Tag 312: Abnutzungserscheinungen

Kaarlhütte (1314m) am Kreuzschober, Mürzsteger Alpen

Es gab also am vergangenen Sonntagvormittag die Pressekonferenz mit Kurz, wo er die Verlängerung des Lockdowns verkündet hatte. Zu den Hintergründen hat der Chefredakteur des Gratisblatts „HEUTE“ Christian Nusser einen spannenden Text geschrieben. Ich tu mir schon seit April nicht mehr freiwillig eine Pressekonferenz an, sondern war stattdessen schneeschuhwandern im herrlichsten Pulverschnee. Die relevanten Infos las ich später in den Medien. Ohne tageweise Auszeiten geht es auch für mich nicht. Speziell nach dem konzentrierten Schwachsinn seit Jahresbeginn, wo noch einmal etliche Scheinexperten und lernresistente Politiker ihren Senf dazugeben mussten.

Maskenpflicht kommt

Wenig Überraschungen zu meinem letzten Beitrag. Fangen wir mit dem Positiven an: FFP2-Maskenpflicht! Wie leider zu erwarten war, wurde auch das versemmelt, die heimischen Maskenhersteller wurden überrascht. Die Pensionisten waren seit Anfang Dezember auf die versprochenen Gratismasken der Regierung, wobei sich jetzt herausstellt, dass lediglich 10 Masken pro Haushalt und nicht pro Person geliefert werden. Unklar ist weiterhin, wie hoch der Selbstkostenpreis sein darf, wobei selbst der Regierung klar sein dürfte, dass es ohne Gratismasken nicht gehen wird. Denn, was die Medien inzwischen kommunizieren, FFP2-Masken werden schnell feucht und müssen regelmäßig gewechselt werden. Welche Masken nutze ich?

  • FFP2-Masken von Trickkiste AG, die bis zu 30x wiederaufbereitet werden können und bei Erstgebrauch FFP3-Qualität haben – ein Zertifikat zum Vorzeigen gibt es jetzt auch.
  • FFP3-Masken ohne Ventil, mit Gummibefestigung am Hinterkopf
  • FFP2-Masken mit Ventil werden nicht empfohlen, weil sie kaum Fremdschutz bieten, sie sollten Risikopatienten vorbehalten bleiben, die Atemprobleme haben. Selbst dann sollte man zusätzlich eine OP-Maske tragen, um den ungefilterten Strom in die Umgebungsluft zu verringern.

Eine Preprintstudie von Walker et al. (15.01.21) hat herausgefunden, dass die B117-Mutation offenbar doch nicht mit einer höheren Viruslast in den Atemwegen einhergeht, sondern „nur“ mit einer besseren Anbindung des Spikeproteins an ACE2-Rezeptoren durch die N501Y-Mutation. Das hieße, es werden nicht mehr infektiöse Virenpartikel ausgeschieden, sondern es reichen weniger infektiöse Partikel, um infiziert zu werden. Das unterstreicht die Maßnahme, jetzt stärker auf den Eigenschutz zu setzen, um möglichst wenig Virus zu inhalieren. Weitere Erkenntnisse: Die B117-Variante ersetzt den derzeitigen Haupttyp nicht, sondern verbreitet sich zusätzlich. Keinen Unterschied gibt es bei asymptomatischen Infektionen, die ein Treiber in der Pandemie bleiben.

Wenig Unterschied im sonstigen Wording

Obwohl die Expertenrunde am Vortag explizit Homeoffice-Pflicht vorgeschlagen hat und statt einem fixen Enddatum für den Lockdown eine Zielinzidenz als Schwellenwert, wird Homeoffice weiterhin nur empfohlen und es gilt jetzt der 8. Februar als neues Lockdown-Ende. Der Zwei-Meter-Abstand ist, wie gestern geschrieben, eher symbolischer Natur, heißt so viel, wie „besser noch mehr Abstand halten“. In Innenräumen bleibt das Problem der Aerosole, was wieder einmal gefehlt hat in der allgemeinen Aufklärung. Das wird spätestens dann ein Problem, wenn die Gastronomie und (Volks-)Schulen wieder öffnen. Kinder unter sechs Jahren sind weiterhin von der Maskenpflicht ausgenommen, sie werden auf magische Weise vom Virus ignoriert. Jugendliche unter 14 sollen anscheinend auch keine FFP2-Masken tragen müssen, werden sie von der Variante verschont? Skigebiete sind weiterhin offen, was keiner mehr ernsthaft nachvollziehen kann.

Anschobers Tage sind angezählt, auch wenn er das selbst nicht zugibt. Aber das Kanzler Kurz zu einer Expertenrunde einlädt und damit Anschobers Wald- und Wiesenexperte Allerberger übergeht, ist schon ein deutliches Zeichen des Misstrauens gegenüber Anschobers bisherige gesundheitliche Bewältigung der Krise.

Weiterhin auf Great Barrington-Kurs

Jetzt könnte man optimistisch sein und dies als Zeichen dafür sehen, dass Kurz auf vernünftige Experten hört und nicht auf Scheinexperten. Labordiagnostiker Oswald Wagner und Kanzler Kurz selbst haben diese Hoffnung zerstört. Sie setzen weiterhin auf Herdenimmunität durch natürliche Durchseuchung und haben damit erstmals indirekt der Great-Barrington-Truppe um Allerberger, Apfalter, Auer und anderen Scheinexperten den Rücken gestärkt:

Ab dem Zeitpunkt, wo die über 65jährigen geimpft sind, also die vulnerable Gruppe geimpft ist, eine Überlastung der Spitäler wesentlich weniger leicht eintritt, und die Situation für uns alle wesentlich einfacher wird, die Ansteckungszahlen deutlich höher sein können, ohne dass das zu einer Katastrophe führt.“ (Kurz auf der Pressekonferenz am 17.01.21)

In dieser Aussage stecken so viele fatale Fehlannahmen:

  1. Die vulnerable Gruppe besteht nicht nur aus den über 65jährigen. Da kommen noch die Risiko- und Hochrisikogruppen aller Altersgruppen hinzu. Alleine Risikofaktoren wie Übergewicht und Diabetes betreffen rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung.
  2. Auch Menschen ohne Vorerkrankungen können schwer erkranken mit notwendiger Beatmung.
  3. Rund ein Drittel der COVID-Patienten, die wegen eines schweren Verlaufs im Spital behandelt wurden , müssen nach der Entlassung erneut ins Spital. Sie haben dabei ein siebenfach erhöhtes Risiko zu versterben.
  4. Deutlich höhere Ansteckungszahlen hieße, es würde vor allem die jüngere und arbeitende Bevölkerung schwer getroffen, was aufgrund ihrer höheren Mobilität und größeren Anzahl an Sozialkontakte nach wie vor exponentielles Wachstum und starken Anstieg schwerer Verläufe zur Folge hätte, also mitnichten eine entspanntere Situation für die Spitäler.
  5. Zudem würde die Zahl der LONG COVID-Fälle mit chronifizierten Symptomen weiter zunehmen, viele Betroffenen haben noch Monate später Beschwerden, die zu Arbeitsunfähigkeit und massiv reduzierter Lebensqualität führen, neben neurologischen Ausfällen und Gedächtnisstörungen vor allem durch Luftnot und wiederkehrenden Verlust von Geruchs- und Geschmacksinns.
  6. Das führt vielleicht nicht unmittelbar zu einer Überlastung der Spitäler, wohl aber der Rehaeinrichtungen, von denen es zu wenige für COVID-Patienten gibt, vor allem aber zu einer Katastrophe für COVID-Patienten mit Folgeschäden, denn viele Privatversicherungen übernehmen keine Kosten für Behandlungen in Zusammenhang mit COVID-Erkrankungen. COVID-Erkrankte werden sogar dauerhaft von Zusatzversicherungen ausgeschlossen. Das ist im Vorfeld einer maroden Gesundheitskasse mit Milliardenverlusten in den nächsten Jahren keine rosige Zukunft, wenn neben der Gesundheit auch die berufliche Weiterbeschäftigung infrage gestellt ist. Das sind langfristige Effekte, die man bedenken muss.
  7. Deutlich höhere Infektionszahlen bewirken genauso die Abwärtsspirale, die uns dank der Mutationen nun droht, die sich in Ländern mit zu wenig Einschränkungen, wie UK, Brasilien, USA, stark verbreitet haben. Es kommt zu weiteren Virusvarianten, die immer mehr Mutationen ansammeln. Bisher wirken die zugelassenen mRNA-Impfstoffe noch, aber das kann sich ändern – insbesondere die brasilianische Variante P.1 macht den Wissenschaftlern Sorgen. In Manaus war man schon von Herdenimmunität durch die unkontrollierte Durchseuchung mit hohen Todesraten ausgegangen, doch jetzt gibt es erneut starke Anstiege mit der Mutation.

Auch der britische Premierminister Johnson drückte sich ähnlich aus wie Kanzler Kurz:

By the middle of February … we expect to have offered the first vaccine dose to everyone in the four top priority groups identified by the joint committee on vaccination and immunisation….If we succeed in vaccinating all those groups we will have removed huge numbers of people from the path of the virus.  That will eventually enable us to lift many of the restrictions we have endured for so long

Mitglieder der NHSE Long Covid Taskforce in Großbritannien warnen in einem Appell davor, LONG COVID bei politischen Entscheidungen zur Pandemie-Strategie weiterhin zu ignorieren: 10% der infizierten leiden über drei Monate lang an Symptomen. Viele haben noch sieben Monate und länger Symptome, wie man von Patientengruppen weiß.

Nur, um einmal zu rekapitulieren, wie viele Berichte ich zu schweren Verläufen oder chronifizierten Symptomen bisher gesammelt habe: Knapp 100, u.a.

  • Studien und Beobachtungsdaten: 37
  • Medienberichte: 29
  • Fallberichte zu individuell Betroffenen: 16
  • Berichte aus Österreich (zusätzlich): 13

Wo kommt das NICHT vor? In allen Pressekonferenzen, in der zib2, ImZentrum, im ORF-Report, in den Verlautbarungen der AGES. In der letzten sonst sehr interessanten #ImZentrum-Sendung vom 17. Jänner tauchten die schweren Verläufe für junge Menschen nur einmal in einem Nebensatz auf, und zwar beim Bioethiker Ulrich Körtner, der Anschober ordentlich für die zahlreichen kommunikativen Fettnäpfchen zusammengestaucht hat. Dabei hat er manche Fehler zugegeben, etwa, dass mit den Lockerungen im Sommer die Grundstimmung im Land bis Herbst eine andere als im Frühjahr gewesen wäre. Eine echte Konsequenz vermisst man jedoch, etwa die Absetzung von Allerberger, der stattdessen im Mai ohne kritische Aufarbeitung in die Pension gehen möchte, aber auch Auer….

Die staatliche Verantwortung ist es, Schaden für die Bevölkerung abzuwenden. Es ist aber meist kein Schaden, wenn ein 30jähriger erkrankt ist. Sondern es geht um Leib und Leben vor allem für alte und multimorbide Personen. Diese Gruppe müssen wir schützen und haben hier deshalb strenge Regeln erlassen. In einem solch neu definierten Paradigma muss bei mir viel Wasser die Donau hinunterfließen, bis die Corona-Ampel rot wird. (Clemens Auer, 19.10.20, FOPI-Grünbuch)

Das entspricht recht genau den Worten von Oswald Wagner und Kanzler Kurz, aber auch allen anderen, die weiterhin gegen jede Faktenlage behaupten, es wären nur alte Menschen betroffen.

Abnutzungserscheinungen

So, und jetzt noch was Persönliches zum Schluss. Es geht mir schon alles so am Oasch. Hab meine Zitatsammlung heute aktualisiert (leider ändert sich beim Update jedes Mal die Dateiendung), es treibt wirklich in die Verzweiflung, wenn selbst jetzt immer noch die einfachsten Grundlagen nicht präsent sind bei den Politikern und Scheinexperten. Wenn das mit den Kindern, LongCovid, Aerosole und dass wir nicht einfach alles aufmachen können, sobald 65+ geimpft sind, immer noch diskutiert werden muss. Und dann lese ich diesen Artikel von Independent Australia: Ignoring pandemic experts proves fatal (17.1.21) und denke mir das erste Mal im Leben, ich bin auf dem falschen Kontinent geboren. Hier dominieren arrogante, sogenannte westliche Zivilisationen, die nicht über den eigenen Tellerrand schauen können. Und es wird täglich mühsamer, man vermisst so viel. Ich möchte wieder mal tagelang im Kaffeehaus sitzen, Zeitung lesen, gemütlich frühstücken ohne Aufwand, und dabei entspannen. Das ist so ein Minimalziel. Da rede ich noch gar nicht davon, wieder einmal ein paar Nächte auswärts verbringen zu wollen, außerhalb der Stadtwohnung. Seit März waren das nur drei Nächte. DREI. Wenn ich die Nachtdienste nicht mitzähle, die man kaum als erholsame Urlaubsnächte bezeichnen kann. Oder von den zehn Kilo Frustspeck, die sich angesammelt haben, nachdem es seit zehn Monaten keine Kantine mehr gibt, sondern nur noch Supermarktessen, im Sommer McDonalds. Da ist nach Luft nach oben, oder nach unten, je nachdem. Und natürlich würde ich auch gerne wieder mal einfach irgendwo mit den Öffis fahren können, ohne mir Gedanken zu machen, wie belegt der Zug oder Bus wohl sein wird, wie viele ihre Masken korrekt tragen oder überhaupt tragen, und überhaupt lange Zugfahrten sind für mich wie Kaffeehausbesuche, mit Frühstück und Zeitung lesen. Das geht mir enorm ab. Also ja, ich bin schon ziemlich müde, dauernd verspannt, und versuche jetzt eigentlich nur noch durchzuhalten bis zur Impfung, und wenn die kleine Normalität daran besteht, mit anderen Geimpften wieder mal auf ein Bier gehen zu können, dann wars mir den ganzen Aufwand wert. Bis dahin bleibt mir das Wandern und dieser Blog als Beschäftigungstherapie.

Blick auf Wien vom Leopoldsberg (via Nasenweg)

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