Meine Beweggründe, zu Covid zu schreiben

So mancher Leser und so manche Leserin mag sich vielleicht gefragt haben, weshalb ich hier so umfassend über Covid19 blogge und Artikel sammle, obwohl ich beruflich nichts damit zu tun habe. „Bitte kein weiterer selbst ernannter Virologe!“ könnte man sich denken.

Zu meinem Hintergrund:

Ich bin Autist und habe Meteorologie in Innsbruck studiert. Das Wetter war seit der Kindheit ein Hobby und später klassisches Spezialinteresse, zu dem ich massenhaft Wissen angehäuft habe, lange vor dem Studium und auch während dem Studium. Vieles von dem, was ich täglich im beruflichen Kontext anwende als Wettervorhersager, habe ich mir autodidaktisch beigebracht, also selbstständig, nur ein Bruchteil kommt vom Studium selbst. Autismus bedeutet im Kontext von Spezialinteressen, sehr akribisch und unermüdlich vorzugehen. Ich schrieb unzählige Fallstudien, sogar kleine „Draft Papers“ im Studium, ich machte immer mehr als nötig und verfasste meine Diplomarbeit freiwillig auf Englisch, um sie einem breiteren Fachpublikum zugänglich zu machen. Ich holte mir dabei auch Input von italienischen und amerikanischen Wissenschaftlern, der E-Mail-Austausch war natürlich auf Englisch.

Mein ehemaliger, leider verstorbener Mentor Stefan Hörmann pflegte den Leitspruch „Wissen ermitteln und vermitteln.“ Ob man eine Materie selbst verstanden hat, erkennt man erst, wenn man versucht, sie Dritten zu vermitteln. Ich machte das auch zu meinem Motto und erstellte mehrere professionelle Webseiten über das Wetter. Später folgte ein Blog, nachdem ich nicht gut mit Webseite programmieren bin und mit Anwendersoftware wie WordPress besser zurechtkomme und rascher Inhalte veröffentlichen kann (der aktuelle Blockeditor bedeutet leider einen Rückschritt, weil man für sowas einfaches wie Textfarbe und Zitat 3 Klicks mehr braucht).

SARS-CoV2 ist nicht mein erstes Spezialinteresse

Spezialinteressen bei Autisten können wechseln, und so kam ich 2014/2015 im Zuge meiner Doppel-Diagnose (Klinefelter/47XXY und Autismus) erstmals zu medizinischen Themen (wenn ich das freiwillige Wahlfach Sportphysiologie im Studium einmal weglasse). Ich recherchierte erst intensiv zu Klinefelter, erstellte einen Selbsthilfeblog, der wachsenden Bekanntheitsgrad erfuhr. Darin stellte ich den bis dato bekannten Wissensstand im deutschsprachigen Raum in Frage. Viele Mediziner in Österreich schienen noch auf Stand der 80er Jahre, gaben veraltete Behandlungsempfehlungen ab. Ich schrieb Wissenschaftler aus aller Welt an, vor allem Forscher in den Niederlanden, in Dänemark und in Skandinavien, wo intensiv darüber geforscht wird, aber auch aus den USA, die naturgemäß mehr Forschungsgelder lukrieren können. Ich entdeckte einen Zusammenhang zwischen 47,XXY und Autismus, der im deutschsprachigen Raum bis dato nicht bekannt oder sogar abgestritten wurde. Mit der neuen S3-Leitlinie zur Diagnostik von Autismus wurde 47,XXY als mögliche Ursache (Screening Indikator) aufgenommen. Ich erhielt diesbezüglich vorher durchaus interessiert und aufgeschlossen wirkende E-Mail-Reaktionen von Autismus-Experten in Deutschland. Natürlich gehe ich nicht soweit zu sagen, dass ich den Anstoß dafür gab, aber meine Recherchen erwiesen sich als zutreffend und das ist doch eine gewisse Genugtuung für mich, dass ich nicht die falsche Ausfahrt genommen habe bei meinen Recherchen und Theorien entwickeln.

Meine wichtigsten Grundsätze

1. Zu einer seriösen Recherche zählen vor allem wissenschaftliche Studien, die bestenfalls peer-reviewed sind und auf Herz und Nieren geprüft wurden. Das gilt für alle Fachbereiche, nicht nur Medizin. In einem Fachgebiet, wo es um Leben und Tod geht, ist es natürlich umso wichtiger, dass die üblichen Standards eingehaltet werden, bestenfalls bei klinischen Studien zu Behandlungsmethoden also double-blind, randomized und placebo-controlled. Eine gerne bei Klinefelter herangezogene Studie zur Behandlung mit Testosteron war z.b. nicht placebo-controlled und nicht double-blind. Der Arzt wusste, wem er das Medikament gab und sowohl Arzt als auch Empfänger wussten, dass es Testosteron war und kein Placebo. Die Mehrheit reagierte positiv auf die Behandlung, keine große Überraschung, das heißt aber nicht, dass es für jeden geeignet ist. Bei Covid19 gab es vor wenigen Wochen erstmals eine klinische Studie zu Vitamin D mit allen Vorgaben. In Österreich vermisse ich z.b. den Bezug auf konkrete Belege und Studien. Prof. Allerberger beruft sich oft auf eigene Beobachtungen und Erfahrungen, aber es lässt sich als Außenstehender nicht nachvollziehen, wie das Setting wer, wer teilgenommen hat, wie die Ausgangsbedingungen waren. In allen AGES-Videoschnipseln und im Text darunter fehlen Belege in Form von (NAME, YYYY), der klassischen Zitierweise von Studien. Wir müssen also glauben, was gesagt wird, ohne die Richtigkeit überprüfen zu können.

2. Wissenschaft basiert auf Fakten und nicht auf Renommee.

Konsens ist nämlich immer stärker als Einzelmeinungen. Wissenschaft ist nicht die Meinung des Klügsten, sondern ein Geflecht an Fakten, die einander gegenseitig stützen. Natürlich kann es sein, dass die Mehrheitsmeinung in der wissenschaftlichen Community korrigiert werden muss

Florian Aigner, Quelle: https://threadreaderapp.com/thread/1297207977611591685.html

Am Anfang wurde häufig Kekulé in Deutschland zitiert und eingeladen in Talkshows. Später stellte sich heraus, dass er seit Jahren nicht mehr aktiv forscht und kaum in wissenschaftlichen Veröffentlichungen zur Virologie zitiert wird, im Gegensatz etwa zu Dr. Drosten. Im verlinkten Thread unter dem Zitat demontiert der Physiker Aigner einen der Coronaforscher, der gerne von Zweiflern und Leugnern zitiert wird. Dieser interpretiert sich die Zahlen so, wie sie in seine Ansichten passen. Seriöse Wissenschaft funktioniert aber nicht top-down, sondern bottom-up. Ein Geflecht an Fakten verdichtet sich zu einer anerkannten Theorie oder Lehrmeinung. Unseriös ist es hingegen, von einer bestimmten Theorie auszugehen und dann nur jene Daten heranzuziehen, die diese belegen und den Rest zu ignorieren (seriöser top-down approach wäre, den Rest einzubeziehen und eine Theorie zu falsifizieren). Die autistische Autismus-Forscherin Michelle Dawson betreibt z.b. klassische bottom-up science, sie zitiert unvoreingenommen Literatur und widerlegt damit gängige, veraltete Autismus-Theorien. Kritisch bleiben heißt aber auch, dass sich auch angesehene, erfahrene Wissenschaftler auf seriöse Datengrundlagen stützen müssen, es darf von einem Allerberger oder Streeck EINGEFORDERT werden, von ihren Kollegen, Journalisten, aber auch von Politikern, die eine sichere Grundlage für eine Handlungen wollen. Eine Einzelbeobachtung oder Einzelmeinung reicht nicht. Wenn sie korrekt liegen, ist ihre Beobachtung auch in anderen Ländern vorhanden.

3. Ich folge Experten aus unterschiedlichen Fachbereichen.

„Masken hatten keinen Effekt“ (ca. 100 Studien belegen das Gegenteil)

„Der Lockdown war rückblickend unnötig“ (Länder wie USA, UK zeigen, was passiert, wenn man zu spät zu drastischen Maßnahmen griff. Rund 200000 Tote in den USA, 40000 Tote in UK).

„Kinder spielen eine untergeordnete Rolle im Infektionsgeschehen.“ (Infektionszahlen aus den Ländern, die die Schulen öffneten, zeigen das Gegenteil: Israel, Deutschland, neue Fallstudien vom CDC in den USA)

„Die Mehrzahl der Infektionen geschieht durch Tröpfcheninfektion.“ (239 Experten schrieben am 7. Juli offenen Brief an die WHO, dass das Virus über die Luft übertragen wird, d.h., über Aerosole, Drosten wies schon im Mai/Juni darauf hin, die Evidenz inzwischen ist überwältigend ).

Bei allen sinngemäßen Zitaten handelt es sich um Aussagen der AGES, die sich ausschließlich auf das Infektionsgeschehen in Österreich beziehen. Ich glaube, sowohl die Bevölkerung als auch manche Wissenschaftler hierzulande, insbesondere der älteren Generation, unterschätzen, wie effizient die Kommunikation und der (interdisziplinäre) Austausch mit internationalen Kollegen über Social Media sein kann. Ich betreibe keine Hexerei -vor etlichen Jahren stand ich Social Media und Twitter auch noch sehr skeptisch gegenüber. Meine Liste an Experten, denen ich folge, besteht aus hochkarätigen Wissenschaftlern, die sich ununterbrochen auf Studien beziehen und sich darüber austauschen. Zu allen oben genannten Zitate finden sich zahlreiche Gegenbeispiele aus zahlreichen Ländern der ganzen Welt. Es ist kein österreichisches Virus. Wenn die Beobachtungen hierzulande im Widerspruch zu vielen Beobachtungen in anderen Ländern stehen, besteht Erklärungsbedarf. Kritiker antworten gerne, dass auch ein Drosten nicht die alleinige Wahrheit kennt und sich irren kann. Das betont er selbst aber auch immer wieder. Drosten selbst wird aber auch von zahlreichen Experten zitiert und zitiert sie selbst, sodass sich die Wissenschaftler quasi gegenseitig peer-reviewen. Wenn hier einer mit seiner Meinung ausschert, bekommt man das mit. Ich zitiere Drosten hauptsächlich deswegen, weil er deutsch spricht, denn die Mehrheit der österreichischen Bevölkerung weigert sich, englischsprachige Texte zu lesen. Ich könnte aber auch eine Angela Rasmussen zitieren, eine Nathalie McDean, einen Eric Topol, einen Jose-Luis Jimenez, eine Helen Branswell, eine Zeynep Tufekci, eine Monica Gandhi oder eine Zoe Hyde. Sehr oft verweise ich gezwungenermaßen auf englischsprachige Artikel, auch in den Medien, etwa „TheAtlantic“, „New York Times“, „Guardian“, „Washingtonpost“, aber auch wissenschaftliche Journals wie „Statnews“ oder „Nature“. Es gibt leider keine vergleichbaren Herausgeber und Online-Plattformen in Österreich, die so sehr in die Tiefe gehen.

4. Wichtig ist nicht nur, wer veröffentlicht, sondern auch wo!

Sputnik News, Compact oder RPP sind keine unabhängigen, sondern ideologiegetriebene Plattformen. Das trifft in Österreich übrigens auch auf Kontrast oder Zackzack zu. Viele Youtube-Kanäle, die Aussagen von Wissenschaftlern veröffentlichen, die angeblich auf öffentlichen Kanälen zensiert werden, verfolgen eine Agenda und sind dem Verschwörungsmilieu zuzuordnen. Das merkt man entweder, wenn man recherchiert, wem der Kanal gehört, wer dort postet oder wo er zitiert wird. Manchmal reicht mir auch ein Medienartikel, der eine Studie interpretiert, nicht, sondern ich suche nach der Originalquelle, also dem Journal, wo sie veröffentlicht wurde, insbesondere dann, wenn der Redakteur kein Wissenschaftsjournalist ist. Nun ist die AGES die Behörde für Ernährungssicherheit und Gesundheit in Österreich und die Ärztekammer Oberösterreich vertritt die Ärzte in Oberösterreich – niemand käme auf die Idee, anzuzweifeln, was dort verlautbart wird. Für alle gelten aber die Punkte 1-3, es muss wissenschaftlich nachvollziehbar sein.

5. Bewältigungsstrategie und Unmittelbarkeit.

Am Anfang trieb mich die Panik an und das Gefühl verarbeiten zu müssen, dass nichts mehr je so sein wird wie vorher. Deswegen bloggte ich täglich, um den Schrecken zu versachlichen, wie ich es anfangs nannte. Katastrophen lassen sich für mich leichter bewältigen, wenn ich die Hintergründe verstehe, egal ob Klimaerwärmung, regionale Kriege (z.b. Irakkrieg) oder eine Pandemie. Andere haben andere Bewältigungsstrategien, schieben das Thema weit von sich und versuchen durch Ignorieren emotionalen Abstand zu gewinnen. Ich kann das nicht, dafür bin ich doch im Herzen und im Kopf zu sehr Wissenschaftler. Ich glaube Dinge nicht einfach, sondern will Begründungen dafür haben. Deswegen bin ich bei dem Thema Covid so lästig ;) Es beruhigt mich, wenn ich etwas besser verstehe und anwenden kann, etwa den ganze simplen Rat eines Arztes, rasch auszuatmen und die Lippen zu schürzen, um das Ausatmen zu verlängern, wenn in der Nähe jemand niesen muss und man nicht weiß, ob er infiziert ist. Ich glaube, für viele ist schwer zu akzeptieren, dass Covid jeden Bereich unseres Lebens durchdringt. Ja, es gibt andere Krankheiten auch noch, die nicht in Vergessenheit geraten dürfen, ja, man kann auch mal einen Urlaubstag nehmen, eine Auszeit, aber sobald ich die Wohnung verlasse, muss ich die Gefahren kennen, mich in Acht nehmen, andere vor meiner potentiellen Infektiösität schützen. Für Autofahrer fallen ein paar Punkte weg, als Öffifahrer muss ich ständig auf der Hut sein. Und wenn ich im Büro bin, muss ich damit rechnen, dass einer der Kollegen infiziert ist, aber (noch?) keine Symptome zeigt. Es fällt mir derzeit schwer, den Fokus woanders zu setzen, wenn im Supermarkt der Mann aus der Obstabteilung ein leserliches Erdäpfelsackerl bringt und dabei eine Virenspuckschanze (Mundvisier) trägt, die Kassiererin übrigens ein Face Shield. Wenn man mir das Virus schon täglich aufzwingt und noch dazu die Fallzahlen so stark steigen wie derzeit, dann setze ich mich auf meine Weise damit auseinander, mit Hausverstand, mit Neugier, mit Offenheit und mit wissenschaftlicher Ernsthaftigkeit.