Tag 132: Alte neue Maskenpflicht und informative Expertendiskussion

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Spanische Grippe 1918: Wenn Katzen masken tragen, können wir das auch (Quelle)

Es tut sich wieder was in diesem provinziellen Land. Eigentlich hätte die Entscheidung über eine Wiedereinführung der Maskenpflicht schon am Sonntag fallen sollen (können), aber Seine Heiligkeit k. und k. Bundeskanzler Kurz kann diese verantwortungsvolle Aufgabe nicht dem grünen Vizekanzler und Gesundheitsminister anvertrauen, sonst muss selbst seinem österreichischen Volk verkünden, welche Maßnahmen es zu befolgen hat, um sich seiner Würde gnädig zu erweisen. Der Grund für die Verzögerung war aber nicht mangelnde Evidenz, sondern seine Hartnäckigkeit in Brüssel, möglichst viele Verschlechterungen für die Zukunft Europas und seiner Kinder zu verhandeln. Heute also die große Pressekonferenz, dass die Zeit der Lockerungen vorbei wäre und jetzt wieder Einschränkungen kämen.

Maskenpflicht kommt zurück

In Supermärkten, Banken und Postfilialen müssen künftig wieder Masken getragen werden. In Drogerien und anderen (kleinen) Geschäften jedoch nicht. Es ist ist dieser Widerspruch, der die Menschen irritiert und verunsichert. Wir erinnern uns: Vor der Maskenpflicht im öffentlichen Raum war das einzige effektive Gebot im Alltag die Abstandsregel. Dann kam die Maskenpflicht zusätzlich, was aber schon einmal dazu führte, dass die Abstände sukzessive kleiner wurden. Als die Maskenpflicht Mitte Juni (überraschend) gelockert wurde, interpretierte das ein Großteil der Virusschleudern mit „Keine Regeln , kein Risiko – Eigenverantwortung my ass!“ und die Abstände schmolzen auf Hundebabyabstand zusammen. In Oberösterreich wurde in Zusammenhang mit den Kirchenclustern wieder eine Maskenpflicht eingeführt und laut Beobachtungen nahmen damit auch die Abstände wieder zu. Der Leiter der AGES, Franz Allerberger bezweifelt den Sinn der Maskenpflicht in Supermärkten, weil dafür keine Evidenz herrsche. Er begründet das damit, dass bisher keine der belegten Infektionen auf Supermärkte zurückgeführt werden kann. Andererseits gibt er aber auch zu, dass die Hälfte der bestätigten Infektionen auf keinen Cluster zurückgeführt werden kann.

Bei seiner Aussage …

Im Regelfall würden Ansteckungen stattfinden, wenn Personen weniger als einen Meter Abstand halten – und das für länger als 15 Minuten

erneuere ich meine Kritik daran, dass erneut kein Hinweis auf mögliche Aerosolinfektion kommt. Ja, Infektionen in Supermärkten sind sehr unwahrscheinlich, weil oft die Zeit nicht ausreicht, mit der man (unfreiwillig) mit fremden Personen interagierend den Abstand unterschreitet. In Supermärkten wird selten (viel) gesprochen und die Luft wird oft durch die Klimaanlage regelmäßig ausgetauscht. Abgesehen davon, dass einzelne Ansteckungen in anderen Ländern offenbar in Einkaufszentren und Geschäften nachgewiesen werden konnten, gibt’s noch einen weiteren Faktor, den ich im Beispiel Oberösterreich schon erwähnt habe: Psychologie. Masken verstärkt wieder das Engagement der Menschen, größere Abstände oder überhaupt Abstand zu halten. Für Angehörige der Risikogruppe nicht unwichtig. Ich bin der letzte, der sich dagegen wehrt, evidenzbasierte Maßnahmen zu treffen, denke aber, dass das Masken tragen für kurze Zeit am Tag keinem wehtut, es schränkt keine Grundrechte ein oder ist sonstwie als Schikane zu verstehen. Hier würde ich dem psychologischen Effekt Abstandsvergrößerung durch Masken tragen den Vorzug geben. Und ja, eine allgemeine Maskenpflicht ohne widersprüchliche Ausnahmen wäre hilfreich, weil uns die Masken noch mindestens ein Jahr erhalten bleiben, bis eine breite Impfstoffaktion stattgefunden hat. Selbst darüber hinaus könnte man zum Schluss kommen, dass z.b. Masken in öffentlichen Verkehrsmitteln keine schlechte Idee sind, um auch andere Virenerkrankungen an der Verbreitung zu hindern. Gewöhnungseffekte treten dann am besten ein, wenn sie auf beständigen und nachvollziehbaren Regeln bestehen.

Quarantänepflicht wird stärker kontrolliert

Bedauerlich, dass das hier mit der Fremdverantwortung offenbar nicht funktioniert. Ich fürchte mich ehrlich gesagt davor, vierzehn Tage lang die Wohnung nicht verlassen zu dürfen, nicht mal, um den Müll zu entsorgen. Ich halte es auch bei symptomfreien Infizierten für kontraproduktiv. Frische Luft und Sonnenschein wären wichtig – nicht jeder hat einen Balkon. Im Sommer sind viele Wohnungen ohne Klimaanlage stickig. Ich fürchte aber, dass die Quarantänesünder eher die Gelegenheit nutzen, sich mit anderen zu treffen als seinem Körper etwas Gutes zu tun.

Verpflichtende PCR-Tests nach Rückkehr aus Risikoländern

Wenn der verpflichtende PCR-Test kostenlos oder für einen leistbaren Obulus erschwinglich wäre, würden sich viel mehr potentiell Betroffene testen lassen. Aber gerade systemerhaltende Niedriglohnarbeiter vom Westbalkan sind es, denen diese erbärmliche Regierung nicht einmal mehr eine Corona-Prämie zugestehen will. Im Endeffekt ist es Fremdenfeindlichkeit gepaart mit schamloser Ausbeutung. Die 24-Stunden-Pflegerinnen, die wochen- oder monatelang nicht mehr zuhause waren, die müssen einen PCR-Test selbst zahlen. Wer dagegen aus einem Corona-Hotspot-Gebiet im Binnenland kommt, muss sich nicht testen lassen.

Telefonische Krankmeldung soll Ende August eingestellt werden

Die Maßnahme wird von vielen Ärzten und der Ärztekammer heftig kritisiert.Wir erinnern uns an die Einführung der Maßnahme am 13. März 2020. Was hat sich seitdem geändert? Es gibt wieder so viele täglichen Fälle wie Mitte April. Bisher haben sich (Stand 21.07.2020) nachweislich knapp 20000 Menschen in Österreich mit dem Virus infiziert – das sind rund 0.25% der Gesamtbevölkerung, selbst mit fünffacher Dunkelziffer immer noch viel zu wenige, um den Schlendrian in der Vorsorge einreißen zu lassen. Die Pandemie ist also weit davon entfernt, in Österreich so etwas wie eine Herdenimmunität zu erzeugen. Das erhöhte Risiko besteht weiterhin, die telefonische Krankmeldung muss daher bleiben!

Degressives Arbeitslosengeld – Vorschlag ausgerechnet von den Grünen

Anscheinend hauts jetzt Kogler endgültig den Vogel aussa. Es sollte ihm zu denken geben, dass er hier mit der ÖVP auf einer Wellenlänge ist. Es gibt viele Gründe, das Arbeitslosengeld nicht auf Dauer zu reduzieren. Das führt zu einem Dumpinglohnsektor, zu Armut und Existenzängsten speziell in Zeiten einer Pandemie mit schwerer Rezession und auf absehbare Zeit keine Erholung, bis ein wirksamer Impfstoff an die Bevölkerung verabreicht werden konnte. Dieser Punkt ist für mich ganz wesentlich und widerspricht so ziemlich allem, weswegen ich die Grünen bisher geschätzt habe:

Vor allem die Schwächsten der Gesellschaft sind von Langzeitarbeitslosigkeit betroffen: Menschen mit Behinderung oder gesundheitlichen Einschränkungen. Und genau diese Menschen würde ein degressives Arbeitslosengeld besonders hart treffen. Weil ein geringer Verdienst in Folge auch ein niedrigeres Arbeitslosengeld bedeutet, zählen Frauen aufgrund häufiger Teilzeitarbeit ebenfalls zu den VerliererInnen eines degressiven Arbeitslosengeldes wie BerufsanfängerInnen.

Quelle: https://www.oegb.at

Es ist auch deswegen besonders zynisch, weil die Aushebelung des Epidemiegesetz ohne adäquaten Ersatz zehntausende bis hunderttausende Menschen in Existenznot gebracht und noch bringen wird, wenn Kurzarbeit, Zuschüsse und letzte Hoffnungen im Herbst auslaufen.

Gehaltvolle Diskussion unter Experten

Wer zur Abwechslung einmal etwas mehr evidenzbasierte Wissenschaft kennenlernen will, dem kann ich wärmstens diese öffentlichen Diskussion unter drei Experten aus den USA empfehlen. Inhalt der eineinhalb Stunden Vortragszeit:

  • Program Bob Wachter: Introduction
  • 00:04:45Aerosol vs. Droplets: Don Milton, Professor, Environmental & Occupational Health, University of Maryland School of Public Health
  • 00:25:35Q&A
  • 00:29:03Masks: Monica Gandhi, UCSF Professor of Medicine; Associate Chief of Division of HIV, Infectious Diseases, and Global Medicine at ZSFG; Director of the UCSF Center for AIDS Research; and Medical Director of the HIV Clinic, Ward 86, ZSFG
  • 00:45:46 – Q&A
  • 00:48:25Face Shields: Michael Edmond, Chief Quality Officer and Associate Chief Medical Officer, University of Iowa Health Care; Professor of Medicine, Division of Infectious Diseases, University of Iowa Carver College of Medicine
  • 01:06:14 – Q&A 01:08:10
  • Panel Discussion 01:28:57
  • Bob Wachter: Closing

Dabei ergaben sich durchaus wertvolle Erkenntnisse, u.a.

  1. Die Schwere der Infektion hängt nicht nur von der Virendosis ab, sondern auch vom Weg, den die Virenpartikel in den Körper nehmen.
  • Kontaktinfektion (Berühren einer infizierten Person oder Gegenstand, anschließend ins Auge, Nase oder Mund fassen)
  • Tröpfcheninfektion (direkte Treffer ins Auge, Nasenlöcher oder Mund)
  • Aerosolinfektion verschiedener Größe, thoraxgängige Aerosole sind kleiner als 10-15 Mikrometer, lungengängige Aerosole kleiner als 5 Mikrometer

Die Infektion mit dem SARS-CoV-2-Virus geschieht besonders gut über Augen und Nase/Mund.

Die Unterscheidung zwischen Tröpfchen und Aerosole führt oft zur Begriffsverwirrung. Im medizinischen Sinn versteht man unter Tröpfchen, die nicht weit fliegen und typischerweise nicht eingeatmet werden können, sondern direkt auf die Schleimhäute gelangen. Aerosole sind per definitionem kleiner als 5 Mikrometer und können weite Strecken zurücklegen, einzige Quelle für Luftübertragung (airborne transmission). Wissenschaftlich gesehen ist das Größenspektrum breiter. In einem Raum ohne Durchlüftung können Aerosole deutlich weiter als zwei Meter zurücklegen. Ist es turbulent, ist die Distanz geringer, dafür schweben sie länger in der Luft (vgl. einen staubigen Teppich, den man ausschüttelt). Beim Influenzavirus konnte nachgewiesen werden, dass sich Virenpartikel alleine in ausgeatmeter Luft befinden, ohne dafür extra husten zu müssen. Masken verringern die Anzahl der ausgeatmeten Virenpartikel signifikant, selbst einfache Masken haben einen (geringeren) Effekt.

Wichtig auch Ventilation, dort gibt es ebenfalls Missverständnisse. Ventilation im Sinn von Dilution (Verdünnung) durch Frischluftzufuhr trocknet das Virus aus, aber einfach ein Luftzug in einem geschlossenen Raum (z.b. Umluft, Deckenventilator) verteilt Aerosole im Raum und erhöhen Infektionsgefahr noch.

2. Masken tragen verringert die Virendosis, die eingeatmet wird und sorgt für mehr asymptomatische Infektionen mit milderen Verläufen. Schon bei der Influenza gab es klinische Versuche, bei denen nachgewiesen werden konnte, dass eine höhere Virusmenge auch einen schwereren Krankheitsverlauf zur Folge hat. Der Professorin zufolge gibt es bisher keine Beweise für eine erneute Infektion nach durchgemachter Erkrankung, sondern nur anekdotische Berichte. Sie ist von vorhandener T-Zellen-Immunität überzeugt und glaubt, dass eine überwiegend symptomfreie Durchseuchung die Pandemie zumindest verlangsamen kann. Wenn die Bevölkerung davon überzeugt werden kann, dass Masken auch dem Eigenschutz dienlich sind, nämlich weniger schwer zu erkranken, lassen sich Maskenunwillige womöglich leichter überzeugen als nur mit dem Fremdschutz zu argumentieren.

3. Im dritten Beitrag über Gesichtsvisiere wurde wieder über die schwammige Definition von Tröpfchen und Aerosolen diskutiert. Der Beitragende hob die Vorteile von Gesichtsvisieren hervor, bezog sich darauf aber meines Erachtens auf bessere Modelle als man sie hierzulande öfter sieht. Immerhin warnt das Schweizer Gesundheitsamt vor Gesichtsvisieren, da es schon zu vermehrten Ansteckungen dabei gekommen ist.
Abschließend: Das Thema Spätfolgen hat jetzt eine eigene Kategorie auf meinem Blog.