Tag 62: Wie man eine zweite Welle verhindern könnte

Orchis militaris (Helm-Knabenkraut) am Wartberg, Ulrichskirchen (Weinviertel), 11. Mai 2020

Just thinking …wir laufen derzeit Gefahr, sehenden Auges in die Katastrophe zu gehen. Das kommt bekannt vor? Seit über 30 Jahren predigen das die Klimaforscher aufgrund des anthropogen verursachten Kohlendioxidausstoßes. Die Änderungspolitik war bisher zu halbherzig, denn die Folgen sind in den wenigsten Fällen unmittelbar, sondern langfristig, also weit über die Dauer einer Legislaturperiode hinaus. Verheerende Hochwässer wie 2013 gab es in der Menschheitsgeschichte schon öfter, Dürrezeiten wie die vergangenen Sommer werden nicht als Katastrophe wahrgenommen, weil die Mehrheit Sonnenschein und Hitze durchaus mag. Solange Lebensmittel günstig aus anderen Ländern importiert werden können, nimmt man die Missernten im Inland kaum wahr. Hitzerekorde wie im vergangenen Sommer sind bald vergessen, Waldbrände wie rund um Tschernobyl sind nur kurz in den Schlagzeilen. „Ausland“ eben. Der im Flachland kaum existente Winter stört nur die nostalgischen Bewohner, nicht aber jene, die wegen der horrenden Heizkosten kaum ihre Miete zahlen können. Ein wärmer werdendes Klima scheint nicht zu stören, die Städter noch mehr als die ländliche Bevölkerung, doch es sind letztere, die zum Wasser sparen aufgerufen werden, deren Brunnen versiegen, die das Artensterben hautnah miterleben, die ihre Äcker künstlich bewässern müssen und die Heu zukaufen müssen, weil der Grasschnitt heuer wieder sehr mager ausfällt. Obwohl der Trend relativ eindeutig ist, fehlen klare Bekenntnisse der Regierung, die Folgen der Erdwärmung als größte Bedrohung des Wohlstands einzuordnen. Lobbypolitik ist eben wichtiger, so lange wie möglich die Augen vor der Wahrheit verschließen und so tun, als könnten wir ewig so weiterwurschteln.

Einen sehr ähnlichen Prozess erleben wir derzeit mit der Pandemie. Die Wissenschaftler warnen seit Wochen vor einer zweiten, viel größeren Welle und ziehen als historisches Beispiel die letzte vergleichbare Pandemie, die Spanische Grippe, heran. Auch damals hat man gelockert, im Herbst kam die vernichtende zweite Welle. Ist die große zweite Welle unvermeidbar? Müssen wir wieder in den Lockdown? Versetzen wir der Wirtschaft damit den Todesstoß?

Mein Optimismus ist aufgrund unserer Regierung begrenzt, das Grundlagenwissen der Bevölkerung hinsichtlich Ansteckungsrisiko, Immunsystem und Erkrankungsfolgen stark ausbaufähig, und zwar in allen Sprachen, sodass es alle mitbekommen, denn es müssen alle mithelfen, nicht nur die lieben Österreichinnen und Österreicher.

Hygiene und Masken funktionieren unabhängig der Jahreszeiten

  • Hände gründlich waschen, egal, was und wen man vorher angefasst hat,
  • Desinfektionsmittel bereitstellen an öffentlichen Orten, in den Geschäften, vielleicht künftig auch in den Bahnhöfen und Zügen (Speisewagen, sollten sie eine Zukunft haben, Toiletten)
  • in die Armbeuge niesen
  • Masken überall dort tragen, wo Menschen eng zusammen kommen, um die emittierte Virendosis gering zu halten
  • Abstand halten zu anderen, auch MIT Maske

Das funktioniert jahreszeitenunabhängig! Im Gegensatz zu den vergangenen 100 Jahren weiß die Bevölkerung jetzt, worauf es ankommt, um die Ausbreitung von Krankheiten zu verhindern, die sich vorwiegend über Tröpfcheninfektion verbreiten. Wenn der Altweibersommer klimaerwärmungsbedingt wieder bis in den November andauert und der Goldene Oktober bis Weihnachten, sind die Leute ohnehin länger draußen unterwegs als drinnen. Gerade in den ersten Wochen des Lockdowns hat kühles Wetter die Menschen vom draußen sein nicht abgehalten. Die Ganzjahresradfahrer werden ohnehin zunehmen, die Zahl der Autofahrer wohl auch, denn die Skepsis gegenüber öffentlichen Verkehrsmitteln bleibt (mich eingeschlossen). Die Superspreader-Events fallen aus: Keine Massen in den Skihütten, in Nachtclubs oder Discos, keine Großveranstaltungen oder Konzerte, wo Menschen eng zusammenstehen. Einerseits wird es nicht erlaubt sein, andererseits dürfte bis dahin hoffentlich den meisten klargeworden sein, dass es das erst wieder geben wird, wenn ein oder mehrere effektive Impfstoffe für Herdenimmunität gesorgt haben. Irgendwann nächstes Jahr also.

PCR-Tests, Antikörpertests und Detektivarbeit zum Aufspüren von Infektionsketten – genauso effektiv vor 100 Jahren?

Bis dahin gibt es weitere Gründe zu glauben, dass uns eine zweite, noch größere Welle erspart bleibt. Vor 100 Jahren gab es noch keine Biotechfirmen, die 100% sensitive und 99,81% spezifische Antikörpertests (wie den von Roche, 03.05.) herstellen konnten, mit denen die Bevölkerung oder zumindest Umgebungen von Risikogruppen getestet werden konnten. Auch bei der Detektion von infektiöser Viren-RNA werden weiterhin Fortschritte gemacht – immerhin ist sie nicht nur im Rachenabstrich, sondern auch im Speichel nachweisbar, und könnte billig und schnell verfügbar gemacht werden als Test für Zuhause. Hinzu kommt die hervorragende Detektivarbeit beim Aufspüren von Infektionsketten. Dann Quarantäne von Verdachtsfällen und Isolierung von Kranken.

Vor 100 Jahren gab es zudem noch keine Tracing Apps, die Kontakte mit infizierten Personen anzeigen. Auf eine freiwillige Lösung wird es hinauslaufen müssen, die so gut gemacht ist, dass sie mindestens zwei Drittel der Bevölkerung benutzt, vor allem aber jene, die einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind – eine App also eher für Stadtbewohner, Businessmenschen oder Versicherungsvertreter, ebenso für Pflege- und Gesundheitspersonal. Die Bewohner einsamer Bauernhöfe im letzten Winkel eines Sackgassentals können auf die App guten Gewissens verzichten. Aus den gleichen Gründen wie bei Covid19 (Handhygiene und Abstand halten) wird auch die kommende Influenzawelle schwächer ausfallen als die letzte, egal, wie gut der Grippeimpfstoff wirkt. Die Zahl der Sozialkontakte ist schon alleine dadurch verringert, dass man zu Inlandsurlauben gezwungen ist und – kein schöner Grund – mit der gestiegenen Arbeitslosigkeit – weniger soziale Teilhabe möglich ist, weniger Wirtshausbesuche, weniger Ausflüge, etc.

Die Antikörper- und PCR-Tests haben allerdings ihre Schwächen, selbst, wenn sie 100% sensitiv und spezifisch wären:

Quelle: https://jamanetwork.com/journals/jama/fullarticle/2765837?

Die Tests sind immer nur in bestimmten Zeiträumen der Erkrankung effektiv. Antikörper können frühestens zwei Wochen nach den ersten Symptomen nachgewiesen werden. Viren-RNA hingegen nicht bis wenige Tage vor den ersten Symptomen und nicht mehr ab etwa der vierten Woche.

Erkennung von subtilen Symptomen vor erstem Auftreten klassischer Symptome?

Meine Hoffnung und Interesse liegt in dem Zeitraum vor Auftreten der ersten spezifischen Covid19-Symptome. Die äußerlich sichtbaren Symptome werden mit den neuen Erkenntnissen aus der Forschung und den Erfahrungen aus klinischen Beobachtungen stets erweitert, neben Husten, Fieber eben auch schmerzende und brennende Zehen, Durchfall oder Verlust des Geruchs- oder Geschmacksinns. Manche Länder wie UK oder USA haben Apps entwickelt, wo jeder Teilnehmer täglich seinen Gesundheitszustand melden soll. Das ließe sich beliebig erweitern um potentielle Symptome, die bisher als atypisch betrachtet werden, eben neurologische Ausfälle, Durchfall oder andere Krankheitsanzeichen. Eine andere Möglichkeit sind die Daten aus den Fitnesstrackern wie Ruhepuls, der bei einer Infektion ansteigt. Auch in den USA wird damit experimentiert. Daraus ließen sich lokale oder regionale Covid19-Cluster ableiten. Ich selbst messe außerdem mit einem Finger-Pulsoxymeter ein bis zwei Mal täglich Sauerstoffsättigung und Puls. Diese ersetzen allerdings keine Einschätzung des Gesamtbildes durch einen Arzt. Kurzatmigkeit trotz hoher Sauerstoffwerte kann dennoch ein Indiz sein. Dennoch – für Menschen wie mich, die alleine leben, ist die regelmäßige (nicht übertriebene) Dokumentation des eigenen Gesundheitszustands derzeit hilfreich.

Zwei Monate wissenschaftlicher Fortschritt – fünf bis sechs Monate Schonfrist kommen noch

Wenn man sich überlegt, wie sehr sich unser Wissensstand seit Beginn des Lockdowns Mitte März schon vergrößert hat, inzwischen sind es fast exakt zwei Monate, wo werden wir erst zu Beginn der kalten Jahreszeit in fünf bis sechs Monaten stehen? In Summe gibt es – meine persönliche Einschätzung – zumindest aus wissenschaftlicher Sicht genügend Gründe für Zweckoptimismus. Entscheidend ist aber, die Bevölkerung auch ausreichend aufzuklären, und dazu genügen tägliche Pressekonferenzen von POLITIKERN nicht. Ich möchte derart verständliche und informative Texte wie diesen Englischen über Ansteckungsrisiken und wie man sich schützen kann, im Deutschen lesen, und noch dazu auf türkisch, serbisch und in allen anderen Sprachen, die in Österreich gesprochen werden. An Ressourcen dafür kann es nicht mangeln. Übersetzer mit Muttersprache gibt es genug, es ist alleinig der politische Wille, dass Nichtösterreicher in allem ausgegrenzt werden.

Jetzt werden natürlich kritische Bereiche gelockert: Schulen und Gastronomie. Ansteckungen lassen sich trotz strenger Regeln nicht vermeiden. Kinder sind Kinder und Erwachsene in einem Essenslokal neigen dazu, während der Einkehr miteinander zu sprechen. Die Übertragungswege sind bekannt. Wenn nur der Kellner Maske trägt, die Gäste aber alle nicht, nützen auch die Meterabstande zwischen den Tischen nichts. Es braucht eben auch gute Raumluftumwälzer, geöffnete Fenster, wo nur möglich. Das gleiche gilt für öffentliche Verkehrsmittel (zuletzt bemerkt, der neue Cityjet der ÖBB hätte ebenfalls Fenster zum Kippen, das wäre sicher als die Klimaanlage), es gilt im Prinzip überall, wo Virenexposition mal Zeit einen kritischen Wert erreichen, unabhängig der Abstände. Großraumbüros dürften bald der Geschichte angehören, der Konzentration beim Arbeiten waren sie ohnehin nie zuträglich. Die Kommunikation untereinander verbessert haben sie auch nicht, eher fühlte man sich schneller genervt. Das Revival der Einzelbüros? Zumindest abgetrennte Bereiche werden kommen müssen, wenn Homeoffice irgendwann beendet werden soll.

Wenn die Lockerungen seit erstem Mai übrigens zu breiter Vernachlässigung der Abstands- und Hygieneregeln geführt haben, sollte man das in den nächsten Tagen allerspätestens in der Zahl der täglichen Neuinfektionen erkennen, da dann auch die maximale Inkubationszeit von 12-14 Tagen abgelaufen ist. Und ja, ich bemerkte die letzten Tage selbst, dass es viele mit dem Abstand nicht mehr so genau nehmen, seit es die Masken gibt. Die Öffis sind voll, die Stimmung gereizt….

Eine ältere und mittelalte Dame in der Linie 31.

„Ein Meter entfernt bitte!“
„Des is an Meter. Wauns Angst hom, daun derfens net Öffis fahrn. Wie soi ma Obstond hoitn, waun de Bim voi is?“
„Am leichtesten tats gehn, wauns afoch den Mund hoitn!“

#wienliebe #Öffigespräche

Die letzten Tage waren die Straßenbahnen fahrende Altersheime. Die 60+-Generation ist wieder draußen, fährt zum Baumarkt einkaufen, sind mit zwölfköpfigen Wandergruppen unterwegs oder machen Radtouren. Obwohl das statistische Risiko zu erkranken aufgrund der (vermutet) geringen Anzahl unentdeckter Infizierter derzeit gering ist, staune ich dennoch. Mir persönlich wäre es momentan noch zu heikel, mit einer großen Wandergruppe unterwegs zu sein, trotz noch geringerem Risiko im Freien. Aber man steht eben doch mal bei einer Pause enger zusammen. Jemand niest wegen den Pollen und schleudert seine Virenpartikel auf die Person gegenüber. Blede Gschicht. Es wird schon gut gehen. Mittlerweile denke ich mir bei dem relativ geringeren Risiko, sich im Freien anzustecken, lieber beim Versuch gescheitert, aktiv gesund zu bleiben, als sich monatelang einzusperren und gesundheitliche Folgen zu riskieren, die das Leben auch nicht lebenswerter machen (PS: Natürlich nur unter Rücksichtnahme auf Dritte, die man mit Ansteckung gefährden könnte…)