da: eine Woche nach der Schließung aller Bars in Berlin Mitte März. An einem Freitag pfändete das Finanzamt Stadlers Konto, er war mit der Umsatzsteuervorauszahlung in Verzug. Ein Anruf beim Amt am Montag darauf, und die Pfändung war aufgehoben. 48 Stunden und eine sechsstellige Wartenummer später hatte er 14.000 Euro mehr auf dem Konto – die beantragte Nothilfe, 9.000 Euro vom Bund, 5.000 vom Land Berlin. „Ich musste nichts dafür tun, außer meine Steuer- und meine Personalausweisnummer anzugeben“, sagt er. „Dass der Staat das so schnell und unkompliziert hinbekommen hat, ist beeindruckend.“

Quelle: https://www.freitag.de/autoren/sebastianpuschner/ein-traum-blueht-wieder-auf

In Österreich sieht es hingegen düster aus, weil nicht das Finanzamt zuständig ist, sondern die WKO, die Datenstriptease verlangt, zum Teil mit Umsatzplanungen bis weit in 2021 hinein, wo noch nicht einmal klar ist, wie sich Tourismus und Kaufkraft bis dahin entwickeln. Der deutsche Weg wäre unbürokratischer. Und wenn tatsächlich Firmen gefördert wurden, die genügend Eigenkapital und Überschüsse hatten, könnte man auch nachträglich prüfen und zurückfordern.

epu-stellungsnahme

Stellungnahme zur wirtschaftlichen Schieflage in Österreich