Tag 136: Die zweite Welle

Nun ist sie da und sie kann niemand mehr wegleugnen. In allen Ländern, wo die Maßnahmen gelockert wurden, gibt es wieder starke Anstiege. Nachlässigkeit und Sorglosigkeit wirft man der Bevölkerung vor, aber zumindest in Österreich ist das eine Täter-Opfer-Umkehr. Denn es war Kanzler Kurz höchstpersönlich, der Mitte Juni erklärt hat, dass die gesundheitliche Krise nun überstanden sei. Alle haben anscheinend gedacht, bis Herbst wäre das Virus auf Urlaub, erst im Herbst käme die zweite Welle und in unserem kleinen Land wäre alles ganz anders als im Rest der Welt. Dabei hat sich schon im Frühsommer gezeigt, dass das Virus im Gegensatz zur Influenza keinem saisonalen Verlauf unterliegt, sondern die Reduktion im Frühling auf Abstandsregeln und Masken zurückzuführen war und nicht auf UV-Licht und steigende Temperaturen. Wenn man aber allgemein davon ausgeht, dass das Virus von Mensch zu Mensch übertragen wird mit dem gleichen Mechanismus wie alle anderen Virenerkrankungen (uabhängig davon, wie groß das betrachtete Tröpfchenspektrum ist), dann war die zweite Welle absehbar, sobald die Mobilität wieder anstieg und die Zahl der physischen Kontakte wieder zunahm. Auch bei der Spanischen Grippe gab es eine zweite Welle.

Politische statt gesundheitliche Maßnahmen

Die Maskenregeln wurden überraschend gelockert – ein klarer Fehler, denn Ärzte und Wissenschaftler haben gewarnt. Bis dahin gab es schon genügend Beweise für die Wirksamkeit der Maskenpflicht. „Keine Masken, kein Risiko“, hat die Bevölkerung interpretiert und damit auch die Abstandsregeln vernachlässigt. Ich hörte aus dem gesamten Umfeld von nachgeholten Feiern oder Hochzeiten. Menschen, die weiterhin Maske trugen oder Einladungen absagten, wurden belächelt oder als Panikmacher abgetan. In Österreich war die Pandemie zu keinem Zeitpunkt gesundheitlich im Fokus , sondern immer nur parteipolitisch genutzt. So wie die geschlossenen Bundesgärten in Wien, während der Bundesgarten in Wiener Neustadt geöffnet war, die Wiener Parks übrigens auch. Rationale Gründe für die Ungleichbehandlung gab es nicht. Seit Ende März ist bekannt, dass die weitaus größere Ansteckungsgefahr in Innenräumen herrscht.

Unfehlbarkeit und Wegschauen

Die Regierung ist grundsätzlich fehlerlos, einzig der grüne Gesundheitsminister hat angedeutet, dass man besser werden müsse. Selbstkritik hat man bei allen türkisen Maßnahmen, die fast alle vom VfGH als gesetzeswidrig eingestuft wurden, vergeblich gesucht. Eine grundsätzlich fehlerlose Führung darf sich über eine zweite Welle eben nicht wundern. Der Schuldige für das erneute Einschleppen des Virus war auch schnell ausgemacht, nicht die miesen Arbeitsbedingungen in Schlachthöfen oder in den Unterkünften von Erntehelfern und auch nicht die Mitarbeiter der Hotels in den sichersten Tourismusgebieten, denen man freiwillige, kostenlose Tests anbat, aber – so meine Vermutung – keine arbeitsrechtliche Absicherung für den Fall zweiwöchiger Quarantäne, und den Hotels auch keine zusätzliche Entschädigung, wenn Gäste wegen der negativen Publicity ausbleiben.

Auf Nichtösterreicher hat man vergessen

Nein, die Schuldigen waren ausgerechnet jene prekären Systemerhalter, denen die Prämie verweigert wurde und die in den Reden und Pressekonferenzen notorisch („liebe Österreicher“) ausgeklammert wurden. Sie wurden nicht angesprochen, weder in der direkten Ansprache des Kanzlers noch fehlte eine Informationskampagne in verschiedenenen Sprachen, die über die Verbreitung und die Gefahren des Virus aufklärten. In den letzten Monaten konnte man in Wien den Eindruck gewinnen, dass für viele Migranten, aber auch Touristen Abstandsregeln und Maskenpflicht nicht gelten würden. Am Land war der Umgang unter Einheimischen ohnehin von Beginn an fahrlässiger und das Ausmaß der Pandemie herunterspielend. Der Kirchengang offenbar unvermeidbar. Tatsächlich lässt sich nicht einmal nachweisen, dass Westbalkan-Rückkehrer das Virus eingeschleppt haben.

“ Ein Grund für den Anstieg könnte sein, dass in den vergangenen Wochen mehr getestet wurde – auch bei Menschen ohne Symptome. Ob Einschleppungen aus dem Ausland für den Anstieg mitverantwortlich sind, lässt sich mangels Daten derzeit nicht beantworten.

Keine Perspektiven?

Eine dritte Gruppe wurde lange vernachlässigt: Schüler und Studenten, es dauerte am längsten, bis Maßnahmen gefunden wurden, die dann nicht gut umgesetzt wurden. Lehrstellen, Praktika, aber auch Freizeitveranstaltungen sind mit einem Schlag weggebrochen. Perspektiven fehlten. Was machen junge Menschen, denen man die Zukunft nimmt? Bei ihnen schleicht sich ein Wurschtigkeitslevel ein, das zu noch mehr Sorglosigkeit führt. Es ist aber gerade die Gruppe junger Menschen, die das Virus großteils symptomfrei in der Bevölkerung verbreitet, sodass Infektionsketten kaum noch nachvollziehbar sind. Dazu war ja zu ihnen durchgedrungen, dass nur alte und chronisch Kranke schwer erkranken oder sterben, was im übrigen nicht stimmt und seit etwa Mai häufen sich Berichte über schwere Folgeschäden und langwierige Genesungsprozesse in allen Altersgruppen.

Populismus: Das Fieber messen als präventive Maßnahme

Man hat die Grenzen geöffnet, ohne dass es einheitliche Regeln oder Teststandards gab. Der Flugverkehr wurde wieder aufgenommen. Ob Grenzen, Flughafen, Schlachthof, Rundfunk oder andere Arbeitsstellen – eine gängige Alibimaßnahme ist das Fieber messen.

Eric Feigl-Ding, Epidemologe und Gesundheitsökonom, 16 Jahre für Öffentliche Gesundheit an der Harvard-Universität zuständig, hat dazu ein vernichtendes Urteil:

  • Ein Drittel bis zu einer Hälfte der Covid19-Betroffenen entwickelt kein Fieber
  • Selbst jene, die später Symptome entwickeln, sind häufig ansteckend, bevor ihre Temperatur ansteigt.
  • Es schmerzt niemanden, wenn man die Temperatur misst, aber aus Beobachtungen wird klar, dass sie ein falsches Sicherheitsgefühl vermitteln – was dann zu riskoreicherem Verhalten wie weniger Masken tragen führt. Die Mehrheit der Bevölkerung versteht schlicht und einfach symptomfreie Übertragung nicht. Fiebermessungen tragen zur Verwirrung bei.
  • Schließlich ist es Tatsache, dass die normale Körpertemperatur einen bestimmten Bereich hat. Was für manche Fieber ist, ist es für andere noch nicht