Tag 117: Elendige Maskendiskussion

Eigentlich sind das zwei Diskussionen, denn die eine dreht sich um die Blockwartmentalität von Beginn der Ausgangsbeschränkungen bis heute. Erst wurden die angepatzt, die draußen unterwegs waren, dann wurde man angepatzt, wenn man im Vorbeigehen den Abstand nicht einhielt. Dann wurden gerne Fotos vom Donaukanal, vom Park oder von der Donauinsel gezeigt, obwohl selbst Menschenansammlungen im Freien (!) bis heute die Situationen mit der geringsten Ansteckungsgefahr sind. Es wurden jene schief und angsterfüllt angeschaut, die bereits Maske trugen – öfter wechselten Passanten die Straßenseite. Nach Einführung der Maskenpflicht hat man jene schief angeschaut, die keine Maske beim Einkaufen oder in den Öffis trugen. Als die Maske plötzlich (seit Mitte Juni) nicht mehr verpflichtend war, trugen sie viele Menschen von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Mit jeder Woche nahm die freiwillige Bereitschaft ab, die Maske noch zu tragen. Plötzlich wurden (und werden) jene schief und mitleidig angeschaut, die weiterhin Maske tragen. Obwohl das Abstand halten weiterhin verpflichtend ist, halten sich immer weniger daran. Die andere Diskussion geht um die Sinnhaftigkeit der Masken, obwohl diese längst belegt ist (siehe Grafik aus dem verlinkten PDF oben).

Anpatzen ist ein No-Go

Um es unmissverständlich auszudrücken: Ich lehne es scharf ab, Fotos von erkennbaren Personen auf Social Media zu posten, die Maskenverweigerer und Abstandssünder darstellen sollen. Das Recht am eigenen Bild gilt speziell nach österreichischem Recht in peinlichen oder kompromittierenden Situationen. Öffentlich anpatzen, denunzieren ist ein No-Go für mich. Bilder von Menschenansammlungen im Freien bestärken seit Wochen bestimmte Vorurteile und unwissenschaftliche Schlussfolgerungen. Denn es sind nicht diese Art von Situationen, die die Pandemie vorantreiben, sondern jene, die nicht fotografiert werden: Gottesdienste, Rotaryclub-Abende, private Wohnungsfeiern. Das beträfe aber nicht die anderen, sondern unter Umständen einen selbst oder den eigenen Bekanntenkreis. Weder Demo, Massenauflauf am Badestrand noch Donaukanaltreiben haben die Fallzahlen in die Höhe getrieben.

Maskenverweigerer ansprechen?

Jetzt wird es ein wenig absurd, denn genau diese Situationen sollte man vermeiden: Gespräche mit Menschen auf engem Raum ohne Maske. Feuchte Aussprache des Uneinsichtigen genügt und die Tröpfchen landen im eigenen Gesicht, in den Augen, in der Nase, im Mundbereich, und die Virenpartikel gelangen über die Schleimhäute ins Körperinnere. Ich schlucke meinen Ärger oft herunter, versuche meine Distanz zu vergrößern, etwa notfalls im Zug oder U-Bahn den Waggon wechseln, einen großen Bogen zu schlagen. In der Schlange vor der Kasse geht das schlecht. Ansprechen würde ich selbst dann nicht, wenn es ungefährlich wäre. Aber ich bin Autist und tue mir generell schwer damit, Fremde anzusprechen, und noch schwerer damit, für meine Rechte (hier: auf körperliche Unversehrtheit) einzutreten. Zudem: Die Zahl der Maskenverweigerer und Abstandsünder ist mittlerweile so groß geworden, dass man mit dem Ansprechen nicht mehr hinterherkäme.

Recht versus Fakten

Es fällt auch deswegen schwer zu diskutieren, weil hier geltendes Recht und Fakten im Widerspruch stehen. Die Fakten kann ausnahmslos jeder selbst überprüfen: Weltweit erreichen die Infektionszahlen immer neue schwindelerregende Höhen. In vielen europäischen Ländern, aber auch dort, von wo Reiseverkehr zugelassen ist, steigen die Fallzahlen wieder. Das Virus ist nicht verschwunden, nur weil Österreich den besten Kanzler aller Zeiten hat. Es umgibt uns und verbreitet sich zur Hälfte, eher etwas mehr sogar, unbemerkt (symptomfrei) innerhalb der Bevölkerung. Gleichzeitig ist das geltende Recht, dass man Masken in Geschäften und in der Gastronomie nicht mehr tragen muss. In Deutschland überlegen immer mehr Bundesländer mit Ausnahme von Bayern, die Maskenpflicht wieder abzuschaffen.

Der Wissenschaftsjournalist Kai Kupferschmidt, der schon seit längerem durch qualitativ hochwertige Analysen auf sich aufmerksam macht, z.B. durch seine Analyse über die Gefahr von Superspreadern, führt auf Twitter drei gewichtige Gründe an, weshalb die Maskenpflicht beibehalten werden sollte:

1. Es ist leicht. Eine Maske zu tragen ist eine vergleichsweise kleiner Beitrag, den wir alle leisten können. Falls das nur ein wenig die Ausbreitung eindämmt (wenn es also die Reproduktionszahl R nur ein wenig verringert) – und es gibt reichlich Belege dafür, dass das geschieht – dann gibt es uns ein bisschen mehr Spielraum, andere Teile der Gesellschaft zu öffnen, etwa Schulen zu öffnen, etc.

2. Es sendet ein Signal. Masken tragen war ein Teil dessen, was wir taten, um die Ausbreitung von Covid19 einzudämmen und selbst wenn die Fallzahlen derzeit niedrig sind, hat sich nichts fundamental geändert. Das Virus ist noch da. Den Leuten zu sagen, sie müssen keine Masken tragen, erweckt die Vorstellung, dass es vorbei ist. Das ist es nicht.
3. Es ist eine Gewohnheit. Das Virus wird sich wieder rascher ausbreiten – zumindest an bestimmten Orten zu bestimmten Zeiten. Wir werden die Masken ohnehin wieder tragen müssen. Wenn wir das Masken tragen beibehalten, wird es zur Gewohnheit, auf die wir später aufbauen können.

Ein gerne gebrachtes Gegenargument (zu Beginn auch von mir) ist, dass es bisher keine nachweisbaren Ansteckungen in Geschäften oder in den Öffis gibt. Absence of evidence is no evidence for absence, wie es so schön heißt. Vor dem Lockdown waren die Fallzahlen noch so gering, dass die Wahrscheinlichkeit, sich über diese Situationen anzustecken gering war. Im Lockdown war die Möglichkeit gar nicht gegeben (behördliche Schließungen oder Verbote), sich dabei anzustecken. Nach dem Lockdown waren die Fallzahlen bisher wieder so gering, dass die Wahrscheinlichkeit niedrig ist. Ein viel gewichtigerer Grund ist aber, dass die Stopp-Corona-App nicht von einer breiten Anzahl der Bevölkerung mitgetragen wird, und ohne App wird niemand mehr wissen, wer vor einer Woche im Vorbeigehen in den Öffis oder im Geschäft gehustet hat und als Superspreader seine Viren im ganzen (endlichen) Raum verteilt hat. Es ist schlichtweg nicht mehr rückverfolgbar. Die AGES-Zahlen zeigen auch, dass ein gewisser Prozentsatz der Infektionen nicht mehr auf bestimmte Cluster oder Einzelsituationen zurückgeführt werden kann. Ein Restrisiko bleibt also. Besonders kritisch zu sehen ist der Wegfall der Maskenpflicht in der Gastronomie, insbesondere wenn in Innenräumen bedient wird. In der weltweiten Datenbank kann sich jeder selbst ein Bild machen, wo Ansteckungen bereits beobachtet wurden.

Selbstgerechtigkeit?

Unbestritten: Ich habe einen Wissensvorsprung gegenüber jenen, die in Innenräumen keine Maske mehr tragen, weil es keine Pflicht mehr ist und die offenbar glauben, dass die Regierung das Risiko vorgibt und nicht die Faktenlage. Doch ich trage die Maske nicht, um mich gegenüber Unwissenden aufzuwerten oder weil ich mich für etwas Besseres halte, sondern aus den drei Gründen, die Kupferschmidt oben aufgezählt hat, und schlicht aus dem Grund, solidarisch mitzuhelfen. Es ist belegt, dass symptomfreie Infizierte Überträger sein können, sowohl durchwegs symptomfrei (milder Verlauf) als auch 1-2 Tage vor den ersten Symptomen (deren Auftreten man nicht vorhersagen kann). Ich kann ohne mein Wissen Überträger sein und Mitmenschen gefährden. Gleichzeitig habe ich (seit diesem Jahr diagnostiziert) eine Allergie auf Pollen und Milben und könnte durch allergiebedingtem Niesen oder Husten unabsichtlich Virenpartikeln weit in den Raum schleudern. Ich trage die Maske, um jene nicht zu gefährden, die zur Risikogruppe zählen. Immunschwäche sieht man anderen Menschen nicht zwingend an, ebenso wenig erkennt man Diabetiker, Krebskranke oder jene mit Spenderorganen. Selbst Herz-Kreislauf-Erkrankungen findet man nicht nur bei Übergewichtigen. Die Mitmenschen können aber auch kerngesund sein und trotzdem will ich sie nicht anstecken, weil sie Angehörige von Menschen der Risikogruppe sind, weil sie andere zuhause pflegen oder weil sie in Gesundheitsberufen arbeiten, wobei sich enger Kontakt nicht immer vermeiden lässt. Daher habe ich für Kommentare ala „Mir ist es egal, wie sich andere verhalten.“ kein Verständnis. Ich glaube, dass sich viele zurecht darüber aufregen, wie nachlässig, sorglos, ignorant und rücksichtslos viele sind, und vorher schon waren. Es sind eben überwiegend Männer, die anderen (Frauen) unangenehm auf die Pelle rücken, es sind Männer, die die Nase frei lassen oder die Maske überhaupt als Kinnschutz tragen. Jetzt findet man Maskenverweigerer in den Öffis quer durch alle Altersgruppen und Geschlechter, vor allem auch bei den jungen Menschen.

Alle Ansteckungen kann man nicht vermeiden

Wie oben bereits geschrieben, finden viele Ansteckungen dort statt, wo keine Masken getragen werden können: Vor allem beim Essen und Trinken zuhause, bei Feiern und in Restaurants. Infektionen können aber auch in den Schulen stattfinden. Nicht überall und jederzeit kann man Abstand halten. Masken gehen nicht in jeder Situation. Das Restrisiko bleibt. Es bleibt nur übrig, derartige Situationen zu meiden, so oft es geht, und eben standhaft zu bleiben, wenn zu einer Geburtstagsfeier in einem engen Raum eingeladen wurde. Sich den Gottesdienst zu verkneifen, lieber Essen zum Mitnehmen zu bestellen, wenn es draußen schüttet, statt ins Lokal hineinzugehen. Wenn Masken aber in den anderen Situationen auch nur minimal helfen und das damit transportierte Risikobewusstsein auf andere überspringt, ist das allemal gescheiter als ein zweiter Lockdown, der vielen Branchen den Todesstoß verpassen kann, und letztendlich alle trifft.