Tag 67: Infektionswege

Wie ich schon am 06. Mai in meinem großen Übersichtsartikel erwähnt habe, kann die Infektion auch über ein einfaches Gespräch stattfinden. In den letzten Tagen war die Aufregung groß, weil eine neue Studie aufzeigte, dass Übertragungen bereits stattfinden können, wenn in Innenräumen normal gesprochen wird. Ebenso gibt es (überraschte?) Reaktionen auf eine deutsche Studie, die (wenn auch nur mit wenigen Fällen) bestätigt, dass Übertragungen bereits vor Auftreten der ersten Symptome stattfinden. Schon vor ein paar Wochen wunderte ich mich, als in deutschen Onlinemedien bekanntes Wissen als vermeintlich bahnbrechende neue Erkenntnis verkauft wurde. Auf welchem Planeten habt ihr die letzten zwei Monate verbracht? Seid ihr schon so eingelullt von den täglichen Pressekonferenzen, dass ihr gar nicht mehr wisst, warum wir uns an die vielen Verordnungen halten? Seit Mitte März informiert die AGES darüber. 

Ihr Chef Franz Allerberger am 21. März im Video über Übertragungsrisiken:

„das Reden selber alleine auf engem Raum reicht aus, um in Einzelfällen das Virus zu übertragen“

Im heutigen Text versuche ich noch einmal aufzudröseln, wie Infektionen stattfinden können und wie sie wirklich stattfinden. Ein Grundproblem der Infodemie ist nämlich die mangelnde Unterscheidung zwischen Studien, die im Labor stattfinden und Untersuchungen von tatsächlich stattgefundenen Ereignissen oder real existierenden Situationen. So werden Theorie und Praxis vermischt, und heraus kommen dann realitätsferne Abstandsregeln für Radfahrer, die selbst aktuell noch vom Alpenverein als neue Verhaltensregeln verkauft werden (siehe Mountainbike/Tourenrad, E 2).

Vorwort

Obwohl ich Laie bin, kein Virologe, erlaube ich mir dazu eine Meinung, denn als studierter Meteorologe ist mir der Begriff Aerosol bekannt. In der Infektiologie werden luftgetragene Aerosole von rasch absinkenden Tröpfchen unterschieden, in der Meteorologie reicht die Spannweite bei Aerosolen von klein (1 Mikrometer) bis Wolkentröpfchen (100 Mikrometer), dem gegenüber steht der Regentropfen mit 2 Millimetern. Bei der CDC reicht die Größenordnung von Aerosolen von 0,01 bis 100 Mikrometer. Unter Tröpfchen wird eigentlich alles über 5 Mikrometer verstanden.

Definition hin oder her: Beim Husten, Niesen und feuchter Aussprache entstehen größere Tröpfchen, die durch die Schwerkraft zu Boden sinken, beim normalen Sprechen hingegen Aerosole, die längere Zeit in der Luft schweben, bis sie durch Verdunstung kleiner werden und gänzlich austrocknen. Drosten hat schon am 06. April auf Aerosolübertragung hingewiesen, ein Paper vom 26. März hat explizit airborne transmission erwähnt. Im Hinblick auf die neue Studie über normales Sprechen als Übertragungsweg hat ein Epidemologe auf Twitter kritisch gefragt:

„If the virus lingers in the air for 14 minutes AND can cause infection then why is the household attack rate 10-15%? Do people not talk in their homes?“

Wenn das Virus also für 14 Minuten in der Luft und dabei infektiös bleibt, warum stecken sich dann im eigenen Haushalt 10-15% an? Sprechen die Menschen in ihren Wohnungen nicht miteinander?

Hier geht’s um den vermeintlichen Widerspruch von Infektionsrisiko und geringer Ansteckungsrate, wenn sich nur jeder zehnte im eigenen Haushalt ansteckt. Im angesprochenen Paper wird von stehender Luft ausgegangen, bei 23°C Umgebungstemperatur und 27% relativer Luftfeuchte. Die Virenlast im Speichel war individuell verschieden und die Wahrscheinlichkeit, dass sehr kleine Tröpfchen (1-3 Mikrometer) ein Virenpartikel enthalten, beträgt nur 0,01%. Auch Drosten hat immer wieder darauf hingewiesen, dass hier zwei Prozesse entgegenlaufen: Je kleiner die Tröpfchen, desto länger schweben sie und desto höher das Risiko, dass man durch eine Tröpfchenwolke im Raum durchgeht, aber je kleiner die Tröpfchen, desto weniger Virenpartikel enthalten sie und das Risiko, die nötige Menge an Viruspartikeln für eine Infektion zu erhalten, verringert sich ebenfalls.

Ich habe bereits am 16. März beim Bloggen über Covid19 einen wissenschaftsjournalistischen Artikel von Statnews verlinkt (und zitiert), dessen zentrale Aussagen sich auch auf die in der New York Times erwähnten Studie anwenden lassen. Schon damals hat man gewusst, dass das Virus als Aerosol übertragen werden kann, aber dies wurde nicht als der Hauptübertragungsweg angesehen. Begründung damals: Die Ansteckungsraten müssten größer sein und würden den beobachteten Ansteckungswegen widersprechen: Enge Kontakte und weniger z.B. über Personen, mit denen man gemeinsam einen Aufzug teilt. Am 03. März betrug die Ansteckungsrate in einem infizierten Haushalt laut CDC-Report nur 10,5% – eine Zahl, die sich bis heute nicht signifikant erhöht hat. Die gemutmaßte Aerosolverbreitung sei vorwiegend unter idealen Bedingungen gegeben und würde nicht die Wirklichkeit widerspiegeln.

Erstes Fazit: Immer genau lesen, am besten die Originalartikel, und vor allem zu Ende lesen, denn am Schluss werden die Einschränkungen in der Interpretation aufgezählt, wie eben Laborbedingungen oder widersprüchliche Ergebnisse bzw. andere Studien, die zu gegenteiligen Ergebnissen kommen. Laborbedingungen sind selten auf die Realität übertragbar, wie man auch bei der Modellsimulation über Radfahren sah, wo Seitenwind nicht berücksichtigt wurde. Echte belastbare Fakten sind tatsächlich stattgefundene Situationen, wie ich sie weiter unten noch erwähnen werde, wo sich anhand realer Bedingungen Übertragungswege nachvollziehen lassen können.

Übertragungen von Covid19 finden nach aktuellem Wissensstand Mitte Mai über Tröpfcheninfektion (45%), Aerosolinfektion (45%) und Kontaktinfektion (10%) statt. Die Prozentangaben stammen vom Bauchgefühl von Drosten, das er im Podcast am 12.Mai geäußert hat.

Für die Zusammenfassung hier habe ich den Text einer Privatdozentin für Biologie über Ansteckungsrisiken gelesen und zitiere direkt oder indirekt auszugsweise daraus (farblich markiert).

Wieviel Virus braucht man für eine Infektion?

Man schätzt aufgrund von Studien mit MERS und SARS, dass ca. 1000 Covid19-Virenpartikel für die Infektion notwendig sind. Diese können mit einem Atemzug aufgenommen werden oder wenn man sich mit den kontaminierten Fingern in den Augen reibt, oder man inhaliert mit 10 Atemzügen je 100 Virenpartikel oder mit 100 Atemzügen je 10. Jede dieser Situationen kann zu einer Infektion führen.

Für Eigenverantwortung der Bevölkerung ist die folgende Formel von zentraler Bedeutung, und zwar bis wir einen Impfstoff haben und noch weit darüber hinaus, wenn man andere virale Infekte berücksichtigt:

Infektion = Virenexposition mal Zeit

Eine Infektion tritt dann ein, wenn ich der Menge an Virus lange genug ausgesetzt bin. Ein einzelnes Virenpartikel reicht nicht aus und ein flüchtiges Vorbeigehen auch nicht.

1. Tröpfcheninfektion

Am Anfang der Pandemie war das Risiko, sich über ausgehustete Tröpfchen oder Niesen bei symptomatischen Infizierten anzustecken relativ hoch. Denn das Krankheitsgefühl ähnelte dem einer klassischen Influenzagrippe und es war Usus, deswegen nicht zuhause zu bleiben, sondern weiter zu arbeiten, weiter in den Urlaub zu fahren, sich Neocitran oder AspirinKompakt reinzuhauen und das Krankheitsgefühl zu unterdrücken.

Problem: Ein einziger Huster setzt über 3000 Tröpfchen frei, die mit einer Geschwindigkeit bis zu 80km/h innerhalb weniger Sekunden einen Raum durchqueren können. Die meisten Tröpfchen sind groß und fallen aufgrund der Schwerkraft rasch zu Boden, aber viele bleiben in der Luft bestehen. Ein einziger Nieser setzt sogar 30 000 Tröpfchen frei, die meisten Tröpfchen sind winzig und überwinden mit einer Geschwindigkeit bis zu 320km/h große Distanzen. Eine infizierte Person kann durch ein einziges Husten oder Niesen über 200 Millionen Virenpartikel in seiner Umgebung verteilen. Eine Infektion kann auch dann stattfinden, wenn die infizierte Person den Raum schon verlassen hat und man wenige Minuten nach dem Husten/Niesen eintritt und ein paar Atemzüge nimmt.

Ich hätte mir vorstellen können – formulier ichs einmal so -, dass die Verbreitung über symptomatische Personen zurückgeht, weil wir im Gegensatz zu Beginn der Pandemie besser sensibilisiert sind, wie wichtig es ist, mit den ersten Symptomen daheim zu bleiben und Abstand zu Gesunden zu halten. Tatsächlich ist es leider so wie bei anderen Vireninfekten auch: Viele Arbeitnehmer in prekären Arbeitsverhältnissen (v.a. Leiharbeiter, aber auch andere schlecht bezahlte Jobs, die vor allem von Ausländern gemacht werden) gehen trotz Symptomen zur Arbeit, wie man durch die hervorragende Detektivarbeit des Wiener Gesundheitsstadtrats herausgefunden hat. Wer nicht krank zur Arbeit kommt, verliert den Job. Genau da hätte man ansetzen müssen als Folge der Pandemie und der geforderten Rücksichtnahme auf Risikogruppen. Passiert ist seitens der türkisgrünen Regierung leider gar nichts – im Gegenteil. Der meist besser verdiendende Mittelstand wurde ins Homeoffice geschickt, die systemrelevanten Mitarbeiter mussten unter gefährlichen hygienischen Bedingungen zu den gleichen finanziellen Konditionen wie vorher weiterschuften. Außer Balkonklatscherei gab es keinen Dank, geschweige denn eine Erwähnung vom Kanzler (liebe Österreicherinnen und Österreicher …). Deswegen finden weiter Ansteckungen über Tröpfcheninfektion und engen Kontakt generell statt, obwohl Symptome sichtbar und die Erkrankten in Quarantäne könnten, bevor man einen PCR-Test überhaupt andenkt.

Masken tragen verhindert jedenfalls, dass größere Tröpfchen mit höherem Anteil an infektiösem Virus andere schon nach einem Nieser oder Huster infizieren. Zudem sorgt so eine geballte Ladung Virus auch für schwerere Krankheitsverläufe, das belegen zahlreiche Berichte über infizierte und später gestorbene Ärzte, denn beim Intubieren kommen sie dem Patienten sehr nahe und atmen besonders viel infektiöses Virus ein. Auch eine feuchte Aussprache mit fliegenden Tröpfchen wird durch Masken tragen eingedämmt.

2. Aerosolinfektion

Dem gegenüber stehen Infizierte, die über den gesamten Verlauf der Infektion keine Symptome zeigen (asymptomatisch) bzw. erst später Symptome entwickelten (präsymptomatisch). Das ist der große Unterschied von Covid19 zur Influenza. Wer sich mit Influenza ansteckt, wird sofort krank und kann anhand der klaren Symptome identifiziert werden. Wer sich mit Covid19 ansteckt, merkt es entweder gar nicht oder erst nach ein bis maximal zwei Wochen. In dieser Zeit trifft die infizierte Person weiterhin andere Menschen, unterhält sich normal oder arbeitet auf engem Raum mit Kollegen zusammen. Dadurch finden weitere Ansteckungen statt und bis diese sichtbar werden, sind Dritte ebenfalls infiziert. So verläuft die Verbreitung von Covid19 unter dem Radar. Obwohl symptomfreie und jene mit Symptomen gleich viel Virus im Rachen haben und theoretisch ausscheiden können, wird der Infizierte ohne Symptome weniger Virenpartikel verbreiten, sofern er nicht wegen Staub- oder Pollenallergie husten oder niesen muss oder eine feuchte Aussprache hat. Die geringste Ausscheidung findet über Nasenatmung statt. Etwas im Widerspruch zu den obigen Prozentangaben steht ein Pre-Print-Review der bestehenden Literatur von Buitrago-Garcia et al. (25.4.20). der zeigt, dass nur eine Minderheit der beobachteten Infektionen über durchwegs symptomfreie Infizierte erfolgt.  Die höchste Anzahl an Virenpartikel im Rachen findet sich 2-3 Tage vor den ersten Symptomen, ansteckend kann man aber bereits bis zu fünf Tage vor den ersten Symptomen sein.

2.1 Atmung

Ein einziges Mal Ausatmen setzt 50-5000 Tröpfchen frei. Viele dieser Tröpfchen sind träge und fallen rasch zu Boden. Noch weniger Tröpfchen werden durch das Atmen durch die Nase freigesetzt. Im Gegensatz zum Husten werden Virenpartikel aus den unteren Atemwegen nicht beim Ausatmen einbezogen. Bei Influenza weiß man, dass pro Atmung 3-20 Viren-RNA-Kopien pro Minuten freigesetzt werden. Bei normaler Atmung würde man 50 Minuten brauchen, bis man infiziert wäre, und selbst das nur dann, wenn jedes ausgeatmete Virenpartikel in der eigenen Lunge landet.

2.2 Sprechen

Sprechen erhöht die Freisetzung von Atemwegströpfchen um das Zehnfache. Ca 200 Kopien des Virus pro Minute. Es würde, wieder vorausgesetzt, man atmet jedes Virenpartikel ein, also rund 5 Minuten dauern im direkten Gespräch brauchen, um die notwendige Dosis zu erhalten.

Jeder, der sich in einem geschlossenen Raum ohne Luftaustausch länger als zehn Minuten mit einer infizierten Person unterhält, ist potentiell infiziert. Jeder, der einen Raum (z.b. ein Büro) für längere Zeit mit einer infizierten Person teilt, ist potentiell infiziert. Ein einziger Huster oder Nieser reicht aus, um ein ganzes Büro voller Menschen zu infizieren.

2.3 Singen

Das tiefe Atmen während dem Singen erleichtert die Umwandlung von Atemtröpfchen in Aerosole. Gleichzeitig sorgt das tiefe Einatmen dafür, dass Virenpartikel tief in die Lunge gelangen können. In Washington State infizierten sich 45 von 60 Chormitgliedern, 2 starben. Sie hatten für zweieinhalb Stunden in einer kleinen Kirche, so groß wie ein Volleyballfeld, gemeinsam gesungen. Sonst hielten sie die Abstandsregeln an, vermieden Händeschütteln und Umarmungen und brachten ihre eigene Musik mit. Ein einziger symptomfreier Träger infizierte die meisten Mitglieder.

Problematisch ist jeder Raum mit schlechter Durchlüftung und vielen Menschen, z.b.

  • Fleischverarbeitung: In Fleischverarbeitungsfabriken müssen Arbeiter dicht aneinander gedrängt kommunizieren, um sich beim tosenden Lärm der Maschinen zu verständigen, und das in einer kalten Umgebung, welche die Lebenszeit des Virus verlängert. In den USA gibt es nun Ausbrüche in 115 Fabriken über 15 Staaten hinweg, über 5000 Arbeiter sind sind infiziert, 20 gestorben.
  • Hochzeiten, Begräbnisse, Geburtstage machen 10% der frühen Verbreitungsereignisse aus

  • Geschäftstreffen wie die Biogen-Konferenz in Boston im März

3. Kontaktinfektion (Schmierinfektion, engl. fomites)

Schmierinfektion kann dann auftreten, wenn ein Infizierter in die eigene Hand hustet oder niest und dann gemeinschaftlich genutzte Gegenstände (z.b. Salzstreuer) oder Oberflächen (Türgriffe, Armlehnen) anfasst. Diese fasst dann ein Gesunder an und sich anschließend in die Schleimhäute (Mund, Nase, Augen). Ebenso kann jemand in einen Raum husten oder niesen und die Tröpfchen lagern sich auf den Oberflächen ab. Besonders kritisch ist der Sanitärbereich wie Umkleidekabinen, gemeinsame Duschen, Badezimmer im eigenen Haushalt oder Toiletten. Toilettenspülungen sind z.b. in der Lage, viele Tröpfchen in Aerosole umzuwandeln. Nachtrag, 18.05., auch im Stuhl wurde bei einer Studie infektiöse Viren-RNA gefunden (Quelle).
In Summe wird aber sowohl von Drosten als auch von AGES das Risiko einer Kontaktinfektion als gering angesehen. Auch Streeck hat in der berühmten Heinsbergstudie in hochinfektiösen Haushalten vor allem tote Virus-RNA an Türgriffen gefunden. Vielleicht verdunstet das Virus zu schnell und die hinterlassene Virenmenge reicht dann nicht aus, um eine andere Person zu infizieren.

Wo finden Übertragungen statt?

In den Innenräumen von Restaurants.

tische

Die infizierte Person (A1) saß an einem Tisch und hatte Abendessen mit 9 Freunden. Das Essen dauerte rund 1-1,5 Stunden. Während dem Essen setzte der symptomfreie Träger über seine Atemzüge niedrige Virusmengen in der Luft frei. Die Luftströmung (von den zahlreichen Luftstromschächten des Lokals) war von rechts nach links. Rund die Hälfte der Leute am Tisch der infizierten Person wurde die sieben Folgetage krank. 75% der Leute am Nachbartisch in Strömungsrichtung wurden infiziert. Und sogar zwei von sieben Personen entgegen der Richtung wurden infiziert (man vermutet, infolge turbulenter Luftströmung). Keiner an den Tischen E und F wurde infiziert, sie saßen außerhalb des Hauptluftstroms der Klimaanlage Richtung Absauggebläse.

In Callcentern (Großraumbüros)

callcenter

Ein einziger, infizierter Arbeiter arbeitete im 11. Stock eines Hauses. Das Stockwerk hatte 216 Mitarbeiter. Innerhalb einer Woche infizierten sich 94 davon (43,5%, mit den blauen Stühlen), 92 von 94 Leuten wurden krank (nur zwei blieben symptomfrei). Beachte, wie vorwiegend eine Seite des Büros infiziert wurde, während sehr wenige Menschen auf der anderen Seite infiziert wurden. Die exakte Anzahl infizierter Menschen über Atemwegströpfchen versus Kontaktinfektion (Türgriffe, gemeinsame Kühlbox, Aufzugknöpfe, etc….) ist unbekannt. Weitere 3 Leute auf anderen Stockwerken wurden infiziert, doch konnten die Autoren ihre Infektion nicht auf den Hauptcluster im 11. Stockwerk zurückführen. Obwohl es beträchtliche Interaktion zwischen Mitarbeitern verschiedener Stockwerke des Gebäudes gab, in Aufzügen, in der Lobby, war der Ausbruch auf ein einziges Stockwerk beschränkt.

Beim Sport in Innenräumen

Bei einem Curling-Sportveranstaltung infizierten sich 24 von 72 Personen. Curling bringt Mittbewerber und Teamkollegen in engen Kontakt in einer kühlen Umgebung, dabei atmen die Sportler für längere Zeit heftig. 

Geburtstagsfeiern/Begräbnisse / funerals:

Nur um einmal zu sehen, wie einfach diese Infektionsketten sein können, eine wahre Begebenheit aus Chicago. Der Name ist erfunden. Bob war infiziert, wusste es aber nicht. Bob teilte ein Abholessen, das auf gemeinschaftlich benutztem Geschirr mit zwei Familienmitgliedern geteilt wurde. Das Abendessen dauerte drei Stunden. Am nächsten Tag besuchte Bob ein Begräbnis, umarmte Familienmitglieder und weitere Begleiter, um sein Beileid auszudrücken. Innerhalb von vier Tagen wurden beide Familienmitglieder krank, die mit ihm das Essen geteilt haben. Ein drittes Familienmitglied, das Bob beim Begräbnis umarmte, wurde krank. Doch Bob war noch nicht fertig. Er besuchte eine Geburtstagsfeier mit neun anderen Leuten. Sie umarmten sich und teilen Essen bei einer 3-Stunden-Feier. Sieben wurden krank. In den nächsten paar Tagen wurde Bob krank, musste ins Krankenhaus, wurde beatmet und starb. Doch Bobs Erbe lebte weiter. Drei der bei der Geburtstagsfeier von Bob infizierten Menschen gingen in die Kirche, wo sie sangen, die Spendenschale weitergaben, etc. Mitglieder dieser Kirche wurden krank. Insgesamt war Bob direkt verantwortlich für die Infektion von 16 Menschen zwischen 5 und 86 Jahren. Drei davon starben. Die Übertragung des Virus innerhalb des eigenen Haushalts und zurück in die Gemeinschaft durch Begräbnisse, Geburtstage und Kirchenversammlungen werden für die starke Verbreitung in Chicago verantwortlich gemacht. Ernüchternd, oder?

Auch in Österreich fanden größere Ausbrüche bisher bei Chorveranstaltungen (Oberösterreich), Après-Skibars und Bridgeturnieren statt.

Gemeinsamkeiten der Ausbrüche

Alle Infektionen fanden indoor statt, in engem Kontakt, mit vielem Sprechen, Singen oder Schreien. Die wichtigsten Quellen für Infektionen sind das eigene Zuhause, der Arbeitsplatz, öffentliche Verkehrsmittel, Versammlungen und Restaurants. Sie sind für 90% aller Übertragungen verantwortlich. Im Gegensatz dazu spielen Einkäufe eine geringe Rolle. Wichtig: Von den Ländern, die Infektionsketten seriös zurückverfolgen, konnte nur ein einziger Ausbruch auf eine Ansteckung im Freien zurückgeführt werden (weniger als 0,3% der zurückverfolgten Infektionen).

Abstandsregeln reichen in Innenräumen nicht aus, da man sich über längere Zeit im gleichen Raum mit Menschen aufhält, die Virenpartikel ausscheiden, durch Atmung, Sprechen, Singen oder Lachen. Husten und Niesen potenzieren die Menge an Virenpartikel enorm.

Im Freien oder bei kurzen Begegnungen sind Abstandsregeln ausreichend. Dann ist die Zeit zu kurz, um eine infektiöse Virendosis einzuatmen, wenn man zwei Meter entfernt steht oder wenn Wind und der unbegrenzte Außenraum für eine starke Verdünnung der Viruspartikelwolke sorgen. Sonnenlicht, Hitze und Feuchte beeinflussen das Überleben der Viren ebenfalls und verringern das Risiko für jeden, der sich draußen aufhält.

Im Sinne der Eigenverantwortung alias Hausverstand: Infektion = Virusexposition x Zeit

  • wie groß ist das Luftvolumen, in dem ich mich aufhalte (Größe des Raums, des Supermarkts, des Restaurants)?
  • wie viele Menschen halten sich darin auf? (Anzahl der potentiellen Virenausscheider)
  • wie lange halten sich die Menschen (und ich) mich darin auf?

Der Kunde in einem Geschäft hat dadurch meist ein viel geringeres Risiko als der Mitarbeiter mit einem 8-12-Stunden-Arbeitstag. Hier ergäben sich übrigens auch Ansätze beim Mitarbeiterschutz (mehr Personal, kürzere Arbeitszeiten), die allerdings dem neoliberalen Wirtschaftssystem zuwiderlaufen und deswegen großteils nicht einmal diskutiert werden.

Für gute Durchlüftung sorgen

In geschlossenen Räumen ist das Infektionsrisiko sogar 18,7fach höher als im Freien. Die meisten Übertragungen geschehen drinnen, nicht draußen (Quian et al., 04.04.20). Es gibt bisher überhaupt nur eine bekannte Ausnahme für eine Masseninfektion im Freien: Das Spiel von Atalanta gegen Valencia in Mailand am 19. Februar 2020.

In einem gut durchlüfteten Raum ist das Risiko gering. Zwar sorgt ein Luftstrom dafür, dass ausgeschiedene Virenpartikel eines Infizierten weiter transportiert werden können, allerdings verteilen sie sich dabei auch gleichmäßiger. Die Zahl derer mit Aerosolkontakt erhöht sich zwar, aber für die kritische Menge von 1000 Partikeln reicht der Kontakt nicht aus, falls man die Zeit beschränkt oder für genügend Luftaustausch sorgt (Ventilator plus offenes Fenster).

Wenn man im Freien an einer infizierten Person vorbeigeht, müsste man mehr als fünf Minuten lang in ihrem Luftstrom sein, um infiziert zu werden. Keuchende Jogger können zwar mehr Virus ausscheiden, bewegen sich aber auch schneller und sind schneller an der stehenden oder langsam gehenden Person vorbei. Ein klasse Artikel auf VOX erörtert die geringen Risiken beim Laufen und Radfahren im Detail.

Was bedeuten die Erkenntnisse für mich und wie wende ich sie an?

Ich war gestern Abend das erste Mal seit zwei Monaten wieder auswärts essen. In einem Gastgarten, der auf einem exponierten Hügel steht und wo öfter der Wind geht. Wir hielten auch im Freien Abstand, in den Toiletten war niemand, aber ich trug dennoch Maske, als ich das Geschäft betrat, denn ich wusste ja nicht, wer vor mir in den Flur oder in den Toiletten husten musste.

essen

16. Mai 2020 – Das erste Essen beim Wirten seit über zwei Monaten

In Innenräumen von Gasthäusern wird man mich die nächsten Wochen nicht freiwillig sehen, denn ich weiß zu wenig darüber, wie gut die Lüftung funktioniert. Ich könnte mir das höchstens vorstellen, wenn die Fenster überall geöffnet sind und ständige Frischluftzufuhr herrscht. Tendenziell ziehe ich Gastgärten vor, wo die Tische weit auseinanderstehen und ich mir meinen Platz aussuchen kann. Noch eine Stufe weniger riskanter schätze ich Berghütten ein, da zumindest symptomatische Infizierte sportlich anstrengende Aktivitäten meiden dürften. Sollte das Virus schon vor dem Auftreten erster Symptome auf die Lunge gehen, könnte ich mir vorstellen – Spekulation -, dass man einen Leistungsabfall schon frühzeitig bemerkt. Andererseits wandert die Infektion oft erst in der zweiten Woche in die Lunge, dann ist aber auch die Infektiösität mitunter schon reduziert. Ich schätze also insgesamt das Risiko, infizierten Menschen zu begegnen, im Gebirge geringer ein als in der Stadt, wo man sich weniger mit eigener Muskelkraft fortbewegen muss, selbst wenn man schon ein diffuses Krankheitsgefühl entwickelt hat. In den öffentlichen Verkehrsmitteln schützen großteils die Masken, falls sie korrekt getragen werden. Diesbezüglich fallen mir Männer mittleren Alters am häufigsten negativ auf, sowohl, was Abstand als auch korrektes Masken tragen betrifft. Männer sollte man also generell meiden, aber das gilt unabhängig von Corona, vor allem in der Politik und Wirtschaft.

Am unwohlsten über längere Zeit fühle ich mich vor allem im Zug, wenn man dicht hintereinander sitzt, und bei längeren Busfahrten. Das beträfe aber vor allem Tagesausflüge von Wien in die Umgebung auf Strecken, die nur mit Bussen abgedeckt werden können. Da bin ich momentan noch vorsichtig und schiebe entsprechende Pläne (z.b. Wien-Kobersdorf oder Mariazellerbus) nach hinten. Eine offizielle Corona-Ampel wie von Sprenger & CO angedacht, würde mir helfen, das Risiko besser einzuschätzen, wie wahrscheinlich es ist, einem Infizierten zu begegnen.

Beim Einkaufen habe ich keine Bedenken, ich hielt mich schon vor Corona ungern länger als ein paar Minuten im Geschäft auf, weil ich wegen dem 1:1 Kontakt mit Verkäufern/Mitarbeitern schon nach kurzer Zeit stark zu schwitzen anfange und mich das direkte Gespräch oft sehr anstrengt (#ActuallyAutistic). Auf großen Verkaufsflächen wie Baumarkt, Sportgeschäft oder großem Supermarkt verteilen sich die Menschen außerdem besser, man kann leichter Abstände einhalten und es tragen sowieso alle Maske.

Ich meide Aufzüge und nehme lieber die Stiegen. Desinfektion und Händewaschen bleiben wichtig, allerdings sehe ich keinen Sinn darin, etwa ein Büro exzessiv zu desinfizieren, sich dann aber über viele Stunden hinweg mit Kollegen im gleichen Raum aufzuhalten, mit Klimaanlage, aber ohne Fenster zum Lüften. Das Risiko kann ich schwer einschätzen und wenig tun, mich besser zu schützen. Ich könnte mir vorstellen, dass es vielen an ihren Arbeitsplätzen ähnlich geht. Alles lässt sich nicht vermeiden.

Nachwort

Bei allem, was ich tue, ist mir eines bewusst: Ich will niemanden anstecken, der davon stirbt, weil er schlechtere Voraussetzungen zu überleben hat, und ich will mich selbst nicht anstecken, weil im Grunde keiner weiß, ob er wirklich so günstige Voraussetzungen hat für einen harmlosen Verlauf. Über die Folgeschäden wird in der Öffentlichkeit wenig gesprochen, dabei ängstigen die Erkenntnisse mehr als die Bilder aus Italien oder New York, deren Begleitumstände nicht auf Österreich übertragbar waren. Ich bin weiterhin nicht erpicht darauf, mich anzustecken.

Wie bei allen Aussagen auf meinem Blog gilt: Check, check, recheck, doublecheck.