Tag 134: Über schwindende Antikörper und Immunität

  1. Thread von Florian Krammer (österr. Virologe, der den ersten Antikörpertest entwickelt hat) – weitgehend 1:1 übersetzt bis auf fachchinesisch, dass sich nicht übersetzen ließ.

Krammer bezieht sich auf Wajnberg et al.(17.07.20) , an dessen Zustandekommen er mitgewirkt hatte.

Einfache B-Zellen-Biologie: B-Zellen erzeugen Antikörper. Wenn man infiziert wird, werden zunächst Plasmablasten (Untergruppen von B-Zellen) aktiviert, die ein paar Tage nach der Infektion Unmengen an Antikörpern herstellen. Diese sind für die ersten Antikörper verantwortlich. Sie sterben nach rund zwei Wochen, doch bleiben ihre Antikörper für einige Zeit bestehen, da IgG-Antikörper eine Halbzeit von ungefähr 21 Tagen aufweisen. Natürlich werden die Antikörper der ersten Plasmablasten nach einer gewissen Zeit abnehmen. Doch es gibt eine zweite Gruppe von B-Zellen, die Antikörper absondern und aktiviert werden. Sie wandern großteils ins Knochenmark und bleiben dort für lange Zeit und erzeugen Antikörper (daher werden sie langlebige Plasmazellen genannt). Sie sind dafür verantwortlich, dass unsere Blutserum-Antikörpermengen für lange Zeit aufrechterhalten werden, manchmal ein Leben lang (wahrscheinlich bei Coronaviren kürzer). Sie machen tatsächlich keine Antikörper, aber werden rasch reaktiviert und in Plasmablasten umgewandelt, falls man erneut infiziert wird. Diese schnelle Plasmablasten-Antwort könnte Dich davor bewahren, einen schweren Verlauf oder sogar Symptome nach erneuter Infektion zu bekommen.

Zusammenfassung:

Anfangs erhält man eine Menge Antikörper von Plasmablasten, die nach Wochen bis Monaten abnehmen und dann gewöhnlich einen stabilen Titer einnehmen, der von den Plasmazellen im Knochenmark aufrechterhalten wird. Daher erwartet man einen steilen Anstieg, eine Abnahme und eine Stabilisierungsphase. Darauf beruht das neue Preprint-Paper. Dabei wurden über 50000 Menschen gescreent, von denen mehr als 19000 Antikörper gegen SARS2 besaßen, großteils milde oder symptomfreie Fälle. Sehr wenige hatten niedrige Titer (1:80 bis 1:160), rund 22% hatten mäßige Titer (1:320), die verbleibenden über 70% hatten hohe Titer (1:960-1:2880). Wir wissen, dass Menschen mit niedrigeren Titern häufig eine Titerzunahme mit der Zeit zeigen. Es scheint so, als ob Betroffene mit milden Infektionen langsamer reagieren als bei schweren Verläufen.

Die Antikörper binden sich an die Zacken und Zacken-Antikörper können das Virus potentiell neutralisieren. Rund 50% der niedrigen Titer zeigten Neutralisierungsaktivität, 90% der mäßigen Titer und 100% der Titer darüber. Dr. Wajnberg wählte 121 Individuen aus, die 30 Tage nach Symptombeginn Blut abgaben und testete nochmal rund 82 Tage nach Symptombeginn. Beobachtet wurde ein statistisch signifikanter, aber geringer Abfall bei Personen mit hohem Titer. Bei mäßigem bis geringem Titer jedoch zeigten jedoch einen Anstieg.

Ein paar Vorbehalte:

Wir maßen die neutralisierenden Titer nicht zu einem späteren Zeitpunkt. Während wir annehmen, dass die neutralisierenden Titer konstant bleiben, haben wir das noch nicht nachweisen können. Das Verhältnis neutralisierender/nichtneutralisierender Antikörper könnte sich mit der Zeit ändern. Ebenso gibt es nur eine niedrige Zahl an Samples for die Neutralisierungs- und Langzeitanalyse. Außerdem hatten wir überwiegend milde Fälle, die Schwere der Erkrankung könnte dies beeinflussen. Der höchste Titer der Probe in den klinischen Labormessungen beträgt mehr als 1:2880, alles darüber wird ebenfalls als mehr als 2880 registriert, es fehlt also etwas an Auflösung.

Die wichtigen Fragen (die wir noch nicht beantworten können):
  • Wie tief wird der Titer auf längere Zeit gehen?
  • Wie langlebig wird er sein?
  • Wie viel Antikörper brauchst Du, um vor einer erneuten Infektion geschützt zu sein?
  • Wie viel Antikörper brauchst Du, um vor der Erkrankung geschützt zu sein?

Spezifische Antikörpertiter, die Schutz andeuten, wurden für Influenza, Masern, Hepatitis A/B, etc. nachgewiesen. Diese müssen für SARS2 ebenso bestimmt werden. Eine Kombination aus schützenden Titern und ausführlichem Wissen über spezifische Antikörperbewegungen würde uns ermöglichen, vorherzusagen, wer erhöhte Risiken hat und wer nicht. Das ist auch für die Impfstoffentwicklung wichtig und für die Entwicklung von Mehrfachimpfungen (z.b., um zu bestimmten, wann man eine Nachimpfung braucht). Dabei sollte man im Hinterkopf behalten, dass selbst im Fall eines bestimmten schützenden Titers, dieser Titer mit einer Risikominimierung verbunden sein wird. Das heißt nicht, dass erneute Ansteckungen unmöglich sind. Nur nicht wahrscheinlich. Behalte das ebenso im Hinterkopf: Am Ende läuft alles auf Wahrscheinlichkeiten hinaus.

  1. Thread von Peter Kolchinsky (Virologe, Buchautor „The Great American Drug Deal“)

Kolchinsky vergleicht die Immunabwehr anschaulich mit der Polizei, die Verbrecher jagt….

Wenn unsere Immunzellen Polizisten sind, die SARS2 quer durch unseren Körper verfolgen, dann kann man die Menge an Antikörpern mit deren Geschwindigkeit gleichsetzen. Je mehr Antikörper es gibt, desto schneller ist die Polizei und desto leichter können sie die bösen Virusklone in ihren turbogetriebenen Lamborghinis einfangen. Wenn eine Person erstmals infiziert wird, gelangt das Virus auf die Autobahn und nimmt rasch an Fahrt auf (repliziert in unseren Zellen) doch sitzen die Polizisten da noch nicht mal in ihren Streifenwagen. Sie wissen nicht, wie die bösen Kerle ausschauen, welches Auto sie fahren, und ihr Motor ist kalt. Haben die Polizisten einmal erkannt, dass eine Infektion im Gange ist und herausgefunden, um was es sich handelt, springen sie in ihre Autos, werfen die Zündung an, wärmen die Motoren und drücken aufs Gas. Wenn sie beschleunigen (Antikörper bilden), überholen sie die bösen Kerle und halten sie an. Schließlich eliminieren sie das Virus. Manche patrouillieren weiter auf den Straßen (manche Betroffenen besitzen weiterhin Antikörper), aber bei anderen scheinen die Polizisten generell am Straßenrand zu halten. Um bei dieser Analogie zu bleiben: Alle Polizisten, die stehenbleiben, bedeuten, dass es keine messbaren Antikörper mehr gibt. Falls man nach Streifenautos auf den Straßen Ausschau hält, wird man keine finden. Das heißt aber nicht, dass die Person ungeschützt ist. Die Polizisten sitzen nun in ihren Autos mit eingeschaltetem und aufgewärmten Motor, mit ihrem Fuß am Gaspedal, halten nach dem bösen Kerl Ausschau und wissen ganz genau, wie er ausschaut: SARS2.

Sobald ein SARS-Virus aufkreuzt, das einen Lamborghini in der Stadt fährt, drücken zahlreiche Polizisten das Gaspedal durch und holen ihn rasch ein, und halten das Virus wahrscheinlich auf, bevor es so viel Schaden anrichten kann wie beim ersten Mal, als die Polizisten noch unvorbereitet waren.  Nur, weil jemand keine nachweisbaren Antikörper mehr besitzt, nachdem er sich von Covid19 erholt hat, bedeutet das nicht, dass er nicht mehr besser gegen schwerwiegende Verläufe geschützt ist, wenn er dem Virus erneut ausgesetzt ist. Sie könnten nicht einmal wissen, dass sie ihm ausgesetzt waren und könnten es nicht verbreiten. Ich sage nicht, dass Patienten, die genesen und mit oder ohne Antikörper zwingend vor einer erneuten Infektion geschützt sind. Ich sage, dass keine Antikörper nicht bedeutet, dass sie es nicht sind. Wir werden bald viel mehr wissen. All das gilt auch für Impfstoffe, die den Polizisten zeigen, wie böse Kerle aussehen. Hilfsstoffe (Immunstimulantien) in den Impfstoffen veranlassen die Polizisten, auf Streife zu gehen. Doch selbst, wenn sie langsamer werden oder anhalten (Antikörper nehmen ab/verschwinden), bleiben die Polizisten in ihren Wägen bereit und halten Ausschau. Wiederholungsimpfungen heizen sie wieder an, sodass es sogar wahrscheinlicher wird, dass sie den bösen Kerl anhalten, falls einer wieder die Straßen hinabrast.

Bis Impfstoffe einsatzbereit sind: Denk daran, Abstand zu halten und Masken zu tragen.