Tag 309: Vor der Lockdown-Verlängerung

aus dem „Standard“-Forum

Ich bin noch eher skeptisch, ob jetzt das große Umdenken kommt in der Regierung. Gestern fanden erste Beratungen der Regierungen statt, heute, Samstagvormittag, eine Expertenrunde, von denen vier vor die Presse traten, erfreulicherweise ohne einen Politiker daneben. Das ist neu. Ihre Aussagen waren recht deutlich, wenn auch teilweise realitätsfern. Verpflichtendes Homeoffice, um die Kinder zuhause betreuen zu können – das bringen nicht alle unter einen Hut, sei es wegen beengter Räume, wegen dem Job selbst, wegen einem Mangel an Computer/Laptops/Tablets. Da hätte man sich an Uruguay orientieren können, einem erfolgreichen Südamerikastaat, der allen Schülern gratis Tablets anschaffte. Aber wir sind hier in Österreich, wir haben fest damit gerechnet, dass keine zweite Welle im Herbst kommt, sonst hätte man im Sommer alles vorbereiten können.

Zwei Meter Abstand und FFP2-Masken: Warum erst jetzt?

FFP2-Masken-Pflicht klingt gut, doch muss sichergestellt sein, dass es genug davon gibt, wie der Präsident des ÖGB, Wolfgang Katzian, heute im Mittagjournal bekräftigte. Zudem muss sie für alle leistbar sein, sonst kommen nur die Besserverdiener in den Genuss der Bewegungsfreiheit. Ein Euro Selbstkostenpreis, wie Labordiagnostiker Oswald Wagner so flapsig meinte, sind zwar günstiger als der derzeitige Verkaufspreis von fünf Euro, aber für viele prekär Arbeitende und Arbeitslose trotzdem nicht leistbar, insbesondere auch dann nicht, wenn die ganze Familie welche braucht und die Masken regelmäßig gewechselt werden müssen.

Ein weiterer Punkt, der für alle Masken gilt: Wie trägt man sie korrekt, sodass sie dicht sitzen? Wie oft sollte man sie wechseln? Wie kann man sie lagern und wiederaufbereiten? Woran erkennt man zertifizierte Masken? So sind die viel beworbenen wiederverwendbaren Living Guard Pro-Stoffmasken, die manche tragen und angeblich 99,9% der Viren abtöten, tatsächlich nur FFP1-Masken und haben lediglich einen Filterwirkungsgrad von 80%, wie diese Aufstellung zeigt. Ich trage zertifizierte FFP2-Masken von Trickkiste AG, bei Erstgebrauch haben sie sogar FFP3-Qualität. Sie sind bis zu 30 Mal wiederaufbereitbar und haben den Vorteil, dass sich das Material individuell an die Gesichtsform anpassen lässt. Im Gegensatz zu den Standardgrößen der FFP2-Masken läuft mir damit praktisch nie die Brille an, was ein Zeichen für eine Lecklage ist. Zudem haben sie einen geringeren Atemwiderstand und werden dadurch auch langsamer feucht. Feuchte Masken verlieren rasch ihre Wirkung, ebenso erhöht sich die Durchlässigkeit deutlich, wenn man einen Bart trägt. Die Haut muss wirklich glatt rasiert sein, damit die Maske dicht sitzt. Masken, die man am Hinterkopf zusammenbindet oder spannt, sind dichter als jene, die man an den Ohren befestigt, wie die einfachen OP-Masken. Die Ohrenschleifen leiern zudem aus.

Und überhaupt, das ganze Framing um Abstände erweitern und FFP2-Masken ist schon wieder falsch:

„Die deutlich infektiösere britische Mutation des Corona-Virus erfordere auch eine Anpassung, also Erweiterung, der bisherigen Abstandsregeln“

Pressekonferenz am 16. Jänner 2021

Das ist falsch!! Wir wissen seit letztem Frühjahr schon, dass sich das Virus überwiegend über Aerosole verbreitet und nicht nur über große Tröpfchen, die mit der Schwerkraft rasch zu Boden sinken. Selbst wenn man Tröpfcheninfektion herangezogen hätte, müsste der Mindestabstand zwei bis drei Meter betragen, denn so weit fliegen Tröpfchen im Durchschnitt. Der klinische Epidemiologe Robert Zangerle hat in seiner Seuchenkolumne bereits am 22. September 2020 darauf hingewiesen, dass man Abstand nehmen müsse von falschen Dichotomisierungen. Ob ein oder zwei Meter, ist hier nicht der Punkt, sondern wie gut durchlüftet der Raum ist, in dem ich mich gerade befinde. An einem windigen Tag wie heute, reicht draußen auch ein Meter, aber in einem schlecht durchlüfteten Raum wie in einer Schulklasse mit 25 Kindern mit gewisser Lautstärke reichen auch zwei Meter nicht mehr. Die Aerosole reichern sich im Klassenraum an.

Viel wichtiger als definierte Abstände oder „enger Kontakt für 15 Minuten“ ist diese Risikomatrix, die es seit Ende August gibt und in etliche Sprachen übersetzt wurde.

Quelle: https://www.bmj.com/content/370/bmj.m3223

Damit kann jeder selbst abschätzen, wie gefährdet er ist. Ich würde sogar noch einen Schritt zurückgehen, denn lüften, lüften, lüften ist zentral zur Senkung des Ansteckungsrisikos. Man bräuchte verpflichtende CO2-Ampeln im Büro, im Klassenzimmer, in den Öffis, überall dort in Innenräumen, wo sich die Menschen länger aufhalten. Und wenn die Ampel einen Grenzwert überschreitet, müssen alle raus bzw. die Fenster auf. Und dann kann keiner mehr motschkern wegen der Kälte. Die Sicherheit geht vor. Jede Blasenentzündung wegen einer Verkühlung ist ein Kinderspiel gegenüber einer Covid-Infektion, die im Körper Kirtag feiert.

Die Verdopplung des Abstands ist jetzt allenfalls symbolisch zu verstehen, die Aerosole fliegen wegen der Mutation nicht weiter, sondern unterliegen denselben physikalischen Gesetzen wie vorher. Einzig das Risiko hat sich erhöht, entweder werden mehr Virenpartikel pro Aerosol ausgeschieden oder es reichen weniger Virenpartikel pro Aerosol, um infiziert zu werden, sehr wahrscheinlich sogar beides, weil die Mutation sowohl eine höhere Virenlast in den oberen Atemwegen bedingt als auch die ACE2-Rezeptoren empfänglicher für das Virus macht.

Und zu den Masken: Die selbst gemachten Stoffmasken waren von Beginn an als Lückenfüller gedacht, bis der Engpass an FFP2/3-Masken behoben worden ist.

„Neun Monate später tragen die Leute immer noch Stoffmasken, ohne Anleitung, wie sie zu tragen sind und ohne Möglichkeit, sich die spezifischen mehrschichtigen Masken zu besorgen, von denen wir wissen, dass sie effektiver filtern.“

Zeynep Tufekci, Frozen in Place, 15.01.21

In Österreich gingen wir leider im Sommer einen anderen Weg, als die nutzlosen Gesichtsvisiere dem Mund-Nasen-Schutz sogar noch gleichgesetzt wurden und die noch sinnloseren Kinnvisiere geduldet wurden.

Zero Covid ist kein Wunschdenken

Die FALTER-Journalistin und Historikerin Barbara Tóth schrieb gestern auf Twitter:

Ich finde es nicht richtig, dass Bezirke, die seit Wochen wenig Infektionsgeschehen haben (darunter ganz Wien) nun zum zweiten Mal nicht auf ORANGE runtergestuft wurden von der Ampelkommission. Beide Male wurden die Anträge der betroffenen Bezirke/Stadt abgelehnt mit dem Hinweis, die Gesamtlage ist zu gefährlich. Mein Argument: Es wäre ein Anreiz, auch für die Pongauer, Hermargorer & alle anderen Bezirke, die gerade fatal unterwegs sind, wenn sie wissen: wenn wir uns gemeinsam anstrengen, gibt es mehr Freiheiten: Viel sinnvoller als die ZeroCovid-Initiative, die einen totalen Shutdown will. Das sind totalitäre Phantasien, erschreckend.“

Dazu sollte man vielleicht voranstellen, dass Wien immer noch eine 7-Tages-Inzidenz von 122 aufweist, erst ab 50, besser noch 25, rechnet man mit einem funktionierenden Contact Tracing. Außer Rust im Burgenland hat derzeit kein einziger Bezirk in Österreich eine Inzidenz von 50 oder weniger. Lockerungen sind erst dann sinnvoll, wenn sie nicht zwei Wochen später wieder in einem Lockdown enden. Toth, die seit Monaten bestreitet, dass Kinder am Infektionsgeschehen teilnehmen wie Erwachsene auch, möchte schon bei höheren Infektionszahlen lockern, was selbst ohne Mutation nur zu den bekannten Folgen von steigenden Infektionszahlen, erneuten Schließungen und erneuter Überlastung der Spitäler führen würde.

Die Vertreter der ZeroCovid-Initiative, sowohl auf nationaler Ebene (Offener Brief an die Bundesregierung) als auch auf europäischer Ebene (Containing Covid19) fordern eine Strategie, die die Infektionszahlen so niedrig wie möglich hält. Nur so verhindert man einen weiteren Lockdown, nur so kann man das Infektionsgeschehen regional wieder mit Contact Tracing beherrschen, nur so werden die Spitäler dauerhaft entlastet, dass wieder Routinebetrieb stattfinden kann und keine Kollateralschäden mehr entstehen, etwa, indem chronisch kranke Patienten und solche mit potentiell tödlichen Erkrankungen wie Krebs wieder die bestmögliche Behandlung erhalten und gleichzeitig davor geschützt werden, sich im Krankenhaus anzustecken. Nur so wird auch Pflegepersonal geschützt, denn Risikogruppen in Alten- und Pflegeheimen schützen ist gescheitert. Nur so kann man die Gesamtbevölkerung vor LONG COVID schützen, deren Folgen weitaus häufiger, schwerwiegender und anhaltender sind als äußerst selten auftretende Nebenwirkungen von Impfstoffen. Und nur so verringert man auch die Zahl der Personen, die als Kontaktperson bzw. Verdachtsfall in Quarantäne müssen und der Wirtschaft entzogen werden. Mit einer unkontrollierten Vermehrung der Infektionen sind auch kritische Infrastruktur und Grundversorgung in Gefahr – alle Bereiche, die kein Homeoffice machen können und einem erhöhten Infektionsrisiko ausgesetzt sind. Und nur durch niedrige Fallzahlen verhindert man weitere Mutationen, die noch ansteckender machen, die kränker machen, gegen die unsere Impfstoffe nicht mehr wirken. Spätestens dann hätten wir wirklich das Problem, dass das Virus nicht mehr weggeht, dass der jetzige Elendszustand zum status quo wird. Das will NIEMAND.

Wir WAREN bereits am Stand von Zero Covid!

Zahl der Neuinfektionen pro Tag von Februar bis Ende Juni

Nach dem ersten Lockdown hatten wir von Mitte April bis Mitte Juni rund 30-50 tägliche Neuinfektionen, das entspricht einer 7-Tages-Inzidenz von grob gerundet 0,3. Ungeachtet dessen, dass damals auch wesentlich weniger getestet wurde als heute, blieben die Neuinfektionen mehrere Wochen lang auf einem stabil niedrigen Niveau.

Zu den genannten Vorschlägen, wie wir die Inzidenz senken können, gibt es noch weitere, wie am Tag 87 (06.06.20) zusammengefasst. bzw. auch die Gegenüberstellung von erfolglosen und erfolgreichen Strategien (Tag 276).

Was ich aber für ganz wichtig halte, und das ist in Österreich aufgrund der neoliberalen Schlagseite mit xenophober Diktion nicht gelungen: Lockdown-Maßnahmen sind nur dann erfolgreich, wenn man die Bevölkerung unterstützt! Ein Fortschritt ist sicherlich, wenn Experten, wie heute, offen fordern, dass wir uns kein fixes Datum für das Lockdown-Ende setzen, sondern eine fixe Schwelle wie 50 Neuinfektionen pro 100 000 Einwohner, und erst, wenn diese erreicht wird, wird gelockert. Regional kann früher gelockert werden, aber mit Ziel und Augenmaß. Im Jahr 2019 mussten über 50% aller aktiven Erwerbstätigen pendeln. Es nützt nichts, wenn man jetzt Wien herabstuft, aber die Pendler das Virus aus ihren schwer betroffenen Bezirken wieder mit in die Stadt tragen. Oder umgekehrt. Es muss eine Belohnung geben für alle, wenn man jetzt reinbeißt. So kann man hoffentlich ein paar Solidaritätsverweigerer mitnehmen, wenn deutlicher klar wird, dass sie die Bremsklötze für Verbesserungen sind. Umgekehrt darf es aber auch keine Ausnahmen für Skigebiete, Hoteliers und andere Bereiche geben, die es sich richten können, wie sie wollen, nur weil sie einen direkten Draht zu den Landesregierungen haben.

Fürs Gesamtpaket reicht das aber nicht. Lockdown wie derzeit, hohe Arbeitslosigkeit, Kurzarbeit, Einkommensverluste, tausende Betriebe vor der Insolvenz, hungernde Menschen, das ist Sache der Politik und nicht der Wissenschaftler. Erfolgreiche Länder haben die Notleidenden unterstützt, nur so kann man die Bereitschaft erhöhen, nochmals massiv freiheitseinschränkende Maßnahmen mitzutragen. Und dabei nicht vergessen auf Migranten, die oft die Drecksarbeit – nicht Homeoffice – für die Österreicher erledigen. Ich fürchte mit der derzeitigen Regierung werden die flankierenden politischen Maßnahmen nicht in der Ernsthaftigkeit verfolgt, wie sie nötig wären, um die wissenschaftlichen Forderungen effektiv durchsetzen zu können. Für die morgige Maßnahmenverkündigung lass ich mich jetzt überraschen ….

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