Tag 102: Was wäre, wenn nicht Kurz regiert hätte …?

27468798

Wien-Massentourismus vor Corona – Das kommt so schnell nicht wieder

Der Wintersportort Ischgl ist nach heutigem Stand das größte Superspreading Event von Europa, Ausgangspunkt für Infektionen in zahlreichen Ländern, deren Bewohner zur Skigaudi nach Westösterreich fuhren (flogen). Die Pandemie wird von Superspreading Events angetrieben, kleinere Ausbrüche waren und sind leichter unter Kontrolle zu bringen, weil viele Infektionsketten für das Virus in einer Sackgasse enden. In einem parallelen Universum wäre Ischgl gar nicht erst passiert. Nun ist es passiert. Wir könnten heute an einem anderen Punkt der Pandemie stehen und aus den Fehlern der Vergangenheit lernen.

Der Umgang mit dem Virus und seine Folgen – ein Alternativszenario

Kanzler Kurz hätte kurz nach Bekanntwerden der Ischgl-Situation eine lückenlose Aufklärung versprechen können, und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Platter wäre heute nicht mehr Landeshauptmann und Tilg nicht mehr Landesrat von Tirol. Innenminister Nehammer hätte nicht dauernd auf die Wiener hinpeckt, sondern immer wieder auf das mahnende Beispiel von Ischgl verwiesen. Der Zeitpunkt des Lockdowns war richtig. Bei jeder Pressekonferenz hätte jedoch mindestens ein Experte der wissenschaftlichen Task Force teilgenommen und erläutert, warum die verkündeten Regeln wichtig sind und welchen wissenschaftlichen Hintergrund das hat. Virologen, Epidemologen, Soziologen und Public Health-Experten hätten sich idealerweise abgewechselt oder im Anschluss ausführlich über das Ziel des Lockdowns und der darüber hinausgehenden Maßnahmen aufgeklärt, und zwar in Zusammenhang mit den Fernsehauftritten, welche nachweislich von einem Großteil der Bevölkerung als wichtigste Informationsquelle herangezogen wurden. Natürlich hätte sich der Kanzler an alle Menschen im Land gewandt, nicht nur an die Österreicherinnen und Österreicher, und so das Land im Kampf gegen das Virus geeint statt gespalten.

Die Regierung hätte sich für unbürokratische Soforthilfe stark gemacht und erst nachträglich geprüft, ob man nicht versehentlich ein paar Unternehmen gestützt hat, die ohnehin pleite gegangen wären oder die genug Eigenkapital gehabt hätten, um sich aus eigener Kraft durch die Krise zu bringen. Die Ankündigung Risikogruppen besonders schützen zu wollen, wäre ebenso rasch umgesetzt worden, und zwar über eine Bestätigung von Haus- oder Fachärzten statt über Medikamentenerfassung. Die Regierungspolitiker hätten sich in den Pressekonferenzen bei all jenen Menschen bedankt, die trotz gefährlicher, verantwortungsvoller und stressiger Arbeit die Bude weiter am Leben hielten, explizit auch bei jenen Nichtösterreichern, die vermehrt in systemkritischen Berufen zu finden sind. Das hätte das Augenmerk der authochtonen Bevölkerung auf die vernachlässigten Niedriglohnberufe gelenkt und eine Solidarität bewirkt, die über Balkonklatscherei hinausgeht. Die Regierungspolitiker hätten den systemkritischen Mitarbeitern eine Prämie zugesichert und sich für bessere Arbeitsbedingungen eingesetzt, nicht zuletzt auch bei den Leiharbeitern in Verteilerzentren und in der Landwirtschaft. Die Bevölkerung hätte die Masken getragen im Wissen, dass sie damit andere vor einer Ansteckung schützen und dass das Virus erst unschädlich gemacht wird, wenn ein wirksamer Impfstoff gefunden wurde bzw. Medikamente, die man frühzeitig verabreichen kann. Die Regierung hätte außerdem kein generelles Betretungsverbot öffentlicher Räume verkündet, sondern explizit darauf hingewiesen, was vermieden werden sollte, um das Infektionsrisiko zu verringern: Größere Veranstaltungen in geschlossenen Räumen sowie im Freien, wenn man längere Zeit auf engem Raum dicht zusammensteht. Sie hätte die Bevölkerung sogar aufgefordert, nach draußen zu gehen, insbesondere Familienverbände in prekärer Wohnsituation, sodass die Ansteckungsgefahr im eigenen Haushalt verringert wird. Vielleicht nicht in den ersten Tagen, aber es stand schon nach wenigen Wochen fest, dass die Ansteckungsgefahr draußen erheblich geringer als drinnen ist. Massen-flüchtlingsunterkünfte wären aufgelöst und auf leerstehende Unterkünfte und Hotels verteilt worden. Die Regierung hätte authentisch kommuniziert, die Covid19-Verordnungen wären juristisch korrekt wiedergegeben worden statt zu verkünden, man dürfe nur zum Spazieren raus und keine Freunde besuchen, obwohl man immer raus durfte und nicht erst, wenn einem die Decke auf den Kopf falle.

Die Regierung hätte eine Informationsplattform geschaffen, bei der täglich transparente Daten und Analysen veröffentlicht werden (statt nur Daten und Interpretation durch Regierungspolitiker), mitsamt Begleitforschung und Studien und würde diese viel stärker in den Vordergrund stellen. Selbstverständlich hätte es auch eine freiwillige Open-Source-App gegeben, 15% Teilnehmer unter der Bevölkerung würden sogar genügen. Auf diese Weise wäre auch eine Großdemonstration mit 50000 Teilnehmern durchführbar. Für größere Veranstaltungen und Konzerte würden personalisierte Tickets oder zugewiesene Sitzplätze genügen. Die Bereitwilligkeit der Bevölkerung, alle Maßnahmen mitzutragen, wäre gestiegen, insbesondere mit finanzieller Absicherung durch Soforthilfe, die diese Bezeichnung auch verdient, und eine wenigstens temporäre Erhöhung des Arbeitslosengelds von derzeit 55% auf 70% des Vorjahreslohns. Im Wissen, dass ein Jobverlust kein Absturz in die Obdachlosigkeit/Armut bedeutet, hätten erkrankte Arbeitnehmer zuhause bleiben können. Das galt vor Corona übrigens auch schon.

Leider leben wir in dieser sozialdemokratischen Eutopie der Wertschätzung, des Respekts und der Solidarität mit unseren Mitmenschen, unabhängig ihrer Herkunft, nicht. Wobei es für eine professionerelle Bewältigung nicht einmal eine sozialdemokratische Führung bedurft hätte, selbst die Kommunikation der konservativen Kanzlerin Merkel war da viel deutlicher, auch im Hinblick auf die Einschränkung demokratischer Rechte. Wir hingegen werden von einem autoritär zündelnden Kanzler regiert, der gleich nach austrofaschistischem Vorbild Dollfuß kommt und diese Geisteshaltung in unzähligen Aussagen und Handlungen (im Fall ausbleibender Flüchtlingsaufnahmen eher Nichthandlungen) bewiesen hat.

Das Virus kommt zurück – und jetzt?

Da wir nicht in dieser Eutopie den Beginn der Pandemie durchlebt haben, sondern jeden Morgen in einer grauslichen Dystopie aufwachen, stellt uns ein Wiederanstieg der Infektionszahlen vor größere Probleme.

Ein aus epidemologischer Sicht eigentlich gravierendes Problem ist der mangelnde Informationsfluss an die Bevölkerung, auch hier fehlt mir in der Öffentlichkeit ein Aufschrei der Experten, ein Kommentar, eine Brandrede in einer Zeitung, ein Wachrütteln….

Es gab leider auch nie Informationskampagnen, die wirkliches Begreifen der Infektionswege zum Ziel hatten. Es wurden nur die Regeln mit viel Aufwand kommuniziert. Dann kommt eben raus: “Regeln weg, Risiko weg”. (Shirley, 21.06.)

Die Kommunikation mit der letzten Lockerungsphase mit Wegfall der Maskenpflicht seit 15. Juni stellt sich als fatal heraus. Ich höre es von allen Bekannten, von Arbeitskollegen und sehe es selbst: Die Mehrheit der Bevölkerung glaubt, die Pandemie wäre vorbei. Selbst in den Öffis hat der Schlendrian eingesetzt, die Selbstkontrolle durch die Mehrheitsgesellschaft bröckelt weg. Die jüngeren sind infiziert, aber oft symptomfrei, die älteren zählen zur Risikogruppe, schützen sich aber nicht.

Die Situation einer Pandemie ist vergleichbar mit der eines Tsunamis: Wenn die erste Welle zurückweicht, kehren die Menschen in ihre Häuser zurück. Dann kommt die zweite Welle und erledigt das, was die erste nicht geschafft hat. Die Fakten liegen klar auf dem Tisch, siehe Iran, Israel und auch etliche amerikanische Bundesstaaten, wo es nicht einmal überall eine merkliche Abflachung der ersten Welle gegeben hat und Anstiege auf hohem Niveau sichtbar sind. Und dann passiert etwas, woraus wir eigentlich aufgrund des Infektionsgeschehens vor dem Lockdown hätten lernen sollen:

“Die Gefühlslage ist: Die Krise ist bewältigt.”

40 Leute treffen sich in einem Innenraum zu einem Clubabend, 12 haben sich bereits nachweislich infiziert. Darunter Mitglieder der Salzburger Landesregierung und ein hochrangiger Anästhesist der Wiener Landeskliniken.

Auch dass mittlerweile Kontaktpersonen der Kategorie 2 erkrankten, „die eigentlich einen ausreichenden hohen Abstand zu ihm gehabt hätten, sich aber im selben Raum befanden, zeigt schon, dass wir es da mit einem sehr ansteckenden Fall zu tun haben“, sagte [Landessanitätsdirektorin] Juhasz.

Am Tag 26 (6. April) war laut Virologen (Drosten/Streeck) noch nicht nachgewiesen, dass man sich in geschlossenen Räumen mit ausreichend Abstand zu Infizierten anstecken kann. Spätestens (!) am 06. Mai aber schon, wie diese Fallstudien mit einer Chorprobe und einem Restaurant (beides Superspreadingevents) zeigen. Es bestand also seit mindestens sechs Wochen bereits ein Konsens unter den Wissenschaftlern, dass geschlossene Räume ohne ausreichend Frischluftzuführ gemieden werden sollten, und wenn nicht Abstand gehalten werden könne, müssen Masken getragen werden (vgl. meinen Beitrag vom Tag 67 (17. Mai) über Infektionswege).

Landeshauptmann Haslauer zeigte sich am Samstag besorgt über den Ausbruch im Umkreis der Landesregierung: „Es ist ein Schuss vor den Bug. Wir alle waren eigentlich der Meinung und die Gefühlslage ist: Die Krise ist im Großen und Ganzen bewältigt. Aber offensichtlich ist es nicht so. Es kann sehr schnell wieder in eine andere Richtung gehen.

Da fasst man sich schon ans Hirn und man sieht zugleich, wie tief die türkise Gehirnwäsche gewirkt hat.Auch wenn ich für den Begriff Gehirnwäsche auf Twitter ein Unfollow einer Behindertenaktivistin (aus Deutschland) kassiert habe: Er ist leider gerechtfertigt. Kurz möchte die geschönte “Erfolgsgeschichte Österreich” erzählen, welche das Virus als Europameister bezwungen hat und besser als alle anderen dasteht. Und das obwohl sich das Virus ohne Sodom und Ischgl weitaus langsamer in Europa verbreitet hätte. Jeder halbwegs intelligente Bürger, der sich schon länger mit der Innenpolitik in Österreich auseinandersetzt, wird mir zustimmen, dass Anspruch und Realität hier völlig aneinander vorbeiartikulieren.

Das Virus zirkuliert weltweit um Österreich herum. Die Grenzen wurden geöffnet, es wurde und wird viel Aufwand betrieben, den Tourismus wieder anzukurbeln, Homeoffice wird zunehmend beendet, die Angestellten kehren in die Büros zurück. Schulen wurden geöffnet und die so wichtigen Masken werden immer weniger getragen. Warum sollte das Virus um Österreich herum einen Bogen schlagen? Warum sollte die Pandemie ausgerechnet bei uns schon vorbei sein? Wie denn, wenn nicht einmal ein Zehntel der Bevölkerung je mit dem Virus in Kontakt kam und eine langlebige Immunität nicht sichergestellt ist?

Am Beispiel Deutschland sieht man, welche verheerenden Folgen für das Gesundheitssystem bereits jetzt in Aussicht gestellt sind, nach knapp drei Monaten Pandemie. In Österreich dürfte es kaum besser aussehen: Die Sozialversicherungen und Krankenkassen schreiben Verluste, den Hausarztpraxen entgehen Einnahmen. Dazu kommt die enorme Anzahl an Arbeitslosen (über eine halbe Million) und mit der großen Pleitewelle ab Herbst, wird sich diese Zahl noch deutlich erhöhen. Einen erneuten Lockdown kann sich niemand leisten.

Wann wacht die Regierung endlich auf und verkündet, dass die völlig unnötige Lockerung der Maskenpflicht zurückgenommen wird? Auf Basis von Fakten zur Abwechslung.