Tag 60: Die Anpassungsphase beginnt

Quelle Grafik: profilonline bzw. Tweet von Jakob Winter

Danke für das Feedback zu meinem Übersichtsartikel vor vier Tagen. Dass monoklonale Antikörper in der Therapie verwendet werden und nicht als Impfstoff zu verstehen sind, habe ich nachträglich angemerkt, danke für den Hinweis. Ich schrieb außerdem, dass Telefonate in den Öffis unhöflich seien, weil durchs Sprechen Virenpartikel in der Umgebung verteilt werden. Diese Aussage steht auch nahezu wörtlich im Interview mit der Chef-Epidemologin Daniela Schmid von AGES. Danke an Martin Stephanek von Futurezone.at für das gute Interview, klare Aussagen, mit denen jeder etwas anfangen kann, kein schwammiges Geschwurbel.

Ansteckungsgefahr versus Ist-Zustand

An dieser Stelle sollte man auch noch einmal explizit betonen, dass die Ansteckungsgefahr in öffentlichen Verkehrsmitteln sehr hoch ist, weil man unter beengten Verhältnissen in einem schlecht durchlüfteten Raum mehr als fünfzehn Minuten Kontakt zu anderen hat. Der Umstand, dass man bisher keine Infektionsketten auf Öffis zurückführen konnte, heißt nicht, dass dort keine Ansteckung möglich ist! Sie lassen sich nur ohne Tracing App nicht zurückverfolgen. Ich könnte mir nur das Ausschlussprinzip vorstellen, z.B. eine vorher wochenlang isolierte Person, die keinen Kontakt zu Mitmenschen hatte und nur ein oder mehrere öffentliche Verkehrsmittel benutzt hat, die als Infektionsquelle in Frage kommen, bzw. deren Mitmenschen negativ waren (bzw. keine Antikörper entwickelt haben). Die aktuelle (!) Gefahr, sich über öffentliche Verkehrsmittel anzustecken, ist vor allem deswegen so gering, weil es derzeit nur wenige unbemerkt Erkrankte in der Bevölkerung gibt. Die Statistik spricht dagegen, aber das Setting spricht grundsätzlich dafür.

Kann man sich vor einem schweren Verlauf schützen?

Abseits der im letzten Text erwähnten Faktoren Virusdosis, Vorerkrankungen und Hintergrundimmunität scheint ein weiterer Faktor zunehmend auf Interesse der Forschung zu stoßen: Vitamin D! Im heutigen Video erläutert Dr. John Campbell zunächst die Hintergründe zu Vitamin D (speziell die verwirrenden Einheiten) und verweist auf eine aktuelle Studie aus Stockholm. Demnach hat 0,84% der Stockholmer Bevölkerung einen somalischen Hintergrund, aber 5% der Somali wurden hospitalisiert, von den bisher 15 Toten sind 6 Somalis. Verschiedene Gründe werden angeführt: Sozioökonomischer Status (finanziell schwach), schlechte Sprachkenntnisse (Gesundheitsinformationen dringen nicht durch), hoher Raucheranteil und ethnisch bedingter Mangel an Neutrophilen (generell Ostafrika). Es zeigt sich aber auch ein gegenüber der weißen Bevölkerung niedriger Vitamin-Spiegel, insbesondere bei somalischen Frauen ist er sehr niedrig. Das kann auf kulturelle Faktoren hinweisen, etwa Kopftücher oder Ganzkörperbedeckung. Unter dem Video sind inzwischen zahlreiche Studien aus aller Welt verlinkt, die nahelegen, dass ein Vitamin-D-Mangel mit einem schwereren Verlauf assoziiert werden könnte. Die Empfehlung der Studienautoren lautet, für Hochrisikogruppen eine Vitamin-D-Supplementierung anzudenken. Diese beträgt 2000 bis 4000 IU pro Tag, um 33 ng/ml bzw. 82 nmol/l im Blut zu erreichen (Schwellenwert für höhere Vitamin-D-Werte). Eine nicht unwesentliche Erkenntnis für mich persönlich, da ich genetisch bedingt unter einem Vitamin-D-Mangel leide und derzeit täglich mit Calcium-Vitamin-D-Tabletten supplementiere. Und wie immer gilt natürlich: Vitamin D ist nicht der einzige Faktor (s.o.). Situationen mit erhöhter Ansteckungsgefahr gilt es immer noch zu meiden.

Abschied nehmen vom alten Leben

Global gesehen sorgt die Pandemie für eine neue Weltordnung mit ungewissem Ausgang. In Österreich wird hingegen weitergewurschtelt, als ob nichts passiert wäre. Ich bin ehrlich fasziniert über so viel Naivität und Ignoranz zugleich. Das alte Epidemiegesetz hatte einen Rechtsanspruch auf Entschädigung inbegriffen, obwohl der Staatsbankrott die logische Konsequenz gewesen wäre. Das Gesetz wurde gekübelt, die neue Entschädigung über die WKO dauert Wochen und die Hilfen kommen nicht an oder reichen nicht aus. Auch gesunde Unternehmen erwischt es, denn z.b. in der Gastronomie ist ein gewisser Umsatz nötig, um überhaupt wirtschaftlich überleben zu können. Mit Abstandsregeln gibt es weniger Tische, weniger Gäste, dazu die vorzeitige Sperrstunde. Der meiste Umsatz geschieht über Getränke, nicht Essen. Take-Away ersetzt nicht einmal einen Bruchteil, für Lokale, die kaum Speisen anbieten, kein Ersatz. Die 600 000 Arbeitslosen in Österreich sind nur die Spitze des Eisbergs. Es wird richtig, richtig hässlich. Vor Tagen frug ich scherzhaft, ob die ÖVPler immun gegen Insolvenzen seien. Es wird doch allen wehtun, so viele Lobbyspenden kann es gar nicht geben. Am stillsten ist derzeit übrigens das reichste Prozent der Bevölkerung. Solidarität pur! #not

Ich fühle mich gerade vom Leben verarscht. Es wird noch lange dauern, diese Erkenntnis zu verarbeiten und zu vergessen. Ich kehrte nach Wien zurück, weil die kulturelle und gastronomische Teilhabe für mich leichter als in Salzburg war, letzteres gequält durch den Massentourismus. Genau ein Jahr lang seit meiner Rückkehr profitierte ich davon. Ich liebte die Frühstückslokale, die Kaffeehäuser, die Gastgärten-Vielfalt. Jetzt gibt es auch in Salzburg keinen Tourismus mehr, und das, was Wien so ausmacht, die Vielfalt der kulinarischen und künstlerischen Kultur, die stirbt gerade einen leisen und mit fortschreitendem Jahr einen immer lauteren Tod. Einerseits fehlt die Hilfe durch den Staat, andererseits werden die Bürger zurückhaltend im Konsum, was ihnen keiner verdenken kann. Manche sind unmittelbar gezwungen wegen Einkommensverlusten, andere ahnen, dass die Folgen der Pandemie weitaus länger anhalten als die Pandemie selbst, und sparen lieber.

Populisten wurden zur falschen Zeit an die Macht gewählt

Wenn man sich anschaut, was die letzten Jahre passiert ist, weltweit, wo man nur den Kopf schütteln konnte. Alle haben sich gefürchtet vor den großen Fluchtbewegungen. Bei den Ursachen wird seit Jahrzehnten weggesehen. Krieg und ethnische Konflikte passieren nur woanders. Not my job. Der Neoliberalismus hat die soziale Kluft in der Gesellschaft vergrößert – weltweit. Armut und mangelnde Bildung sowie die zeitliche Distanz zu den Gräueltaten des Zweiten Weltkriegs haben Rechtspopulisten und -extremisten wie Pilze aus dem Boden scheißen lassen. „Social Media“ hat bei der Vernetzung und Verbreitung von Fake News geholfen. So kams zum Brexit, so kam Trump an die Macht. Die Wahl Trumps war der Anfang vom Ende der Weltordnung. Das US-amerikanische Korrektiv, so verfehlt es oft war mit ihren eigenen wirtschaftlichen Interessen, fehlt. Der Unterschied zu Obama und Clinton ist himmelsschreiend. Ich hatte letztes Jahr dieses resignative Gefühl, dass die Machtergreifung der Populisten weltweit zum falschen Zeitpunkt kommt, wenn die beschleunigte Klimaerwärmung ein sofortiges Handeln erforderlich macht, weg vom Neoliberalismus und Protektionismus zur Nachhaltigkeit und internationalen Zusammenarbeit. Wir könnten nicht weiter davon entfernt sein. Jetzt sieht man während der Pandemie, dass Populisten das Problem potenzieren. Die soziale Kluft wird noch größer, der Nationalismus noch ausgeprägter, die Suche nach Schuldumkehr noch energischer und die Verschwörungsanhänger, die die ersten Wochen, als das Handeln der Regierungspolitiker im Vordergrund stand, noch still waren, wittern jetzt wieder Morgenluft wegen des Präventionsparadox (die harten Maßnahmen haben verhindert, dass die Gesundheitssysteme kollabiert sind. Vermeintlich waren sie übertrieben, aber hätte man keine Schritte gesetzt, hätten wir Verhältnisse wie in Frankreich oder USA gehabt).

Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, wie wir aus diesem Teufelskreislauf herauskommen. In die deutsche Regierung setze ich mehr Vertrauen in der Bewältigung der Krise als in die österreichische. Mein Vertrauen in die deutsche Bevölkerung ist jedoch sehr gering. Der neoliberale Zeitgeist des Egoismus ist viel ausgeprägter und dazu kommen seit Pegida unübersehbar antidemokratische Handlungen. Nicht nur die tausenden Anschläge auf Flüchtlingsheime, der nicht mehr versteckte Rassismus und Hass gegen Andersdenkende. Morde an Politikern und körperliche Angriffe gegen Journalisten, zuletzt gegen Mitarbeiter des öffentlichen Rundfunks. Die Vielzahl an Morddrohungen gegen den Chefvirologen der Regierung. Es.ist.erschreckend. Was in Deutschland unkontrolliert überschießt, fehlt in Österreich: Hier muckt gar keiner auf. Kritiker werden mundtot gemacht, wie die Sendung doublecheck im Österreichischen Radio 1 zuletzt aufzeigte. Im Gegensatz zu Deutschlands Führung ist die Datentransparenz katastrophal, außer es geht um Datenschutzverletzungen wie beim WKO-Härtefallfonds-Skandal, da kann die Transparenz größer gar nicht sein. Es kommen wahrlich keine schönen Zeiten auf uns zu. Jedes Land scheint autark vor sich hinzuwurschteln, dabei hängt alles zusammen und wir sitzen alle im selben Boot. Spätestens dann, wenn wirklich wirksame Medikamente bereitstehen und ein Impfstoff verfügbar ist, brauchen wir GLOBALE Anstrengungen, diesen gerecht zu verteilen an knapp 8 Milliarden Menschen in der Weltbevölkerung. Das Land, dessen Bevölkerung als erstes immun wäre, hätte einen Wettbewerbsvorteil.

Allerdings, und damit endet die wirtschaftliche Betrachtung, ist das eher Wunschdenken. Impfstoff heißt nicht, dass niemand erkranken kann, siehe Influenza. Milder erkranken, aber dennoch erkranken. Das Virus bleibt uns erhalten, auch ein Impfstoff kann es wegen der zeitlich versetzten Impfung nicht ausrotten. Immunsupprimierte Menschen kann man nicht impfen, die müssen auf Herdenimmunität warten. Die Herde wird die Impfung aber nicht widerstandslos hinnehmen, wenn man die wachsende Zahl an Corona-Verschwörungsfanatikern weltweit sieht. Eine Impfpflicht könnte notwendig werden, aber kann man den Protest dagegen unterdrücken? Man könnte, mit den richtigen Politikern an den Schalthebeln der Macht, denen Aufklärung, Bildung, Information, Transparenz wichtiger ist als Lobbyismus und Machterhalt. Frauen also. Aber unter einer solchen Führung ist die Zahl derer, die sich freiwillig impfen lassen auch ohne Androhung von Zwang wahrscheinlich höher. Schwierig schwierig. Trivial wird der Ausstieg aus der Pandemie nicht. Hinzu kommen bis dahin die noch weitgehend unbekannten gesundheitlichen Folgen, sowohl die Folgeschäden der Genesenen als auch die Folgeschäden der Gesunden, psychisch und existenziell, und die Schäden derer, die durch verschobene Vorsorgekontrollen und vorbeugende Maßnahmen kränker wurden als sie vorher waren. „Man hat die Toten nur in die Zukunft verschoben“, auch so könnte man die Aussage des schwedischen Chefepidemologen verstehen. Aber ich vermute, das hat er nicht gemeint. Eine umgebremst ansteigende Kurve hätte aber auch viel mehr Opfer unter Jüngeren gefordert, siehe USA. Keine wirkliche Alternative.

Rückblickend könnte man sagen, dass man die Bevölkerung mehr darüber hätte aufklären müssen, wie sich das Virus verbreitet und welche Folgen es hat. Zu lange hielt sich das Mär der aggressiveren Grippe, obwohl das Virus zum Multiorganversagen führt. Diese Erkenntnisse gibt es erst seit einigen Wochen, was man dazu sagen muss. Alle haben zu Beginn die Folgen unterschätzt. Alle. Bildung ist der Schlüssel zu allem. Zu mehr Vorsicht bei Fake News, zu mehr Eigenverantwortung. Wir werden mit dem Virus leben müssen, die Kultur wird sich wandeln, die Eigenverantwortung wird steigen müssen. Unter den derzeitigen politischen Voraussetzungen sehe ich in Österreich allerdings wortwörtlich schwarz, dass das so einfach gelingt. Nicht zuletzt bleiben die vorher schon Abgehängten auf der Strecke, die nie angesprochenen Nichtösterreicher mit niedrigerem Einkommen, schlechteren Bildungsschancen und nun noch niedrigeren Jobchancen, die sie sich mit einer Vielzahl von Österreichern teilen müssen (wer wird wohl eher eingestellt?).

Kein schöner Aufsatz zum Muttertag. Sonntag, der 10. Mai. Eigenverantwortung bedeutet für mich jetzt ständig, zwischen schlechtem Gewissen und Vernunft abwägen zu müssen. Der Weg zum Auto ist weit, ich muss den Führerschein umschreiben lassen (Bürokratieaufwand) und ich brauche Fahrstunden, und ich brauche vor allem viel, viel Überwindung, mich das Autofahren überhaupt zu trauen nach 14 Jahren mangelnde Fahrpraxis. Ich hab davor Angst, gerade in der Großstadt, zu viele Umgebungsreize, zu viele Depperte. Mein schlechtes Gewissen rührt hingegen daher, dass ich öffentliche Verkehrsmittel nutze, um im Alltag mobil zu bleiben. Wegen der Kurzarbeit habe ich jetzt mehr frei als vorher. Ich mache Wanderungen und benutzte gestern erstmals die Bahn, um eine Radtour im Weinviertel zu machen. Bei jeder Öffifahrt ist mir – trotz Maske – aber klar, dass ein erhöhtes Ansteckungsrisiko herrscht. Wenn die Fallzahlen wieder steigen, steigt auch die Ansteckungsgefahr. Würde ich mich dagegen auf das Radfahren beschränken, wäre meine Reichweite stark beschränkt (mangelnde körperliche Konstitution und technisches Verständnis von Platten beheben). Also verwende ich Öffis weiter, aber es wäre gelogen zu behaupten, dass ich mich dabei wohl fühle. In einem voll besetzten Railjet nützen auch die Masken wenig, wenn sich Fahrgäste dabei laut unterhalten oder telefonieren. Ich hab keinen unmittelbaren Ausweg aus dem Dilemma außer Risikominimierung, d.h., ich fahre gemeinsam mit Freunden (mit Auto) zu Freizeitaktivitäten aus der Stadt, dafür habe ich sonst keinen engen Kontakt über längere Zeit mit anderen Menschen.

Zurück zum Titel… Themaverfehlung irgendwie… es ist schwierig, sich auf die neuen Verhältnisse einzustellen, wenn sich die Umgebungsbedingungen dauernd ändern. Anpassung vorerst verschoben.