Tag 463: Ob eine EM während einer Pandemie so klug war?

Quelle: welt.de

Der Profifußball hat mich schon vor der Pandemie aufgeregt. Immer weniger Live-Übertragungen im Free TV. Mit dem Wegfall des freien Mittwoch-Spiels in der Champions-Leaque interessierte mich auch meine Lieblingsmannschaft nicht mehr – ich konnte buchstäblich kein einziges Spiel mehr live sehen. In der Pandemie galten für Profifußball andere Maßstäbe als für Amateursport generell. Ich bekam am Rande mit, dass manche Wettbewerbsspiele im Ausland ausgetragen wurden, weil dort die Coronaregeln lockerer waren (z.B. in Ungarn). Währenddessen hat man selbst Kindern den Outdoor-Sport verwehrt, weil man nicht in der Lage war, Outdoor- und Indoor-Risiken zu unterscheiden. Es hätte Wege gegeben, mit gepoolten PCR-Tests zum Beispiel. Aber Kinder und Jugendliche bringen halt kein Geld ein – jedenfalls nicht sofort.

Irgendwie ist die Qualifikation unbemerkt an mir vorübergegangen und ich hab spät mitbekommen, dass erstens jetzt eine Europameisterschaft stattfindet, und das nicht vor leeren Stadien wie die Ligaspiele, sondern vor Zuschauern. In Budapest mit maximaler Auslastung (68000), wie beim Spiel von Ungarn gegen Portugal am 15. Juni 2021. Volles Stadion und keine Maskenpflicht.

Eine kürzlich erschienene Studie des RWI-Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung zur Infektionsgefahr in Fußballstudien belegt, dass es bei Tragepflicht auch am zugewiesenen Platz keine erhöhten Infektionszahlen gibt, wenn sie aber nur am Weg zum Sitzplatz getragen werden, schon.

Ob das gut geht mit einer deutlich ansteckenderen Virusvariante?

Delta (B.1.167.2.) ist viel, viel ansteckender als der Wildtyp

Der Virologe Björn Meyer hat vor kurzem auf Twitter eine anschauliche Darstellung mit der Basisreproduktionszahl R(0) zur Infektiösität des Wildtyps und der Varianten gebracht:

Die Ergebnisse der britischen REACT-1-Studie mit Daten mit 7. Juni zeigen einen exponentiellen Anstieg der Fälle, mit höchster Prävalenz unter 5-12 Jährigen und 18-24 jährigen. Kinder und Jugendliche sind nun in der Tat “Infektionstreiber”. Hospitalisierungen und Todesfälle haben bei den unter 65-jährigen zugenommen. Die Symptome von Delta ähneln jetzt mehr einer klassischen Erkältung mit Kopfweh, Halsweh und Schnupfen. Allerdings verschlechtert sich die Symptomatik schon nach 3-4 Tagen mit schweren Verläufen. Damit erfüllt sich vorerst die Hoffnung nicht, dass eine Zunahme der Viruslast in den oberen Atemwegen mit leichteren Verläufen einhergeht. Offenbar dominiert immer noch die bessere Empfänglichkeit an den ACE2-Rezeptoren, die auf vielen Organen sitzen.

Heute erschienen gleich drei neue Public-Health-Reports aus England:

Ergebnisse:

  • Die Impfstoffe sind weiterhin sehr wirksam im Schutz gegen schwere Verläufe bei Delta. Jedoch hat sich das Risiko für Hospitalisierung verdoppelt, selbst wenn man den Impfstatus berücksichtigt. Unklar ist, ob Delta bei jenen Geimpften mit einer “Durchbruchsinfektion” für schwerere Verläufe sorgt oder bestimmte Bevölkerungsgruppen mit Vorerkrankungen mit schwereren Verläufen bei Delta assoziiert sind.
  • Bei Vollgeimpften beträgt der Anteil an Delta-Infektionen 7,7%, bei Ungeimpften 67%.
  • Bei Vollgeimpften beträgt der Anteil an Hospitalisierungen durch Delta 8%, bei Ungeimpften 48%
  • Second-Attack-Rate hat gegenüber Alpha um 43% zugenommen. Schätzungen liegen jetzt bei 40-60%.
  • Impfwirksamkeit ist um 15-20% gegen symptomatischer Infektion reduziert nach 1 Dosis
  • Impfwirksamkeit weiterhin über 80% nach 2 Dosen
  • Impfwirksamkeit über 70% gegen Hospitalisierung, auch nach einer Impfdosis und unabhängig des Impfstoffs/der Varianten

Quelle: Dieser Thread von Epidemiologin Meaghan Kall

Der Impffortschritt in Europa hinkt Delta hinterher

Mit Stand 18. Juni 2021 haben 21,1% der Weltbevölkerung zumindest eine Impfdosis erhalten, aber nur 0,8% in den Entwicklungsländern. Europa steht bei 38%. Die Spanne reicht von Kroatien mit 35% bis Großbritannien mit 60%. Jetzt zeigen aber die Daten um Delta, dass eine Impfdosis nicht ausreicht.

Für eine effektive Unterbindung der Übertragung und schwerer Verläufe (inklusive LongCOVID!) braucht man den vollen Impfschutz. Der beträgt in Europa im Durchschnitt erst 22%, in Österreich rund 27%. Ungarn und Großbritannien führen mit 45%. Selbst eine theoretische Herdenimmunität hätte mindestens 70% Vollgeimpfte benötigt, mit ansteckenderen Varianten müssen noch mehr immunisiert sein (eher 90% mit Delta) – und das jetzt nur bezogen auf Grundimmunität, die vor schweren Verläufen schützt. Der Impfschutz in den oberen Atemwegen (IgA-Antikörper), der vor Übertragbarkeit schützt, geht nach einer gewissen Zeit wieder verloren.

Gleichzeitig fallen zahlreiche Beschränkungen in vielen Ländern, darunter vielfach die Reduktion der Kontakte mit der Zulassung von Großveranstaltungen sowie die Maskenpflicht bzw. Umstieg auf den einfachen Mund-Nasen-Schutz, der erwiesenermaßen weniger effektiv die Aerosolverbreitung unterbindet.

Ich sag es mal so. Ich glaube nicht, dass es besonders klug ist, volle Fußballstadien zuzulassen. Auch bei Kapazitätsbeschränkungen gibt es gestiegene Mobilität vor und nach den Spielen. Der Alkohol fließt in Strömen und die Hemmungen fallen. Wir wissen, dass sich das Angebot von genügend PCR-Tests auf wenige Staaten in Europa konzentriert und Antigentests zu viele Infektionen übersehen. Ebenso werden nur in wenigen Ländern (noch) verpflichtend FFP2-Masken getragen. Die EM-Spiele drohen damit im In- und Ausland durch gestiegene Reisetätigkeit, aber auch durch gemeinsames Fußball schauen zur Virendrehscheibe zu werden wie damals Ischgl.

Portugal reagiert bereits und riegelt Lissabon ab. England und Wales verschieben die geplanten Lockerungen. Moskau schließt EM-Fanzonen. In Österreich wird dagegen alles geöffnet, was Statistiker Neuwirth im Puls24-Interview treffend kommentiert.

Man darf nicht vergessen: Die Kinder und Jugendlichen sind überwiegend ungeimpft und bleiben es auch bis zum Herbst. Gleichzeitig entfällt in Österreich für unter Zwölfjährige die Testpflicht – was ist mit Sommerschulen? Die ungeimpfte Zielgruppe von Nachtklubs und Fußballschauen ist jetzt am stärksten gefährdet ohne Schutzmaßnahmen. Richtig daher der Vorstoß von Gesundheitsstadtrat Hacker, nur Geimpfte zu Nachtklubs zuzulassen.

In Summe ist das eine explosive Mischung. Ja, wir werden weniger Hospitalisierungen bei Teil- und Vollgeimpften sehen, aber das heißt insgesamt nicht, dass die Pandemie jetzt vorbei ist. Sie verlagert sich zu den jüngeren Altersgruppen, die durch Delta ein höheres Risiko für schwere Verläufe und Long COVID haben als bei Alpha oder dem Wildtyp.

Kanzler Kurz am 4. Juni 2020 im Interview mit Michael Fleischhacker:

Sie müssen doch wissen, wenn Sie zu früh aufsperren und Sie gehen zu viel Risiko ein, na was ist dann… die Ansteckungszahlen steigen sofort wieder und sie müssen sofort wieder zusperren. Ich glaube nicht, dass das sonderlich populär ist.”

Im Herbst entschied sich die Regierung für einen Mittelweg: Sie ließen hohe Zahlen möglichst lange zu, weil es nicht sonderlich populär war, wieder zuzusperren. Ach ja, der Wien-Wahlkampf musste noch abgewartet werden.

“Uns war aber klar, in der Strategie, dass wir nicht ständig mit Gas und Bremse fahren wollen, also Überlastung verhindert, wir reißen alles auf, und sofort wieder eine Woche später alles zu, weil die Krankheit wieder ansteigt.”

Von November 2020 bis zum Ost-Lockdown fuhr man genau diese Strategie. Das Weihnachtsgeschäft retten, daher wieder auf. Ab Weihnachten zu, außer die Skigebiete, weil der Wintertourismus war heilig. So holte man sich die Varianten wesentlich schneller und effektiver ins Land als mit konsequent durchgeführtem Lockdown. Ab Februar wieder offen und zu Ostern wieder zu. Aber nie ganz offen und nie ganz zu. Ständig Gas und Bremse.

Jetzt wird wieder zu schnell aufgesperrt, während der stark zunehmende Reiseverkehr und Großveranstaltungen wie die EM die hochansteckende Delta-Variante eintragen und vermehren. Abseits vom Bundesland Wien werden die PCR-Tests reduziert, während Nasenbohr-Antigentests leichter Infektionen übersehen können. Das ist fahrlässig und führt zu unnötig hohen Infektionszahlen. Es steckt jetzt Menschen an, die ihren Impftermin schon in Sichtweite haben. Das müsste nicht sein. Man kann auch viele Freiheiten genießen und trotzdem effektive Maßnahmen wie FFP2-Maskenpflicht, flächendeckende PCR-Testangebote beibehalten.

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