Tag 182: FALTER-Virologen am Werk

„Der berühmte Meter Abstand und die Tröpfcheninfektion“

Schon in der FALTER-Ausgabe vom 15. April wurde in den „7 Sachen, die Sie über Sport und Corona noch nicht wussten“ hat man die umstrittene Simulation als Erklärung herangezogen, die auf keiner Beobachtung beruht und beim Abstand halten beim Radfahren etwa Seitenwinde gar nicht einberechnet hat. Ich hab in meinem Meteoerror-Blog darüber berichtet. In der neuesten FALTER-Ausgabe vom 09. September sind einige zweifelhafte Erläuterungen in den „Zehn Fragen zum Corona-Herbst“ enthalten. Ganz grundsätzlich werden nur wenige Aussagen mit Zitaten und Literaturverweisen belegt. Meiner sechzehnjährigen Erfahrung in Österreich nach ist das einer der Grundübel in diesem Land, dass nichts belegt werden muss. Weder in der FAQ des Gesundheitsministeriums noch von der AGES in ihren kurzen Videobotschaften. Es werden einfach keine konkreten Studien angeführt im wissenschaftlichen (Name et al., YYMM) -Format. Dadurch können weder Experten noch (interessierte) Laien nachprüfen, wie diese Aussage zustandegekommen ist.

Die Mär vom Einfluss des Sommers und wo Vitamin D einen Unterschied machen kann

Zur Frage, warum es trotz vieler Infizierter nur noch wenige Spitalspatienten und Corona-Tote gibt, wird erklärt, dass häufiger jüngere Menschen betroffen sind, die nicht so schwer erkranken. Was aber nicht erwähnt wird und heute von Doc Josiah Boone in einem Thread thematisiert wurde, ist, dass die jüngeren Infizierten das Virus wieder vermehrt zu den älteren Menschen tragen und diese dann wieder schwer erkranken und die Spitals- und Todeszahlen steigen lassen. Was im Übrigen in den aktuellen Zahlen zu den Spitals- und Intensivbettenkapazitäten schon ablesbar ist:

Virologe Drosten wies in einem Tweet gestern ebenfalls darauf hin, dass sich auch in Frankreich die Infektionszahlen bereits zu den Älteren hinverschiebt. Was es übrigens nicht in die zehn Fragen geschafft hat: Was ist mit all jenen, die die Infektion überlebt haben? Sind sie vollkommen gesund? Gibt es Folgeschäden? Erwähnt wird lediglich der akute Verlauf der Erkrankung mit der Fragestellung, wer wie schwer erkrankt. Über Longcovid erfährt man nichts. Corona-Skeptiker dürften sich wieder einmal bestätigt fühlen, dass das Virus für junge symptomfreie Menschen harmloser als eine Grippe sei.

Und dann finden sich Aussagen wie

„Außerdem mag das Virus den Sommer nicht: Es verbreitet sich besser in der Kälte, und das Sonnenvitamin D wirkt antiviral.“

S. 12, Frage 1

Eine australische Studie hat Anfang August gezeigt, dass das Virus vor allem von der relativen Luftfeuchte abhängig ist und nicht von der Temperatur. Außerdem reicht ein Blick über den Tellerrand, alias in die vier am stärksten betroffenen Länder, die nun weder nahe der Arktis noch Antarktis liegen.

Tägliche Neuinfektionen pro Million Einwohner in Brasilien, USA, Mexiko und Indien,
Quelle: Our World in Data

In Indien zeigt sich ein kontinuierlicher Anstieg seit dem Sommer, in den USA ein starker Anstieg im Hochsommer, in Brasilien wegen der Äquatornähe bei immer heißen Luftmassen anhaltend hohes Niveau an Neuinfektionen und Mexiko verharrt seit Juli auf einem hohen Niveau. Die Jahreszeit scheint dem Virus also relativ blunzn zu sein. Zudem wirken sich z.b. in den USA veraltete Klimaanlagegeräte mitunter sogar gegenteilig aus, weil sie mehr mit Umluft- als Frischluft arbeiten und die Luft viel zu trocken ist, was die Virusausbreitung über Aerosole begünstigt.

Ergänzung, 15.09.: Die Umgebungstemperatur spielt sehr wohl eine Rolle, kalte trockene Umgebungen wie Fleischfabriken oder Lagerhallen fördern das Ansteckungsrisiko, aber das hat nichts mit der Jahreszeit zu tun.

Bei der Erwähnung von Vitamin D wird nicht differenziert, dass Vitamin D nicht vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2 schützt, sondern allenfalls die Schwere des Verlaufs mildern kan. Je näher die Vitamin-D-Werte am Tagesbedarf, desto geringer der Effekt der Supplementierung auf das Immunsystem. Der Krankenschwester-Ausbilder Dr. John Campbell ist in zahlreichen Podcast-Folgen auf die Rolle von Vitamin D eingegangen.

In seiner neuesten Folge erwähnt Campbell die erste klinische Studie mit Vitamin D (veröffentlicht am 29. August, randomized, double-blind, placebo-controlled, p < 0.001) bei 76 Covid19-Patienten, die ins Spital aufgenommen werden mussten. Die Zugabe von Vitamin D reduzierte die Schwere der Erkrankung erheblich. Da geht es aber um künstliche Supplementierung mit einer hochkonzentrierten Dosis und nicht um eine Stunde Sonnenschein am Tag.

Aerosole oder Tröpfchen?

Im März lehrten Videos das Händewaschen, später waren unsichtbare Aerosole verdächtig. Heute führen Virologen die meisten Corona-Infektionen auf Tröpfchen zurück. Die Sekretteilchen, die wir beim Reden, Husten, Singen und Niesen abgeben, sind groß genug für eine ausreichende Menge an Viren.

Zitiert wird dann Hendrick Streeck:

„Je länger und näher an einem sprechenden Infizierten, desto wahrscheinlicher ist es, irgendwann ein Tröpfchen abzubekommen.“ […] Deshalb ein Meter Abstand, deshalb die Schwelle von 15 Minuten im Umfeld eines Infizierten. Andere Übertragungswege seien nicht ausgeschlossen, aber selten. „Wenn ein Infizierter in seine Hand niest, eine Tür öffnet, ein Gesunder sie sofort schließt und seine Schleimhäute berührt, dürfte es schon für eine Schmierinfektion reichen“ […]

Warum wird dann im Herbst so massiv auf Lüftungskonzepte in Schulen und in Veranstaltungsräumen gesetzt, die bei Tröpfcheninfektion nichts bringen?!

Aerosole oder Tröpfchen?

Der Aerosolwissenschaftler hat zum Thema Virusübertragung über Aerosole eine umfangreiche FAQ geschaffen. Der entscheidende Unterschied ist nun einmal, dass nur Aerosole zahlreiche Clusterausbrüche erklären können, die der FALTER anscheinend die letzten Monate verschlafen hat, von der Après Skibar über Chorveranstaltungen bis hin zum Rotarierabend in Salzburg, wo ein infizierter Arzt zehn Meter entfernt vom Überträger gestanden ist. Die vermeintlich seltenen Infektionswege über Aerosole erklären also einen Großteil der Infektionen. Andernfalls müssten die wenigen infizierten Überträger in Ischgl mit allen infizierten Personen Kontakt gehabt haben, was sich rein rechnerisch von der Zeit her nicht ausgeht. Ich habe keine große Lust, mich hier zu ständig zu wiederholen, sondern verweise auf meine umfangreiche Linksammlung zu einschlägigen Studien und Expertenmeinungen aus dem Ausland.

Fazit:

Wieder eine Chance vertan, zumindest den Anschein zu erwecken, hier etwas tiefergehender recherchiert zu haben, wie man es für eine seriöse Wochenzeitung wie dem FALTER erwarten könnte. Es ist frustrierend und hilft nicht dabei, den Mitmenschen zu erklären, dass die Gesichts- und Halbvisiere, die lediglich die Mundpartie bedecken, kaum einen Effekt haben, kaum Eigenschutz und lediglich verhindern, dass man sein Gegenüber anspuckt. Und auch die lieben FALTER-Redakteure könnten sich fragen, wie wahrscheinlich es ist, dass sich ein großes Tröpfchen auf die Schleimhäute von Augen, Nase oder Mund verirrt, oder ob es nicht viel häufiger vorkommt, dass eine Aerosolwolke aus winzigen schwebenden Tröpfchen eingeatmet wird. Warum lüften wir? Um die Aerosolwolken auszudünnen und die Viruslast zu senken. Was ist aber, wenn jemand hustet oder heftig niest? Dann fliegen die großen Tröpfchen meterweit quer durch den Raum und es ist relativ egal, wie gut vorher gelüftet wurde. Darum trägt man in geschlossenen Innenräumen bestenfalls Masken und schützt die Mitmenschen vor Tröpfchenflug UND Aerosolen.