Tag 56: Wo wir aktuell stehen

Ich habe mich seit Ausbruch der Krise intensiv mit dem Virus beschäftigt und tue es immer noch. Der Informationsvorsprung in der Bevölkerung hat nicht nur Vorteile, aber er sorgt auch dafür, gewisse Risiken nüchtern betrachten zu können. Wie wahrscheinlich etwa eine Ansteckung in bestimmten Situationen ist, ob ich mich zu Tode fürchten muss. Es ist paradox. Obwohl ich Autist bin, verzettel ich mich nicht in Details, sondern betrachte immer das große Ganze. Etliche Wissenschaftler, auch Mediziner, auch Virologen, können das nicht. Sie sehen nur ihren eigenen Fachbereich und übersehen etwa derzeit, dass eine funktionierende Wirtschaft mehr bleibende Schäden verhindern kann als Covid19 verantwortet. Zu oft wird in diesen Tagen aber beides gegeneinander ausgespielt. Zu wenig wird die Politik verantwortlich gemacht, sondern der Botschafter, der unangenehme Fragen aufwirft. Ich bin ganz und gar nicht gegen die strengen Verordnungen, aber die begleitende Kommunikation der Regierung und die Rettungsmaßnahmen waren katastrophal. Da gibt es nichts zu beschönigen.

„the most successful global leaders in fighting coronavirus have communicated clearly, displayed empathy and always favored science over politics“ (Christiane Amanpour, CNN – 05.05.20)

Im heutigen Text möchte ich der Frage nachgehen, was über das Virus bekannt ist. Das ist eine ganze Menge im Vergleich zu Anfang März. Wenn ich von anderen höre, „wir wissen so vieles noch nicht“, dann muss ich den Kopf schütteln. Die Regierung sagt es uns bloß nicht, sie behandelt uns lieber wie kleine Kinder und möchte bis ins kleinste Detail Regeln aufstellen statt zum selbst Denken anregen. Das ist kein Plädoyer für das schwedische Modell. Eigenverantwortung funktioniert in einem Land nicht, das seit der Monarchie gewohnt ist, von oben herab alles vorgesetzt zu bekommen. Doch die aufgestellten Verordnungen würden vielleicht effektiver und langfristiger umgesetzt, wenn man die Entscheidungsgrundlage wüsste und verstünde.

Ich schreib jetzt einfach mal drauf los, vielleicht bring ich das später in eine Reihenfolge, vielleicht auch nicht.

Übertragungswege

Tröpfcheninfektion

Wir wissen, dass der Hauptübertragungsweg die Tröpfcheninfektion ist. Infizierte, die klassische Symptome wie Husten zeigen, also laut Definition erkrankt sind, verbreiten mehr Viren durch Auswurf (Husten, Niesen) als Infizierte ohne Symptome, die Virenpartikel vor allem emittieren, wenn sie (laut) sprechen, schreien, singen. Über die Nasenatmung findet am wenigsten Verbreitung statt. Man muss jedoch unterscheiden zwischen Infizierten, die durchwegs ohne Symptome bleiben (asymptomatisch) und jene, die später Symptome entwickeln (präsymptomatisch). Ein Pre-Print-Review der bestehenden Literatur von Buitrago-Garcia et al. (25.4.20) zeigt, dass nur eine Minderheit der beobachteten Infektionen über durchwegs symptomfreie Infizierte erfolgt. Die höchste Anzahl an Virenpartikel im Rachen findet sich 2-3 Tage vor den ersten Symptomen. Symptomfreie Infizierte sind also am ansteckendsten, was die Virenlast betrifft, zugleich aber ist der Auswurf verringert, solange sie nicht husten oder niesen. Das für viele Menschen so schwer begreifbare Dilemma ist also, dass ein einfaches Gespräch ausreicht, um sich bei jemandem zu infizieren, der überhaupt keine Symptome zeigt und sich gesund fühlt. Hier muss man aber ein wenig abschwächen: Es ist Konsens der Virologen und die AGES (Österreichische Agentur für Ernährungssicherheit) kommuniziert das ebenso, dass dieses Gespräch im engen Kontakt (unter zwei Meter Abstand) und über einen längeren Zeitraum (wenigstens 10-15 Minuten) stattfinden muss. Beide Kriterien können in Abhängigkeit von der Frischluftzufuhr variieren, welche zu einer Verdünnung und Austrocknung der Virenpartikel führt: Draußen ist das Risiko einer Ansteckung deutlich geringer als drinnen. Es ist in geschlossenen Räumen sogar 18,7fach höherals im Freien. Die meisten Übertragungen geschehen drinnen, nicht draußen (Quian et al., 04.04.20). Es gibt bisher überhaupt nur eine bekannte Ausnahme für eine Masseninfektion im Freien: Das Spiel von Atalanta gegen Valencia in Mailand am 19. Februar 2020. Sonst gibt es viele Modellstudien, aber kaum hard facts. Ja, theoretisch kann man sich bei Windstille im Windschatten eines anderen Radfahrers anstecken, wenn man ihm vier Stunden lang hinterherfährt. Praktisch ließ sich in Österreich nach den soweit bekannten Daten noch keine Infektion im Freien zurückführen, stattdessen vor allem im eigenen Haushalt bei Familienmitgliedern, bei Indoor-Sportereignissen wie Bridgeturniere oder einer Wochenend-Chorveranstaltung in Oberösterreich. Viele Ansteckungen und eine Vielzahl an Todesfällen passierten weltweit durch Besucher und PflegerInnen in Alten- und Pflegeheimen. In Italien waren vor allem zahlreiche Ärzte und Krankenschwestern in den Spitälern betroffen, aber auch Haus- und andere Fachärzte sind gefährdet. In einer Studie aus Italien steckten sich überhaupt nur 4 % am Arbeitsplatz an, gefährdet sind vor allem schlecht belüftete Großraumbüros. Das A und O ist also Frischluftzufuhr in jedweder Situation mit anderen Menschen. Kurze Interaktionen reichen nicht für eine Infektion aus, es wäre tragischer Zufall, wenn einem beim Vorbeigehen ein infizierter Mensch direkt ins Gesicht niest.

Die österreichische Regierung hätte von Beginn an kommunizieren können, dass ein Treffen im Freien immer risikoärmer ist als in der Wohnung. Bei gemeinsamen Aufenthalt in Wohnungen sollte häufig gelüftet werden. Ein längerer Aufenthalt in einem schlecht durchlüfteten Raum ist auch dann riskant, wenn man alleine ist, aber zuvor viele ein- und ausgegangen sind. Daten aus China hatte man zu dem Zeitpunkt schon gehabt, also die Dominanz der Tröpfcheninfektion. Wahrscheinlich bin ich aber zu naiv und gehe zu sehr von meiner Vernunft aus und man hat diese harten Schritte setzen müssen, damit die Leute gar nicht erst hinausgehen, um zu anderen Wohnungen zu fahren.

Maskenpflicht

Die Maskenpflicht zielt vor allem darauf ab, die Tröpfcheninfektion einzudämmen, sodass größere Virenpartikel durch Husten, Niesen und feuchte Aussprache/Ausatmen nicht beim Gegenüber im Gesicht landen und durch die Schleimhäute ins Körperinnere gelangen. Medizinisches Personal und Risikopatienten verwenden Partikel filternde Masken (FFP, filtering face piece), um sich selbst vor der Infektion durch Erkrankte zu schützen. Das ist so lange sinnvoll, so sie sicher sein können, dass sie gesund sind. Das Ventil der FFP2 und FFP-3-Masken sorgt nämlich dafür, dass die eigene Atemluft ungefiltert und durch das Ventil beschleunigt nach außen gelangt.

Der Großteil der Bevölkerung trägt einfache OP-Masken oder selbstgenähte Masken, die kein Eigenschutz darstellen, sondern als Fremdschutz gedacht sind. Sie sollen andere vor einer Infektion schützen, können aber nur bedingt verhindern, dass winzige ausgeatmete Virenpartikel, die durch den Stoff der Maske gelangen, eingeatmet werden (Aerosolinfektion). Infizierte mit Symptomen sollten sich überhaupt nicht unter anderen Menschen aufhalten, so gesehen betrifft die Maskenpflicht vor allem präsymptomatische Infizierte, die nicht wissen, dass sie infiziert sind. Sie tragen die Maske, um bei unvermeidbaren engen Kontakt mit anderen oder bei unvermeidbaren längeren Aufenthalt in schlecht belüfteten Räumen (z.b. eine Fahrt mit dem Mariazellerbus, der drei Stunden fährt, in Zügen oder in fensterlosen Büroräumen) keine gesunden Menschen zu infizieren. Ich trage die Maske also, um andere zu schützen, weniger mich selbst. Ein Solidarakt, der als solcher ausdrücklich vermittelt gehört.

Daraus resultiert aber auch, dass man drinnen besser mehr als den Meter Abstand hält, der in der Verordnung steht. Supermärkte haben schon reagiert und Markierungen alle 1,50m aufgemalt bei den Kassenbereichen. Es gehört besser kommuniziert, in welchen Situationen welche Risiken herrschen und wie man sich bestmöglichst schützen kann, und nicht nur kommunizieren: Abstand halten UND Maske tragen. Masken waren niemals gedacht, den Abstand zu ersetzen, sondern nur als zusätzliche Maßnahme, wenn das Abstand halten nicht möglich ist. (mehr zum zum Thema im Thread von @Gerlindeinaktiv, 06. Mai 2020)

Die Ansteckungsgefahr nimmt also folgendermaßen ab: Niesen – Husten – Singen/Schreien – feuchte Aussprache – Sprechen – Ausatmen durch den Mund – Ausatmen durch die Nase. Diesbezüglich ist es vielleicht nicht unbedingt zielführend, zwar in den den Öffis eine Maske zu tragen, dann aber laut zu telefonieren. Im Zweifelsfall den Mund halten verhindert die meisten Ansteckungen!

Kontaktinfektion (Schmierinfektion)

Unter den Virologen scheint Konsens zu bestehen, dass nur etwa ein Zehntel aller Infektionen auf Kontaktinfektion zurückzuführen sind. Die geschieht vor allem dann, wenn infizierte Personen auf Oberflächen husten/niesen und die mit infektiöser Viren-RNA kontaminierten Oberflächen dann von anderen berührt werden, und sie sich anschließend ins Gesicht fassen. Es hatte übrigens schon einen Grund, weswegen anfangs weder die WHO, das CDC noch das RKI Masken für die Bevölkerung empfohlen haben, es gibt zu viele Anwendungsfehler (siehe Artikel im Standard, 20.04.2020). Die Gefahr, sich über infizierte Oberflächen anzustecken ist also viel geringer als über Tröpfchen (im engen Kontakt) oder Aerosole (in geschlossenen Räumen). Sie lässt sich durch gründliche Hygiene (Händewaschen mit Seife oder Desinfektionsmittel bzw. Reinigung potentiell infizierter Oberflächen) jedoch komplett vermeiden.

In diesem Zusammenhang ist auch die Empfehlung, auf Bargeld zu verzichten zu sehen. Wer vor und nach dem Zahlen Hände wäscht, kann sich nicht anstecken. Die WHO betont, dass die Ansteckungsgefahr über Bargeld nicht höher ist als über andere Formen der Kontaktinfektion. Man sollte hinterfragen, wer Interesse an bargeldlosem Zahlen hat: Unternehmen, die Daten bei Einkäufen sammeln, Kreditkartenunternehmen sowie der Staat, der die Daten abfragen und die Mobilität daraus ableiten kann (samt Daten über Einkaufsverhalten und Gesundheit). Da wasche ich mir lieber einmal häufiger die Hände. Die Angestellten im Supermarkt ziehen dauernd die von Kunden angefassten Waren über den Scanner – worin genau besteht der Unterschied zum Bargeld?

Rein theoretisch ließe sich das alles durch Untersuchungen belegen oder dementieren: Getragene Masken und verwendetes Bargeld stichprobenartig auf infektiöse RNA untersuchen. Selbst dann sagt es aber noch nichts darüber aus, wie häufig auf diesem Weg Infektionen stattfinden. Wenn aber insignifikant wenig infektiöse RNA gefunden wird, kann man wohl von einem nahezu vernachlässigbarem Risiko ausgehen, speziell mit Handhygiene!

Abschließend zum Thema Masken tragen: Was wäre, wenn man eine Gesichtsmaske entwickeln könnte, die die Farbe wechselt, wenn das Virus auf dem Stoff erkannt würde? Ein Team von Wissenschaftlern (TED-Talk) ist mit Hilfe synthetischer Biologie derzeit dabei, genau das zu tun.

Schlüsselfaktor in der Verringerung der Ausbreitung des Virus ist und bleibt das Abstand halten. Wenn das Virus nicht von A auf B überspringen kann, kann es sich nicht verbreiten. Das sagt der Hausverstand, dazu braucht man keine Modellsimulationen. Im Zweifelsfall also Abstand VOR Maske.

Diagnostik und Tests

Es gibt zwei Wege, eine Infektion festzustellen:

a) PCR-Tests, die eine akute (aktuelle) Infektion durch Viren-RNA nachweisen

Der Standard-PCR-Test ist ein Nasen-Rachen-Abstrich mithilfe eines Stäbchens, das durch die Nase eingeführt wird. Je größer der Würgereiz (bei empfindlichen Personen), desto zuverlässiger der Abstrich. Dennoch werden rund 1/3 positiver Fälle übersehen (falschnegativ), die Sensitivität ist also nicht sehr hoch. Eine Studie von Wyllie et al.(16.04.20) sagt aus, dass die Sensitivität im Speichel höher als bei Nasen-Rachen-Abstrichen sei.

Das Problem bei PCR-Tests ist, dass sie negativ getestete Personen nicht dafür schützt, sich nach dem Test anzustecken. Sie sind vor allem für medizinisches Personal und Angehörige von Risikogruppen sinnvoll, die sich sonst weitgehend isolieren und potentielle Kontakte mit Infizierten vermeiden. Es handelt sich also um eine Momentaufnahme. Das Drittel positiver Fälle, das übersehen wird, könnte sich in falscher Sicherheit wiegen und weiterhin andere anstecken. Daher wird Verdachtsfällen empfohlen, sich unabhängig vom Testergebnis in 14-Tage Quarantäne zu begeben.

Umgekehrt sind Infizierte nach Abklingen der Symptome im Extremfall noch bis zu einem Monat positiv im RNA-Nachweis, aber nicht zwingend ansteckend. Derzeit wird davon ausgegangen, dass nach rund 8 Tagen keine ansteckende Viren-RNA mehr gefunden wird. Über den Stuhl wird ausschließlich tote RNA ausgeschieden, was man sich durch Früherkennungssysteme mit Abwasserproben zunutze machen will.

b) Antikörpertests, die eine durchgemachte (vergangene) Infektion nachweisen.

Da sah es nun lange Zeit sehr düster aus, vor allem die Spezifität (positive Testergebnisse trotz abwesender Erkrankung = falschpositiv) war zu schlecht für epidemologische Studien, d.h., das Testen breiter Bevölkerungsgruppen und großer Stichproben. Für Individuen waren (und sind derzeit) Antikörpertests nicht gedacht, sondern nur für die Aussage, wie viele Menschen in der Bevölkerung überhaupt einmal infiziert waren. Eine Wendung könnte nun durch den vom Schweizer Pharmaunternehmen Roche entwickelten Antikörpertest geschehen, der nach eigenen Angaben 100% Sensitivität (alle positiven Fälle werden erkannt) und 99,81% Spezifität (nur 0,19% aller negativen Fälle werden fälschlich positiv eingestuft) aufweist. Roche verwendete dafür über 5000 Samples. Eine Einordnung durch den Virologen Peter Kochinsky (06.05.20)

Der Antikörpertest alleine sagt dummerweise noch nichts darüber aus, wie immun der Patient nach durchgemachter Erkrankung ist. Aus den bisherigen Daten geht hervor, dass durchwegs symptomfreie Infizierte eher wenig Antikörper bilden. Entscheidend sei, wie viele neutralisierende Antikörper vorhanden sind und da spielt noch mit hinein, wie viele T-Zellen (Angriffszellen) es gibt. Das können nur ELISA-Tests nachweisen. IgG-Antikörpertests sind wegen Kreuzreaktivität mit den gewöhnlichen Coronaviren umstritten. Die Frage, wie immun man schon ohne durchgemachte Erkrankung ist (Hintergrundimmunität?) und wie sehr mit, ist noch ungeklärt. Immunitätsnachweise ohne Impfung bleiben also weiterhin umstritten.

Ich fürchte, wir – mich eingeschlossen – haben uns das am Anfang zu leicht vorgestellt. Die Bevölkerung flächendeckend auf Antikörper testen ist nicht trivial und sagt weit weniger aus als erhofft. Zudem zeigen praktisch weltweit alle Tests bisher, dass die Dunkelziffer unerkannter Infektionen weit geringer ist als zuerst angenommen. Die anfängliche Hoffnung, Herdenimmunität auf diesem Weg zu erreichen, hat sich nicht erfüllt. Wir stehen trotz überwundener erster Welle erst am Anfang der Pandemie.

Symptome

Da hat sich viel getan. Am Anfang dachte man, das Coronavirus sei wie eine Grippe. Es gab die Tabellen mit dem Vergleich von Grippe-, Erkältungs- und Coronasymptomen. Vor allem Fieber und trockener Husten wurden als Leitsymptome gelistet. Fieber zählt inzwischen nicht mehr dazu. Rund zwei Drittel bemerken einen Geruchs- oder Geschmacksinnsverlust. Auch Durchfälle treten gehäuft auf. Sonst gibt es ein breites Spektrum an Symptomen:

Screenshot_2020-05-02 Dr John Campbell

Angegebene Symptome (dunkelblau: ja, hellblau: nein) bei n = 16749 hospitalisierter Patienten in UK, Docherty et al.(23.04.20)

Neu hinzu gekommen sind Berichte über Blutgerinnsel (29.04.), über neurologische Auffälligkeiten an den Extremitäten vor allem bei Kindern (21.04.) und dass Covid19 weniger eine Lungenkrankheit, sondern eine systemische Gefäßentzündung sei (21.04.). Inzwischen gibt es die Vermutung, dass die Covid19-Viren in seltenen Fällen Autoimmunerkrankungen wie das Kawaskisyndrom auslösen können (05.05.).

Die veränderte Sichtweise zum Wesen der Erkrankung hat natürlich großen Einfluss auf die Behandlung, aber auch auf die Früherkennung potentieller Symptome. Noch nicht explizit in Worte gekleidet wurde die Möglichkeit, mithilfe von Fitnesstrackern, Finger-Pulsoxymetern und anderen Vitalzeichen selbst zu überwachen, ob man erkrankt ist, im Podcast von Drosten wurde es zumindest einmal angedeutet. Ein Abfall der Sauerstoffsättigung könnte z.b. ein Anzeichen sein, dass die Lunge beteiligt ist. In anderen Empfehlungen wird angeregt, weiterhin regelmäßig Sport zu betreiben und damit zu prüfen, ob es zu einem unerklärlichen Leistungsabfall kommt.

Die andere Sichtweise bezüglich neuer Symptome sollte aber auch hinterfragen lassen, wie asymptomatisch und präsymptomatisch definiert wird. Vielleicht ist die Zahl echter komplett symptomfreier Verläufe viel geringer als angenommen, weil schlichtweg nicht alle relevanten Symptome bekannt sind?!

Behandlung

Dieser Punkt hat zwei Aspekte:

a) Behandlung milder Verläufe ohne schwerwiegender Krankheitsanzeichen. Mild nicht im medizinischen Sinn, denn das heißt nur, ohne Intensivbehandlung. Ich will mich hier als Laie nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber einen Artikel von Hobday and Cason (2009) ans Herz legen, der aus der Lehren der Spanischen Grippe ableitet, wie man künftige Pandemien im Freien behandeln könnte. Demzufolge war es falsch, Ausgangssperren zu verhängen. Abstände einzuhalten wären wichtiger gewesen. Wie oben geschrieben Treffen im Freien, nicht in der Wohnung. Die Quarantäne von Verdachtsfällen ist ebenso zu hinterfragen, wenn die Wohnung nicht verlassen werden darf. Frischluftzufuhr durch geöffnete Fenster immer noch besser als nichts. Derzeit mehren sich auch die Studien, dass die Behebung eines Vitamin-D-Mangels einen schweren Verlauf verhindern kann. Ein Artikel vom 20.4.20 gibt ein 20fach höheres Risiko bei Vitamin-D-Mangel an. Eine Indonesische Studie vom 26.04. ein 10faches. Wenn man also weiß, dass man einen chronischen Vitamin-D-Mangel hat, sollte man viel an die Sonne bzw. künstlich Vitamin-D zu führen. Das schützt nicht vor einer Erkrankung, aber kann das Risiko verringern, einen schweren Verlauf zu erleiden.

Schwere Verläufe scheinen derzeit sonst von drei Faktoren abzuhängen:

  • i) Ist Hintergrundimmunität durch gewöhnliche Corona-Erkältungsviren vorhanden?
  • ii) Bestehen Vorerkrankungen?
  • iii) Wie hoch war die Viruslast, der man bei der Infektion ausgesetzt wurde?

i) könnte erklären, weshalb rund 80% der Bevölkerung einen milden Verlauf zeigt.

ii) könnte erklären, weshalb chronisch Kranke und Ältere stärker betroffen sind von schweren Verläufen und Tod

iii) könnte erklären, weshalb auch (junge) gesunde Menschen von schweren Verläufen betroffen sind (z.b. Apres-Skibars, Chorveranstaltungen, Fußballspiel), sowie gehäuft Ärzte, also alle Betroffenen mit engem Kontakt, die eine hohe Virusdosis abbekommen haben.

Männer sind tendenziell stärker betroffen als Frauen. Hier eine Theorie, woran das liegen könnte (03.05.)

b) Behandlung schwerer Verläufe: Neben der Zuverlässigkeit der Tests der ernüchterndste Bereich von Covid19. Ich hab vom 08. März an potentielle Medikamente auf meinem Blog aufgelistet, aber keines hat den Durchbruch geschafft. Entweder war das Studiendesign schlecht (keine Kontrollgruppen, nicht randomized, nicht doppelblind) oder die Nebenwirkungen zu groß. Vielversprechend scheint nur die Behandlung mit Blutplasma (02.04.), was aber nicht für alle Erkrankten geeignet ist. Zudem scheint es gewissen Optimismus für traditionelle antivirale Medikamente zu geben (30.04). Auffallend sind aber immer wieder Berichte, die einen Zusammenhang zwischen Rheuma-Medikamenten und Covid19 nahelegen, hier einer vom 20.03.! Der Wirkstoff Tocilizumab befindet sich immer noch in der engeren Auswahl bei schweren Lungenentzündungen (27.04.), hat aber auch schwere Nebenwirkungen.

Was bisher noch fehlt, sind naturgemäß Langzeitstudien von Genesenen. Die Einzelfallberichte über sogenannte Covid-Lungen häufen sich, zumindest über Twitter bekommt von zahlreichen Ärzten „anecdotal evidence“, dass auch bei milden oder symptomfreien Verläufen schwerwiegende Lungenerkrankungen festgestellt werden konnten, mit befürchteten bleibenden Schäden, zumindest aber mit langwieriger Rehabilitation, die sich Monate oder Jahre ziehen kann. Eigentlich sollte ich das gar nicht erwähnen, weil es Angst machen kann, aber ich erwähne es für jene, die glauben, junge Menschen können nicht schwer erkranken und nur weil man kaum Symptome verspürt hat, sei man zwingend ungeschoren davongekommen. Verharmlosung ist bei Covid19 nicht angesagt.

Impfstoffe

Das ist der Bereich, wo die meisten Fortschritte passieren, obwohl es gewöhnlich Jahre oder gar Jahrzehnte dauert, bis ein wirksamer Impfstoff gefunden worden ist (How long will a vaccine really take, 30.04.20). Die Meinung der Virologen ist gegenwärtig aber, dass trotz vorhandener Mutationen wesentliche Elemente der Viren-DNA konstant bleiben und ein potentieller Impfstoff alle Varianten abdeckt (Dearlove et al., 27.04.).

Vielversprechend sind momentan vor allem Entwicklungen auf dem Gebiet monoklonaler neutralisierender Antikörper, daran arbeiten Chinesen (Chin et al.), Deutsche (FAU-Forscher aus Erlangen) und Israelis (Israel Institute for Biological Research). Diese sind allerdings primär zur Therapie gedacht.

Seit wann zirkuliert das Virus bei uns?

Deslandes et al.(03.05.20) hat einen Fall von Ende Dezember 2019 in einem Pariser Spital ausfindig gemacht. Der Franzose hat im August sein Heimatland Algerien besucht und war seitdem nicht mehr auf Reisen. Eines seiner Kinder hatte influenza-ähnliche Symptome, bevor er selbst krank wurde. Es gibt weitere Einzelfallberichte von Menschen, die im Winter in Nordafrika waren und krank zurückkehrten. Wenn das Virus aber schon so lange zirkuliert, warum zeigt sich das bisher nicht in den Antikörpertests oder gab es bisher noch zu kleine Samples und zu schlechte Testergebnisse?

Zusammenfassung:

Ich bin hier ausschließlich auf medizinische Aspekte von Covid19 eingegangen. Die Folgen des Lockdowns hab ich nicht näher beleuchtet. Jetzt, wo die erste Welle in weiten Teilen Europas überstanden sein dürfte, werden diesbezügliche Diskussionen sicherlich aufkommen – insbesondere durch die katastrophalen Auswirkungen für die finanziellen Existenzen hunderttausender Menschen. Das ist aber eine andere Diskussion, die an anderer Stelle geführt werden sollte.

Mein derzeitiger Kenntnisstand ist, dass die Impfstoffentwicklung vielversprechender ist als die wirksamer Medikamente. Ein wirklich großer Sprung scheint sich momentan darin zu vollziehen, als was für eine Erkrankung Covid19 gesehen wird. Das Multiorganversagen und die Entwicklung neurologischer Symptome scheinen eher untypisch für ein gewöhnliches Grippevirus. Keine triviale Erkrankung mit unbekannten Folgen, selbst bei milden Verläufen. Bei der Ansteckungsgefahr muss man vielleicht ein bisschen zurückrudern. Wir sind trotz erster Ankündigungen im März nicht ungebremst in den Frühling hineingekommen, sondern die Welle hat sich überall stark abgeflacht nach Inkrafttreten der Lockdownmaßnahmen. Interessanterweise gibt es bisher nirgends starke Anstiege trotz teilweise massiver Lockerungen. Also doch ein höherer saisonaler Effekt als zunächst angekommen? Die meisten Ansteckungen finden immer noch innerhalb der Familie und Verwandtenbesuche statt. Wie infektiös Kinder wirklich sind, darüber gehen die Studien und Ansichten der Virologen auseinander. Mit den beschlossenen Schulöffnungen wird man wohl bald harte Fakten haben.

Was bedeutet Covid19 für mich?

Ich bin männlich, also stärker gefährdet für einen schweren Verlauf. Ich habe genetisch bedingt ein erhöhtes Risiko für Herzkreislauferkrankungen, Thrombosen und Diabetes, bin also theoretisch in der Hochrisikogruppe (faktisch hab ich noch keine dieser Erkrankungen entwickelt). Ich besitze aber auch ein zusätzliches X-Chromosom (47,XXY) und wäre demnach geschützt.

Während sich bei Frauen zwei sogenannte X-Chromosomen finden, hat der Mann nur eins. Auf dem X-Chromosom liegen aber viele Gene, die für die Regulation des Immunsystems wichtig sind (Human Genomics: Schurz et al., 2019). Um Entzündungsbotenstoffe oder Erkennungsrezeptoren für Viren herzustellen, müssen die Gene in der Zelle abgelesen werden. Lange habe man gedacht, dass das zweite X-Chromosom der Frau nicht aktiviert sei, doch mittlerweile wisse man, dass das nicht stimmt,[…]

Demnach könnten manche Gruppen weiblicher Immunzellen auf Gene beider Chromosomen zurückgreifen. Eine mögliche Folge: Sie können schneller und auch mehr virale Erkennungsrezeptoren produzieren und auf den Zellen präsentieren. „Das kann diesen Zellen ermöglichen, besser Viren zu erkennen“, sagt Marcus Altfeld. Je besser schädliche Viren erkannt werden, desto schneller und besser erfolgt eine Aktivierung des Immunsystems. (Quelle)

Das lässt mich aber noch lange nicht sorglos werden. Zu groß ist die Befürchtung, zur Minderheit mit dem schweren Verlauf zu gehören. Zu groß auch die Furcht vor einer Covid19-Lunge mit irreparablen Schäden, der mitunter dauerhafte Verzicht auf Bergsport und andere Sportarten, die mein Risiko reduzieren, eine der genetisch bedingten Krankheiten zu bekommen. Ein Teufelskreislauf, den ich vermeiden möchte. Eine triviale Erkrankung ohne Spätfolgen? Mitnichten!

Ich plane meine Tagesausflüge umsichtig und versuche auch lange Öffi-Anfahrten zu vermeiden, auch wenn mich das ohne Auto stark einschränkt. Ich halte Abstand und trage Masken dort, wo sie nötig und sinnvoll sind. Ich meide außerdem Menschenansammlungen und desinfiziere/wasche häufig die Hände, wenn ich Einkaufen gehe. Sozialkontakte waren vor Corona schon wenig, jetzt sind sie weiter verringert, aber nicht Null. Die seelische Gesundheit ist wichtig für die körperliche Gesundheit – im gegenseitigen Einverständnis. Und zuletzt: Ein Leben ohne Risiko ist nicht möglich.

But life is full of risks that we try to mitigate while acknowledging that we can’t eliminate them entirely.“

(Joe Nocera, 29.04.)

Last, but not least: Ich habe Meteorologie studiert, nicht Medizin. Check, check, recheck, doublecheck. Dieser Text ist Ausdruck meiner Privatmeinung. Ich habe bewusst fachlich detaillierte Zusammenhänge gemieden. Das ist Sache von Experten.