Tag 279: Wir müssen über Spätfolgen einer Covid-Infektion reden

Quelle: Covid-19 „Long Hauler“ Symptoms Survey Report, Indiana University Schoolf of Medicine and Survivor Corps, not peer-reviewed

Der Beginn des ersten Lockdowns war vor recht genau neun Monaten. Wir, und damit meine ich alle, die seit Beginn auf Wissenschaftler hören, die unbequeme Fakten aussprechen, wissen, dass Aerosole eine zentrale Rolle in der Verbreitung des Virus spielen, können nicht leugnen, dass Kinder sich infizieren und andere anstecken können, und das bei der Wahl der Schutzmaßnahmen eine gewichtige Rolle spielt, egal wie viel oder wenig sie zum Infektionsgeschehen beitragen. Wir wissen, wie effektiv Masken sind und wir wissen seit Monaten schon, dass Langzeitfolgen existieren. In Österreich gibt es weiterhin nur die Unterscheidung in „gesund“, „genesen“ und „Intensivstation“, „tot“ und keinen Graubereich dazwischen.

9 Monate in der Pandemie und weiterhin Verharmlosung!

Voraussetzung für Änderungen bei der Maskenpflicht wäre ein deutlicher Rückgang der Infektionszahlen oder eine Entspannung der Risikosituation, wenn ältere und vulnerable Gruppen geimpft sind. Es dauere eine gewisse Zeit, bis die vulnerablen Gruppen durch die Impfung geschützt seien, doch dann verändere sich die Risikosituation, so Bildungsminister Faßmann am 16. Dezember im Ö1-Morgenjournal.

Ebenfalls im ORF und von zib2-Moderator Armin Wolf ganz prominent für viele Zuseher hörbar die Frage nach der Sinnhaftigkeit einer Impfung für junge Menschen:

„Wenn sich jetzt ein gesunder 30jähriger denkt, sollte ich Corona bekommen, dann überstehe ich das wahrscheinlich als gesunder, junger Mensch relativ problemlos. Bei der Impfung kriege ich jetzt mit 90%iger Wahrscheinlichkeit, sagen Sie, eine unangenehme Reaktion. Was würden Sie dem raten?“

Armin Wolf am 15.12.20 in der zib2, Frage an Infektiologe Kollaritsch

Kollaritsch antwortete, dass die Impfreaktion (Nebenwirkung) vergleichbar sei mit einem harmlosen Verlauf einer Coviderkrankung, aber das kleinere Übel sei gegenüber einem schweren Verlauf. Leider auch im weiteren Verlauf des Interviews diese Aussage:

„Außerdem ist gerade im Fall von Covid19 sind ja die Kinder und die Adoleszenten nicht die primäre Zielgruppe, weil sie eben, wie Sie gerade ganz richtig gesagt haben, bei weitem nicht so schwer erkranken und auch epidemiologisch nicht so eine bedeutende Rolle spielen wie erwachsene oder ältere Menschen.“

Infektiologe Herwig Kollaritsch am 15.12.20 in der zib2

Gesundheitsminister Anschober, der seit März in praktisch jeder Pressekonferenz und in jedem Interview davon spricht, wie entscheidend die nächsten Wochen wären, auf die Frage, wann es eine Impfzulassung gibt, „Ein paar Wochen sind nicht entscheidend. Und deshalb gibt es auch kein genaues Datum, für den Beginn der Impfungen in Österreich“ (Ö1-Mittagjournal, 15.12.20).

Am 10. Dezember gab Anschober weiterhin als rote Linie die Zahl der Intensivbetten aus:

Das wichtigste Ziel sei weiterhin, die Kapazitäten des Gesundheitssystems nicht zu überfordern. Triagen sollten nicht eingesetzt werden. Das sei als Hauptziel definiert worden.

Gesundheitsminister der Grünen, Anschober, in der Pressekonferenz vom 10.12.20

Schlimm genug, dass ich mit meinen ORF-Gebühren die seit Monaten anhaltende Verharmlosung von Covid-Infektionen mitfinanzieren muss. Schlimm ist aber auch, wie der Gesundheitsminister einer Partei, die ich bis zur Koalition mit den Türkisen als menschenrechtsfreundlich wahrgenommen hatte, mit Triage als rote Linie argumentiert, und das seit Monaten (siehe Faktencheck von Tag 241, 08.11.)

Es gibt keine verwirrende Ampel mit Kategorien wie „Intensivbetten“ oder „Alter der Fälle“. Entscheidend bleibt allein die Zahl der Neuinfektionen. Voll richtig, denn es gibt bei SarsCoV2 wegen Unberechenbarkeit quasi keine harmlose Infektion. Massenhaft Fälle bedeutet Elend.

Epidemiologe Karl Lauterbach am 29.09.20 zu den Beschlüssen der Ministerpräsidentenkonferenz in Deutschland

Es ist für mich unerträglich, zwischen Realität und Paralleluniversum wechseln zu müssen. In letzterem bewege ich mich, sobald ich meine Twitterapp schließe und mit den Menschen da draußen interagiere. Mit Kollegen, aber auch im Bekanntenkreis. Niemand weiß, dass es Triage bei uns längst gab und gibt. In Deutschland hat sich das ein Klinikdirektor aus Sachsen getraut, zuzugeben, wohingegen in Oberösterreich, wo die Inzidenz teilweise das zwei- bis dreifache von Sachsen betrug, alles in bester Ordnung zu sein scheint. Es gehen aber auch immer noch viele davon aus, dass es sie schon nicht so schlimm erwischen wird, dabei betrifft es auch pumperlgesunde Menschen, wie diese packende Doku vom SWR gestern gezeigt hat. Warum sollte es in Österreich besser sein? Es ist das gleiche Virus, es unterscheidet nicht zwischen Nationalitäten.

Verschiedene Arten von Spätfolgen

In meinen Augen gibt es altersunabhängig vier schwerwiegende Spätfolgen neben dem Tod als Endpunkt einer schweren Covid-Erkrankung:

Wir haben junge Menschen mit Gedächtnisstörung, schlechter Nierenfunktion, massiver Leistungseinschränkung, betroffenem Herzmuskel. Es ist nicht gut zu sagen: ‚Ich bin jung. Wenn ich krank werd, ist es egal.‘ So ist es nicht!“

Intensivmedizinerin Barbara Friesenecker „Im Zentrum“, 01.11.20

Zu beachten ist vor allem, dass selbst nach einer milden Erkrankung ein längerer Sportverzicht droht. Manche Ärzten raten bis zu einem halben Jahr Sportpause und auch in den ersten Wochen nicht einmal Spaziergänge, um keine Herzmuskelentzündung zu riskieren. Als leidenschaftlicher Bergwanderer wäre das für mich eine Katastrophe. In den meisten Fällen scheint sich die Lunge wieder zu erholen, die Schäden müssen nicht zwingend bleibend sein. Aber will man es wirklich darauf ankommen lassen?

Je nach Studienautoren sind 10-35% aller Covidinfektionen mit Spät- oder Langzeitfolgen einhergehend. Ich habe dazu eine umfangreiche Literatursammlung aufgebaut. Es ist in Summe zu viel dazu geforscht worden, als dass man das in Österreich leider noch übliche Totschlagargument „man weiß noch viel zu wenig über Langzeitfolgen“ verwenden kann.

ZeroCovid statt Triage verhindern

Es zeigt vor allem eines: Einzig eine ZeroCovid-Strategie wird der tatsächlichen Gefahr durch Covid19 gerecht. Das haben wir nach der ersten Welle versäumt umzusetzen. Stattdessen wurde lange Zeit geglaubt, man könne sich eine gewisse Zahl an Neuinfektionen erlauben, solange es genug Spitalsbetten gibt. Die Belegung der Spitalsbetten sind aber nur die Spitze des Eisbergs. Die vielen milden Verläufe von Menschen jeglichen Alters, auch ohne Vorerkrankungen, die aber noch monatelang zu Beschwerden führen, tauchen in der Statistik nicht auf. Dabei wären sie mithilfe eines anonymisierten Fragebogens leicht erfassbar. Was geschieht mit jenen, deren Spätfolgen nicht erkannt werden? Ein gewisser Teil wird plötzlich schwer krank oder verstirbt, weil sie zu früh mit Belastung und Sport begannen und eine Herzmuskelentzündung zu spät oder gar nicht erkannt wurde. Herzinfarkte und Schlaganfälle zählen zu den Spätfolgen einer nicht richtig auskurierten viralen Infektion. Sie tauchen dann nicht zwingend in der Covid-Todesstatistik auf. Covidkranke, die über Wochen und Monate anhaltende Symptome haben, darunter auch Gedächtnis- und Konzentrationsstörungen, sind vielfach nur eingeschränkt oder gar nicht arbeitsfähig, fehlen in den Betrieben, verschärfen Personalmangel, sind mit Kündigung bedroht und fallen im Haushalt der Familien aus. Das will keiner.

Die Zeit nach der Impfung der Risikogruppen wird am gefährlichsten

Nicht, dass es später wieder heißt, dass das ja keiner wissen konnte:

Wir werden dann aus dem Sommer rauskommen und werden dann auch große Infektionszahlen sehen in einer Bevölkerung, die wir im Moment nicht haben. In der gesunden, normalen, jüngeren Bevölkerung, wo keine Risikofaktoren sind. Kinder zum Beispiel werden zu der Zeit durchinfiziert werden in großem Maße und auch deren Eltern. Auch jüngere Erwachsene, die eigentlich keine Risikofaktoren haben. Wir werden dann auf den Intensivstationen in Deutschland eine andere Art von Intensivpatient sehen. Nämlich diejenigen, die aus voller Gesundheit, vollkommen überraschend einen schweren Verlauf bekommen haben. Die sehen wir jetzt schon, die gibt es jetzt schon manchmal. Die wird es dann in großen Zahlen geben.

Virologe Drosten am 08.12.20 im NDR-Podcast [Nr 68]

Darauf zielt die Strategie der österreichischen Regierung aber ab, die LongCovid ausblendet und Risikogruppen nur nach dem Alter und der Übersterblichkeit durch Covid19 beurteilt. Wir werden also im Frühjahr und Sommer nach der Impfung der 65+ Generation und eng definierten Hochrisikogruppen bald eine lauter werdende Debatte erleben, wo es zu umfangreichen Lockerungen kommen soll und wird. Das ist in gewisser Hinsicht vergleichbar mit den umfangreichen Lockerungen nach der ersten Welle. Etwa ab Juli schon fühlte ich mich zunehmend unsicher, als die Maskenpflicht weitgehend fiel und die Fremdverantwortung abgeschafft wurde. Plötzlich war man als jemand, der sich vor der Infektion schützen wollte, in der Minderheit und musste mehr Verzicht und Vorsicht üben als die Mehrheit, die wieder so leben wollte wie vorher und das teilweise auch tat – mit den bekannten Folgen.

Wenn die Regierung auch aus der zweiten Welle nichts lernt, und davon ist auszugehen, und Journalisten weiterhin so tun, als ob sie wissenschaftliche Methoden nichts angingen und ohne Vorbereitung in Interviews mit Experten und Scheinexperten gehen, wo Aussagen nicht kritisch hinterfragt und nach konkreten Studien gefragt wird, dann laufen wir im Sommer und Herbst in ein Desaster. Gleichzeitig wurde schon angekündigt, dass die kolportierte Harmonisierung der Leistungen nach oben durch die Kassenfusion nicht haltbar ist, sondern Leistungen nach unten harmonisiert werden (heißt für mich: nur noch 1 Paar Schuheinlagen wird gezahlt statt zwei, und ich bräuchte eher vier), dann trifft das sehr viele mit und ohne Covid, denn auch ohne Covid sind viele von Kurzarbeit und Arbeitslosigkeit betroffen, sehen sich mit Einkommensverlusten im Ausmaß von 20-45% konfrontiert.

Die Impfung bringt eine langfristige Besserung, aber keine kurzfristige. Dafür gäbe es weitere Käsescheiben, wenn sie denn endlich vernünftig umgesetzt würden. Wir haben die Antigentests, wir haben Masken und mit Trickkiste einen FFP2-Masken-Produzenten in Österreich, es gibt ein paar zusätzliche präventive Maßnahmen, um einerseits das Ansteckungsrisiko (z.b. mit Nasen- und Rachensprays) zu vermindern, andererseits das Risiko eines schweren Verlaufs (Vitamine und Mineralstoffe) und die Hoffnung stirbt zuletzt, dass Penningers Arznei zum Gamechanger wird. Aber man muss diese vielen Käsescheiben auch wirklich einsetzen wollen, und das geht nur, wenn klar ist, dass wir in einer Welt leben wollen, in der das Leben von alten und vorerkrankten Menschen wichtiger ist als brummende Wirtschaft und makellose Schullaufbahn der Kinder, und dass unabhängig vom Alter einschließlich Kindern Langzeit- und Spätfolgen von Covid19 einen wesentlichen Prozentsatz der Neuinfektionen ausmachen werden. 10-30% Betroffene ist nicht nichts, das ist wirklich signifikant.

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