Tag 195: Whataboutism

Die letzten Wochen konnte ich nicht mehr schweigen, wenn in meiner Gegenwart bestimmte Phrasen mit Vorurteilen und Verschwörungsmythen geäußert wurden. Mein fachlicher Wissensstand ist inzwischen groß genug, dass ich für viele Aussagen ad hoc fundierte Daten nennen kann, leider gelingt das verbal nicht so gut wie mit Verweisen auf konkrete Studien. Leider wird die Diskussion oft sehr emotional. Die Menschen sind wütend, das merkt man. Wenn man einzelne Aussagen hinterfragt, stellt sich sehr oft Unwissenheit heraus, nicht einmal zwingend die Tendenz zu Verschwörungen, sondern es entsteht der Eindruck, die Regierung würde völlig überzogen handeln, wo doch die Zahl der Toten ziemlich klein ist. Ich sehe darin klare Defizite der Regierung, die nie erklärt hat, was eigentlich die mittelfristige Strategie ist. Am Anfang dachten wohl viele, das Virus sei durch den Lockdown ausgemerzt und man könne danach zu business as usual zurückkehren. Risikogruppen schützen, aber nur kurze Zeit. Aussagen darüber, dass das Virus mehrere Jahre für deutliche Einschränkungen im Alltag sorgen könnte, hat man zu ignorieren versucht (mich eingeschlossen). Die strengen Maßnahmen, obwohl in Teilen überzogen, waren erfolgreich. Österreich kam mit vergleichsweise geringen Fallzahlen, Intensivbettenbelegungen und Todesfällen davon. There is no glory in prevention – es ist so unendlich wichtig zu verstehen, was diese Aussage bedeutet. Damit ist nicht einmal gemeint, dass die Intensivstationen nicht an ihre Kapazitätsgrenzen gekommen wären, sondern dass auch viele Ärzte und Gesundheitspersonal, aber auch viele Reinigungskräfte in den Spitälern in der ersten Welle starben oder schwer erkranken. Das ohnehin – auch in Österreich! – chronisch mangelbesetzte Gesundheitspersonal schuftete wochenlang durch, ohne jegliche Anerkennung und Wertschätzung durch die Regierung. Das wird als selbstverständlich betrachtet – kein Impfstoff, um sich selbst zu schützen, Hochrisikoprozesse wie Intubieren, bei dem hochansteckende Patienten leicht behandelnde Ärzte anstecken können. Jeder Patient zusätzlich hätte das Ansteckungsrisiko erhöht. Gesundheit scheint erst dann wichtig, wenn man sie selbst nicht mehr hat. Es fällt schwer, das Präventionsparadox zu erläutern, selbst fundiert zu untermauern. Nicht mangels ausreichender Studien, sondern weil Fakten gerne mit Meinungen gekontert werden. Seriöse Wissenschaftler sehen die Daten vor sich und ziehen daraus ihre Schlussfolgerungen. Weil Daten öfter einmal unvollständig sind, insbesondere bei einem neuartigen Virus, können diese Schlussfolgerungen gelegentlich korrigiert werden – auf Basis weiterer Daten, und nicht auf den Beobachtungen und Vermutungen von Einzelnen. In diesem Artikel möchte ich auf ein paar häufige Aussagen eingehen, die vor allem darauf abzielen, die Gefahr, die von dem Pandemievirus ausgeht, zu verharmlosen und die gesetzten Maßnahmen als überzogen darzustellen.

Wahr: Das Virus ist unsichtbar und ansteckend, es gibt keinen Schutz in Form eines Impfstoffs. Es lässt sich für Individuen nicht so einfach nachprüfen, ob sie eine Teilimmunität besitzen. Es bedeutet Lebensgefahr für Gesundheitspersonal und Risikogruppen. Die Forschung an Behandlungsmöglichkeiten für andere Krankheiten läuft weiter, doch sind es gerade Menschen mit diesen Krankheiten, die jetzt unmittelbar gefährdet sind. Und wahrscheinlich lenkt gerade SARS-CoV2 den Fokus auf (seltene) Erkrankungen, die vorher trivialisiert wurden, wie die dauerhaften Spätfolgen durch ME/CFS, was auch von anderen Viruserkrankungen ausgelöst werden kann.

Falsch ist die Behauptung, andere Krankheiten oder Todesursachen würden Corona völlig untergeordnet.

Mit Krebs oder Herzkreislauf-Erkrankungen kann man sich nicht anstecken, das Virus hingegen ist dann am ansteckendsten, wenn sich die höchste Viruslast in den oberen Atemwegen befindet, unmittelbar vor den ersten Symptomen. Jede Kontaktperson könnte bereits infiziert sein, ohne es zu wissen. Der Kampf gegen den unsichtbaren Feind. Wäre das Virus ein echter Killer und würde rasch Symptome produzieren, könnte man die Pandemie rasch eindämmen. Es gibt keine Gewissheit, immer glimpflich davon zu kommen. Es schützt weder ein starkes Immunsystem, Leistungssport noch ein gesunder Lebensstil, alte Menschen mit Vorerkrankungen können die Infektion fast unbemerkt durchlaufen und junge Menschen daran sterben oder irreparable Nieren, Herz- oder Lungenschäden erleiden. Wer von uns weiß wirklich, ob er gänzlich ohne Vorerkrankungen ist? Wer macht jährlich die Gesunden-Untersuchung? Wer regelmäßig ein großes Blutbild? Wer weiß über eine mögliche T-Zellen-Kreuzimmunität Bescheid? Liegt die letzte Erkältung schon länger zurück? Reicht das schon? Es ist ein bisschen Russisch Roulette – vielleicht hab ich nur eine geringe Virusdosis erhalten und durchlaufe eine milde oder symptomfreie Infektion, vielleicht war es aber auch zu viel auf einmal und ich komme drei Tage nach dem Anruf der 1450 auf die Intensivstation. Dazu kommen die Menschen, die sich nicht für gesund halten, die schwere Vorerkrankungen haben, die gerade Krebs oder eine Transplantation ohne Rückfälle und Abstoßung gemeistert haben, deren Immunsystem aber noch geschwächt ist. Dann viele mit starkem Übergewicht, mit kardiovaskulären Erkrankungen oder Diabetes – alles große Risikofaktoren für einen schweren Verlauf bei einer Infektion. Zählen die Menschen, unter denen sich Freunde und Familienangehörige befinden, nichts mehr? Für sie ist die Gefahr einer Ansteckung real, und je mehr infiziert sind, desto größer die Einschränkung im Alltag, über viele Monate hinweg. Die politischen Maßnahmen, diese Risikogruppen zu schützen, waren zu wenig und was fehlt, ist eine massive Aufstockung der Finanzierung medizinischer Forschung und Behandlungsmöglichkeiten. Warum wird nicht mehr für die Vorsorge getan? Warum ernähren wir uns häufig so ungesund, warum kosten alkoholfreie Getränke mehr als Alkohol? Warum hat es so lange gedauert, bis das absolute Rauchverbot gekommen ist? Warum bauen wir künstlich so viel Stress und Druck im Freizeit- und Arbeitsleben auf? Wir hätten diese Fragen schon viel früher stellen sollen, lange vor der Pandemie. Mich erinnert das sehr an die Flüchtlingsdiskussionen, plötzlich sei Geld für sie da, aber nicht für „unseren“ Obdachlosen. Aber wer schert sich denn ernsthaft um sie? Welche Parteien wollen Bettler in der Stadt verbieten und rüsten Parkbänke so um, dass man nicht darauf liegen kann?

In einem Punkt gebe ich der Kritik recht und ich hoffe, man hat aus dem Lockdown gelernt, dass wichtige Vorsorgeuntersuchungen und Operationen nicht wegfallen dürfen. Es ist fatal, wenn sich Patienten fürchten, zum Arzt oder in die Spitäler zu gehen. Genau das passiert aber, wenn die telefonische Krankmeldung abgeschafft wird – auf Intervention der Arbeitgeber in der ÖGK, die Missbrauch befürchteten. Wir brauchen daher möglichst niedrige Fallzahlen, dass spezielle Ambulanzen bleiben und nicht für Covid-Patienten geräumt werden müssen.

Wahr: Eine individuelle Beobachtung ist niemals repräsentativ für eine große Anzahl an medizinischen Fällen. Österreich kam durch seine vergleichsweise geringen Infektionszahlen gut aus der ersten Welle, auch die Zahl der Erkrankten mit Langzeitfolgen blieb entsprechend gering. Im Mai war noch wenig über Langzeitfolgen bekannt, seit Juni häufen sich die Berichte von verschiedenen Organschäden bis hin zum Erschöpfungssyndrom ME/CFS. ME/CFS betrifft gerade auch zahlreiche junge Menschen – auf Twitter kann sich jeder selbst ein Bild unter dem Hashtag #meawarenesshour machen.

Falsch ist die Annahme, nur weil man selbst noch keinen Erkrankten mit Langzeitfolgen getroffen hat, dass diese nicht existieren würden.

Der egozentrische Ansatz: Ich kenne etwas nicht, also gibt es das nicht. Als Autist leide ich darunter mein Leben lang. Nicht am Autismus. Aber es ist für Menschen ohne Reizüberflutung oft unvorstellbar, dass Hintergrundgeräusche wie schreiende Kinder, Radiowerbung oder Verkehrslärm äußerst belasten und erschöpfen können, dass es unmöglich sein kann, dabei zu telefonieren oder überhaupt ein Gespräch am Laufen zu halten. Warum kennen viele von uns so wenige Schwer Erkrankte? Weil unsere Fallzahlen weitaus niedriger waren als in anderen Ländern bzw. in bestimmten Regionen. In der Lombardei und in Südtirol, aber auch in Madrid, New York oder Teilen Frankreichs wird man andere Erfahrungen gemacht haben als in Österreich. Dort, ist die Akzeptanz für Maßnahmen übrigens deutlich höher, was das Präventionsparadox beweist.

Durch den Lockdown und die strengen Regeln, die die Sozialkontakte beschränkt haben (Reiseverbote, keine Veranstaltungen) sind unsere Infektionszahlen nie so hoch gestiegen, dass eine große Zahl so schwer erkrankt ist, dass jeder von uns im Bekanntenkreis jemanden kennen könnte, der noch monatelang unter Einschränkungen im Alltag leidet. ME/CFS-Betroffene, die Covid19, Influenza oder andere virale Infekte durchgemacht haben, warnen davor, das Virus zu unterschätzen. Vernarbtes Lungengewebe nach längerer Beatmung kann zu irreparablen Schäden führen, verminderte Lungenkapazität, verkürzte Lebenserwartung. Auch Herzmuskelentzündungen können zu dauerhaften Einschränkungen führen, für Leistungssportler mitunter das Ende der Karriere. Selbst wenn man von kürzeren Einschränkungen ausgeht, wenigen Monaten, so heißt das für viele der Verlust ihres Jobs, weil sie sich so lange Krankenstände nicht leisten können.

Wahr: Hochgerechnet auf große Populationen sind selbst geringe Sterblichkeitsraten viel. Weltweit haben sich bisher rund 30 Mio. Menschen infiziert, 1 Mio. ist an den Folgen gestorben. Die USA haben 328 Mio. Einwohner, dort alleine ist ein Fünftel der weltweiten Toten gestorben.

Falsch ist es, Covid19 mit Grippe oder Tod durch Verkehrsunfälle zu vergleichen.

Selbst eine niedrige Sterblichkeitsrate von 0,5-1% bedeutet, dass bei einer hohen Population (Österreich hat 9 Mio Einwohner) immer noch viele Menschen sterben. 0,5% Sterblichkeitsrate sei harmlos. Wenn aber sehr viele gleichzeitig angesteckt werden, können nicht mehr alle gleich gut behandelt werden und dann steigt auch die Sterblichkeitsrate.

Würden nach jedem Fußballspiel im Ernst-Happel-Stadion (50000 Plätze) 250 Menschen sterben, würde keiner mehr ins Stadion gehen. Gegen die Grippe kann man sich jährlich impfen lassen, manchen aber die wenigsten. So kann sich keine Herdenimmunität aufbauen, wie man es bei Polio oder anderen Kinderkrankheiten geschafft hat. Bei Masern reißt es gerade wieder ein aufgrund der wachsenden Impfskeptikersekte. Viele Grippetote wären zu verhindern, wenn man sich impfen lassen würde und zudem nicht krank in die Arbeit geht. Das ist auch ein Problem der Machtverhältnisse im Land und der Prioritäten. Möchte man eine starke Abeitnehmervertretung? Österreich hat einen schwachen Kündigungsschutz im Krankenstand. Verkehrsunfälle sind genauso wenig gottgegeben. Zu schnelles Fahren, Alkohol am Steuer, Übermüdung, ist das nicht alles unnötig? Sind wir wirklich so vertrottelt? Wenn Autounfälle ansteckend wären – und die Zahl wäre nicht leicht sinkend oder ungefähr dieselbe wie im Vorjahr, sondern würde exponentiell ansteigen – , dann würde jeder Verantwortliche innerhalb sehr kurzer Zeit reagieren, weil er weiß, dass mit steigender Anzahl auch die Todesrate steigen wird (Erstversorgungs-Engpass!); wenn er eine Ahnung von exponentiellem Wachstum hat, dann würde SEHR schnell was unternommen.

Wenn es erst einmal einen Impfstoff gegen das Coronavirus gibt, wird man die Krankheit so behandeln wie andere auch – als eine, gegen die es einen Schutz gibt und für die wir nicht mehr so einen hohen Preis zahlen müssen wie die letzten Monate.

Wahr: Jeder Mensch hat ein Lebensrecht, egal wie alt oder krank er ist.

Moralisch verwerflich ist die Aussage, es träfe nur Menschen über 70 und Vorerkrankte. Zudem ist sie sachlich falsch.

Ist Dir Dein herzkranker Opa oder der leukämiekranke Cousin plötzlich wurscht? Und die geistig fitte Oma im Altersheim, die im Rollstuhl sitzt? Ist für sie jetzt die Zeit zum Sterben gekommen? Davon abgesehen können auch junge, fitte Menschen an Covid19 sterben, zwar selten, aber nicht ausgeschlossen. Die Altersschwelle für erhöhte Sterblichkeit ist allerdings nicht bei 70, sondern deutlich niedriger – abhängig von Vorerkrankungen.

Wahr: Das Virus in Österreich ist identisch mit dem Virus in Italien oder Spanien oder anderen schwer betroffenen Ländern. Geringe Mutationen sind nicht ausgeschlossen, fallen bisher aber nicht ins Gewicht. Es gibt keine Belege dafür, dass das Virus ungefährlicher wäre und harmlosere Mutationen nur in Österreich grassieren würden.

Falsch ist die Behauptung, dass Lebensstil und mieses Gesundheitssystem alleine für die vielen Toten in Spanien verantwortlich wären, und man die Situation dort daher nicht mit Österreich vergleichen könnte.

Die Situation mit besonders engem Körperkontakt aus sozialen Gepflogenheiten und die Großfamilien unter einem Dach mögen eine Rolle spielen, weshalb sich das Virus in Ländern wie Italien, Spanien und Frankreich so rasch verbreitet hat. Für UK träfe es jetzt tendenziell weniger zu und Schweden auch nicht unbedingt. Zwar sind Österreicher nicht für übertrieben viel Herzlichkeit bekannt (auch wenn das Bussi-Bussi vor Corona recht verbreitet war, selbst unter Männern), doch hatte die weitgehende Lockerung der Maßnahmen im Frühsommer zur Folge, dass die Zahl der Sozialkontakte sich verdoppelt hat. Laut Mario Dujakovic, Pressesprecher von Stadtrat Peter Hacker, sind es derzeit durchschnittlich zehn Sozialkontakte pro Verdachtsfall, im Mai/Juni waren es 3-4. Entsprechend steigt die Reproduktionszahl an, entsprechend steigen die Fallzahlen viel stärker als im Frühsommer. Wir bilden zwar im Schnitt weniger Großfamilien, aber wenn jede Woche eine andere Geburtstags- oder Hochzeitfeier indoor stattfindet, und in der jüngeren Generation eine Indoorparty nach der anderen, teilweise in illegalen Clubs oder Kellerbars, dann findet das Virus ideale Übertragungsbedingungen. So kann sich bei uns auch ohne Großfamilien rasch eine Situation aufbauen (exponentielles Wachstum!), in der die Zahl der Neuinfektionen so schnell steigt, dass die Ausbreitung nicht mehr kontrolliert werden kann. Sobald die jüngere Bevölkerung wieder vermehrt Kontakt mit Eltern und Großeltern hat, steigen auch die Todeszahlen wieder stärker an. Jetzt, wo auch Kinder vermehrt betroffen sind, wächst gerade die Gefahr bei den Großeltern deutlich. Im Gegensatz zur ersten Welle sind die Mediziner jetzt gerüstet und können medikamentös bewirken, dass weniger Patienten beatmet werden müssen und später versterben. Ein 100%iger Schutz ist das aber nicht.

Wahr: In Neuseeland wurde 100 Tage lang kein positiver Fall gemeldet, trotz rund 3000 PCR-Tests am Tag, also in Summe 300 000 PCR-Tests und darunter kein einziges falschpositives Ergebnis (Quelle: Mikrobiologe Michael Wagner, Uni Wien). PCR-Tests sind extrem spezifisch.

Falsch ist die Behauptung, dass es durch die extrem sensiblen PCR-Tests zu viele falschpositiven Tests geben würde.

Falschpositiv heißt: Der Test zeigt ein positives Ergebnis, obwohl keine Virus-RNA vorhanden ist. Wenn man nicht infiziert ist, sollte man negativ getestet werden. Das nennt sich Spezifität. Kritiker der PCR-Tests beziehen sich jetzt gerne auf einen Artikel in der New York Times, sind aber offenbar bei der Überschrift hängengeblieben. Selbst wenn nur Reste an Virus-RNA gefunden wurden, aber keine akute Infektion nachgewiesen werden konnte, war der PCR-Test noch korrekt: Es handelt sich um ein positives Ergebnis. PCR-Tests sind so sensitiv, dass viele positiv getesteten Menschen in der symptomfreien Phase getestet werden können:

Diese kann jedoch drei Ursachen haben:

  • präsymptomatisch (vor Auftreten erster Symptome)
  • durchgemachte Infektion (nach Abklingen der Symptome)
  • asymptomatisch (infiziert, aber niemals Symptome)

In diesem Interview kündet Christian Drosten an, dass man inzwischen aus den PCR-Tests auch ablesen könne, wie infektiös der Patient zur Zeit der Testung war. Eine durchgemachte Infektion spielt zwar für die Übertragung keine Rolle mehr, aber für das Individuum (Infektion überstanden) und für die Statistik. Bei symptomfrei ist sich die Wissenschaft nicht von Beginn an einig gewesen, wie Symptome definiert werden. Zu Beginn der Pandemie waren es Husten, Fieber, Atemnot. Später ist Fieber weggefallen, weil nur ein Drittel Fieber haben, dafür kam der Verlust des Geruchsinns dazu. Bei Kindern stehen Covid-Zehen, Übelkeit und Bauchweh im Vordergrund, bei anderen Schwindel und starkes Kopfweh. Zudem haben Untersuchungen von asymptomatischen Fällen gezeigt, dass selbst dabei ein signifikanter Anteil etwa Lungengewebsveränderungen aufweisen kann, selbst, wenn sie (zunächst) wenig davon spüren.

Es ist gerade in Österreich eher ein Problem, wenn positive Tests statistisch nicht weiter unterteilt werden, ebenso übrigens wie bei „genesen“, denn das heißt lediglich, dass der Körper frei von Virus-RNA ist, aber noch lange nicht, dass man gesundet ist.

Wahr: Symptomfreie Infizierte können genauso ansteckend wie symptomatische Infizierte sein, nämlich dann, wenn unspezifische Symptome wie Niesen, Husten nicht auf Covid19 selbst zurückzuführen sind, sondern auf bekannte Krankheiten wie Allergien oder gewöhnliche Erkältungskrankheiten. Die Gefahr von Doppelinfektionen ist, dass im allergiebedingten oder verkühlungsbedingten Niesen genauso Coronaviren verbreitet werden können. Selbst wenn man dieses Szenario weglässt, bleiben Situationen, in denen symptomfreie Infizierte weiterhin am gesellschaftlichen Leben teilnehmen, weil sie ja nichts spüren. Beim lauten Sprechen, Singen und Schreien wird eine vielfach höhere Virusmenge ausgestoßen als beim Atmen. Für die Prävention macht es keinen Unterschied, ob jemand prä- oder asymptomatisch ist. Masken tragen und aus Höflichkeit Mund halten, wenn Sprechen nicht unbedingt nötig ist, etwa Gespräche im Lift, Telefonate im Supermarkt oder in öffentlichen Verkehrsmitteln.

Falsch ist die Behauptung, die Mehrzahl der Infizierten wären symptomfrei und wir darum mehr Infektionen zulassen können.

Vor allem wird ein Prozess dabei nicht berücksichtigt, der aktuell schleichend verläuft und in diesem Diagramm sichtbar wird (Daten von gestern):

Zeitliche Entwicklung der Infektionen je nach Altersgruppe, von Mai bis heute

Die Infektionszahlen wachsen offenkundig in die Breite. Waren im Sommer vermehrt junge Menschen betroffen, sind es seit September auch gehäuft Menschen über 55 und auch in den älteren Altersgruppen steigen die Fälle wieder an. Das sind die Treiber der Intensivzahlen, der Menschen, die mit dem Tod ringen (werden). Jüngere Menschen sind tendenziell eher symptomfrei und erkranken seltener schwer. Auch bei den Kindern unter 15 nimmt die Zahl deutlich zu.

Was bedeutet das aber, wenn die Infektionszahlen in die Breite wachsen? Wir erinnern uns an den März, da gab es von Beginn an eine zeitliche Verzögerung zwischen Anstieg der Infektionszahlen, jenen der Intensivbettenbelegung und jenen der Todesfälle.

Das lässt sich am besten in einem Diagramm erklären, das die Zahl der Neuregistrierten, Hospitalisierten und Todesfälle in eine zeitliche Abfolge stellt.

Entwicklung Neuinfektionen und Spitalspflichtige von Februar bis September (7-Tages-Mittel), Quelle
Entwicklung Neuinfektionen und Todesfälle von Februar bis September (7-Tage-Mittel)

Der Knackpunkt im Verstehen ist die Verzögerung im Infektionsgeschehen.

Person A hat sich infiziert, es dauert im Schnitt 5-7 Tage, bis sie erste Symptome zeigt. Jetzt erst ruft A die 1450 und lässt sich testen, bestenfalls am gleichen Tag, manchmal auch mit Verzögerung. Das Testergebnis dauert auch 2-3 Tage im besten Fall, manchmal eine Woche. Vor den ersten Symptomen steckt sie Person B an. Weitere 3-7 Tage nach den ersten Symptomen kann ein schwerer Verlauf entstehen, dann kommt A ins Krankenhaus. Weitere 3-7 Tage vergehen bis zur Intensivstation und dann noch einmal rund drei Wochen, bis die Behandlung versagt und A stirbt. Wie man sieht, vergehen ein paar Wochen vom Zeitpunkt der Infektion bis zum Tod. Wenn man davon ausgeht, dass das Virus gleich ansteckend und gleich gefährlich ist wie zu Beginn der Pandemie und sich lediglich die Behandlungsmöglichkeiten verbessert haben, sodass die Todesfälle abnehmen, dann bleibt das Verhältnis von Infektionen – Spitalspflicht -Intensivpflicht identisch. Im Umkehrschluss heißt das aber, wenn die Spitalszahlen stark anziehen, dann ist das nur die Spitze des Eisberges von einer großen Gruppe an Infizierten, und dann ist die Dunkelziffer entsprechend hoch von jenen, die sich infiziert haben, aber noch keine Symptome zeigen. Nach wie vor gilt: Symptomfreie (prä- und asymptomatisch) erkennt man nur zufällig, als Kontaktpersonen oder bei breit angelegten Massentests.

Wahr ist: Die Zahl der Spitalspflichtigen steigt stark an, das heißt, eine große Anzahl der positiv Getesteten hat Symptome oder entwickelt diese später, sonst müssten sie nicht ins Spital kommen.

Falsch ist daher die Behauptung einer Ärztin, dass die zweite Welle eine reine Laborwelle wäre.

Wahr ist: Die Regierung fährt einen Schlangenlinienkurs, die strategischen Ziele ihrer Maßnahmen hat sie von Anfang an widersprüchlich kommuniziert.

Falsch ist die Behauptung, die Regierung würde unnötig Panik vor einem zweiten Lockdown schüren und der Bevölkerung Angst einjagen.

Im Mai und Juni wurde weitreichend gelockert, im Juni sogar die Maskenpflicht weitgehend abgeschafft. Bis weit in den August hinein gab es kaum Reise- und Veranstaltungsbeschränkungen, auch keine Personenzahlbeschränkung bei größeren (privaten) Feiern. Für mich nicht nachvollziehbar wurden auch Bars und Discos wieder geöffnet, obwohl dort weltweit die meisten Neuinfektionen stattfinden – man denke an einen bekannten Ort innerhalb Österreichs: Ischgl. Leidtragende der weitreichenden Lockerungen waren gerade jene Gruppe, bei denen von Beginn an gesagt wurde, dass wir wegen ihnen diese massiven Freiheitsbeschränkungen auf uns nehmen: Alte und Vorerkrankte. Sie wurden sich selbst überlassen.

Mein Eindruck der letzten Monate ist vielmehr mehr, dass die Regierung sehr widersprüchliche Aussagen trifft, angefangen von den 100 000 Toten vor Ostern über „jeder wird bald jemand kennen, der an Corona gestorben ist“ zu „gesundheitliche Krise ist überstanden“ (Juni) und „Licht am Ende des Tunnels“ zu „zweite Welle droht“ und „ich hätte ja schon Ende August verschärft“ (kurz nach dem Tunnelsager) bis zu „Impfstoff Anfang 2021“ und „der Sommer 2021 wird wieder normal sein“. Dieses ständige hin und her verunsichert mehr als eine klare Linie.

Eine Sterblichkeitsrate von 0,5% durch Corona wäre ein hoher Preis am Weg zur Herdenimmunität, wenn man die Pandemie einfach laufen lässt, weniger testet und die Wirtschaft nicht einschränkt. Hinzu kommt ein signifikanter Anteil von Erkrankten, die noch mehrere Monate mit chronischen Beschwerden zu kämpfen haben, einige auch mit Spätfolgen und Invalidität durch irreparable Organschäden und postvirale Erkrankungen wie ME/CFS, die bis heute weder bekannt noch heilbar sind.

Wir sind glimpflich durch die erste Welle gekommen und sollten dafür sorgen, dass es so bleibt.

Wenn ich so beobachte, wie sich die viele Menschen in Österreich in den letzten Monaten so verhalten haben, ist mein Eindruck weniger, dass sie besonders eingeschüchtert oder verängstigt wurden, sondern dass ihnen das Virus im Grunde längst scheiß egal ist. Kein Abstand, keine Masken, auch das mit dem Desinfizieren vorm Einkaufen beobachtet man immer seltener. Die wirklich eingeschüchterten Menschen sieht man nicht, denn die sitzen zu Hause und trauen sich nicht heraus, weil draußen eine Menge Leute denkt, es wäre inmitten einer Pandemie eine großartige Idee, indoor Partys zu feiern oder sich im Freundeskreis wieder abzuschmusen.

Angst ist kein guter Ratgeber. Wir sollten vielmehr Rücksicht nehmen und solidarisch mit jenen sein, denen eine gigantische Pleitewelle droht. Immer mehr Länder sprechen Reisewarnungen aus. Wenn schon die Argumente um die eigene Gesundheit und die der Mitmenschen nicht überzeugen, dann wenigstens das wirtschaftliche Argument, die Abhängigkeit Österreichs vom Tourismus.

In Regionen, die bei der ersten Welle stärker betroffen waren, wie New York, Lombardei, aber auch Teilen Deutschlands und selbst in manchen Orten von Österreich ist die Bereitschaft zur Mitwirkung an der Einhaltung der Maßnahmen wesentlich höher als dort, wo das nicht der Fall war. Was man selbst nicht kennt, glauben viele leider nicht. Ach ja,

There is no glory in prevention.

There is no glory in prevention.

There is no glory in prevention.

Ich bin Berufsmeteorologe, für meinen Bereich gilt dieser Spruch genauso.

Danksagung an Etosha fürs Korrekturlesen und Wortspenden.

Ein Gedanke zu “Tag 195: Whataboutism

  1. Den Vergleich „wenn Verkehrsunfälle ansteckend wären“ hast du ja eh schon eingebaut. Ich versteh auch nicht, was uns die Äußerer des Verkehrstoten-Vergleichs damit eigentlich mitteilen wollen.

    Eine ganze Technologiesparte ist mit Verkehrssicherheit befasst. Autos sind doppelt so groß wie 1970, nicht zuletzt, weil Sicherheit viel mehr Platz in Anspruch nimmt. Gesetzgeber und Exekutive sind ebenfalls mit Verkehrssicherheit befasst.
    Es kann also schonmal nicht „Gegen die wird auch nix getan“ sein, was man uns mitteilen will.

    Ich bin sicher, jeder einzelne Verkehrstote wurde von seinen Angehörigen NICHT einfach achselzuckend in Kauf genommen.
    „Die werden auch einfach in Kauf genommen“ kann also auch nicht die gemeinte Botschaft sein.

    Vielleicht wollen sie einfach das damit sagen:
    „Wegen denen muss ICH AUCH nix anders machen als sonst = ICH bin es, der die Verkehrstoten in Kauf nimmt, ICH tue dagegen ja auch nix – also wieso sollte ich anderswo auf andere Rücksicht nehmen?“

    Das würde dann aber vor allem über den Absonderer etwas aussagen, nicht über „die Gesellschaft“ und darüber, welchen Umgang mit einer anderen Problematik sie sich für Corona als Beispiel nehmen könnte.

    Generell glaube ich, dass von den Schwurblern einfach viele nicht ertragen, wie überaus irrelevant ihr „persönlicher Eindruck“ und ihr „Gefühl“ im öffentlichen Diskurs ist, was die Pandemie betrifft. Dass der Herr Doktor in der 15. Reihe genau niemanden kennt, der Langzeitfolgen hat… hat nicht das Geringste zu bedeuten und interessiert auch keinen, und DAS erträgt er sehr schlecht.

    In der Wahrnehmung der Öffentlichkeit dreht sich auch kein einziges leichteres Objekt um ein massereicheres Objekt. Und doch passiert im überwältigenden Großteil des Universums haargenau das, und obendrein in jeder einzelnen Sekunde. Spielt es dabei eine Rolle – oder ändert es gar etwas daran – dass der Karlheinz das aber noch nie selbst beobachtet hat, oder dass er ü-ber-haupt nicht diesen Eindruck hat? :)

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