Tag 87: Einen zweiten Lockdown verhindern

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Ruine Landsee am Pfingstmontag, Blick in die Ungarische Tiefebene

Auch in den USA stellt man sich derzeit die Frage, wie man einen zweiten Lockdown verhindern kann. Wenn uns bereits ein einmaliger Lockdown von wenigen Wochen bzw. nicht einmal zwei Monate in eine tiefe Rezession schlittern lässt und uns Jahre zurückwirft in der wirtschaftlichen (und gesellschaftlichen) Entwicklung, was würde erst bei einer zweiten Welle passieren? Zwar mehren sich mittlerweile die Expertenstimmen (Drosten, Streeck, Penninger) , dass eine zweite Welle wahrscheinlich nicht stattfindet, weil sich das Virus hochgradig über Cluster-Ereignisse weiterverbreitet, also nur 10-20% der Infizierten 80-90% der Sekundärinfektionen verursachen und nicht, wie allgemein über Wochen verlautbar wurde, „jeder Infizierte zwei bis drei weitere Personen ansteckt.“ Vielmehr steckt die Mehrheit gar niemanden an. Das frühzeitige Unterbinden von Großveranstaltungen und das Schließen von Clubs und Bars hat einen Kollaps des Gesundheitssystems in den meisten Ländern verhindert, selbst in Italien war hauptsächlich die Lombardei betroffen, der Süden hingegen kaum. In den USA war die US-Ostküste viel stärker betroffen als die Westküste.

In diesem gewohnt qualitativ hochwertigen Artikel des Wissenschaftsjournals Statnews wurden 11 Experten der Virologie, Epidemologie, etc. gefragt, wie man einen zweiten Lockdown verhindern kann:

  1. Fokus auf Frühwarnsysteme legen:  z.b. Früherkennung viraler RNA in den Abwassersystemen der Städte. Aus Untersuchungen geht hervor, dass das Virus bereits eine Woche vor den ersten bestätigten Infektionen im Abwasser detektiert werden kann.
  2. Auf kleine Zahlen achten: Wenn man auf große Ausbrüche wartet, ist es bereits zu spät. Mit einem Virus, das sich über die Atemwege verbreitet und häufig symptomfrei verläuft, sind die bekannten Zahlen nur die Spitze des Eisbergs. Kleine Zahlen lassen sich leichter in den Infektionsketten nachvollziehen, dann lässt sich feststellen, ob die Infektion bei einem größeren Ereignis stattfanden (und exponentiell wachsen werden) oder bei einem 10-Personen-Picknick, wo exponentielles Wachstum eher unwahrscheinlich ist.
  3. Schnell handeln: Auf Abstandsregeln beharren und Geschäfte rasch (wieder) schließen
  4. Aber: Dabei strategisch handeln! – Durch den landesweiten Lockdown wurden auch Gebiete geschädigt, wo kaum oder keine Fälle von Covid19 registriert wurden. Hier war der Schaden größer als der Nutzen (vgl. Nord- und Süditalien). In Zukunft ist selbst in den USA ein staatenweiter Lockdown nicht mehr vorstellbar, sondern nur noch dort, wo sich Hotspots entwickeln. Allenfalls Hochrisikoaktivitäten wie Massenveranstaltungen und Restaurantbesuche müssten generell wieder geschlossen werden.
  5. Bessere Arbeit bei Minderheiten und Armenvierteln leisten: Drive-In-Teststellen brachten vorwiegend in weiß dominierten Regionen etwas, wo sich die Bevölkerung ein Auto leisten kann. Arbeiter in Schlüsselberufen (Verkehr, Supermärkte) zählen häufig zu den Geringverdienern, die sich kein eigenes Auto leisten können und oft in beengten Wohnverhältnissen leben, wo Abstand halten nicht möglich ist. Ihre Jobs erschweren zusätzlich, die Abstandsregeln einzuhalten, wodurch sie einem höheren Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Zu Beginn wurden die Statnews-Reporter gefragt, ob Schwarze immun gegen das Virus seien, ein Hinweis auf die fatale Missinformation der schwarzen Community. Außerdem wurden sie angehalten, Masken zu tragen, sollten sich diese aber selbst beschaffen. Contact-Tracing Apps erfordern funktionierende Smartphones, die sich viele durch die Jobverluste nicht mehr leisten können.
  6. Verberge die Wahrheit nicht oder tu nicht so, als hättest Du mehr Wissen als der Fall ist: Von Beginn an sagte das Center of Disease Control (ebenso wie RKI, WHO und auch BK Kurz übrigens), dass die Amerikaner keine Masken tragen müssen. Nur medizinische Masken blockieren das Virus und verfügbare Masken wegschnappen verschlechtert die Bedingungen des Gesundheitspersonals. Masken wurden als ineffizient betrachtet, obwohl man das nicht wusste. Die Ansage „Besorgt Euch keine Masken!“ wurde vielfach aus Sorge mangelnden Nachschubs ausgegeben (selbst gemachtete Masken hätten die Versorgung von Gesundheitspersonal nicht beeinträchtigt), was Experten aber nicht ohne weiteres bestätigten. Beide Fehler schadeten der Glaubwürdigkeit. Als die Experten endlich die Bedeutung der Masken bei der Unterbindung der Verbreitung anerkannten, war die Pandemie außer Kontrolle. Das Misstrauen wuchs. Viele Arbeitgeber, selbst Krankenhäuser, verbaten Arbeitern, Masken zu tragen, weil das Kunden/Patienten aufregen könnte.
  7. Abstandsregeln intelligent umsetzen: Wissenschaftler sollten die Atempause bei den Fallzahlen nutzen, um festzustellen, welche Abstandsmaßnahmen am effektivsten sind und welche gelockert oder vollständig aufgehoben werden können. Falls es eine zweite Welle gibt, sollte das Gesundheitssystem nicht niedergefahren werden, wodurch Eingriffe, Präventivmaßnahmen und vieles mehr verschoben wird. Ein mathematisches Modell der Covid19-Übertragung zeigt, dass Handhygiene und verbreitetes Masken tragen bereits 60% Kontaktverringerung ermöglicht, die man benötigt, um die Pandemie einzudämmen, und zwar selbst dann, wenn die Menschen zu ihren Arbeitsplätzen, Restaurants und Geschäften zurückkehren. Japan schloss zum Beispiel Schulen, nicht aber Arbeitsplätze oder Geschäfte, sehr wahrscheinlich wegen dem verbreiteten Gebrauch von Masken, Handhygiene und anderen freiwilligen Maßnahmen, z.b. nicht Hände schütteln. Wir müssen von anderen Ländern lernen.
  8. Milde Fälle ernstnehmen: Zu Beginn wurde Personen mit milden Symptomen Tests verweigert. Ihnen wurde gesagt, sie sollten sich selbst isolieren, was viele aber nicht gemacht haben. Ein tatsächlich durchgeführter Test hätte viel mehr Gewicht. In der Folge gab es Infektionsketten, die mit milden Fällen begannen und Krankenhäuser überlasteten. Jeder mögliche Fall, selbst mit milden Symptomen, müsse getestet werden.
  9. Nationale Lagerbestände auffüllen: Medikamente, Schutzausrüstung etc. müssen in ausreichender Zahl vorhanden sein [Europa: Lokal produzieren, nicht in Asien]
  10. Erwarte nicht, dass Patienten selbst herausfinden, wie sich isolieren sollen: Zahlreiche infizierte Menschen, die nicht ins Krankenhaus aufgenommen werden mussten, wurde gesagt, sie sollen sich zu Hause auskurieren und von anderen fernhalten. Das nächste Mal sollten ihnen Strategien aufgezeigt werden, wie sie zuhause das Risiko einer Weitergabe innerhalb des Haushalts vermindern können. Obwohl die meisten Fälle in öffentlichen Situationen stattfanden, kann man die Übertragung im Haushalt nicht ignorieren, speziell nicht bei den anfälligsten Personengruppen, die zumindest auch in beengten Verhältnissen mit vielen anderen zusammenleben. Haushalten sollte Schutzkleidung/masken zur Verfügung gestellt werden. Mitunter sollten auch temporär alternative Unterkünfte (z.b. leerstehende Hotels) in Betracht gezogen werden, bis die Patienten nicht mehr infektiös sind. Das wurde zu Beginn des Outbreaks unterschätzt.
  11. Mache ernst damit, das Virus kontrollieren zu wollen: Viele Fragen lauteten „Wann darf ich meine älteren Familienangehörigen wieder sehen?“ oder „Wann kann ich wieder auf ein Konzert gehen?“ Und die Antwort zu allen Fragen lautet womöglich „noch nicht“, erst, wenn fallbezogene Interventionen vorhanden sind (also testen, nachverfolgen, isolieren). In Japan konzentriert man sich eher auf Cluster ausfindig machen statt alle Kontakte von Covid19-Patienten nachzuverfolgen. Sie kalkulieren damit, dass viele Patienten kaum andere infizieren und die Umstände herauszufinden, die zu zahlreichen Infektionen führten, effektiver ist.
  12. Bleib bescheiden und flexibel: Jeder hoffte, dass nichtpharmazeutische Interventionen wie Schulen schließen, Masken tragen, Abstandsregeln und Massenveranstaltungen unterbinden die Virusausbreitung verlangsamen würde. Doch selbst Experten rudern zurück, wie effektiv diese Maßnahmen gewesen sein könnten. Niemand weiß, welche individuelle Maßnahme zur Verlangsamung beitrug und wie viele Maßnahmen gleichzeitig in Kraft sein müssen. „Wir treiben diesen Tiger nicht an, sondern reiten darauf. Wir treffen Annahmen, von denen wir ausgehen, dass sie ihn kontrollieren.“ Wirtschaft und Gesellschaft waren nie vollständig geschlossen und werden nie vollständig geöffnet sein, bis es einen Impfstoff gibt. Eher verhält sich das Virus wie eine gedimmte Lampe, manchmal etwas heller und manchmal etwas dunkler zu bestimmten Zeiten und an bestimmten Orten.
  13. Widersetze Dich Wunschdenken: Wenn die Fälle deutlich zurückgehen, besteht die Befürchtung, dass so etwas wie ein Sieg erklärt wird. Das wäre unser schlimmster Fehler. Grippe-Pandemien breiten sich in Wellen aus. Doch wir sahen nie einer Coronavirus-Pandemie dabei zu. Verlangsamt das Sommerwetter die Ausbreitung oder bringen die Lockerungen unmittelbar erneute Anstiege? Gibt es eine evtl. schlimmere Welle im Herbst? Stehen uns Jahre von Wellen bevor, bis die Welt geimpft werden kann? Mangels Antworten müssen sich Regierungen und Gesundheitsverantwortliche sowie die Öffentlichkeit auf den schlimmsten Fall vorbereiten. Derzeit sieht es weltweit allerdings nicht danach aus, die Menschen denken, das schlimmste sei vorüber und man könne zum alten Leben zurückkehren. Die Gefahr besteht, dass all die Erfolge durch die schmerzhaften Lockdowns verloren sein werden und auch nicht wiederkommen. Die Zeit, als die Menschen bereitwillig mitmachten, sind vorbei. Die Leute sind fertig mit dem Lockdown.
  14. Kommuniziere besser: Seit März läuft beinahe die gesamte Kommunikation mit der amerikanischen Bevölkerung über das Weiße Haus, nicht über das CDC, die vor der Trumpregierung routinenmäßig die Führung bei Infektionsgeschehen übernahm. Die Überlagerung von Politik gegenüber öffentlicher Gesundheit hat der amerikanischen Öffentlichkeit nicht gut getan. „Die Kommunikation war bewusst schlecht“, sagte Marc Lipsitch, Epidemologieprofessor an der Harvard-Universität für Öffentliche Gesundheit. „Der Plan in diesem Land war, das Risiko herunterzuspielen*, den Aktienmarkt aufzufangen und so zu tun, als sei es weniger schlimm als es tatsächlich wahr.“

Die Öffentlichkeit benötigt klarere Informationen, selbst wenn diese Information lediglich ein Zuständnis ist, dass einige Fakten über das Virus unbekannt bleiben und der Verlauf der Pandemie derzeit nicht prognostizierbar ist. Und sie sollte von Wissenschaft und Fakten durchdrungen sein, nicht von Politik.

* In Österreich lief es umgekehrt: Man setzte von Beginn an auf Angst, fuhr alles nieder und machte das Virus schlimmer als es war. Das Problem mit der Kommunikation durch die Politiker statt etwa durch die AGES oder führende Experten im Expertenstab blieb jedoch identisch in seinen Auswirkungen: Der Bevölkerung wurde das nie so akribisch erklärt wie Drosten die bundesdeutsche Bevölkerung in seinem Podcast aufgeklärt hat, oder andere Virologen in zahlreichen Interviews oder Talksendungen auf prominentem Platz. Ein paar Beispiele, was ich meine:

  • Die Regierung sagt, man müsse einen Meter Abstand halten. In vielen Ländern sind es 1,5 oder sogar zwei Meter (6-feet-rule in den USA). In fast jeder Maßnahme taucht der eine Meter Abstand auf, nicht aber, wie die Virusverbreitung stattfindet, also vorwiegend über Tröpfcheninfektion. Tröpfchen können beim Husten oder Niesen aber deutlich weiter als einen Meter fliegen, nicht einmal zwei Meter sind dann ausreichend. Die Abstandsregel bezog sich also vor allem auf Gespräche mit anderen Menschen. Korrekt hätte die Information lauten müssen, sich von hustenden und niesenden Menschen deutlich weiter als einen Meter fernzuhalten und bei Gesprächen mindestens zwei Meter bzw. so weit wie möglich.
  • Es wurde auch nicht kommuniziert, dass kumuliert 15min engerer Kontakt (unter 2m) für eine Infektion gegeben sein muss (Infektion gleich Virusexposition mal Zeit). So weichten wir einander am Gehsteig aus, dabei reicht flüchtiges Vorbeigehen nicht für eine Infektion aus. Problematisch ist längeres Zusammenstehen, und viel eher drinnen als draußen. Es müsste der unwahrscheinliche Zufall auftreten, dass einem beim Vorbeigehen jemand ins Gesicht hustet oder niest. Doch nicht einmal keuchende Jogger und tief ausatmende Radfahrer reichen für eine Infektion, weil sie durch ihre Geschwindigkeit rascher an der exponierten Person vorbei sind.
  • Als die Maskenpflicht kam, konnte man den Eindruck bekommen, sie tragen die Masken, weil es befohlen wurde, und nicht aus dem Grund, andere vor einer Ansteckung zu schützen. Eine Solidaritätsmaske, so war es immer gedacht, und nicht als Schutz vor eigener Ansteckung. Man hätte aber auch dazu erklären können, warum Masken schützen. Nicht nur vor feuchter Aussprache, Husten oder Niesen, sondern auch vor der Aerosolverbreitung. Das kann aber nur ein Experte glaubwürdig erklären. Tatsächlich tun manche die Maske herunter, wenn sie mit anderen sprechen oder niesen müssen, oder tragen sie unter der Nase. Am besten wäre aber, gar nicht zu sprechen oder zu telefonieren, wenn man öffentliche Verkehrsmittel benutzt und keinen ausreichenden Abstand halten kann. Dann verkündet Kurz, dass die Maskenpflicht gelockert wird, entgegen aller wissenschaftlichen Evidenz über ihre Sinnhaftigkeit. Und schon nimmt die Bereitwilligkeit, Masken im öffentlichen Raum zu tragen, langsam ab. Zudem führte die Maskenpflicht fast augenblicklich dazu, dass weniger Abstand gehalten wurde.
  • Bei weiteren Lockerungen wie Restaurantbesuche oder Massenveranstaltungen (Hochzeiten, Demonstrationen!) hört man zahlreich, wie bereits wieder Pläne geschmiedet werden, als sei die Gefahr der Ansteckung verschwunden, nur weil diese Art von Zusammenkünften wieder erlaubt ist. Eigenverantwortung heißt in dem Fall, selbst abzuwägen, ob man sich dieser Gefahr aussetzen will.
  • Mehr Kritik, nicht neutral, aber sehr aufschlussreich, vom Wiener SPÖ-Gesundheits- und Sozialstadtrat Peter Hacker im aktuellen NEWS-Interview (ich hoffe, sie korrigieren das Problem mit den Leerzeichen noch).