Tag 261: Hohe Erwartung an die Impfung

Glückskatze: Ein frommer Wunsch, denn Glück haben wir mit unseren Politikern derzeit nicht.

Die Regierung hält am 7. Dezember als letzten Lockdown-Tag fest, als ob es nicht um Inzidenzen, Überlastung der Spitäler und Langzeitstrategien ginge, sondern abwechselnd um den Handel, um die Adventsmarktstandler, deren Geschäft sich mit jedem Tag ohne Öffnung weniger rentiert, um offene Schulen, die man braucht, damit der Handel öffnen kann, weil man sich um alternative Betreuungsformen keine Gedanken machen will, um den so bedeutenden Wintersporttourismus, weniger um den Städtetourismus, und weil die Massentests schließlich jedem ein frohes Weihnachtsfest bescheren sollen. Wesentliche Aspekte einer umfassenden Aufklärung der Bevölkerung fehlen selbst knapp neun Monate nach Beginn der Pandemie in Österreich, hier sind uns viele Länder voraus, die weitaus bessere Zahlen als wir haben, z.B. Island, Uruguay, Neuseeland, Finnland, Norwegen, Australien, Ghana, Ruanda, Südkorea, Vietnam, Mongolei, etc. Nicht alles davon sind Inselstaaten, Diktaturen oder haben zwingend demographische Vorteile. Und selbst wenn es so wäre: Sich nicht einmal mit den erfolgreichen Strategien dieser Länder zu befassen, sondern gleich abzuwehren mit der Ausrede „das funktioniert bei uns nicht“ ist nicht nur präpotent, sondern auch fahrlässig. Jeder Hinweis auf eine funktionierende Strategie, auf eine weitere Käsescheibe zwischen Virus und Wirt, hilft uns, die Fallzahlen herunterzubringen.

Hohe Erwartungen an den Impfstoff.

Derzeit stehen drei Impfstoffe vor der Zulassung:

  • Biontech/Pfizer: mRNA-Impfstoff (muss bei -70°C gekühlt und versendet werden) mit 95% Wirksamkeit, 2 Dosen im Abstand von 3 Wochen notwendig
  • Moderna: mRNA-Impfstoff (Kühlschranktemperaturen ausreichend) mit 94,5% Wirksamkeit, 2 Dosen notwendig
  • AstraZeneca: Vektorimpfstoff, 62-90% Wirksamkeit (Kühlschranktemperaturen ausreichend)

Problem 1: AstraZenecas Ergebnisse zeigen Unregelmäßigkeiten in der Wirkung und entsprechend braucht es mehr Daten, bevor über eine Zulassung entschieden werden kann. AstraZenecas Ergebnisse aus Phase 3 sind wissenschaftlich umstritten. Deswegen wird die Zulassung wahrscheinlich länger dauern als bei Pfizer und Moderna.

Die verringerte Wirkung bei der zweiten Impfdosis des AstraZeneca-Impfstoffs führen zahlreiche Virologen auf die sogenannte Vektorimmunität zurück, dass die Testpersonen eine Immunantwort gegen den Schimpanzenvirusvektor entwickelten, welche den Einfluss der Auffrischimpfung dämpfte. Eine halbe Dose zu Beginn würde theoretisch eine mildere Reaktion auf den Vektor auslösen. Mehr hier (ab ca. Min 10).
(PS: Ich verlinke hier absichtlich mehr als aufzudröseln, weil es über mein Verständnis hinausgeht. Alles, was ich daraus interpretiere, ist, dass die Zulassung noch länger dauern kann, bis alle Klarheiten beseitigt sind)

Problem 2: Österreich hat eine Reihe von Impfstoffen bestellt, die teilweise noch einen langen Weg zur Zulassung haben:

  • 3,5 Mio Dosen von Pfizer (mRNA) – Phase 2/3 kombiniert
  • 3 Mio Dosen von CureVac (mRNA) – Phase 2
  • 6 Mio Dosen von AstraZeneca (Vektorimpfstoff) – Phase 2/3 kombiniert
  • 2,5 Mio Dosen von Johnson & Johnson (Vektorimpfstoff) – Phase 3
  • 1,5 Mio Dosen von SANOFI, Protein-Subunit – präklinisch

Der Vaccine Tracker der New York Times gibt einen guten, aktuellen Überblick darüber, wie weit die einzelnen Impfstoffe in ihrer Entwicklung fortgeschritten sind. Daraus wird klar, dass von den bestellten 16,5 Mio Impfdosen im besten Fall nur 6 Mio. Dosen (Pfizer sowie Johnson & Johnson) in naher Zukunft zur Verfügung stehen, wobei im Abstand von drei Wochen erneut geimpft werden muss. Bei CureVac wird es noch länger dauern und SANOFI ist noch nicht einmal in Phase 1. Mit Moderna (Phase 3) und Novavax (Phase 3, proteinbasiert) wird zumindest derzeit verhandelt. Die Knappheit der Impfstoffdosen, auch im Hinblick auf die nötigen Auffrischimpfdosen nach kurzer Zeit, könnte dennoch ein Problem für den Zeitplan der Regierung darstellen.

Problem 3: Alle Impfstoffe, die derzeit in klinischen Studien getestet werden, werden in den Muskel gespritzt. Das schützt zwar die unteren Atemwege, aber im Gegensatz zu einer durchgemachten natürlichen Infektion nicht die oberen Atemwege, ausgenommen bei sehr hohen Serumtitern. Die meisten Impfstoffe werden also nur gegen eine Infektion der unteren Atemwege schützen und keine sterilisierende Immunität der oberen Atemwege erzeugen. Obwohl die Impfstoffe vor symptomatischer Erkrankung schützen, kann das Virus weiterhin übertragen werden. Lediglich die Virusmenge und die Dauer der Infektiösität wären verringert. Lebendimpfstoffe oder virale Vektoren (AstraZeneca?), die man als Nasenspray geben kann, würden auch eine starke Immunantwort auf der Schleimhaut erzeugen. Unglücklicherweise sind bisher nur wenige Impfstoffe in Entwicklung, die auf diese Weise injiziert werden können und keiner ist in klinischen Studien (Florian Krammer, 23.09.20).

Mit anderen Worten, und das ist nicht überraschend, die ersten Impfstoffe verhindern bestenfalls in den meisten Fällen einen schweren Verlauf, können aber zunächst die Übertragung des Virus nicht stoppen. Damit können auch geimpfte Personen das Virus verbreiten und eine angekündigte verpflichtende Impfung, etwa bei manchen Airlines (z.b. Qantas in Australien) würde nicht helfen, die Verbreitung des Virus einzudämmen. Die bekannten nichtpharmazeutischen Interventionen (NPIs) wie Abstand halten, Masken tragen und Händewaschen bleiben bestehen, bis alle durchgeimpft wurden und bestenfalls neuere Impfstoffe auch die Übertragung unterbinden können. Mit einem „Sommer der gewohnten Normalität“ wird es da knapp. Realistischer sind momentan Einschätzungen, dass wir bis zur Wintersaison 2021/2022 wieder einigermaßen wenige Beschränkungen riskieren können. Auch der saisonale Effekt der Virensaison kann uns im Frühjahr wieder helfen, vorausgesetzt, die Regierung rückt von ihrem sozialdarwinistischen Projekt der Herdenimmunität infolge Durchseuchung der jüngeren Bevölkerung (mit dem Risiko von weiteren hunderten Toten täglich und massenhaft Betroffenen mit Langzeitfolgen) vorzeitig ab.

Mangelnde Aufklärung weiterhin großes Problem

Ein paar Fakten zum Schluss, die den derzeitigen Kurs der Regierung (und leider auch der Opposition) in den nächsten Wochen in Frage stellen werden:

  • Kinder nehmen am Infektionsgeschehen teil. Warum wird das selbst von Kinderärzten abgestritten statt sich zu überlegen, wie man die Schulen so sicher wie möglich machen kann, einerseits durch Maskenpflicht für Lehrer und Kinder im Unterricht, durch Hybridunterricht, Ausdünnung der Klassen, Luftfilter, fortgeführtes Distance Learning und andererseits durch regelmäßige Antigentests und generell niedrige Inzidenz in der Bevölkerung?
  • Das Virus wird vor allem über Aerosole übertragen. Das haben Länder wie Griechenland, Kanada, Schweiz oder Deutschland längst begriffen, auch in Österreich ist es abseits vom Gesundheitsministerium und der AGES angekommen und sogar als Positionspapier vorgeschlagen, um den Unterricht sicher zu gestalten. Warum ist das wichtig? Wie selbst beobachtet: Verkäufer und Angestellte hinter einer Plexiglasscheibe sind nicht vor Ansteckung geschützt und müssen eine Maske tragen, auch um andere zu schützen. Ob Trafik, Post, Hofer oder Busfahrer – die Maskenpflicht gilt offenbar nicht bei (nicht vollständig abdichtender!) Plexiglasabtrennung. Ebenso sprechen aktuelle Verordnungen immer noch von einem Meter Abstand und erst bei Unterschreitung des Meters von Maskenpflicht. Das erklärt auch viele Cluster in den Alten- und Pflegeheimen sowie in Spitälern, wo Masken erst dann verpflichtend vorgeschrieben waren (sind), wenn der Abstand unterschritten wurde. Stoffmasken halten zwar große Tröpfchen auf, nicht aber Aerosole. Wer stundenlang gemeinsam im Bus sitzt, ist eben auch nicht mit Stoffmasken sicher, da sich Aerosole anreichern.
  • Echte Triage gibt es bereits in manchen Bundesländern, z.B. in Kärnten oder Oberösterreich. Das sagen Intensivmediziner unter Berufung auf aktuelle AGES-Daten (Hospitalisierung und Intensivbettenbelegung bei geringeren Gesamtkapazitäten als in Wien).
  • Risikogruppen gibt es mit und ohne Vorerkrankung, jung und alt. Das Märchen von Risikogruppen nur ab 65+ steht für den schwedischen Weg, den Allerberger mit seinem Freund Tegnell gefordert und gefördert hat. Problematisch könnte es nächstes Jahr werden, wenn nach der Impfung der sogenannten Risikogruppen und weitreichender Lockerungen wieder vermehrt jüngere Patienten auf den Intensivstationen landen bzw. auch nach leichtem Verlauf unter Longcovid leiden (im Menüpunkt Spätfolgen gibt es jetzt einen Unterpunkt Österreich).
  • Schwere Verläufe betreffen derzeit mehrheitlich Migranten, die von der Regierung nicht adressiert werden.

Anlass ist ein Interview von Köksal Baltaci mit Intensivmediziner Burkhard Gustorff in der „Presse am Sonntag“, 29.11.20.

Darin wird konstatiert, dass mehrheitlich Migranten aus den Balkanstaaten, Südpolen und der Türkei in seinem Spital (Ottakring) liegen. Es wird spekuliert, dass bei diesen Ländern die größten Sprachbarrieren bestehen würden, dass es prekäre Bedingungen wie beengte Wohnungen wären und die Informationen der Regierung nicht ankommen würden. Zudem gibt es ein Ost-West-Gefälle bei Übergewicht, Diabetes und Nierenschäden. Ein Großteil der Intensivpatienten ist übergewichtig. Judith Kohlenberger vom Institut für Sozialpolitik (WU Wien) kritisiert die einseitige Ursachenbetrachtung:

Kommunikationsbarrieren und beengte Wohnverhältnisse hängen weniger mit Migrationserfahrung als mit dem sozioökonomischen Status zusammen. Migranten sind in systemerhaltenden Berufen überrepräsentiert und damit einer höheren Last und einem höheren Risiko ausgesetzt. Bin z.b. sehr sicher, dass ein hoher Anteil des Reinigungspersonals in der Klinik Ottakring, wo dieses Interview geführt wurde, Migrationshintergrund hat. Weniger sicher bin ich mir, ob die auch alle täglich frische FFP2-Masken zur Verfügung gestellt bekommen. Gesundheit korreliert mit sozioökonomischen Stand und Bildung. Das bedeutet aber nicht (wie es hier leider durchklingt), dass arme Menschen halt einfach „weniger auf sich schauen“, einen schlechten Lebensstil wählen. Gesundheit ist eine zutiefst ungleich verteilte Ressource. Das liegt an weniger Möglichkeiten zur psychischen und physischen Prävention – aus Geld- und Zeitmangel u.v.a in sich verschränkten Gründen (siehe Interview mit Medizinsoziologe Matthias Richter)

Judith Kohlenberger, Twitter, 29.11.20

Es ist eben auch jene Bevölkerungsgruppe, die in den Reden der Regierungspolitiker so gut wie nie adressiert wird (liebe Österreicher) und denen als erstes der Sündenbock („Das Virus kommt mit dem Auto“) zugeschoben wurde, als die Fallzahlen im Spätsommer wieder deutlicher zu steigen begannen. Es sind eben jene Reinigungskräfte, 24h-Pflegerinnen und Supermarkt-Mitarbeiter, die seit Ausbruch der Pandemie Höchstleistungen vollbringen, weil es viel Arbeit und wenig Personal gibt, ohne eine besondere entgeltliche und unentgeltliche Wertschätzung dafür zu erfahren.

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