Tag 81: Die Maske fällt

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Sonnenaufgang über den Kleinen Karpaten mit Föhnwolken, 30. Mai 2020

Hochmut kommt vor dem Fall. So könnte man die Situation derzeit in Österreich beschreiben. Im Kleinwalsertal ist Kurz das erste Mal gestrauchelt. Blümels formal fehlerhafte Budget war zwar einige Lacher Wert, aber der eigentliche Skandal ist die nach wie vor nicht ausbezahlte Soforthilfe aus den zahlreichen Fonds. Weitgehend unbedacht vom öffentlichen Aufschrei blieb die Gleichschaltung der Statistik Austria, die nicht nur einen neoliberalen Chef bekommen hat, sondern Zahlen erst nach dem OK vom Kanzler veröffentlichen wird. Heute früh im Frühstücksradio von Ö3 unterstellte Kurz den Unternehmern, sie können ihren Namen nicht richtig schreiben und würden Steuern hinterziehen, als Begründung dafür, dass sie noch kein Geld erhalten haben oder nur lächerlich niedrige Beträge. Blümel antwortete im Mittagjournal auf die zweifache Frage, ob man das Arbeitslosengeld erhöhen müsse, damit, dass es jetzt darum ginge, eine zweite Welle zu verhindern, dass man bereits Kurzarbeit habe und den Konsum ankurbeln will. Arbeitslose sind eben unter einer neoliberalen Regierung nichts Wert. Wir wollen auch nicht den Kuhhandel der Grünen vergessen, die die Koalitionsbindung nicht aufheben, um ihrer Meinung nach Schlimmeres zu verhindern. Die Frage ist jetzt: Wie geht es weiter? Wann verliert der Stern am Himmel so viel Popularität, dass der interne Druck stärker wird? In Deutschland und Italien (v.a. in Südtirol) herrscht bereits große Irritation, einerseits wegen Kurz’ Blockade der EU-Wiederaufbauhilfe, andererseits wegen der weiterhin strengen Grenzkontrollen mit Italien. Der außenpolitische Druck wächst, aber innenpolitisch genauso:

Riskante Lockerungen

Letzten Freitag war es der Kanzler, der die Wiederauferstehung alias weitere Lockerungen ab 15. Juni verkündet hat, just zu einem Zeitpunkt, wo die Umfragewerte zu sinken begannen. Verständlich sind die Lockerungen jetzt allerdings nicht mehr: Die Maskenpflicht wird gelockert, sie gilt dann nur noch in öffentlichen Verkehrsmitteln, in Apotheken und Gesundheitseinrichtungen und überall dort, wo der Meter Abstand nicht eingehalten werden kann. In Supermärkten, Geschäften und Schulen gilt sie dann nicht mehr, ebenso fällt sie beim Betreten/Verlassen von Restaurants. Zudem fällt die 4-Personen-Tisch-Regel, wie groß die Gruppen dann sein dürfen, läge im Ermessen des Wirtes (klassisches Delegieren von Verantwortung). Schließlich sind ab Juni auch Kinobesuche wieder erlaubt, ebenso Hochzeiten bis 100 Personen und in weiterer Folge wieder Veranstaltungen bis 1000 Personen. Aufgrund der Erfahrungen in anderen Ländern kann das gewaltig in die Hose gehen (vgl. diese Übersichtstabelle über typische Übertragungssituationen weltweit). Auch dort wurde großzügig gelockert und es kam zu Wiederanstiegen. Einzig vertretbar sind die unter der Voraussetzung dafür, dass alle in Österreich die gleiche Teststrategie wie Wien fahren, also auch die symptomfreien Kontaktpersonen testen, denn über sie wird die Pandemie derzeit hauptsächlich getrieben. Kai Kupferschmidt, ein anerkannter Wissenschaftsjournalist, hat in einem viel beachteten Artikel beschrieben, wo derzeit die größten Ansteckungsgefahren herrschen.

In dem Licht erscheint die Lockerung der Maskenpflicht gerade in Innenräumen unverständlich, inzwischen gibt es eine erdrückende Beweislastdafür, dass die Masken die Übertragung des Virus durch Tröpfchen und Aerosole effektiv dämpfen können.

Eigenverantwortung – von wem?

Kurz und Co wälzen ihre Verantwortung auf die Eigenverantwortung der Bevölkerung ab, von dem überhaupt nur die lieben Österreicherinnen und Österreicher angesprochen werden. Das kann nicht funktionieren, wenn wir zu Kleinkindern degradiert werden.

In einer immer noch von Obrigkeitshörigkeit geprägten Gesellschaft wird ausgerechnet beim Umgang mit der Pandemie die Selbstverantwortung propagiert. Das ist nicht der Wunsch nach Freiheit, sondern die Delegierung von Verantwortung durch die Politik.

(@docjosiahboone, 31.05.)

Im Ö1-Gespräch vom 28. Mai  fordern Likar und Sprenger, dass viel mehr in Präventivmedizin investiert wird, also die Ursache für schwere Verläufe verhindern wie Diabetes, Bluthochdruck und Herzkreislauf-Erkrankungen. Auch Sprenger: “Es darf nie wieder in einer Pandemie vorkommen, dass behinderte Kinder nicht berührt werden dürfen.” Und in der Puls24-Diskussion vom 29. Mai (mit Fragen und Bildern auf Kronenzeitungsniveau) beruhigt Infektiologe Wenisch, dass für schwere Verläufe (auf der Intensivstation) inzwischen wirksame Medikamente gefunden wurden, nachdem man jetzt besser begreift, was für eine Krankheit Covid19 ist, also die Blutgerinnung angreifend. Mir kam er etwas relativierend herüber, die anwesende Allgemeinärztin  Susanne Rabady, die auch im Expertengremium der Regierung sitzt, wies darauf hin, dass auch viele junge, vorher gesunde Patienten wochenlang brauchen, um wieder fit zu werden. Die Erkrankung dürfe nicht unterschätzt werden.

Vorbild Mongolei

In der Mongolei gab es bisher keine Covid19-Fälle und auch keine Toten. Doch spricht niemand über das mongolische Vorbild, sondern lieber über die Versager Deutschland oder Schweden. Erfolg bedeutet: Keine Fälle. Die Stadt Ulaanbataar hat eine Bevölkerungsdichte (307 Menschen pro Quadratkilometer) vergleichbar mit Bergamo (400). Wie wehrte die Mongolei eine ähnliche Entwicklung ab? Sie sahen, was in Hubei passierte, koordinierten mit China und der WHO und handelten. Ende Jänner riegelte die Mongolei als eine der ersten Länder die Grenzen und schloss die Schulen. Zu diesem Zeitpunkt traf die Grippesaison die Kinder bereits stark, also schützten sie als erstes die jungen. Die Mongolei kündete im Gegensatz zu Indien beinahe alle Schließungen im Voraus an. Weil alle vorbereitet waren, gelang der schrittweise Lockdown ohne Chaos. Drei Tage nach Hubei hielt das mongolische Kabinett ein spezielles Treffen ab und beschloss …

  • Universitäten zu schließen
  • Inlandverkehr zu beschränken (noch nicht Bahn oder Flugzeug)
  • öffentliche Veranstaltungen zu verbieten
  • Gelder für medizinische Ausrüstung und Personal bereitzustellen

Die Mongolei ist überwiegend von Export abhängig, nahm also schwere wirtschaftliche Konsequenzen auf sich, speziell mit Null Fällen. Jedoch agierten sie nicht wie die Dinosaurier im Westen, die den Asteroid kommen sahen und sagten: “Aber die Wirtschaft!”

Zu diesem Zeitpunkt mit Null Fällen begannen die Mongolen kontrolliert Mongolen aus dem Ausland zurückzuholen, andere Länder stellten sich dabei dilettantisch an, indem sie infizierte Bürger ohne Kontrolle einflogen, während Ausländer verbannt wurden, als ob das Virus einen Reisepass trägt. Die Mongolei testete und quarantinierte bewusst, im Jänner. Im Februar setzte die Mongolei alle Hebel in Bewegung und beschaffte Gesichtsmasken, Testkits und Schutzausrüstung, untersuchte Hotels, Marktstände und säuberte die Stadt. Weiterhin keine berichteten Fälle. Sie sagten sogar die Neujahrsfestlichkeiten ab. Am zehnten März registrierte die Mongolei ihren ersten bestätigten Fall von Covid19, ein Franzose, der von Moskau am 2. März einreiste. Die Mongolei war bereit, sie isolierten sein gesamtes Büro und den Zug, mit dem er reiste.

Zum Abschluss noch ein paar Eindrücke aus dem Augarten heute, bei Dauerregen, lebhaftem Nordwestwind und zehn Grad Plus.
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Nur net hudeln

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Auffe muasch, bua!

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Never again!

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Mindestens 200 Jahre alte Plantane “La Grande Dame”

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Das Blätterdach wird von starken Armen getragen