Tag 64: Vitamin D wichtiger als angenommen?

Ich verfolge die täglichen Youtube-Videos des Krankenschwester-Lehrers Dr. John Campbell nun schon seit Ausbruch der Pandemie Mitte März. Er hat von Beginn an die wichtige Rolle von Vitamin D betont und immer wieder bekräftigende Studien geliefert, etwa dass Vitamin D GENERELL gegen (schwere) Atemswegsinfektionen schützt. Bei Menschen mit ausgeprägtem Vitamin D-Mangel ist die medikamentöse Substitution effektiver als bei Menschen mit geringem Mangel oder normalen Werten. Bei ausgeprägtem Mangel verringert sich das Risiko jedoch um 70%! Er hat später auch aufgezeigt, dass in den USA 42% der Gesamtbevölkerung einen Vitamin D-Mangel aufweist. In der Bevölkerung mit dunkler Hautfarbe sind es sogar 82% und unter den Hispanos 70%. In zahlreichen Untersuchungen zur erhöhten Sterberate finden sich immer wieder Schwarze und Hispanos an der Spitze. In vielen Artikeln und Medienberichten wird die erhöhte Mortalitätsrate aber vorwiegend mit der gesellschaftlichen Benachteiligung in Verbindung gebracht, ein Faktor, aber möglicherweise nicht der alleinige Faktor.

So ist wissenschaftliche Tatsache, dass dunkle Haut zwar längere Zeit vor Sonnenbrand schützt, dafür aber auch langsamer Vitamin D produziert als hellere Haut. Der Großteil der Vitamin D-Produktion findet über die Sonne statt, nur etwa zehn Prozent über die Nahrungsaufnahme – ein Grund für den verbreiteten Vitamin-D-Mangel in der kalten Jahreszeit.

Vitamin D ist essentiell für die Regeneration der schützenden epithelialen Barriere der Alveoli in den Lungen, wo der Austausch von Sauerstoff und Kohlendioxid stattfindet. In den Alveoli verursacht das Virus lokale Entzündungen. Der Großteil wird aber von der Immunantwort selbst verursacht. Entzündete Flüssigkeitsansammlungen verhindern den Gasaustausch und verursachen Atemprobleme (ARDS). Vitamin D ist außerdem wichtig für die Reifung von Immunzellen. Weiße Blutzellen wie Lymphozyten, Monozyten, Neutrophile und Dendritische Zellen besitzen alle Vitamin-D-Rezeptoren.

Campbell bezieht sich in der gestrigen Zusammenfassung auf einen Artikel von JoAnn E. Manson, Professorin für Medizin an der Harvard Medical School. „The evidence is quite compelling“. Vitamin D ist demnach in der Lage, schwere Verläufe durch Covid19 zu verhindern. Ihr Ratschlag:

Geht raus an die frische Luft in die Sonne, bewegt Euch, aber haltet dabei Abstand!

Diesen Blogtitel hatte ich bereits an Tag 28 (08. April), also noch inmitten des Lockdowns, gewählt, und mich dabei auf einen Artikel über die Lehren aus der Spanischen Grippe bezogen, den ich hier gerne zum 150. Mal verlinke. Das ist geradezu das Gegenteil von #Staythefuckhome oder #Zuhausebleiben. Die Annahme dahinter ist nämlich, dass all jene, die draußen unterwegs sind, automatisch zur Grüppchenbildung neigen und damit das gegenseitige Infektionsrisiko erhöhen. Abstand halten war erfolgreich, das ist unbestritten, aber Abstand halten funktioniert im Freien wesentlich besser als wenn etwa Familien in den Wohnungen bleiben und sich dadurch ständig über den Weg laufen.

Abstand halten funktioniert auch durch Homeoffice effektiver als in Großraumbüros, und wenn wir je wieder zu einer normalen Bürokultur zurückfinden wollen, dann wird jetzt wieder die Zeit der Einzelbüros kommen und der Trennwände, um unmittelbare Infektionswege zu unterbinden. Aber das ist eine andere Baustelle, um die soll es hier nicht gehen.

Die Medizinprofessorin empfiehlt in Zeiten von Covid19, die (künstliche) Vitamin-D-Zufuhr deutlich zu erhöhen, auf 1000 bis 2000 IU täglich, das entspricht 25-50 mgr Vitamin-D3. Zum Vergleich: Meine zur wöchentlichen Zufuhr gedachten Vitamin-D3-Kapseln enthalten 10000 IE, das entspricht 250 mgr, also 35mgr täglich.

Campbell betont, um Missverständnissen vorzubeugen, dass Vitamin D nicht vor der Infektion mit Covid19 selbst schützt, aber vor gefährlichen antiviralen und bakteriellen Lungeninfektionen, eine der Hauptkomplikationen von Covid19.

Nur einmal anekdotisch gedacht: Meine letzte Atemwegsinfektion war am 20. März 2016. Das weiß ich noch genau, weil ich mit einem Freund an der Flatzer Wand einen leichten Klettersteig gegangen bin. Tagsüber fühlte ich mich gesund. Auf der Heimfahrt lief die Klimaanlage im Auto auf Hochtouren. Ich spürte den kalten Luftzug und fröstelte. Am nächsten Tag lag ich flach mit Fieber und Gliederschmerzen. Der grippale Infekt dauerte über eine Woche, am elften Tag machte ich wieder eine Wanderung in der Wachau, ließ es aber langsam anghen.

In den Folgejahren hatte ich keine einzige Erkältung mehr, dafür wiederkehrende Magen-Darmbeschwerden mit Sodbrennen, Reflux bis hin zu Magendarminfekten. Schnupfen, Stirnhöhlenbeschwerden und trockener Husten ausschließlich in Zusammenhang mit Reflux. Sobald ich die Ernährung umstellte, verschwanden die Beschwerden wieder. 2016 war auch das Jahr, wo ich teilzeitbedingt deutlich mehr Wanderungen machte als in den Vorjahren. In den Folgejahren war ich weiterhin exzessiv häufig unterwegs, ich brachte es auf über 70 Wanderungen im Jahr, im Schnitt also alle fünf Tage, und gelegentlich noch kurze Radfahrten oder kleinere Fotospaziergänge. Die Refluxbeschwerden verschwanden zu Jahresbeginn 2019, die Darmbeschwerden mit der Laktoseintoleranz-Diagnose im Herbst 2019. Jetzt spüre ich vor allem noch die Histaminunverträglichkeit, die pseudogrippeähnliche Symptome hervorrufen kann. Die klassische Atemwegserkrankung mit Schnupfen und Halsweh blieb mir weiterhin erspart. Ich hab Vitamin D immer wieder supplementiert, blieb aber schleißig, was die Regelmäßigkeit betrifft (klar eine Schwäche von mir). Aber: Ich bin weiterhin viel draußen unterwegs. Ich war keineswegs immer so gesund. Vor 2016 war ich häufig krank, was aber auch an Großraumbüro und psychischem Stress lag, ich war die Jahre davor aber auch weniger sportlich aktiv und hing überhaupt vor 2010 viel zu oft vor dem Computer statt rauszugehen. Ob das der alleinige Grund ist, weiß ich nicht. Die letzte influenzaähnliche Erkrankung hatte ich am 17. März 2013, danach lag ich über eine Woche mit hohem Fieber flach. Am 16. März machten wir eine anstrengende Schneeschuhwanderung, im Anschluss hatte ich Nachtdienst. Auf der Rückfahrt in der U-Bahn saß neben mir ein symptomatischer Mann, der ganz blass im Gesicht war und hustete. So hab ich mir den Infekt imho eingefangen. Vielleicht hätte damals das Masken tragen eine (schwere) Infektion verhindert. Mein Immunsystem war offensichtlich durch die körperliche Anstrengung und das anschließende Schlafdefizit geschwächt.

Letzendlich bleibt es ghupft wie ghatscht. Bewegung, ausreichend Schlaf und genug Vitamin D im Blut können nur ein Vorteil in der Risikominimierung eines schweren Verlaufs sein – sie können aber – und das ist wichtig, um keine Mythen über die vermeintliche Wunderwaffe Vitamin D zu produzieren – eine Infektion nicht verhindern, und die bekannten Faktoren Vorerkrankung, Virendosis bei der Übertragung, und (fehlende?) Hintergrundimmunität spielen weiterhin eine tragende Rolle, wie schwer man erkrankt, zzgl. derzeit noch unbekannter Faktoren.