Tag 364: Der amikale Experte

Anzahl Intensivpatienten und Todesfalle, Stand 14. März 2021, Quelle: Erich Neuwirth

Mir ist nach dem zib2-Interview mit Infektiologe Wenisch wieder einmal aufgefallen, wie wichtig in Österreich Dialekt und und Umgangssprache sind. Das hat etwas suggestiv Beruhigendes. “Das ist einer von uns!”, “Der versteht uns!” oder “Keine Panik! Wir schaffen das schon!” schwingt da mit. Dazu kommen kernige oder flapsige Sprüche. “Die Kinder stecken das Virus weg wie nix!” oder “Das Virus hat keine Flügel!” Die Botschaft, die solche Sager transportieren sollen, ist “Alles nicht so schlimm!” Jemand, der während dem Interview lächelt, kommt sympathisch an, wie der väterliche Freund, der einem während des Gesprächs die Hand auf die Schulter legt. Das ist beliebt, auch in den Redaktionen, so jemand interviewt man gerne. Infektiologe Greil in Salzburg scheint das glatte Gegenteil zu sein, die Interviews mit ihm arten gelegentlich in Vortragsmonologe aus. Die Sprache ist deutlich gehoben, das ein oder andere unnötige Fremdwort, wofür es eine einfach verständlichere Entsprechung gäbe. Zum Zuhören durchaus ermüdend, auch wenn er ein Feuerwerk an Fakten und Daten abbrennt und ins Gewissen redet.

Die beiden Zitate zeigen am deutlichsten den Gegensatz beider Infektiologen im sprachlichen Ausdruck und dem damit verbundenen Inhalt.

“Die Vorstellung, dass wir in Österreich 10000 freie Betten hätten, um Covid-Patienten zu versorgen, ohne dass wir deswegen schwersten Schaden von anderen schwerstkranken Patienten in Kauf nehmen würden, ist eine vollkommene Illusion.”

Greil am 29.10.20, zibNacht

Betten-Allokation heißt das, Triage ist im Krieg, den haben wir nicht. So Dinge wie Kriegsmedizin, zu dem wird es niemals kommen können bei uns.

Wenisch am 9.11.20, Puls24

Kernaussage von Greil: Es gibt nicht unbegrenzt freie Betten, auch wenn die “zusätzlich verfügbaren” Betten und die prozentuale Auslastung im AGES-Dashboard suggerieren, dass man noch mehr als genug Platz für weitere Schwerkranke hätte. Tatsächlich fehlt jede Station, die zu einer Covid-Station umfunktioniert werden muss, den anderen Patienten im Routinebetrieb. Auch im Normalbetrieb sind Intensivstationen zu 80-90% ausgelastet. Jeder, der die Grundrechenarten beherrscht, wird feststellen, dass sich das mit 30% Auslastung durch Covid-Patienten niemals ausgehen kann – und laut anonymer Berichte aus österreichischen Spitälern auch nicht ausgegangen ist.

Kernaussage von Wenisch ist hingegen, dass wir nicht im Krieg wären und daher auch niemals Kriegsmedizin erleben werden. Außerhalb von Österreich herrschte dieser Krieg allerdings, ob in Portugal, in UK oder aktuell in Tschechien oder Ungarn. In Österreich selbst können wir nur spekulieren, da es keine offiziellen Berichte gibt. Offiziell wurden der Zusammenbruch des Gesundheitssystems und die Triage verhindert.

Wenisch ist nicht der Einzige, der einen sympathischen Eindruck hinterlässt. Auch Allerberger redet gerne das, was die Menschen hören wollen, redet im Dialekt im nicht ganz einwandfrei korrekten Deutsch, aber darüber lässt sich ja hinwegsehen. Ich bin auf seine Aussagen zur Pandemie seit letztem Jahr in einem Faktencheck ausführlich eingegangen. Ein weiterer im Bunde ist der Umweltmediziner Hutter mit seinem auffälligen Kinnbart, der egal wie förmlich der Anlass ist, immer im Hawaihemd zu sehen ist und dazu ein spitzbübiges Grinsen zeigt. Veterinärvirologe Nowotny lacht auch in die Kamera, während er trocken davon spricht, dass wir uns auch höhere Infektionszahlen erlauben können, sobald die ältere Bevölkerung geimpft wurde. Ganz anders ist es, wenn Mikrobiologe Wagner zu hören ist, der mit Begeisterung erklärt und gerne ausschweifend wird, aber eben unverkennbar im Bundesdeutsch. Für gestandene Österreicher schwer erträglich, genauso bei Drosten oder andere deutsche Experten, die relativ offen sagen, was passiert, wenn wir uns nicht alle am Riemen reißen und die Fallzahlen nach unten bringen. Kommt die Abneigung gegen sie, weil sie die Illusion nehmen, dass man ohne eigenes Zutun federleicht, lockerflockig durch die Pandemie käme?

Ich weiß nicht, ob es nur daran liegt, wahrscheinlich sind es mindestens zwei Faktoren, aber ich falle auf die Sympathie nicht hinein und achte stärker auf den Inhalt. Zum Einen bin ich ein Zugereister, verstehe zwar etliche Dialekte in Österreich aus Interesse und Freude an der Sprachenvielfalt, aber habe keinen ausgeprägten Lokalpatriotismus, der mich aus Prinzip zu einem bestimmten Wissenschaftler tendieren lässt. Zum Anderen bin ich Autist und achte stärker auf den Inhalt als wie etwas transportiert wird – zumindest dann, wenn es um Sachfragen geht. Das ist auch der Vorteil eines Transkripts, da bleibt die Aussage ohne das emotionale Beiwerk stehen.

Faktencheck Wenisch zib2

(Transkript hier)

Wenisch wird über den vorherigen zib2-Beitrag befragt, wo es in zeitlicher Nähe zur AstraZeneca-Impfung zu mehreren Fällen mit Thrombosen und einem Todesfall in Niederösterreich gekommen ist. Den angedeuteten Zusammenhang könnte Wenisch als erfahrener Mediziner ganz kompetent widerlegen. Er hätte z.B. auf die statistische Häufung von Thrombosen in der Gesamtbevölkerung, die sogenannte Hintergrundmorbidität, verweisen können, wie es der Mediziner im Beitrag auch gemacht hat.

Die Genetikerin vom Science and Technology Austria (IST), Magdalena Steinrück, hat das für Twitter gemacht und diese Berechnung angestellt. Unter allen, die in letzten zwei Wochen mit AstraZeneca geimpft wurden, sind diese Woche 3 Fälle von Lungenembolien zu erwarten, unabhängig von Impfung. So ist es auch eingetreten.

Auch die Faktencheckerin bei AFP, Eva, weist auf die Hintergrundmorbidität hin:

Nicht vergessen: Wenn wir völlig ohne Nebenwirkungen zehn Millionen Menschen impfen, werden in den nächsten zwei Monaten 4.025 davon einen Herzinfarkt haben, 3.975 einen Schlaganfall und 9500 eine Krebsdiagnose erhalten. 14.000 von ihnen werden sterben. Nicht jeder zeitliche Zusammenhang ist also automatisch ein kausaler. Natürlich müssen wir uns Impfkomplikationen genau anschauen und es kann auch Zusammenhänge geben. Aber Medien sind gerade ziemlich schlecht darin, Nebenwirkungen und Zufall auseinanderzuhalten und zu erklären.

Twitter, 11. März 2021

Auch der Molekularbiologe Martin Moder weist auf den Umstand hin, dass von 10 Millionen insgesamt verimpften Dosen von AstraZeneca UND Pfizer je 13 bzw. 15 Fälle mit Lungenembolie beobachtet wurden.

Insgesamt war leider zu erwarten, dass die Medien einen Zusammenhang konstruieren werden, wie hier bereits letztes Jahr vorhergesagt wurde.

Was macht Wenisch? Er antwortet gar nicht auf die Frage, sondern äußert seine aufgeregte Begeisterung darüber, dass Daten aus Israel zeigen, dass der Impfstoff in 95% der Fälle Übertragungen verhindert würde. Was er nicht dazu sagt: Es handelt sich dabei nicht um Astra Zeneca, sondern um Pfizer! Dieser verhindert auch symptomfreie Übertragungen. Das ist zwar kein Argument gegen Astra Zeneca, aber auch keines, um entstandene Vorbehalte gegen Astra Zeneca zu entkräften. Er selbst hat – wie wir alle wissen – Ende Dezember mit zur Faust geballten Hand den Pfizer-Impfstoff erhalten. Schön für ihn, aber der Masterplan sieht (sah) vor, dass die breite Bevölkerung mit AstraZeneca geimpft werden soll.

Lorenz-Dittlbacher fordert ihn noch einmal auf, sich in die Gefühlslage der Bürger zu setzen, die die beunruhigenden Meldungen zu AZ hören. Er nimmt es zur Kenntnis, was die Behörde [EMA/AGES] entscheidet, sagt er. Was heißt das? Die EMA sagt zwar klar, kein Zusammenhang, aber etwas “zur Kenntnis nehmen” heißt nicht unbedingt, zuzustimmen. Eine relativ schwache Begründung pro Astra Zeneca.

Auch auf die Frage, ob er sich gedacht hätte, dass wir ein Jahr später bei 3000 Neuinfektionen stehen würden, antwortet Wenisch ausweichend. Die Mutationen, die Riegelimpfungen, die wunderbare Maske. Was er nicht beantwortet, ist die von Lorenz-Dittlbacher hoffentlich implizierte Frage, warum wir überhaupt 3000 Fälle am Tag zulassen, obwohl wir ein Jahr später eine Menge über die Grundlagen des Virus gelernt haben sollten, wie es sich überträgt, welche Orte besonders gefährdet sind, welche Berufsgruppen das höchste Infektionsrisiko haben [wissen wir leider wegen des Datenschutzes nicht] und dass 10-30% aller Infektionen mit schweren Verläufen oder LongCovid ausgehen. Jetzt stehen wir wenige Monate vor der breiten Ausrollung der Impfung in der Bevölkerung, warum riskieren wir erneut so viel Leid und die Überlastung der Spitäler?

Wenisch wird gefragt, ob Covid-Patienten jetzt besser behandelt werden können als vor einem Jahr. Wenisch sagt, auf jeden Fall und nennt u.a. Remdesivir als Standardmedikament. Die WHO-Richtlinien empfehlen es allerdings nicht. Cortison bleibt demnach das beste Medikament gegen Covid19 bei schweren und kritischen Verläufen der Krankheit.

“Die Post-Covid-Betreuung wissen wir”

Es ist zwar erfreulich, wenn sie wissen, wie die Reha von schweren Verläufen aussehen muss, was aber nichts an der schieren Zahl der Betroffenen ändert, die in die Tausenden geht, die viele Monate oder Jahre vor sich haben, bis sie wieder ihren alten Gesundheitszustand erreichen, wenn überhaupt. Die Reha-Anträge explodieren, es wird zu langen Wartezeiten geben. Auf so viele Kranke ist das österreichische Gesundheitssystem schlicht nicht vorbereitet.

“wir haben am Wochenende die große Diskussion gemacht mit LongCovid, ob man diese Patienten impfen sollen, weil die einen Defekt in der zellulären Abwehr haben, ja, also es ist wirklich alles, was auftritt, da wird wirklich konzentriert dagegen auch gearbeitet, um Lösungen zu finden. Und für sehr, sehr viele Menschen gibt es ja schon Lösungen.”

Der Defekt in der zellulären Abwehr ist eine von zumindest drei möglichen Ursachen, wenn es nach der Immunologin Akiko Iwasaki geht. So vielversprechend der Ansatz klingt, LongCovid mit der Impfung zu heilen, wird es für einige Betroffene noch Wochen bis Monate dauern, bis es der Fall ist. Dazu kommen laut Kardiologin vom AKH, Dr. Mariann Gyöngyösi, pro Woche rund 100 weitere Patienten mit LongCovid hinzu. In Summe schätzt sie bereits 40000 Patienten, dazu kommen weitere, die vor allem zu Beginn der Pandemie nie getestet wurden, auch Kinder. Auch hier gilt: Mit den hohen Infektionszahlen wächst die Zahl der Patienten weit über das Angebot an behandelnden Ärzten hinaus.

Wenisch wird gefragt, ob mit dem ständigen Wissen auch wirklich Todesfälle verhindert werden könnten.

“Na freilich können wir das!”

Durch die zur Verfügung stehenden Methoden würde man den Zustand des Patienten einfrieren können, dass es sich nicht weiter verschlimmern würde. Das klingt so, als ob es keine Toten mehr geben würde, sobald die Patienten ins Spital kommen. Das stimmt natürlich nicht. Ca. 60% der Intensivpatienten sterben, vor allem in den höheren Altersgruppen. Dazu kommt, dass mit der B.1.1.7-Mutante die Patienten schneller ins Spital kommen und rascher auf die Intensivstation. Daten aus UK, Dänemark und Israel zeigen eine um 60-70% erhöhte Wahrscheinlichkeit für schweren Verlauf und Tod.

Was er nicht dazu sagt: Wenn der Altersdurchschnitt weiter sinkt, dann liegen die Patienten auch länger auf der Intensivstation, weil sie höhere Überlebenschancen haben als ältere Menschen. Dann sind die Intensivstationen aber auch länger belegt und die Kapazitätsgrenze schneller erreicht. Auch gesunde Menschen können an Covid auf der Intensiv versterben. Insbesondere dann, wenn sie mangels Kapazitäten nicht (rechtzeitig) behandelt werden können (Triage).

Wenisch erwähnt zwar die steigende Zahl an Neuaufnahmen und das sinkende Alter der Patienten, spricht dann aber den BMI an und dass seine letzten sechs Aufnahmen alle stark übergewichtig waren. Das ist nicht neu, der Zusammenhang zwischen Risikofaktor Übergewicht und schwerem Covid-Verlauf ist seit fast einem Jahr (erste Daten von Intensivstationen in UK, 24.03.20) bekannt. Was man hätte fragen sollen, warum jetzt vermehrt jüngere Menschen im Spital landen: Die Antwort könnte in der gestiegenen Viruslast liegen, da die ACE2-Rezeptorbindung besser funktioniert. Zwar bleibt die Inzidenz in allen Alterskohorten gleich, doch gerade jüngere Menschen werden gegenüber dem Wildtyp jetzt häufiger symptomatisch. Die Häufigkeitsverteilung bleibt also gleich, aber Erkrankungen werden häufiger.

“Ja, wenn man mehr Betten braucht, dann werden halt mehr aufgemacht.”

Das stützt leider wieder das politische Narrativ von der unbegrenzten Bettenverfügbarkeit, mit der der Schwellenwert der 7-Tages-Inzidenz noch weiter angehoben werden könnte, als ob der Routinebetrieb nicht darunter leiden und keine Kollateralschäden entstehen würden.

Auf die Frage nach weiteren Öffnungen antwortet Wenisch wie die meisten Experten feig:

“Politisch kann ich es nicht beurteilen, aber ich denke, der Spielraum ist wahrscheinlich, wird relativ gering sein.”

Das ist so wie, wenn Lawinenwarnstufe 5 herrscht und der Lawinenexperte sagt: Also aus Sicht der Seilbahnbetreiber kann ich das nicht beurteilen, aber der Spielraum fürs Offenhalten der Skigebiete ist sehr klein.

Hier erwarte ich mir von einem Intensivmediziner eine klare Ansage, was passiert, wenn die Zahlen weiter so hoch bleiben oder sogar noch steigen, auch aufgrund der ansteckenderen Mutanten.

“und das ist halt eine Frage jetzt von Wochen oder Monaten, bis halt die verlässliche Bevölkerung geimpft ist, und dann haben wir auch sehr viel Spielraum für Lockerungen”

Meinte er verletztliche? Vulnerable? Oder jene, die sich definitiv impfen lassen wollen? Hier blendet er Kinder und Jugendliche aus, die sich bis zur Entwicklung eines Kinder-Impfstoffs bis Herbst nicht impfen lassen können, außer es gibt Notfallzulassungen (Israel experimentiert schon mit Impfung an Kindern). Unter diesen kann das Virus zirkulieren und weitere Mutationen auslösen. Zudem erkranken Kinder offenbar mit B.1.1.7 häufiger schwer. Drittens können sie das Virus weiterhin an Angehörige weitergeben, die sich aus gesundheitlichen Gründen nicht impfen lassen konnten, und natürlich gibt es den unbekannten Anteil an Covidleugnern auch, der sich nicht impfen lässt. Seine medizinische Beurteilung über die Sinnhaftigkeit von Impfungen hätte jedenfalls eindeutig ausfallen können:

Der Respekt von COVID kommt ja vor die Folgeerkrankungen, der erhöht sich ja. Wenn ich weiß, ich bin drei Tage krank, das halte ich schon aus, das ist so wie ein schlechtes Essen, des geht, aber immer schlechtes Essen,
das ist schon was anderes. Genauso ist es mit der Erkrankung, Myokarditis, immer schwach, kognitive Störungen, nie wieder einen Vortrag halten, nie wieder, du bist weg da, keine Luft kriegen, du kannst nimmer Ski fahren gehen,
laufen, nix mehr kannst, da wird richtig der Stecker aus dem Leben gezogen. Und das ist das, was 50% der COVID-Patienten betrifft. Die nicht betreffenden können eh, aber das ist ein Thema, das man mit dem Impfen auch weggekriegt, das ist eine Bedeutung, die ein bissl unterschätzt wird.

Vortrag von Wenisch im St. Josef Krankenhaus Wien, 21.01.21

Trotz dieses Wissens, was Covid19 anrichten kann, bekennt Wenisch nicht klar Farbe, spricht sich nicht für #NoCovid aus.

Daher lautet mein Fazit:

Solang die Kompetenz von Wissenschaftlern danach beurteilt wird, wie sympathisch sie erscheinen, braucht man nicht auf Eigenverantwortung basierend auf Mangelinformation setzen.

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