Tag 122: Mittendrin

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Tägliche bestätigte Neuinfektionen pro Million Einwohner, für Österreich, Iran, Deutschland (ganz unten), Serbien, Luxemburg, Israel, USA und Südafrika

In Österreich hat sich die Zahl der Neuinfektionen seit 30. Juni bei durchschnittlich 90 eingependelt. Das sind 50-60 mehr als im Zeitraum davor. So viel gab es zuletzt Mitte April vor den ersten Lockerungen bzw. Mitte März unmittelbar vor dem Lockdown. Ich mag jetzt kein neues Maskenfass aufmachen, wer immer noch zweifelt trotz zahlreicher Beiträge vorher, dem sei dieser Thread empfohlen, der auf 70 (siebzig!) wissenschaftliche Artikel, darunter auch Reviews und META-Analysen verweist.  Subjektiv sind die Maskenträger in manchen Geschäften, etwa Baumärkte und große Supermärkte, wieder mehr geworden, in Oberösterreich, das derzeit die meisten Neuinfektionen meldet, gilt wieder eine verschärfte Maskenpflicht, ebenso in Teilen Kärntens in Tourismusgebieten. Sonst ist die Regierung in die Sommerpause verschwunden. Wenn plötzliche Pressekonferenzen aufplobben, kann man davon ausgehen, dass ein*e türkise*r Minister*In wieder Scheiße gebaut hat. Die angekündigte Corona-Ampel gibt es schon seit April von Martin Sprenger & CO: https://vis.csh.ac.at/corona-ampel/ und Karten und Zahlen, die Differenzen zum Vortag auch bei Hospitalisierung und Todeszahlen zeigen, gibt es seit Beginn an bei dieser Seite.

USA steht hohe Opferzahl bevor

In den USA ist die Pandemie inzwischen außer Kontrolle. Die Zahl der Neuinfektionen pro Tag hat die 70000-Marke übersprungen. Die Zahl der täglichen Toten ist auf knapp 900 gestiegen. In vielen Bundesstaaten sind die Krankenhäuser überlastet. Es gibt zwei plausible Gründe, weshalb die Zahl der Todesopfer erst mit Verzögerung ansteigt. Das eine ist Simpson’s Paradoxon. Es bedeutet, dass es es eine Zeit dauert, bis neuinfizierte Patienten schwer erkranken, ins Spital kommen, beatmetet werden müssen und nach einigen Wochen sterben. Ein weiterer Grund ist der sogenannte lead time bias – dank heute bekannter Vielfalt an möglichen Symptomen und gestiegenem Bewusstsein in der Bevölkerung wird Covid19 früher im Verlauf der Erkrankung erkannt. Zu Beginn war etwa noch nichts zu Verlust von Geruchs- oder Geschmacksinn bekannt. Das heißt aber nicht, dass die Patienten deswegen automatisch länger leben. In Teilen Europas, etwa in Deutschland oder Österreich, könnte es durchaus sein, dass bessere Behandlungsmöglichkeiten tatsächlich dazu führen, dass die Überlebensschancen gestiegen sind. Darauf deuten auch Interview-Aussagen von Prof. Christoph Wenisch hin, dass die Zahl der beatmungspflichtigen Patienten gesunken ist. Das Herumgeeier mit der Maskenpflicht in den USA hat jedenfalls dazu beigetragen, dass die Pandemie nicht mehr beherrschbar ist, spekulativ höchstens ein landesweiter strenger Lockdown. Fauci und andere Spezialisten schätzten, dass ein unkontrollierter Ausbruch rund eine Million Tote zur Folge haben könnte. Dazu kommt eben das, was in Italien, Spanien und New York auch passierte: Wenn die Spitäler überlastet sind, können auch andere Todesursachen nicht mehr verhindert werden, also Unfälle oder Herzinfarkte.

Vorbild Vietnam

Obwohl Vietnam schon am 23. Jänner 2020 seinen ersten Covid19-Fall hatte, gab es in den folgenden vier Monaten nur etwas mehr als 300 Fälle und keine Todesfälle. Dieser Artikel fasst die Erfolgsgeschichte von Vietnam zusammen (Conclusions auf Deutsch übersetzt):

Bestimmte Aspekte der vietnamesischen Reaktion auf Covid19 lassen sich nicht auf andere Staaten übertragen. Dazu zählt die Erfahrung mit früheren Epidemien. Durch die Ein-Parteien-Regierung gibt es eine Kommandokette, die von der Staatsebene bis zur Dorfverwaltung reicht.

Viele Lektionen lassen sich jedoch auf andere Länder anwenden:

  • Investition in öffentliche Gesundheitsinfrastruktur (z.b. Notfall-OP-Zentren und Überwachungssysteme). Vietnam lernte von SARS und Vogelgrippe, andere Länder können genauso von Covid19 lernen
  • Frühe Handlungen, von Grenzschließungen über Testen bis Lockdowns, können die Verbreitung innerhalb der Bevölkerung abmildern, bevor sie außer Kontrolle gerät.
  • Gründliches Nachverfolgen von Kontakten kann dabei helfen, eine gezielte Containment-Strategie aufzubauen
  • Quarantine, die auf mögliche Exposition setzt und weniger nur auf Symptome, kann sowohl asymptomatische und präsymptomatische Übertragung verringern
  • Klare Kommunikation ist entscheidend: Eine klare, konsistente und ernsthafte Erzählung ist während der ganzen Krise wichtig.
  • Ein starker gesamtgesellschaftlicher Ansatz beteiligt vielfältige Interessensgruppen im Entscheidungsprozess und ermutigt zum Zusammenhalt bei geeigneten Maßnahmen.

In grüner Farbe jene Lektionen, die Österreich umgesetzt hat. Hierzulande mangelt es leider je nach Bundesland an unterschiedlichen Test- und Quarantänestrategien. Wiederholt werden nur Kategorie-I-Kontakte (weniger als 2m Abstand) getestet bzw. als Verdachtsfälle betrachtet. Die abstandsunabhängige Ansteckung über Aerosole in geschlossenen Räumen, obwohl über unzählige Fallbeispiele belegt, wird immer noch nicht klar kommuniziert. Weiters fehlt eine klare Kommunikation, Anschober mahnt, Kurz spricht gleichzeitig Lockerungen aus. Der gesamtgesellschaftliche Ansatz fehlt völlig, im Gegenteil – jeder ist sich selbst der Nächste, was im türkisen Part der Regierung ganz oben beginnt. Ich denke, ich muss das nicht mehr weiter ausführen. Außerdem besteht sonst die Gefahr, dass ich ausfallend werde.

In Summe führt das dazu, dass die Zahl der Infektionen seit dem teilweisen Wegfall der Maskenpflicht wieder angestiegen ist, einhergehend auch mit Lockerungen im Reiseverkehr und geöffneten Schulen und Kindergärten. Dieser Hinweis ist auch wichtig: Wenn man Schulen weiterhin geöffnet lassen will, muss man eine breite Region, aus der die Kinder kommen, unter Kontrolle halten – in Privatschulen, wo die Kinder von weiter anreisen, mitunter, noch eine größere Region. Ansonsten regiert türkiser Zynismus, wohin das Auge reicht: Balkonklatschen für schlecht bezahlte Schlüsselkräfte, großteils aus dem Ausland. Dann dürfen sie nicht in die Länder reisen, wo sie ihre Wurzeln oder Verwandtschaft haben, denn sie würden sonst das Virus (wieder) einschleppen.

Wo bleibt die Prävention?

Die Liste der Artikel über schwere Folgeschäden selbst bei milden Verläufen wird immer länger. Es sollte längst Konsens sein, dass man das Virus bestenfalls nie bekommt. Abstand halten und Maske tragen verringern das Infektionsrisiko deutlich, aber setzen es nicht auf Null. Je länger wir auf einen Impfstoff warten müssen, desto eher erwischt es uns irgendwann, bei allen Vorsichtsmaßnahmen. Sei es der hustende Kollege im Großraumbüro, das verschnupfte Kind aus der Schule oder einfach nur bad luck – jemand in der Nähe, wo auch immer, lässt einen heftiger Nieser fahren, und bekommt soviel Virenpartikel ab, dass man sich infiziert. Und ja, verdammt, das menschliche Bedürfnis nach Nähe, Kontakt und Umarmungen, überwiegt irgendwann und man lässt alle Vorsicht sein, und dann geht es halt einmal schief. Menschlich eben. Jeder hat einen Punkt, wo er zerbricht.

  • Übergewicht und damit verbundene Begleiterkrankungen sind ein großer Faktor bei der erhöhten Sterblichkeit bei Covid19, unabhängig vom Alter!
  • Vitamin-D-Mangel in der Bevölkerung
  • Schlechte (hygienische) Arbeitsbedingungen besonders bei Subunternehmen und Leiharbeitern, Krankenstand sofort mit Konsequenzen
  • Schlechter Zugang zu guter gesundheitlicher Versorgung abhängig vom Einkommen (Schere vergrößert sich gewaltig, keine Konzepte der Regierung, das zu ändern)

Silberstreif am Horizont

impfstoffe

Impfstoffe in klinischen (menschlichen) Versuchen, Stand 6. Juli 2020

Als ich gerade die Tabelle gesehen habe, musste ich an Josef Penninger denken, der schon zu SARS-1 geforscht hat und der an einem Medikament für Covid19 arbeitet. Von ihm hat man schon seit ein paar Wochen nichts mehr gehört. Überhaupt ist für die Erfolgsaussichten seiner Forschung sehr wenig von ihm zu hören. Gerade das hyperpatriotische Österreich, das bei jeder Gelegenheit betonen muss, dass sie doch die Besten sind, redet und schreibt kaum über ihren international anerkannten Genetiker. Vielleicht ist es gut so, dass er nicht so einen Rummel wie Drosten oder Streeck bekommt, andererseits sorgt mangelnde Aufmerksamkeit mitunter auch nicht für die finanzielle Unterstützung, die es braucht, um die Forschung zu einem Ergebnis zu bringen – siehe SARS-1.

Sonst hab ich nur diese Erwähnung in einem bundesdeutschen Artikel vom 26. Juni gefunden:

»Wir sind jetzt ziemlich sicher, dass Sars-CoV-2 auch Gewebe außerhalb der Lunge infizieren kann und dadurch wesentlich zum Krankheitsbild beiträgt«, sagt Penninger. Schwerwiegende Folgen wie Nieren- und Herzschäden seien wahrscheinlich auf eine Kombination aus der Virusinfektion und einer überschießenden Immunantwort zurückzuführen, sagt er.