Tag 103: Das Virus geht nicht mehr weg!

Nach allem, was ich bisher von meiner kundigen Timeline voller FachexpertInnen an Informationen aufgesaugt habe, ist das Virus gekommen, um zu bleiben. Mit über 180 000 Neuinfektionen am Tag weltweit gibt es aktuell soviele wie nie zuvor.

220620

Täglich neu bestätigte Covid19-Fälle pro Million Einwohner in ausgewählten europäischen Ländern, Quelle: https://ourworldindata.org/coronavirus-data-explorer?

Die Entwicklung in Österreichs Nachbarländern und anderen Ländern der EU zeigt bereits wieder einen leichten Trend nach oben. Selbst dort, wo die Anzahl nach unten geht, ist sie nie Null. Was geschieht hier? Meine Interpretation als interessierter Laie:

Wir wissen, dass sich das Virus vorwiegend über Superspreading Events verbreitet. 10-20% hochansteckende Menschen sind für die Mehrzahl aller Infektionen verantwortlich. Daher ist die Reproduktionszahl R auch hochgradig irreführend, insbesondere, wenn man von einem sehr niedrigen Niveau aus startet. Dann fallen Superspreading Events natürlich sofort ins Gewicht und treiben R über 1 oder sogar 2 (vgl. Deutschland und Tönnies), und das obwohl im restlichen Land weiterhin nur sehr wenige Neuinfektionen stattfinden. So war es übrigens auch in Österreich seit Beginn der Epidemie. Es gab hier und da Infektionsnester, sei es durch das Chorwochenende in Perg oder die weitreichenden Auswirkungen der Ischgl-Skiurlauber, die mit Beginn des Lockdowns und der Quarantäne am Arlberg unkontrolliert heimgereist sind. Die Mehrzahl der übrigen Infektionen ließ sich auf Ansteckungen in der Lombardei zurückführen. Am Anfang waren es übrigens mehrheitlich besserverdienende Menschen, die sich infiziert haben – Skiurlaube sind teuer, so wie das oftmals ausländische Personal aus den (süd)osteuropäischen Ländern. Wie wir jetzt wissen, hat sich das Infektionsgeschehen von großteils noch verbotenen Freizeitaktivitäten (Konzerte, Großveranstaltungen, Nachtclubs) auf prekäre Arbeitssituationen von Niedrigverdienern verlagert, seien es die Erntehelfer in engen Unterkünften, die Arbeiter in Postverteilerzentren oder Fleischfabriken.

COVID hits where society decided to save money: foreign workers, LTCF, marginalized people…

COVID trifft dort, wo die Gesellschaft entschieden hat, Geld zu sparen: ausländische Arbeiter, Langzeitpflegeeinrichtungen, Randgruppen

(Dominik Mertz, Epidemologe, 22.06.)

Wir wissen außerdem, dass rund 70-80% aller Infizierten keine oder nur milde Symptome zeigen und am ansteckendsten in den 1-2 Tagen vor den ersten Symptomen sind. Das erklärt übrigens, weshalb selbst ein vermeintlich coronafreies Bundesland wie Salzburg plötzlich wieder Neuinfektionen verzeichnet. Wie ist das möglich? Ich stelle mir das als (interessierter) Laie so vor: Seit dem Lockdown kratzen wir immer nur an der Spitze des Eisbergs. Die Infonummer 1450 ist weiterhin nur für jene Privatpersonen gedacht, die Symptome verspüren und sich daraufhin testen lassen wollen. Symptomfreie Infizierte werden nur zufällig entdeckt, wenn Personal in vulnerablen Einrichtungen oder Betrieben getestet wird. Symptomfreie Menschen durchleben die Infektion also großteils unter dem Radar, sie werden nie entdeckt. Eine Dunkelziffer war weiterhin in Salzburg aktiv, bis die Maßnahmen gelockert wurden und Situationen gehäuft zustandekamen, wo Infektionen möglich sind: Viele Menschen über längere Zeit in einem gemeinsamen Raum, womöglich unzureichend gelüftet. Möglicherweise ist die Zahl der symptomfreien Infizierten sogar gestiegen, nicht weil sich die Eigenschaften des Virus geändert haben, sondern weil vermehrt jüngere Menschen infiziert sind, die eher einen leichten oder symptomfreien Verlauf zeigen. In letzter Zeit häuft sich wieder die Kritik an den Testkriterien: Kontakt zu infizierten Personen sei Voraussetzung, Symptome seien zu eng gefasst, obwohl längst bekannt ist, dass Covid19 eine Erkrankung mit vielen Gesichtern ist.

Worauf will ich hinaus? Wir wissen eigentlich genug, um nicht aus Erfahrung dümmer zu werden, um nicht dieselben Fehler von Beginn an zu wiederholen. Die Strategie, einen zweiten Lockdown, bzw. unnötige Masseninfektionen mit Todesfolge zu verhindern, scheint klar – selbst für einen Laien mit etwas gesundem Hausverstand.

Einmaleins der Vorsorge vor dem Coronavirus

1. Vermeide die „Drei Cs!“

  • Innenräume mit schlechter Belüftung
  • Menschenansammlungen
  • Enger Kontakt wie Gespräche auf engem Raum

2. Infektion = Virenexposition mal Zeit

Die Infektion tritt erst dann ein, wenn man einer bestimmten Menge an Virenpartikeln (via Tröpfcheninfektion, Schmierinfektion und Aerosolinfektion) einem ausreichendem Zeitraum ausgesetzt war.

Beispiele für ein geringes Risiko:

  • Zwei Menschen laufen am Gehsteig aneinander vorbei.
  • Ein Jogger läuft keuchend vorbei.
  • Fahrt mit den Wiener Linien
  • Picknick im Freien
  • Generell Aktivitäten im Freien mit genug Abstand zu anderen
  • Ein großräumiges Geschäft mit wenigen Kunden.

Ein Jogger könnte zwar durch tiefere Atemzüge mehr Virus ausatmen als eine normal atmende Person, dafür ist sie rascher an der exponierten Person vorbei, die Zeit also gering. Im Freien verdünnen die Virenpartikel rascher. Große Räume haben mehr Luftvolumen als kleine. In modernen öffentlichen Verkehrsmitteln wird die Luft entweder innerhalb kurzer Zeit ausgetauscht und dabei gefiltert oder durch die geöffneten Türen in jeder Station findet ständig Frischluftzufuhr statt. Der Aufenthalt der Passagiere ist oft zu kurz, zudem findet abseits der normalen Atmung selten erhöhte Virenausscheidung statt (außer, die infizierte Person unterhält sich oder telefoniert). Bei ÖBB-Zügen werden nur 4G-Filter verwendet (keine HEPA-Filter), inwiefern die Ansteckungsgefahr (ohne Masken!) hier erhöht ist, ist unklar.

Beispiele für ein großes Risiko:

  • Längerer Aufenthalt in einem kühlen Raum mit schlechter Belüftung (Kirche, Weinkeller, Tropfsteinhöhle)
  • Veranstaltungen, Feiern, gemeinsames Essen in geschlossenen Räumen (Restaurant, Clubabend), zusätzliche Gefahr der Kontaktinfektion mit gemeinsam benutztem Geschirr
  • Gemeinsames Büro ohne geöffnete Fenster und Klimaanlage (ohne HEPA-Filter)
  • Gespräche unter zwei Meter Abstand für kumuliert mindestens 15 Minuten

Kühle Umgebungen verlängern die Lebensdauer des Virus, je kälter, desto langlebiger. In geschlossenen Räumen mit schlechter Durchlüftung (siehe Drei Cs) reichen die kolportierten Meterabstände nicht aus. Aerosole verteilen sich im ganzen Raum, nur Tröpfchen sinken rascher zu Boden. Ein unbedachter Huster oder Nieser schleudert Virenpartikel aber meterweit quer durch den Raum. Manche Veranstaltungen bleiben nun über Monate hinweg risikobehaftet, wenn sie nicht im Freien stattfinden: Hochzeitfeiern, Geburtstagsfeiern, Hauspartys, Clubabende. Eine hochansteckende Person genügt.

Ausführlicher zu den Infektionswegen in meinem Infobeitrag.

3. Präventive Maßnahmen

  • Hände waschen bzw. desinfizieren, um Schmierinfektion zu verhindern
  • Mindestens zwei Meter Abstand halten, um Tröpfcheninfektion zu verhindern
  • Masken tragen*, um Aerosol- und Tröpfcheninfektion zu verhindern

Beim Masken tragen gilt weiterhin:

Gesundheitspersonal möchte gesund bleiben. Darum trägt es überwiegend filternde Masken wie FFP2/3 zum Eigenschutz, die die eingeatmete Luft filtern. Grund: Patienten im Krankenhaus oder Pflegeeinrichtungen liegen tagelang im gleichen Raum, ausgeschiedene Virenpartikel können sich in hoher Konzentration anreichern, zudem lässt sich enger Kontakt (Berührungen) oft nicht vermeiden, am gefährdetsten ist der Prozess des Intubierens, wenn sich Ärzte über Patienten beugen müssen. Die Virenkonzentration ist in der ersten Krankheitswoche in den oberen Atemwegen am höchsten und wandert erst danach in die Lunge (Infektiösität nimmt ab).

Ottonormalverbraucher möchte andere nicht anstecken, darum trägt er einfache Masken ohne professionelle Filtereigenschaften. Für ihn sind Masken vor allem ein Fremdschutz. Infektiöse Atemluft dringt in schwächerer Konzentration ins Freie, damit ist die Virendosis, die auf eine gesunde Person in der Nähe trifft, geringer und reicht mitunter nicht mehr für eine Infektion aus. Er selbst atmet aber auch keine größeren Tröpfchen infizierter Atemluft anderer ein und verringert das Infektions- oder Erkrankungsrisiko für sich selbst. Ein gewisser Eigenschutz ist also dennoch gegeben, insbesondere weil bekannt ist, dass eine hohe Virusdosis einen schwerwiegenderen Krankheitsverlauf zur Folge haben kann (Grund für das erhöhte Arztesterben bei schlechter Schutzausrüstung).

Personen der Risikogruppe (z.b. mit Krebserkrankung, nach Organtransplantionen, Asthma, etc.) werden eher zu einer FFP2/3-Maske greifen, um vor allem sich selbst zu schützen.

Zur Beschaffenheit der selbst gemachten Maske siehe Konda et al., 24.4.20:

  • Mehrere Schichten verbessern den Schutz (z.b. Küchenrolle)
  • Baumwolle/Seide-Kombinationen sind hocheffektiv mit zusätzlichem elektrostatischen Filtereffekt
  • Masken müssen eng anliegen, sonst wird die Wirkung um über 60% reduziert! (Vollbart und durch häufiges Waschen ausgeleierte Masken sind ungünstig)
  • Masken müssen über Mund UND Nase getragen werden.

Mehr muss man eigentlich nicht tun. Abstand halten und Masken tragen reichen bereits aus, um einen weiteren Lockdown zu verhindern (Lopéz und Rodó, 2020). Ausführlicher habe ich am Tag 87 (06.06.) darüber geschrieben, als ich einen Artikel über die Aussagen von 11 US-Experten von Statnews ins Deutsche übersetzt habe.

Weitere Maßnahmen sind nicht in unserer Hand, sondern obliegen den Behörden, etwa die angeordnete Strategie, immer das gesamte Umfeld einer infizierten Person zu testen, nicht nur jene mit Symptomen, um die symptomfreien Überträger ausfindig zu machen und abzusondern. Wiederholt hier der Hinweis auf Abwassertests, die Viren-RNA bis zu einer Woche vor den ersten symptomatischen Patienten nachweisen können bzw. die hohe Trefferquote speziell auf Covid19-Erkennung trainierte Hunde, die man z.B. am Flughafen einsetzen könnte.

Zusammenfassung:

Die Verhaltensregeln sollten jetzt für jedermann eindeutig sein:
Situationen meiden, in denen ich mich längere Zeit im gleichen Raum wie eine potentiell infizierte Person aufhalte. Je länger der Zeitraum, desto unbedeutender der Abstand.

Sonst: Hände waschen oder desinfizieren, Abstand halten und Masken tragen.

In den ersten Wochen der Pandemie hab ich Aussagen wie damals von Prof. Wenisch darüber, dass die Abstandsregeln über Jahre bleiben können, noch als unnötige Angstmache versucht zu verdrängen. Inzwischen zeigt sich, dass die Aussagen korrekt waren. Das Virus wird höchstwahrscheinlich endemisch und könnte einen saisonalen Charakter annehmen wie das Influenzavirus, siehe dazu diesen Thread des Virologen Peter Kolchinsky, der darin erläutert, weshalb es so wichtig ist, zu wissen, ob das Virus ausgerottet werden kann oder endemisch wird.

„I think it will be endemic. To be more confident, we need to know how durable immunity from infections & vaccines will be and what percent of global population will get vaccinated. The former becomes better known over time. The latter we can influence with education & regulation.“

In Zeithorizonten gedacht werden frühestens im Winter 2020 erste Impfstoffe verfügbar sein, wobei Gesundheitspersonal bevorzugt geimpft werden wird. Die Bevölkerung erhält frühestens im Frühjahr 2021, mitunter erst im Sommer 2021 den Zugang zur Massenimpfung. Bis dahin müssen die Verhaltensregeln soweit aufrechterhalten werden, dass nicht zu viele Superspreadingevents gleichzeitig stattfinden und die Infrastruktur erneut lahmlegen. Vor allem ist bis jetzt noch nicht bekannt, ob und wie viele der genesenen Personen nach einigen Monaten nicht erneut anfällig sind für eine Covid19-Infektion. Das reduziert die anfangs gehegte Hoffnung auf Herdenimmunität ohne Impfstoff weiter.

Märchenkanzler Kurz ließ sich am 13. Juni (Tag 94) zu folgender Aussage auf Facebook hinreißen:

„Nachdem wir die gesundheitlichen Folgen der Krise überstanden haben, müssen wir jetzt angesichts der Weltwirtschaftskrise die Konjunktur in Österreich wieder ankurbeln […]

Welch fataler Irrtum und falsches Signal an die Bevölkerung, die Gefahr des Virus nicht mehr ernstzunehmen!

Abschließend der Hinweis auf meine stets aktuell gehaltenen Übersichtsseiten: