Tag 127: Keine Aerosole bei der AGES?

Meine E-Mail an die AGES ist wahrscheinlich untergegangen. Ist auch verständlich, sie haben derzeit Wichtigeres zu tun als Mails zu beantworten. Ich glaube aber, dass es wichtig ist, grundlegende Informationen auch dem aktuellen Wissensstand entsprechend weiterzugeben. Das passiert in meinen Augen nicht und daraus resultieren auch viele Missverständnisse über die Ansteckungsgefahr des Virus. Im Fokus meiner Kritik steht die FAQ der AGES, die öffentlich z.b. auf den Seiten der Ärztekammer Tirol abrufbar ist und auch an große Firmen zur Corona-Info weiterverbreitet wird. Ein paar Aussagen, die laut Dokument aktuell sein sollen, haben mich ehrlich gesagt verwundert.

Korrektur, Stand 16.07., 15.50 – Das verlinkte Dokument wurde offline genommen. 

Seite 6: „Gesichtsvisiere können als Mund-Nasen-Schutz verwendet werden.“

Sie sind allerdings kein gleichwertiger Ersatz für einfache MNS-Masken, sie blockieren zwar große Tröpfchen, nicht aber kleinere Tröpfchen in Aerosolgröße.

Sie sind auch als Fremdschutz ungünstig, weil Aerosole wegen der Körpertemperatur nach oben wandern, während selbst ein einfacher MNS besser nach oben abdichtet als gar keine Barriere. Es schockiert mich ehrlich gesagt, wenn ich gerade ältere Menschen, die zur Risikogruppe gehören, mit Gesichtsvisieren in Öffentlichen Verkehrsmitteln sehe und sich damit nur unzureichend gegen eine Infektion schützen. Ein kombinierter Visier-MNS-Schutz an sich wäre ja wünschenswert für die Kommunikation von/mit schwerhörigen Menschen, der etwa die Mund-Partie ausspart, sonst aber gut abdichtet.

Im Übrigen helfen Masken in geringerem Maß auch als Eigenschutz, weil sie die Viruslast verringern, die in die Schleimhäute gelangt, was einen milderen Verlauf zur Folge haben kann (vorausgesetzt, andere gesundheitliche Risikofaktoren sind nicht ungünstig).

Seite 8: Corona-App

Die App zeichnet nur enge Kontakte auf, nicht aber z.b., wenn man sich in einem gemeinsamen geschlossenen Raum mit schlechter Durchlüftung/Klimaanlage mit Umluft befinden hat und 10m Abstand zur infizierten Person hatte. Im Fall des Salzburg-Clusters beim Rotary Club war der infizierte Arzt 10 Meter von der infizierten Person (Superspreader) entfernt. Abstand alleine reicht je nach Situation also nicht aus und kann ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln, wenn die App nicht anschlägt.

Seite 22: Gastronomie: „Zwischen den Besuchergruppen muss ein Abstand von mindestens einem Meter herrschen.“

siehe Salzburg-Cluster. In geschlossenen Innenräumen ist ein Meter Abstand zu wenig. Bedeutender ist die Frischluftzufuhr und die Dauer, in der man Virenpartikeln ausgesetzt ist, bis so viel davon auf die Schleimhäute gelangt, bis man infiziert ist. Mehr Informationen.

Hilfreicher wäre der Hinweis, dass ein Aufenthalt im Freien (Gastgarten, Schanigarten) das Infektionsrisiko erheblich reduziert und man seine Geburtstagsfeier, Zusammenkunft nach Möglichkeit ins Freie verlegen sollte.

Seite 24: „direkter persönlicher Kontakt (länger als 15 Minuten, Abstand unter 1 Meter) stellt derzeit den bedeutendsten Übertragungsweg dar.“

Dieser Kenntnisstand ist veraltet. Schon Virologe Christian Drosten hat in seinem NDR-Podcast wiederholt die Bedeutung der Aerosol-Infektion angesprochen, er ging zuletzt davon aus, dass mindestens 50% der Infektionen über Aerosole geschieht und nicht mehrheitlich über Tröpfchen wie ursprünglich vermutet. Dieser Meinung sind auch 239 (!) Wissenschaftler, die sich in einem Offenen Brief an die WHO gewandt haben, siehe

„There is significant potential for inhalation exposure to viruses in microscopic respiratory droplets (microdroplets) at short to medium distances up to several meters, or room scale), […]“

Klicke, um auf ciaa939.pdf zuzugreifen

Manche Wissenschaftler gehen inzwischen sogar schon von mehr als 50% Übertragung durch Aerosole aus.

Seite 27: „Das Virus wird von einer erkrankten Person auf eine andere durch Tröpfcheninfektion, Niesen übertragen. Persönlicher Kontakt (länger als 15 Minuten, Abstand unter 1 Meter stellt derzeit den bedeutendsten Übertragungsweg dar. Viele Menschen haben jedoch nur leichte Symptome. Dies gilt insbesondere in den Stadien der Krankheit Es ist möglich sich bei einer erkrankten anzustecken, die beispielsweise nur einen leichten Husten hat und sich nicht krank fühlt.“

siehe oben, hier fehlt die Aerosolinfektion. Es ist nicht notwendig, dass eine erkrankte Person leicht hustet, es reichen bereits lautes Sprechen und Singen. Es ist daher möglich, sich bei völlig symptomfreien (asymptomatischen) Personen anzustecken.

„Halten Sie mindestens 1 Meter Abstand zu kranken Menschen. Falls Sie symptomlos erkrankt sind, schützen Sie Ihre Mitmenschen durch das zusätzliche Tragen eines MNS.“

In vielen Ländern sind es sogar 1,5-2m Abstand („six feet“) und wieso „falls?“ Woher soll man wissen, ob man erkrankt ist, wenn man keine Symptome hat? Das ist ja der Sinn der allgemeinen Maskenpflicht, um zu verhindern, dass man unwissentlich Virenpartikel ausscheidet und andere ansteckt.

Seite 30:

Kontaktpersonen mit hohem Infektionsrisiko werden ausschließlich über engen Kontakt definiert, also Abstand unter zwei Meter. Hier fehlt wieder der Hinweis, dass in geschlossenen Räumen auch mehrere Meter nicht ausreichen, wenn weder Frischluftzfuhr vorhanden ist noch Masken getragen werden. Insbesondere ist es falsch in geschlossener Umgebung bei größerem Abstand als zwei Meter von „Kontaktperson mit niedrigem Infektionsrisiko“ zu sprechen.

Seite 38:

Auch an Bord eines Flugzeugs sind Ansteckungen möglich. Insbesondere bezieht sich der genannte „Risikoradius“ wieder nur auf Tröpfcheninfektion und ignoriert gerade bei längeren Flügen die Zahl emittierter Virenpartikel durch Atemluft. Die Lösung könnte darin bestehen, hochwertige Filtermasken (FFP2) ohne Ventil an Bord zu tragen.

Zusammenfassung:

In Summe ist es bemerkenswert, dass im gesamten 62-Seiten starken PDF kein einziges Mal von Aerosolen gesprochen wird, bzw. einer Übertragung des Virus durch die Atemluft und dass selbst Sprechen und Singen einer symptomfreien infizierten Person ausreichen, um sich selbst zu infizieren. Insbesondere fehlt der Hinweis, dass enger Kontakt nicht der ausschließliche Übertragungsweg ist, sondern auch mehrere Abstand keine 100% Sicherheit bieten. Im gesamten Text fehlt der Hinweis, dass längere Frischluftzufuhr in geschlossenen Umgebungen die Konzentration an Virenpartikeln in der Luft erheblich verdünnen kann und dass Umluft einer Klimaanlage im Gegensatz zu einer Verbreitung des Virus beiträgt (siehe Tönnies, NRW).

In meiner persönlichen Beobachtung stelle ich leider fest, dass viele Menschen die aufgestellten Regeln mit Kontakt von mindestens 15 Minuten und weniger als 2m Abstand sehr wörtlich nehmen und die Masken beispielsweise auch in Innenräumen absetzen, sobald sie Abstand halten. Das schützt weder vor einer Aerosolinfektion noch vor einer Tröpfcheninfektion, nachdem ein einziger Nieser bekanntlich in der Lage ist, Virenpartikel mehrere Meter quer durch den Raum zu schleudern. Mehr zu Ansteckungsrisiken in meiner ständig wachsenden Dokumentation einschlägiger Artikel.

Die Folgen sind erwartbar: In den Tourismusregionen kommt es vermehrt zu Infektionen. Es gibt immer mehr Aufrufe, dass sich potentielle Kontaktpersonen melden sollen, die sich im gleichen Lokal wie eine infizierte Person aufgehalten haben. Das betrifft durchwegs Innenräume. Das wird im Herbst weiter zunehmen, wenn die Außentemperaturen zu niedrig sind, um draußen zu sitzen. Es hätte auch zugenommen, wenn Nachtlokale wieder länger geöffnet haben dürfen, was das Gesundheitsministerium glücklicherweise vertagt hat aufgrund der aktuell zunehmenden Neuinfektionen. Enge Räume ohne ständige Frischluftzufuhr bleiben ein Risikofaktor, bis der Großteil der Bevölkerung durchgeimpft wurde. Was fehlt, sind umsetzbare Alternativen und die Abwägung, Bequemlichkeit aufzugeben, um Bewegungsfreiheit zu erlangen. Das betrifft die Masken, aber auch bei kühleren Temperaturen mit dickem Pulli und Jacke draußen zu bleiben statt hineinzugehen und sich einer höheren Ansteckungsgefahr auszusetzen.

Um den Menschen bewusst zu machen, wo die Risiken lauern, ist es aber unumgänglich, dass die AGES aktuelle Informationen verbreitet. In der jetzigen Form suggeriert die FAQ, dass sich das Virus überwiegend über Tröpfchen- und zu geringerem Ausmaß über Schmierinfektion verbreitet. Die Bedeutung der Aerosole („airborne transmission“) fehlt völlig und damit auch die Rolle durchwegs symptomfreier Infizierter vor oder in gänzlicher Abwesenheit auftretender Symptome. Die Fixierung auf Husten und Niesen als Hauptübertragungsweg wähnt die Menschen in Sicherheit, während lautes Sprechen (z.b. auch Telefonate in den Öffis) und Singen oder Lachen über einen längeren Zeitraum ebenfalls ausreichen. Insbesondere fühlen sich potentielle Kontaktpersonen von Aufrufen mitunter nicht angesprochen, „weil ich saß ja an einem anderen Tisch mindestens zwei Meter entfernt.“