Tag 354: Mit Anlauf in die dritte Welle

Hier könnte jetzt ein Zitat von Karl Valentin stehen, das mit „Es“ anfängt und mit „allen.“ endet, aber weil die Verwendung selbst auf privaten Seiten im Netz abgemahnt wird, darf man sich die fehlenden acht Wörter selbst dazu denken.

Wenn ich hier nicht leben und arbeiten würde, könnte ich es schon fast amüsant finden, was die Regierung in Österreich alles versemmelt. Die Massentests bzw. das Freitesten , die gratis FFP2-Masken für Risikogruppen (alias 65+ in der Definition von Risikogruppe der Regierung), die Einführung der FFP2-Masken in Österreich (Skandal um Hygiene Austria), die nur begrenzt etwas nützt, wenn die Masken nicht dicht setzen, nach Anstrengung durchfeuchtet, unter der Nase getragen oder gar innen ausgehöhlt werden (vgl. „health literacy“ in Österreich), die unvollständige Anleitung für die Covid-Gratis-Selbsttests, die wegen ELGA-Abmeldung von 300 000 Personen nicht abgeholt werden konnten. oder die Nasenbohrtests in den Schulen (Allerberger am 09.01.21: „Wir können mit Vertrauen sagen: die wirklich infektiösen Infizierten mit einem CT-Wert von unter 30 finden wir damit.“ (tips.at), was am 02.02.21 durch die Recherche von Köksal Baltaci widerlegt wurde), deren Sensivität höher wäre, würde man nicht veraltete Herstellerinformationen heranziehen. Das ist jetzt nur ein Bruchteil dessen, was alles schieflief, das davor hab ich gerade verdrängt und alles zu den Impfungen ist bei Robert Zangerles Seuchenkolumne besser aufgehoben.

Die Zielinzidenz wird dem Erwartungsdruck der Wirtschaftstreibenden angepasst

Wir erinnern uns: Am 17. Jänner verkündete die Regierung nach einer eigenen Expertenrunde bei Kanzler Kurz, sich bis 8. Februar einer Inzidenz von 50 auf 100 000 Einwohner annähernd zu wollen, bevor geöffnet wird. Da lag die Inzidenz noch bei 130. Am 01. Februar verkündeten sie hingegen erste Öffnungsschritte, wenngleich „ab einer Inzidenz von 200 eine massive Alarmstimmung“ gegeben wäre, und bei einem 7-Tages-Wert von 200 in einem Bundesland die Alarmglocken schrillen sollten. Geöffnet wurde dann bei einer Inzidenz von 104 – doppelt so hoch wie der Zielwert drei Wochen vorher! Am 26. Februar behauptete Anschober im Ö1-Mittagjournal, dass Österreich noch ein „gehöriges Stück weit weg“ von einer Inzidenz von 200 wäre, am 01.03. wurden weitere Lockerungen angekündigt. Jetzt ist der Schwellenwert auf das doppelte in den Bundesländern geklettert, nämlich 400! Bundesweit wurden am 3. März eine 7-Tages-Inzidenz von 169 erreicht. Das ist jedenfalls von 50 deutlich weiter entfernt als von 200.

B.1.1.7 verhält sich in Österreich nicht anders als in UK oder Portugal: Wer konnte das ahnen?!

Wir haben den Eindruck die Patienten sind ein bisschen jünger, und die Verläufe sind etwas schneller, also die Patienten kommen etwas eher auf die Intensivstation. Und: Wir lernen jetzt, dass wir jetzt mit der britischen Variante scheinbar etwas mehr Intensivbetten brauchen, wie jetzt mit der ursprünglichen Wildvariante.“

Stephan Kettner, Vorstand der Ansthesie und Intensivmedizin der Klinik Hietzing in „Wien heute“, 04.03.21

Respekt, ein Gustostückerl österreichischer Verniedlichungssprache. Die britische Mutante ist ansteckender und führt häufiger und schneller zu schweren Verläufen als der Wildtyp. Das ist jetzt nicht wirklich neu, denn Daten aus UK, Dänemark und Israel zeigten eine 60-70% erhöhte Wahrscheinlichkeit für schweren Verlauf und Tod.

Dass jetzt jüngere Menschen auf den Intensivstationen beobachtet werden, hatten Drosten und andere schon letztes Jahr korrekt vorhergesagt. Die Impfung hat darauf noch zu wenig Einfluss! Erstens ist die Durchimpfungsrate noch viel zu gering und zweitens würde ein Großteil der 80+ Bevölkerung wahrscheinlich gar nicht auf der Intensivstation behandelt. Das Virus frisst sich jetzt also eine Ebene tiefer und trifft vor allem die arbeitende und mobile Bevölkerung mit vielen Sozialkontakten. Vor allem kann diese aufgrund der Schulpflicht nicht verhindern, sich über ihre Kinder zu infizieren – und zwar selbst dann, wenn sie als Erwachsene alles richtig machen und nicht auf Partys gehen oder ihre Maske falsch tragen.

Die am schwersten betroffenen Länder Europas mit B.1.1.7-Mutante

Der nahezu senkrechte Anstieg ist bei allen Ländern bei der dritten Welle ähnlich. Während man in Tschechien nichts aus der vorangegangen Katastrophe (mit Triage) gelernt hat, war der strenge Lockdown in den anderen Ländern erfolgreich. Statt aus den Fehlern der vorangegangen Wellen zu lernen, geschweige denn bei den Nachbarländern, steuert Österreich in eine starke dritte Welle und in den nächsten harten Lockdown.

Risikokommunikation my ass!

Gerade vor diesem Hintergrund ist es natürlich ein Spiel mit dem Feuer, wenn man den Leuten den Eindruck gibt, als könnten wir jetzt über weitreichende Öffnungen reden, wenn es uns einmal darum geht, dass wir in den Intensivstationen überhaupt mit den Kapazitäten im Gesundheitssystem jetzt sicher bis noch nach Ostern kommen müssen.

Peter Klimek, Komplexitätsforscher vom CSH Vienna, in „Wien heute“, 04.03.21

Die gleichen Kommunikationsfehler wie im Herbst schon. Damals ging Österreich Anfang Dezember vorzeitig aus dem Lockdown, um dem geöffneten Handel das Weihnachtsgeschäft zu ermöglichen. Am Tag der Lockerungen führte Gesundheitsminister Anschober Gespräche mit Vertretern von intensivmedizinisch tätigen Ärzten, Pflegern und Spitalsverantwortlichen und konstatierte:

„Die Überlastung und Anspannung sind enorm, diese Stresssituation kann nicht sehr lange aufrecht bleiben. Daher müssen die Infektionszahlen und damit der Zugang zu den Spitälern massiv verringert werden. Die Spitäler brauchen eine spürbare Entlastung!“

Und jetzt schon wieder: Am 8. Februar wurde der Handel aufgesperrt, die Schulen kehrten in den Präsenzunterricht, ohne Maske in Kindergärten und Volksschule, mit nicht übertrieben sensitiven Nasenbohrtests mit unsachgemäßer Anleitung. Inzwischen ist klar, es gibt ein Cluster nach dem anderen im Bildungsbereich, besonders häufig in Kindergärten und Volksschulen – wer konnte das ahnen? Der niederösterreichische Sanitätsrat hat beschlossen, nur mehr Fallzahlen bezirksweit zu nennen, nicht mehr, welche Schule wo betroffen ist. Begründung gibt es dafür keine. Dass es bei den unter 15jährigen zu einem deutlichen Anstieg kommt, sieht man jedoch eindeutig in der „Heat Map“, die hier dankenswerterweise von Martin Polak zur Verfügung gestellt wurde.

Und wieder wurde am 1. März über weitere Lockerungen geredet statt über weitere Verschärfungen. Dabei spielt es keine Rolle, dass Mitte März noch beratschlagt würde und die Lockerungen erst ab Ende März geplant wären. Es sendet ein falsches Signal. Das sollte lauten, aufpassen, und nicht, dass es bald überstanden wäre. Das ist so wie wenn der Bergführer im Angesicht des nahenden Unwetters sagt: „So, jetzt machen wir noch zehn Minuten Pause. Vielleicht löst es sich ja wieder auf.“

Das Wetter hilft nur begrenzt.

Anschober klammert sich an jeden Strohhalm. Im Vergleich zum Herbst ist er jetzt zwar alarmiert, aber es sollten der warnenden Worte endlich Taten folgen, und zwar sofort, und nicht erst in elf Tagen. Jeder Tag zögern wird unnötig Leid verursachen.

Im Interview vom 25. Februar 2021 schob Anschober die steigenden Infektionszahlen noch auf die Mutation und die Ausweitung der Tests und „eher nicht“ die Lockerungen von Anfang Februar. Nach dem letzten epidemiologischen Update ist klar, dass die Tests nur 10-15% des Gesamtanstiegs ausmachen. In der heutigen Pressekonferenz hieß es dann „Entgegen manchen Vermutungen sei der aktuelle Fallzahlenanstieg nicht den zuletzt deutlich ausgebauten Testkapazitäten geschuldet.“

Bis dahin [15. März] müsse man „alles daransetzen, dass sich der vergangene November nicht wiederholt. Die Voraussetzungen dafür seien nicht zuletzt durch die kommenden höheren Temperaturen und die Impfungen, bei denen man jetzt mehr Tempo machen könne, dieser Tage jedoch deutlich besser als noch im Herbst.“

Anschober in der Zusammenfassung des ORF

Um das zeitlich in eine Reihenfolge zu bringen: Wir beobachten aktuell eine starke Zunahme der Fallzahlen bei Kindern und Jugendlichen (offene Schulen und Kindergärten), wir beobachten eine deutliche Zunahme bei der Spitalsbelastung mit sinkendem Durchschnittsalter. Erwachsene mittleren Alters landen vermehrt auf den Intensivstationen. Jene Erwachsene drohen das Virus privat und am Arbeitsplatz an andere weiterzugeben. Das geschieht wegen der 30-35% infektiöseren britischen Mutante effektiver als mit dem Wildtyp, d.h., die Second Attack Rate ist erhöht. Im Haushalt stecken sich mehr (bzw. alle) an. Einen deutlichen Nachschub an Impfstoffen gibt es aber erst im Laufe des März (vor allem Astra Zeneca) bzw. April (Pfizer), der nach Priorisierung an jene geimpft wird, die das höchste Risiko für einen schweren Verlauf haben. Dummerweise stecken sich aber auch viele vorher gesunde Menschen an, die wegen der höheren Virulenz einen schweren Verlauf haben können. Dazu kommen noch jede Menge LongCOVID-Betroffene.

Und das Wetter? Am Tag 330 habe ich zwei Paper zum möglichen Einfluss des Wettergeschehens auf die Pandemie analysiert. Wichtigste Erkenntnis: Einen saisonalen Effekt gibt es nur, wenn wir proaktiv danach handeln:

Ob der Frühling 2021 nun tatsächlich eine Abschwächung des Infektionsgeschehens bringt, hängt wesentlich von unserem Verhalten ab: Kontakte weiterhin gering halten, indoor Maske tragen und Zusammenkünfte so oft nach draußen verlagern wie möglich.

Morgen früh erfasst erst einmal polare Kaltluft den Ostalpenraum von Norden. Die Temperaturen gehen in allen Höhenlagen um 8 bis 10 Grad zurück, von +5 auf -5 in 1500m.

GFS 12z-Prognose für Freitag, 05. März 2021, 16 Uhr – Temperatur in 850hPa (ca. 1500m)

Bis mindestens Dienstag hält sich die Frostluft in windgeschützten, schattigen Niederungen, aber auch selbst mit Sonne werden nur geringe Plusgrade erreicht, in der Nacht wird es verbreitet frostig. Ab Mittwoch bringt dann eine stürmische Westwetterlage zwar eine Milderung, aber auch Regenwetter und womöglich auch nochmals Neuschnee im Nordalpenraum. Typisches Erkältungswetter, bei dem sich die Aktivitäten eher nicht ins Freie verlegen werden. Also nein – bis 15. März hilft uns das Wetter nicht.

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