Tag 70: Das Virus ist nicht verschwunden

Das Virus ist nicht weg, nur weil jetzt großzügig gelockert wird. Die Regierung hat leider von Beginn an versäumt, wissenschaftliche Zusammenhänge zu erklären. Das kann sie auch gar nicht, denn das ist nicht Aufgabe der Politik, sondern der Experten im Expertenstab. Wir erfahren bis heute nicht, wer da eigentlich drinsitzt und welche Daten die Grundlage für die Entscheidungen waren. Erst später wurde ein umstrittenes Expertenpapier bekannt, man erfuhr die Namen derer, die überstimmt wurden, als Kurz Ende März von der „Ruhe vor dem Sturm“ sprach. Darunter auch der geschasste Public-Health-Experte Martin Sprenger, der mit seiner Corona-Ampel ansatzweise die Übersicht liefert, die sich vermutlich die Mehrheit der vernunftbegabten Einwohner Österreichs erhofft haben. Bin ich von vielen Infizierten umgeben, muss ich mich stärker einschränken, wie gefahrlos kann ich mich bewegen? Man hätte diese Risikoabstufung analog zu Hitze- und Lawinenwarnungen dazu verwenden können, regional zu lockern statt im ganzen Land, wodurch die Nachverfolgung erschwert wird, weil sich das Virus besser ausbreiten kann.

Es fehlt aber auch an Differenzierung bei den Daten, denn positiv getestet heißt nicht automatisch erkrankt, sondern nur, dass die Erkrankung stattgefunden hat. Der PCR-Test weist die RNA des Virus nach, kann aber nicht sagen, ob es infektiös ist, das können nur Symptome oder eindeutige Untersuchungen (Lungen-CT, Blutwerte). Weiters werden zwar die Genesenenzahlen ausgewiesen, aber auch da fehlt es an Schärfe, denn genesen sagt nichts darüber aus, welche Folgen die Erkrankung langfristig hat. Vielleicht wäre die Bevölkerung weniger verharmlosend in Aussagen und Umgang, wenn man über Spätfolgen aufklären würde, dass auch „milde“ Verläufe (mild heißt nur: ohne Behandlung auf der Intensivstation) chronische Lungenschäden nach sich ziehen können, dass die vollständige Genesung Monate oder Jahre dauert – wenn sie überhaupt eintritt.

Ich würde mir von einer seriösen Regierung erwarten, dass bei allen Pressekonferenzen immer eine Intensivmedizinerin oder Virologin/Epidemologin (Männer dürfen sich mitgemeint fühlen) anwesend ist, und erläutert, wo wir gerade stehen und worauf es ankommt. Die auch erläutern kann, in welchem Kontext die Reproduktionszahl R zu verstehen ist, dass etwa die lokal begrenzten Cluster in Wien R über 1 treiben, aber ausgehend von einem niedrigen zweistelligen Ausgangswert, was eine ganz andere Konsequenz hat, als wenn wir über 1000 Neuinfektionen pro Tag registrieren würden.

Diese sachorientierte Informationspolitik fehlt seit Beginn der Epidemie in Österreich völlig. Vernunftbegabte Menschen müssen sich alle Informationen, die über unbegründetes Politsprech hinausgehen, selbst aus dutzenden Quellen zusammensuchen. Es gibt aus Österreich leider nur wenige Experten, die twittern, z.b. Thomas Czypionka, und getroffene Aussagen von Politikern oder Journalisten unmittelbar bewerten oder richtigstellen können. Sonst gibt es einige Medizinerinnen, durch die man ein ungefähres Bild erhält, welche Alters- und Risikogruppen sich gehäuft infizieren, welche Symptome auftreten, welche gravierenden gesundheitlichen Folgen selbst bei jungen, „mild“ erkrankten Patienten auftreten und wie die Lage allgemein in den Spitälern ist, ob die Ausrüstung reicht, etc.

In meiner öffentlichen Liste habe ich einige deutschsprachige Medizinerinnen und Wissenschaftlerinnen aufgelistet. Von dort beziehe ich viele Informationen, die auf meinem Blog niedergeschrieben sind.

Die zweite tragende Säule sind internationale Beiträge von Biologinnen, Chemikerinnen, Virologinnen und Epidemologinnen, aber auch Wissenschaftsjournalistinnen, die viel ausführlicher und fundierter berichten als in österreichischen Medien. Die AGES in Österreich kann ich leider nur bedingt heranziehen, weil die Webseite mehr als dürftig ist. Ich bin auch kein Freund von Video-Information, besser ist ein stets aktuell gehaltener Text, den man gut verlinken oder zitieren kann. Und so wundert es nicht, dass die viele Menschen, selbst mit guter Bildung, nicht wissen, worüber das Virus jetzt eigentlich hauptsächlich übertragen wird und wie ich Risiken meiden kann.

Heute las ich diesen spannenden Artikel, demnach 20% aller Infizierten für 80% aller Infektionen verantwortlich sind. Das Virus verbreitet sich wie kein anderes vergleichbares Virus über Cluster. Nicht die Masse verbreitet die Infektionen, sondern wenige Einzelpersonen.

Abstand und Masken

Ich bin die letzten Wochen wieder gehäuft in den Öffis gefahren. Mit Abstand am häufigsten halten sich Männer ab 50+ nicht an die Maskenpflicht oder ziehen sie nur unter die Nase. Frauen sehen die Maske beinahe schon als neues Mode-Acessoire, viele bunte Masken. Junge Menschen haben teilweise gar keine Masken auf und neulich gaben sich drei Jugendliche bei der U-Bahn-Station zur Begrüßung die Hand. Auffallend ist leider auch, dass unter Migranten die Abstände und Maskenpflicht tendenziell weniger eingehalten werden, was ich darauf zurückführe, dass hier versäumt wurde, richtig aufzuklären. Zwar bietet die Stadt Wien Covid19-Informationen in 24 Sprachen an, aber wer deutet die Adressaten darauf, sich die Webseite überhaupt anzusehen? Ich lass das mal als Spekulation stehen, dass die Randgruppe Ausländer, die ja auch in den Regierungsansprachen nicht vorkommt*, unbewusst oder absichtlich übersehen wird. Das macht mich persönlich wütender als zu beobachten, wie wenig Gefahrenbewusstsein vorhanden ist. Das gilt aber auch nur für Wien, denn am Land unter Einheimischen hielt man sich während des Lockdowns auch nicht überall an die Verordnungen, sondern Garagenpartys gingen munter weiter. In Summe führt beides auf mangelnden Informationsfluss zurück.

*Im Übrigen finde ich dieses gekünstelte „liebe ÖsterreicherInnen und alle Menschen, die in Österreich leben“ wieder mal typisch österreichische Lösung. Warum kann man nicht sagen: „Liebe Mitbürger, liebe Menschen in Österreich!“ Punkt. So klingt das, als seien Österreicher keine Menschen oder Menschen, die man von Nichtösterreichern unterscheiden müsse. Dabei sind wir alle Menschen und die Menschenrechte gelten für alle.

Ich hab ein ungutes Gefühl mit den Lockerungen. Vor vier Wochen konnte man sich relativ gefahrlos in öffentlichen Verkehrsmitteln bewegen. Je voller sie werden, desto größer wird das Risiko.

Das Risiko definitiert sich, wie zuletzt erläutert, aus Anzahl der potentiell Infizierten mal Größe des Innenraums x Dauer der Exposition. Zwar halten sich die Fahrgäste oft nur für wenige Minuten in den Verkehrsmitteln auf, aber die Anzahl nimmt die letzten Tage kontinuierlich zu und in einem Bus oder einer der älteren U-Bahn-Garnituren ist nur ein begrenztes Luftvolumen vorhanden. Die Masken verhindern zwar Tröpfcheninfektion, nicht aber Aerosolinfektion, und wer immer noch telefoniert, scheidet wesentlich mehr Virenpartikel aus als jemand, der nur atmet – nämlich um den Faktor zehn mehr. Wo bleiben die Experten, die neben Maskenpflicht auch ein Telefonatverbot in den Öffis ausrufen? Unhöflich war die akustische Belästigung vorher schon, aber hier geht es um vermeidbare Gesundheitsrisiken.

Ich glaube, die Gefahr draußen ist übertrieben, selbst wenn jetzt Gastgärten und Schanigärten wieder gut gefüllt sind oder die Menschen Seite an Seite an den Badestränden liegen. Auch in Australien hat das keinen größeren Ausbruch gefördert. Draußen gibt es keinen begrenzten Innenraum, sondern einen (nur durch die Tropopause begrenzten) unendlichen Raum, in dem sich das Virus rasch verdünnen kann, dazu Umwelteinflüsse wie Sonne, relative Feuchte und Wind. Wir reagieren leider nur auf das, was wir sehen. Menschenmassen draußen sind sichtbar, aber nicht für nennenswerte Neuinfektionen verantwortlich. Wir haben von Beginn an so penibel darauf geachtet, die Straßenseite zu wechseln, sobald jemand am engen Gehsteig entgegenkam. Bloß Abstände einhalten. Dabei ist der Raum unbegrenzt groß, die flüchtige Begegnung nicht ausreichend und sofern niemand während dem Vorbeigehen niest oder hustet, wohl auch die ausgeschiedene Virenmenge zu gering für eine Infektion. Sprich, draußen kann etwas mehr Gelassenheit einkehren, wenn man einander flüchtig begegnet.

Umgekehrt aber wird die Gefahr in den Innenräumen verharmlost: Die aktuelle Verordnung besagt explizit, dass Meterabstände in öffentlichen Verkehrsmitteln ausnahmsweise nicht eingehalten werden müssen, wenn zu viele Fahrgäste zusteigen. Gerade dieses dicht an dicht stehen oder sitzen über längere Zeit erhöht aber das Infektionsrisiko. Homeoffice wird empfohlen, ist aber nicht vorgeschrieben, was dazu führt, dass die nächsten Wochen der Büroalltag wieder anläuft und vermehrt mit öffentlichen Verkehrsmitteln gefahren wird. Arbeitsplätze sind einer der treibenden Infektionsorte für die Pandemie! Hinzu kommen geöffnete Kantinen und Wirtshäuser, wo sich die Gäste sicher wähnen, nur weil zwischen den Tischen Meterabstände herrschen. Wenn aber die Durchlüftung fehlt und die Zahl der Gäste zu groß ist, dann steigt das Infektionsrisiko. Ein einziger Nieser eines sonst symptomfreien Gasts reicht aus, um den ganzen Raum zu infizieren. Es ist auch nicht logisch, warum Gäste keine Masken tragen müssen, der Kellner aber schon. Das wäre dann sinnvoll, wenn der (regelmäßig getestete) Kellner eine FFP2/3-Maske trägt, wodurch sichergestellt ist, dass er keine infektiösen Virenpartikel einatmet. Tatsächlich tragen die Kellner aber oft einfache Stoff- oder OP-Masken, was eben nicht vor einer Infektion schützt. Umgekehrt müssen Gäste im Wirtshaus keine Masken tragen, aber gerade längeres Sprechen begünstigt die Ansteckung durch Aerosole – und Tröpfchen bei feuchter Aussprache, Husten oder Niesen.

Vieles läuft verkehrt, nichts ändert sich.

Vieles ist nicht durchdacht: Das fängt mit den Schulen an, geht über den Härtefallfonds, weiter zu den Kunst- und Kulturschaffenden, den vielen Kleinstunternehmern, den Pflegern, den Supermarkt-Angestellten, Reinigungskräften, den prekären Leiharbeitern oder neuen Selbstständigen. Es zieht sich durch alle Branchen. Nur,weil wir Erntehelfer schlecht bezahlen, können wir uns verhältnismäßig billiges Obst und Gemüse von heimischen Feldern leisten. Jetzt sind alle so überrascht, dass die Arbeitsbedingungen so katastrophal sind und immer waren. Warum haben die Grünen nicht gleich ein kompetentes Mitglied für den Bereich Kultur abgestellt? Postenschacherei zieht sich quer durch alle Parteien. Lunacek hat die Wahl 2017 vergeigt und wurde dafür auch noch belohnt, obwohl sie, wie sie selbst zugab, ihre Stärken ganz woanders hatte.

Die Diskussion dreht sich solange im Kreis, wie man nicht anerkennen will, dass das derzeitige Wirtschafts- und Bildungssystem diese Krise nicht meistern kann. Da liegt der Hund begraben. Es fehlt die Ehrlichkeit zu sagen: Es geht nicht, Eure Jobs sind unter diesen Bedingungen nicht durchführbar und nicht existenzdeckend. Ihr werdet Euch was anderes überlegen müssen und wir können (wollen) nicht alle retten. Wir wollen auch nicht mal versuchen, so viel wie möglich zu retten, weil wir die Härtefallfonds nicht voll ausschöpfen und das PR-Budget des Kanzlers zu Krisenzeiten wichtiger ist als mit den Millionen wenigstens ein paar mehr zu retten, wenns schon nicht alle sind. Es geht auch nicht um die Kinder und deren Zukunft, sondern darum, dass die Eltern wieder arbeiten können. Um das seelische Wohl der Kinder ging es nie, dass die Krise ungleich trifft – jeder ist seines eigenen Glückes Schmied. Manche bleiben halt auf der Strecke. „Es wird nicht ohne hässliche Bilder gehen.“ Flüchtlinge und ihre Lebensbedingungen haben uns nie interessiert, weder die Fluchtgründe, die Situation vor Ort, die zur Flucht gezwungen haben, noch die Situation in den Flüchtlingsheimen und -lagern, und auch nicht danach. Jetzt dienen sie wieder als Sündenböcke für die Ausbreitung des Virus. Wer Ausländer nicht anspricht und informiert, der legt es geradezu auf die Sündenbock-Rolle an, die ihnen zugeteilt werden soll. Das Versagen bei der Information ALLER und die absichtliche Ausgrenzung wirken dann nicht mehr wie Zufall. Das ist – auch da fehlt die Ehrlichkeit in der Benennung – faschistisches Gedankengut. Man ersetze Flüchtlinge durch Juden, im Kontext der Ausgangssperren, der Vorurteile, sie würden Seuchen und Krankheiten verbreiten, etc. Ich hoffe, das nicht weiter ausführen zu müssen. Der grüne Koalitionspartner denkt so nicht, ich nehme das Anschober im Interview mit Milborn ab. Doch wo bleibt der Aufschrei? Wie viele rote Linien darf die ÖVP noch überschreiten, bis die Grünen sagen, jetzt ist genug? Die Koalition mag das kleinere Übel sein, aber heiligt das die Entdemokratisierung der Republik, die die ÖVP im rasenden Tempo umsetzt?

Dichtung und Wahrheit

Vor wenigen Tagen meldete der KURIER den Durchbruch, der erste Corona-Impfstoff wirke beim Menschen. Tatsächlich wieder Quotengeilheit in Reinkultur. Ein Experte stellte auf Twitter klar:

This was a PHASE 1 trial. In EIGHT participants. By design, Phase 1 tests only for safety — whether the formula harms people — not whether the formula works. This result DOES NOT indicate that the vaccine works as intended.

Das war eine Studie in Phase 1 der Impfstoffentwicklung. Dort geht es aufgrund der Versuchsanordnung nur um Sicherheit – ob der Wirkstoff den Menschen schadet, nicht ob er wirkt. Das Ergebnis ist kein Anzeichen dafür, dass der Impfstoff wie beabsichtigt wirkt.

Was ich selbst tun kann

Meine größte Angst ist es, daheim zu sein mit unspezifischen Symptomen und nicht mitzubekommen, dass in meinem Körper bereits ein Drama abläuft. Mir bleiben eigentlich nur zwei Möglichkeiten, direkt zu überwachen, was mit mir geschieht:

  • Regelmäßig Leistungssport treiben, um zu bemerken, wenn die Leistung aus unerklärlichem Grund plötzlich stark abfällt.
  • Tägliche Messung der Sauerstoffsättigung im Blut mit dem Puls-Oximeter, das ist relativ zuverlässig im Gegensatz zu Smartphone-Apps.
  • Herzfrequenzmessung mit dem Fitnesstracker, der läuft sowieso Tag und Nacht mit, Daten rufe ich aber unregelmäßig ab, weil ich Standort und Bluetooth nicht dauernd eingeschaltet lassen will

Wenn ich Husten oder Fieber bekomme, ist es für mich sowieso eindeutig, weil ich diese Symptome abseits von Refluxbeschwerden zuletzt im Frühling 2016 hatte. Atemnot … auch eindeutig. Verlust von Geruchs- oder Geschmacksinn ist mir bekannt, dazu gibt es außerdem noch potentielle Hautveränderungen bis hin zu den Pseudo-Frostbeulen an den Zehen, die auf Störungen im Blutfluss hindeuten können…

Ja, ohne Nebenwirkungen ist das nicht, weil man sich nicht verrückt machen darf. Aber ich mach mich so oder so verrückt. Wenn ichs ignoriere, ist es auch verkehrt. Wenn ich nicht alleine leben würde, könnte ich mich stärker auf die Wahrnehmung des Mitmenschen verlassen, aber so muss ich mich selbst überwachen.