Tag 98: Die alte Normalität kehrt zurück

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Nach drei Monaten Durststrecke gönnte ich mir gestern wieder mein geliebtes „Halloumi-Frühstück“ mit Qualitätszeitung SZ dazu

Seit Montag müssen mit wenigen Ausnahmen keine Masken mehr getragen werden. Die Wissenschaft ist sich inzwischen einig, dass Masken nicht nur als Fremdschutz, sondern auch als Eigenschutz sinnvoll sind. Ein hundertprozentiger Schutz ist natürlich wegen der mangelnden Filtereigenschaften einfacher Mund-Nasen-Schutzmasken nicht möglich, aber wer eine Maske trägt, verringert zumindest die Virenlast, der er durch eine infizierte Person in der Nähe ausgesetzt ist. Und je weniger Virusdosis in den Körper eindringt, desto geringer i) die Gefahr sich zu infizieren und ii) die Gefahr eines schweren Krankheitsverlaufs. Aus dem vorletzten Drosten-Podcast wurde deutlich, dass die Nasenatmung eine größere Rolle bei der Infektionsgefahr spielt als ursprünglich angenommen. Ein Grund mehr, die Maske auch wirklich über die Nase zu ziehen und nicht nur darunter!

„Unsere Studienergebnisse legen somit nahe, dass ein Aufrechterhalten der Maskenpflicht ein kosteneffektiver, wenig ökonomieschädlicher und demokratieverträglicher Baustein auch für die weitere Eindämmung von Covid19 ist.“

Quelle: Mitze et al. (03.06.20), Maskenpflicht und ihre Wirkung auf die Corona-Pandemie: Was die Welt von Jena lernen kann

Die österreichische Regierung argumentiert die Rücknahme der Maskenpflicht mit Eigenverantwortung. Tatsächlich bemerkt man, dass seitdem vielfach keine Abstände mehr eingehalten werden und mit dem Fall der Maskenpflicht deutlich weniger Menschen Masken tragen, selbst dort, wo es eng wird, wie an der Supermarktkasse oder auch in kleineren Geschäften. Eigenverantwortung ist ein seltsames Argument am Beginn einer Pandemie. Mit dieser Begründung könnte man auch die Gurtpflicht wieder abschaffen, es obläge dann der Eigenverantwortung, ob man sich und seine Kinder unangeschnallt gefährdet.

Ende der Pandemie?

Selbst namhafte Journalisten wie der FALTER-Virologe Peter Michael Lingens wähnen sich am Ende der Pandemie, sonst würde er nicht folgenden Satz schreiben: „Seit dieser Woche braucht man sie [die Masken] fast nur mehr in Öffis, und bald dürfte man keine mehr brauchen.“ (Quelle: FALTER 25/20) Die sehr informativen statistischen Analysen von Erich Neuwirth zeigen hingegen, dass in Ländern wie Schweden oder UK die Infektionszahlen immer noch auf hohem Niveau sind, ganz zu schweigen von Südamerika und den USA. Brasilien registrierte am 16. Juni 37000 neue Fälle, so viel wie Portugal in der Gesamtheit feststellte. In China steigen die Zahlen wieder an, auch das coronafreie Neuseeland registrierte zuletzt wieder zwei positive Fälle durch einreisende Briten. In Israel hat man zu früh gelockert, dort entwickelt sich gerade eine zweite Welle. In Japan stammt in einer groß angelegten Untersuchung immerhin ein Fall aus dem Flugzeug.

In Österreich bewegen sich die meisten Neuinfektionen immer noch innerhalb von einzelnen Betrieben und Familienverbänden sowie deren Bekannten. Weder zu öffentlichen Verkehrsmitteln noch Geschäftslokalen ließen sich bisher Fälle eindeutig zurückführen. Auch der häufig zitierte Donaukanal schlägt sich nicht in den Fallzahlen nieder. Obwohl die Zahlen niedrig bleiben, ist weiterhin Vorsicht angebracht, insbesondere, wenn der Reiseverkehr wieder zunimmt. Ich persönlich werde weiterhin Masken auch im Supermarkt und in Geschäften tragen, einerseits aus solidarischer Höflichkeit, andererseits als Fremdschutz, um im ungünstigen Fall keine volle Dosis einzuatmen, wodurch das Virus ohne Umweg über die oberen Atemwege, wo das Immunsystem noch in der Lage wäre, Antikörper zu produzieren, direkt in die Lunge gelangen und so einen schweren Verlauf auslösen [und mein Wanderhobby vorzeitig beenden] kann.

Eigenverantwortung setzt Wissen voraus

Ich wiederhole meine schon oft geäußerte Kritik: Eigenverantwortung funktioniert nur auf der Grundlage von Wissen. Von März bis Juni standen da vier Hanseln fast täglich vor den Mikrofonen und haben verkündet, was wir tun sollen und zu lassen haben. Interessierte Bürger haben sich den Drosten-Podcast angehört und sich über andere seriöse Quellen informiert, österreichische Experten waren schnipselhaft hier und da zu hören, aber es fehlt bis heute das big picture. Das Basiswissen zur Epidemie muss für jeden Bürger frei und mehrsprachig zugänglich sein, und nicht nur das, wo wir nach Aussage der Regierung (vor allem der ÖVP) am besten dastehen, sondern auch kritische Aspekte, Verbesserungspotential, eine rege Diskussion, was nicht so gut lief und wo eklatante Zustände bekannt werden. Eigenverantwortung ohne Wissen und Gefahrenbewusstsein kann nur schiefgehen. Das setzt all jene Angehörige von Risikogruppen und direkt Betroffene in eine unangenehme Situation: Es wird jetzt immer schwieriger, sich selbst zu schützen und trotzdem am Alltagsleben teilzuhaben, weil andere immer weniger Rücksicht nehmen. Dieses Sturheitsdenken (Maskenpflicht fällt, ergo trage ich keine mehr) geht mir ziemlich auf den Zeiger. Ebenso wie die notorischen Unhöflichkeitstelefonate in den Öffis.

Flugsicherungen in der Krise?

Sonst bleibt alles beim Alten. Der Kanzler verteidigt die sinnlosen Einmalzahlung an Arbeitslose im zib2-Interview bei Armin Wolf. Die systemrelevanten oftmals schlecht bezahlten Jobs bekommen weiterhin keinen Sendeplatz #ImZentrum, dafür die #AUA-Rettung. Zur Rettung der Fluglinien wird aber nur die halbe Wahrheit berichtet, denn derzeit zahlen die Airlines europaweit keine Lande- und Überflugsgebühren. Diese sind aber die Haupteinnahmequelle der Flugsicherungen. Personalmangel bestand schon in Zeiten der Überschüsse vor Corona, unter dem Vorwand der Krise verschärft sich der Mangel weiter, denn nicht überall sorgt die Abnahme des Verkehrs auch für weniger Arbeit. Die Gewährleistung der Flugsicherheit ist essentiell in der Luftfahrt, egal, ob viel oder wenig Verkehr herrscht. Wozu ein Sparkurs führt, sieht man an den Schlampereien bei Boeing mit zwei katastrophalen Abstürzen.

Wohin mit dem Überschuss an Mitarbeitern?

Auf der anderen Seite verhält sich aber auch die Öffentlichkeit scheinheilig, die auf harte Klimaauflagen drängt und die Airlines zum Sparkurs zwingt. Wenn diese dann ankündigen tausende Mitarbeiter Überhang langfristig abbauen zu müssen, ist das auch wieder nicht recht. Was sollen die 22000 Lufthansa-Mitarbeiter oder die 1000 AUA-Mitarbeiter denn machen, wenn deutlich weniger geflogen wird? Wie will man gleichzeitig Arbeitsplätze zum wirtschaftlichen Status vor Corona erhalten, wenn nach Corona Kurzstrecken zum Opfer fallen und die Langstrecken wahrscheinlich dauerhaft unter der düsteren Entwicklung in Amerika oder Asien leiden? Es wäre nur ehrlich und gerecht, den betroffenen Mitarbeitern eine alternative Perspektive aufzuzeigen, wenn ihre Branche für immer kracht. Kunst, Kultur, Tourismus, Messen, Gastronomie, das kommt alles wieder, in veränderter Form vielleicht, aber es ist nicht tot für immer. Aber auch im Hinblick aufs Klima wird wahrscheinlich nie wieder so viel geflogen wie vor Corona. Nur hatte man keine Jahre Vorbereitungszeit, keine Gesetze wurden beschlossen wie beim Ausstieg aus der Kohleförderung, sondern alles ging innerhalb weniger Wochen.

Neue Normalität bedeutet in Österreich alte Normalität mit finanziellen Einbußen. Inzwischen kennt fast jeder jemanden, der weniger verdient, seinen Job verloren hat oder noch damit rechnet, ihn zu verlieren.

Wie sehen meine kurzfristige Pläne aus? In dieser Phase der extremen Ungewissheit fällt es mir schwer, Urlaub zu planen, geschweige denn zu buchen. Ich hätte ein paar Ideen, aber motiviert zur Umsetzung bin ich nicht. Ich muss weiter abwarten.