Tag 77: Knopfdruckpolitik

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Eigenverantwortung als Zünglein an der Waage?

In der 43. Podcastfolge (zum Nachlesen) hat Virologe Drosten praxisnahe Erläuterungen geliefert und Empfehlungen für die Politik bzw. den Alltag abgegeben: Die Gefahr lauert vor allem in Innenräumen, über Kontaktinfektion gibt es keine neuen Erkenntnisse. Diese spielt vor allem in Spitälern eine größere Rolle, wo Erkrankte tagelang behandelt werden. Deswegen sei der Einsatz von Desinfektionsmitteln dort auch besonders nötig. Infektiös sei man etwa eine Woche, die 48 Stunden vor den ersten Symptomen am stärksten, aber drei bis vier Tage später sie die Infektiösität vorbei.

Treibende Kraft hinter der Pandemie sind Cluster-Ausbrüche (superspreading events), also Massenübertragungsereignisse, wo wenige hochinfektiöse Personen viele in der Umgebung anstecken. 20% der Infizierten sind für 80% der Zweitinfektionen verantwortlich. Die Epidemie ließe sich rasch unter Kontrolle bringen (Drosten verwies heute auf Japan), wenn besonderes Augenmerk auf vulnerable Gruppen gelegt würde (wie etwa Schlachtbetriebe, Postverteilerzentren, Asylheime, Kirchen). Wegen der rasch fortschreitenden Infektionen müsse man sofort den gesamten Cluster unter Quarantäne stellen, weil für Diagnostik keine Zeit bleibe. Das bedeutet aber auch, dass innerhalb dieser Cluster rascher Immunität erreicht werden kann. Die Masken werden uns wohl länger begleiten, sie verhindern nicht nur die Tröpfcheninfektion, sondern auch die Aerosolentstehung, weil so Tröpfchen nicht in Aerosole umgewandelt werden können. Beim Atmen und Sprechen entstehen auch direkt Aerosole, die Übergänge seien fließend.

Das höhere Risiko sehe er in Bussen, da sei der Luftumsatz unklar, auch in stickig-heißen U-Bahnen ohne Klimaanlage. Luftzug sollte helfen. Eine tendenzielle Entwarnung hörte ich für die Bundesbahnen: Dort besteht ein erheblicher Luftumsatz und geringeres Aerosolrisiko. Auch im Flugzeug weiß man, dass das Risiko wegen der von oben nach unten abgeführten Luft gering ist. Wenn Luftumsatz und Lüftung vorhanden sind, bleibt einzig die Tröpfcheninfektion das Hauptrisiko, daher die Notwendigkeit von Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln, insbesondere, wenn Abstände nicht eingehalten werden können.

Zurück zu Österreich:

Hier wird es immer komplizierter und zermürbender für mich. Die nationalistische Regierung hat sich ja noch nicht durchringen können, die Grenzen Österreichs für Österreicher in beide Richtungen durchlässig machen zu können, sprich, wer aus Österreich zurückkehrt, muss weiterhin 14 Tage in Quarantäne. Auf eigenes Risiko, die Arbeitgeber werden nicht erfreut sein. Die Grenze zu Italien ist immer noch dicht, in die Nachbarländer wird großzügiger geöffnet. Die Südtiroler sind zurecht angepisst.

Masken bei den Bundesbahnen, für eine Stunde noch tolerabel, für längere Anfahrten etwa nach Hause oder in den Urlaub wirds schon unangenehm. Der Komfort des öffentlichen Reisens ist weg. Der Speisewagen ist zum Witz verkommen.

Heute gab der Alpenverein (und auch die Naturfreunde) bekannt, dass Hüttenübernachtungen nur mit normalen Schlafsack (kein Hüttenschlafsack) und eigenem Polsterüberzug gestattet werden. Jetzt wird’s ein bissl grotesk: In der Gaststube dürfen bis zu vier Personen an einem Tisch sitzen, auch wenn sie nicht aus dem eigenen Haushalt kommen. Zwischen den Tischen muss mindestens ein Meter Abstand herrschen. Größere Gruppen müssen ebenfalls (analog zu Hotels) keine Abstände zueinander halten. In den Matratzenlagern muss mindestens 1,5 Meter Abstand herrschen, je nach Hütte auch das Doppelte. Es werden offenbar keine Decken mehr ausgeteilt, weil diese auf den Hütten nicht gewaschen werden. Das war vorher auch schon so! Der Sinn eines Hüttenschlafsacks ist ja, sich nicht direkt mit den (ungewaschenen) Decken des Vorgängers zuzudecken, sondern im Schlafsack zu liegen. Es war vorher schon unhygienisch! Jetzt keine Decken mehr auszuteilen erinnert mich an die Stadt Wien, die noch im April die öffentlichen Trinkbrunnen nicht aufsperren wollte, u.a. mit dem Argument, manche Menschen würden direkt aus dem Wasserhahn trinken. Das war vorher auch schon so!

Problem: Mein Hüttenschlafsack nimmt praktisch kein Platz im Rucksack weg, wiegt nur 160g und besteht aus Seide. Daran schwitze ich kaum. Meist reicht mir eine Decke auf der Hütte. Ein normaler Schlafsack wiegt mindestens 1kg, verbraucht deutlich mehr Platz und ist für meine Begriffe viel zu warm. Je platzsparender man es will, desto teurer wird es, unter 100 Euro wird es schwierig. Ganz schön teures Unterfangen für hoffentlich wenige Monate, denn danach brauch ich das Ding nicht mehr. Da kann ich mir gleich einen Biwaksack kaufen und mich vor die Hütte legen, dann spare ich mir die Übernachtungskosten für Null Komfort. Meinen schon weiter fortgeschrittenen Ideen und Plänen, wie ich meinen Sommerurlaub verbringen könnte, hat das heute jedenfalls einen herben Dämpfer versetzt. Ich wollte bewusst Talorte meiden, Hotels sowieso, größere Übernachtungsorte, aber normal packe ich so, dass ich möglichst wenig Gewicht mitschleppen muss, da zählt jedes Kilo. Und der gschissene Polsterbezug muss ja auch noch rein.

Mein Vorschlag wäre folgender: Lasst die Decken auf den Hütten. Aufgrund der Abstandsregeln in den Lagern sind die Hütten ohnehin höchstens zur Hälfte belegt. Es besteht daher keine Notwendigkeit, dieselben Decken jede Nacht auszugeben. Man kann sie für zwei, drei Tage auslüften. Das Virus überlebt nicht solange. Die meisten Hüttenschlafsacke haben eine Verlängerung im Kopfteil, die man über das Polster ziehen kann. Zur Not kann man auch ein Handtuch oder Microfleecetuch benutzen, wenn man kein Polsterbezug mitschleppen will. Wem das zu unhygienisch ist, darf halt nicht auf Hütten übernachten – das sind keine 5***-Hotels, waren es nie.

Ich erneuere meinen Wunsch nach neuen Erkenntnissen über den präsymptomatischen oder vermeintlich asymptomatischen Zeitraum:

Lässt sich etwa mithilfe der Finger-Pulsoximeter tatsächlich ein Sauerstoffsättigungsabfall messen, bevor erste Symptome auftreten? Wie viele der erkrankten Personen bemerkten vor Auftreten der ersten Symptome einen Leistungsabfall, etwas vermehrte Muskelschmerzen, Müdigkeit, bis hin zum Trainingsabbruch? Ich habe noch nichts über die Auswertung der Fitnesstracker-Daten durch das RKI gelesen – oder in anderen Ländern. Mehr Eigenverantwortung bedeutet schließlich nicht nur, sich so zu verhalten, dass man andere nicht ansteckt und keine unnötigen Risiken eingeht, sich selbst anzustecken, sondern bestenfalls zu erkennen, dass man infiziert ist, bevor man andere anstecken kann.

Stand, 26. Mai 2020, wurden jedenfalls nur 23 Personen positiv getestet (und das sagt nichts darüber aus, ob die Erkrankung schon durchgemacht wurde, gerade aktiv ist oder vor dem Ausbruch steht). Wenn jetzt plötzlich darüber nachgedacht wird, im Juni Hochzeiten mit 100 Personen oder noch größere Veranstaltungen zu erlauben, sollte man sich fragen, ob die Gefahr einzelner Infektionen in einer spärlich belegten Berghütte wirklich solche abschreckenden Maßnahmen rechtfertigt. Es liegt nun mal nicht jede Hütte direkt bei einem Parkplatz.

Knopfdruckpolitik

„Man kann zwar beschließen, die Wirtschaft wieder hochzufahren, aber das Hochfahren der Lebensfreude ist etwas anderes.“ (Sepp Bitzinger, Gastronom)

Zurück zum eigentlichen Titel, denn ich wollte über was ganz anderes bloggen: Ich kann es inzwischen nicht mehr hören, wenn gesagt wird, wir seien so gut durch die Krise gekommen. Erstens ist selbst die medizinische Krise nicht vorbei, nur weil die Fallzahlen derzeit niedrig zweistellig sind. Das Virus ist nicht verschwunden (Tag 70). Und je mehr nun vulnerable Gruppen getestet werden, die vorher übersehen wurden oder wo die Testkapazitäten bisher nicht ausgereicht haben, desto eher wird man die hohe Dunkelziffer an symptomfreien Infizierten entdecken. Zweitens kann die wirtschaftliche Krise (Beispiel Gastronomie) letzendlich zum großen Bumerang werden, denn wenn in der Folge der Sparstift angesetzt wird (und viele Unternehmen sind schon dabei und nutzen die Pandemie als Vorwand, um lang gehegte Sparpläne durchzusetzen), dann sinken Einkommen, gesundheitliche Versorgung, Kassenleistungen und die Lebensqualität. Für ein starkes Immunsystem kein Vorteil, und andere Krankheits- und Todesursachen gibt es schließlich auch noch. Die Roboterlogik der Regierung stottert.

Erst kam der Lockdown aufgrund der italienischen Bilder, dann die Abstandsregeln, dann die Masken. Alsbald soll hochgefahren werden und nun setzt man auf Eigenverantwortung. Jeder Schritt ohne flankierende Maßnahmen, ohne begleitende Erklärungen. Ohne wissenschaftliche Untermauerung, ohne gesellschaftliche Diskussion. Die Maskenpflicht hat bei vielen Menschen, vor allem bei Männern, die Abstandsregel gestochen, sie gilt anscheinend nicht mehr. Auch der Sinn der Maske leuchtet nicht jedem ein, wenn man sieht, wo und wie sie getragen werden.

Wie Heinz Plomberg am 21. April schrieb:

Ich habe Dinge getan, die nicht erlaubt waren und ich werde Dinge nicht tun, nur weil sie erlaubt sind. Gilt übrigens für mein ganzes Leben.

Jetzt wird (zu?) großzügig ausgerechnet in jenen Bereichen gelockert, die als Cluster-Events bekannt sind, also große Veranstaltungen, im Sommer sogar mit über 1000 Personen geplant. Dazu kommen die Grenzöffnungen und der Appell an eine Eigenverantwortung, die nicht funktionieren kann, wenn das zugrundeliegende Wissen fehlt, um zu entscheiden, wo das Risiko groß oder klein ist. Nur weil Großveranstaltungen wieder erlaubt sind, ist es noch lange nicht klug, sie zu besuchen oder fest in den Sommer einzuplanen. Falls die Fallzahlen rasch wieder ansteigen, liegt die zweite Welle jedenfalls nicht (nur) an der Unfähigkeit der Bevölkerung, sondern an der Inkompetenz der türkisgeführten Regierung, unbürokratische Hilfen zu verteilen, sodass erst gar kein Bedarf nach populistischen Maßnahmen besteht, die die Erfolge der medizinisch gut gesetzten Maßnahmen schlussendlich gefährden. Dazu zählt auch dieses unselige Wien-Bashing, testet und isoliert Wien doch besonders vorbildlich.

Wie man es auch dreht, heute lenken Fahndungsfotos vom eigentlichen Ibiza-Skandal ab, aber das lenkt bequem vom Versagen in Ischgl ab, oder dass man Flüchtlinge absichtlich in große Lager sperrte, während des Lockdowns ein totales Ausgehverbot kommunizierte und dann mit dem Finger auf sie zeigte, weil es dort vermehrt zu Infektionen kam. Es lenkt so einiges ab. Die Minderheiten im Land sind abgemeldet, es interessiert sich auch keiner für sie, während einer der Ibiza-Protagonisten von Talkshow zu Talkshow tingelt.

Und nein, hochfahren geht nicht so schnell. Erst hat man die Bevölkerung verängstigt mit martialischen Ansagen von Lebensgefährdern und Ruhe vor dem Sturm, dann wird so getan, als sei das Problem eh nicht so groß. Wie zur Bestätigung Kurz im Kleinwalsertal, dessen skandlöser Auftritt dank Rücktritt von Lunacek unterging.

Genug gegrantelt für heute. Mein Lieblingsbild vom vergangenen Samstag im Waldviertel: 

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