Tag 188: Leserbrief an den FALTER

Sehr geehrte FALTER-Redakteure,

in der Ausgabe vom 09. September wurden 10 Fragen zu Corona gestellt. Mein Leserkommentar bezieht sich auf den Text zur Tröpfcheninfektion:

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Laut Aussage der FALTER-Autoren führen Virologen (welche?) die meisten Corona-Infektionen auf Tröpfchen zurück. Das entspricht jedoch nicht dem aktuellen Stand der Wissenschaft. Bereits Anfang Juli haben 239 Experten an die WHO appelliert, die Virusverbreitung über Aerosole endlich anzuerkennen. Nur so können die zahlreichen Massenübertragungsereignisse erklärt werden, die deutlich über ein bis zwei Meter Distanz hinausgehen. Ein bekanntes Beispiel in Österreich: Mitte Juni infizierte sich ein Arzt beim berüchtigten Rotary-Clubabend in einem Salzburger Lokal nachweislich, obwohl er nach eigener Aussage zehn Meter von zwei infizierten Personen entfernt stand. Mit der Bedingung von mindestens 15 Minuten und engem Kontakt hätten die wenigen infizierten Mitarbeiter der Bar in Ischgl viele Stunden benötigt, um derart viele Infektionen hervorzurufen. In der aktuellen Containment-Strategie der Behörden werden Kontaktpersonen selbst dann in ein hohes Infektionsrisiko eingestuft, wenn sie in geschlossenen Räumen die Mindestabstände einhalten. In der gleichen Ausgabe erwähnen Sie übrigens auch die geplanten Lüftungskonzepte für den Herbst. Bei Tröpfchen, die nach kurzer Zeit und Distanz zu Boden fallen, spielt Lüften aber keine wesentliche Rolle – Lüften ist eine präventive Maßnahme, um infektiöse Aerosolpartikel, die viele Minuten oder sogar Stunden in der Luft schweben können, rasch zu verdünnen. Das erklärt auch die geringe Wirksamkeit von Gesichts- oder Halbvisieren gegenüber Masken, was ebenfalls durch Studien belegt wurde. Es ist höchste Zeit, auch im Hinblick auf die rasant steigenden Fallzahlen, Aerosole als wichtigen Übertragungsweg endlich einer breiteren Öffentlichkeit bekannt zu machen. Von einer seriösen Wochenzeitung wie dem FALTER würde ich mir schon mehr journalistische Sorgfalt in der Recherche von wissenschaftlichen Erkenntnissen erwarten, die bereits seit Anfang Juli in den weltweiten Medien zirkulieren.

Quellen:

https://academic.oup.com/cid/advance-article/doi/10.1093/cid/ciaa939/5867798 (Brief der 239 Wissenschaftler an die WHO)
https://www.sozialministerium.at/dam/jcr:0606b9e2-72f6-4589-9816-2107c7c46e7f/20200825_Beh%C3%B6rdliche%20Vorgangsweise%20bei%20SARS-CoV-2%20Kontaktpersonen%20Kontaktpersonennachverfolgung.pdf (gegenwärtige Containment-Strategie)

( Personen die unabhängig von der Entfernung mit hoher Wahrscheinlichkeit einer relevanten Konzentration von Aerosolen ausgesetzt waren)
https://www.sn.at/salzburg/chronik/nach-clubabend-mittlerweile-14-corona-faelle-zwei-salk-aerzte-ebenso-infiziert-89134702  – https://www.bmj.com/content/370/bmj.m3206 (Airborne transmission of COVID-19)- https://docs.google.com/document/d/1fB5pysccOHvxphpTmCG_TGdytavMmc1cUumn8m0pwzo/edit (FAQ zu Aerosolen von Jose-Luis Jimenez, Aerosolwissenschaftler
https://www.nature.com/articles/d41586-020-02058-1 (Mounting evidence suggests coronavirus is airborne — but health advice has not caught up)- https://www.medscape.com/viewarticle/934837?src=uc_mscpedt&faf=1#vp_1 (Jimenez: COVID-19 Data Dives: Why Arguments Against SARS-CoV-2 Aerosol Transmission Don’t Hold Water)   – https://www.rnd.de/gesundheit/aerosolforscher-im-interview-wie-wird-bei-aerosolen-geluftet-warum-sind-sie-gefahrlich-wie-vermeiden-wir-die-verbreitung-SRHS7GF5PVHVVOBSRQVULWVIQE.html (Dt. Aerosolforscher)- https://time.com/5883081/covid-19-transmitted-aerosols/
https://www.bmj.com/content/370/bmj.m3223 (veraltete 2-m-Abstandsregel)

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Die Antwort war sinngemäß, dass keiner der durch die Redakteure befragten Experten die Infektionen durch Aerosole als maßgeblich eingestuft hat, u.a. wurden Hendrick Streeck und Franz Allerberger befragt, die davon ausgehen, dass mit hoher Wahrscheinlichkeit Tröpfchen die meisten Covid-Infektionen verursachen. Infektionen durch Aerosole seien deutlich seltener. Da es sich bei beiden um angesehene Experten auf ihrem Gebiet handle, gab es keinen Grund an ihren Aussagen zu zweifeln. Auf meine Quellen wurde leider nicht eingegangen.

Ich antworte wie folgt darauf:

Hendrick Streeck hat erst Anfang September zugegeben, dass Aerosole doch eine Rolle spielen können, und zwar wenn viele Menschen aufeinandertreffen, gemeinsam feiern und schlechte Luft herrscht.

Das sind eben jene Situationen, die die letzten Wochen immer häufiger geworden sind, weil Politik und Bevölkerung unisono nachlässig geworden ist.

Alle Clusterausbrüche mit vielen Infektionen im selben Zeitraum lassen sich nur über Aerosole erklären. Dafür gibt es zahlreiche Belege aus der ganzen Welt. Die Lüftungskonzepte, die auch im gleichen FALTER-Artikel erwähnt werden, beruhen auf Aerosolen, die längere Zeit in der Luft schweben, nicht auf Tröpfchen, die in einem Abstand bis einem Meter zu Boden fallen. Viele Virologen haben die Aerosolübertragung anfangs unterschätzt, inzwischen hat selbst Anthony Fauci, der seit Ronald Reagan US-Präsidenten in Gesundheitsfragen berät, zugegeben, die Aerosol-Übertragung unterschätzt zu haben:

In Deutschland arbeiten RKI und Charite Berlin seit Jahren mit dem Hermann-Rietschel-Institut zusammen. Hier hat man die Aerosolübertragung früh in Betracht gezogen (wurde auch im Podcast von Christian Drosten erwähnt, bei dem die Aussage „die meisten Übertragungen geschehen durch Tröpfchen“ NICHT vorkommt) und als Hauptübertragungsweg sieht. (Quelle: https://twitter.com/KriegelMartin/status/1305368997299453952). Interessantes und wichtiges Detail am Rande: Der Leiter des Hermann-Rietschel-Instituts, Martin Kriegel, wird auch in einem Positionspapier des Arbeitskreis Innenraumluft des Bundesministerium für Klimaschutz und Umwelt zu Lüftungskonzepten für Schul- und Unterrichtsräumen namentlich zitiert (bzw. ein Paper, an dem er mitgewirkt hat). Dort befindet sich eine ausführliche Beschreibung der Aerosolübertragung, die ziemlich auf dem neuesten Stand ist. Unabhängig davon, wie angesehen einzelne Experten sind, zählt am Ende immer der wissenschaftliche Konsens.

Konsens ist nämlich immer stärker als Einzelmeinungen. Wissenschaft ist nicht die Meinung des Klügsten, sondern ein Geflecht an Fakten, die einander gegenseitig stützen. Natürlich kann es sein, dass die Mehrheitsmeinung in der wissenschaftlichen Community korrigiert werden muss

Florian Aigner, Quelle: https://threadreaderapp.com/thread/1297207977611591685.html

Fakt ist – und das ergibt sich aus der Meinung zahlreicher Experten aus aller Welt: Aerosole spielen eine wesentliche Rolle bei der Übertragung und keine untergeordnete. Derselbe Allerberger behauptete auch bis zuletzt, dass Kinder eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen spielen. Berichte von Schulclustern aus aller Welt belegen das Gegenteil.

Man sollte sich eigentlich die Mühe machen, die FAQ über Aerosole von Jimenez et al. ins Deutsche zu übersetzen …

Conclusio:

Warum reite ich so auf der Unterscheidung von Aerosolen und Tröpfchen herum? Weil ich die Folge wiederholter Falschinformationen inzwischen täglich in der Öffentlichkeit erlebe. Die Zahl nutzloser Face Shields hat deutlich zugenommen, vor allem im Handel und Dienstleistungen – der Grund ist die Gleichsetzung von Face Shield und Maske im Handbuch für „Sicheres und gesundes Arbeiten“ des Arbeitsministeriums, das offensichtlich nicht den gleichen Stand wie das Klimaschutzministerium hat. Face Shields nützen lediglich etwas gegen große Tröpfchen, die jemand beim Niesen, Husten, lautem Sprechen oder feuchter Aussprache direkt ins Gesicht schleudert. Die viel kleineren, schwebenden Tröpfchen werden durch den Unterdruck beim Gehen hinter den Face Shield eingezogen und eingeatmet. Umgekehrt entweichen die ausgeatmeten Aerosole seitlich aus dem Schild. Waren die Masken nicht ursprünglich als Fremdschutz gedacht? Warum ist es bei den Face-Shield-Trägern plötzlich anders herum?

Plexiglasscheibe, die nur den Mund und unzureichend die Nase „abdeckt“

Noch viel schlimmer ist aber die Spuckschanze, die jetzt innerhalb weniger Tage massiv zugenommen hat, und zwar von Kindern über Jugendliche bis zu den Erwachsenen, im Supermarkt, in der Bäckerei, leider auch im Büro. Warum wird hier weder kontrolliert noch sanktioniert? Die Wiener Linien und ÖBB sagen monatelang nervtötend oft durch, dass man einen Mund-Nasen-Schutz tragen muss – aber Personen mit diesem nutzlosen Fetzen vor dem Gesicht können ungestraft mitfahren. Hieß es nicht, die Maskenpflicht sei vor allem in den Geschäften (wieder) verpflichtend, wo Risikogruppen alternativlos hingehen müssen? Warum darf dann die Mitarbeiterin in der Bäckerei oder in der Feinkostabteilung vom Supermarkt mit Spuckschanzen arbeiten, die Null Fremdschutz bieten? Es fehlt noch, dass auch in der Gastronomie dazu übergegangen wird – auch das hab ich schon gesehen in der Innenstadt.

In Deutschland gibt es dazu inzwischen ein Gerichtsurteil (10.09.20), wo in Schulen Gesichtsvisiere untersagt werden, begründet wird das u.a. damit:

Mund-Nasen-Bedeckungen, auch Alltagsmasken oder Community-Masken genannt, hätten unabhängig von einer Kennzeichnung oder zertifizierten Schutzkategorie die Funktion, als mechanische Barriere dazu beizutragen, die Verbreitung durch virushaltige Tröpfchen in die unmittelbare Umgebung, die man z.B. beim Sprechen, Husten oder Niesen ausstoße, zu reduzieren und dadurch andere Personen zu schützen (Fremdschutz). Deshalb müsse die Mund-Nasen-Bedeckung möglichst eng anliegen und gut sitzen, um das Vorbeiströmen von Luft an den Rändern der Maske zu verringern. Unter den Begriff der „Mund-Nasen-Bedeckung“ fielen nach dem Sinn und Zweck der Maskenpflicht Masken, die aus handelsüblichen Stoffen genäht würden. Ein Gesichtsvisier könne – zumindest nach dem gegenwärtigen Kenntnisstand – nicht als Mund-Nasen-Bedeckung bzw. als Alternative zur Mund-Nasen-Bedeckung angesehen werden. Aktuelle Studien wiesen darauf hin, dass die Rückhaltewirkung von Visieren auf ausgestoßene respiratorische Flüssigkeitspartikel deutlich schlechter sei. Denn Visiere könnten in der Regel maximal die direkt auf die Scheibe auftretenden Tröpfchen auffangen.

Ähnlich verhält es sich übrigens auch mit der Abstandsregel in Innenräumen, die keine Infektionen verhindern kann, wenn über längere Zeit von infizierten Personen Aerosole emittiert werden. Das Handbuch des Arbeitsministerium geht von Tröpfcheninfektion als Hauptübertragungsweg aus, sonst würde man nicht ernsthaft davon ausgehen, dass man in Innenräumen nur Masken tragen müsse, wenn der Abstand nicht eingehalten werden könne. Führende Aerosolwissenschaftler sind da relativ strikt: In geschlossenen Innenräumen müssen IMMER Masken getragen werden – überhaupt sollte man Menschenansammlungen in geschlossenen Räumen derzeit meiden. Insbesondere sollte einem bewusst sein, dass es derzeit unklug und egoistisch ist, in Nachtlokalen und Wirtshäusern zu feiern. Das ist leider nicht bis zu den Verantwortlichen vorgedrungen.

Was bleibt als nicht neue Erkenntnis: Das grün geführte Klima- und Umweltministerium ist im Besitz fortschrittlicher wissenschaftlicher Erkenntnisse, das türkis geführte Arbeitsministerium nicht. Faßmann scheint sich außerdem bei den Lüftungskonzepten für die Schule auf ebenjenes Positionspapier zu beziehen. Aber: In die Öffentlichkeit wurde das bisher nicht kommuniziert und das führt eben dazu, dass die Menschen glauben, Plexiglas vor der Kinn wäre gleich wirksam wie eine Maske, und Abstand in Innenräumen halten würde ausreichen, denn im Theater bliebe das infektiöse Aerosol während der ganzen Vorstellung auf dem zugewiesenen Sitzplatz.