Tag 503: Faktencheck: Warum der Chefredakteur vom FALTER ZeroCOVID nicht verstanden hat

Geschätzte Zahl der Halb- und Vollwaisen in Österreich seit Pandemiebeginn, Quelle: Imperial College London

Ich beziehe den Falter seit knapp zwei Monaten nicht mehr und habe meine Entscheidung nicht bereut. Jetzt wurde mir ein Text von Chefredakteur Florian Klenk [Falter & Meinung, FALTER 30/21, 28. Juli 2021] zugespielt, den ich ausnahmsweise wieder einem Faktencheck unterziehen möchte. Zuerst die Aussagen, denen ich zustimmen kann:

Vier Tage bin ich vergangene Woche durch Österreich gereist und nur ein einziges Mal hat jemand meinen Impfpass oder meinen Test ernsthaft kontrolliert. In Restaurants, Taxis und Cafés immer die gleiche Sorglosigkeit. “Sads eh gimpft?” – “Jo.” – “No donn passts.” In meinem Hotel trug niemand Maske, in Klagenfurt drängte mich ein Taxler dazu, “den Fetzen” abzunehmen. Er, die Nase draußen, beruhigte mich: “Mich stört’s wirklich nicht!” Ich: “Mich schon.” Zugleich erreichen uns in der Redaktion E-Mails, wie sich Testzertifikate für den Grünen Pass fälschen lassen und wie man Stempel im Impfpass erschwindeln könne. Die Ärztin im Austria Center Vienna riet mir im Aufklärungsgespräch vergangene Woche übrigens dezidiert von der “Kreuzimpfung” ab, die in Deutschland explizit empfohlen und praktiziert wird. Sensiblere Gemüter wären möglicherweise nachhause gegangen. PCR-Gurgeltests gibt es fast nur in Wien, wir schaffen es zwar, jeden Österreicher mit Medizin zu versorgen, aber bei Salzwasserflakons und Labordiagnostik hört die Logistik auf.

Ja, die Sorglosigkeit und Schleißigkeit bei Kontrollen ermüdet mich auch, ebenso die Versuche, sinnvolle Regelungen zu umgehen. Die widersprüchlichen Aussagen zu den Impfstoffen hilft nicht. Das mangelnde österreichweite Testangebot verschleppt die Eindämmung der DELTA-Variante und verursacht unnötige Opfer, darunter auch viele junge Menschen.

Soweit so gut – hätte der FALTER auch im Sommer und Herbst 2020 so energisch für die Einhaltung der Maßnahmen in den Schulen (Masken, PCR-Tests für Kinder) argumentiert, dann hätte ich mein Abo womöglich gar behalten und könnte den Falter als eines der wenigen Medien positiv hervorheben, dass sich pro Wissenschaft geäußert hat. Hat es aber nicht. Zum FALTER gab es die Addendum-Beilage, die den Schwedischen Weg bejubelt hat, die Wissenschaftsbeilage mit Aussagen von Covid-Verharmloser Sönnichsen, und die Weigerung, Aerosole als wichtigen Übertragungsweg anzuerkennen – begründet wurde das mit den Aussagen der “renommierten Wissenschaftler Streeck und Allerberger, die Experten auf ihrem Gebiet wären”, was sie aber nicht sind. Streeck ist HIV-Experte und Allerberger Durchfallexperte – eigene Aussage von Allerberger bei einem Vortrag am 12. Februar 2020 auf der Uni Salzburg:

Und wenn Sie irgendwo googeln und schauen, wer über was publiziert, dann werden Sie sehen, Allerberger Coronaviren Null Result, also bitte ja nicht missverstehen, was ich Ihnen sage. Ganz sicher kein Experte.“

Ich hatte übrigens tatsächlich gegoogelt und bin so auf das Video gestoßen – den bezahlten Journalisten des FALTERs ist das bei der Recherche zu Allerberger offenbar entgangen – ach was red ich, zu renommierten Experten muss man nicht recherchieren, denen glaubt man einfach so.

Am 14. Juli 2021 schrieb Klenk in einem Tweet:

“Bhakdi ist also der Meinung Israel sei schlimmer als NS-Deutschland. Vielleicht wird jetzt klarer, wieso wir diesen Mann im Falter nie ernst genommen haben.”

In einem FALTER-Text vom 03. März 2020 hieß es allerdings ….

“In ihrem Buch „Schreckgespenst Infektionen“ zeichnen die beiden Mediziner Sucharit Bhakdi und Karina Reiss nach, dass die Reaktionen auf gesundheitliche Risiken oft schädlicher waren als die Krankheit selbst.”

Den Leiter der Public Hell Abteilung der AGES, Franz Allerberger, kann man allerdings auf eine Stufe mit Bhakdi stellen – spätestens seit er der COVID-Leugner-Plattform von Wodarg, OvalMedia, am 21. Juni 2021 ein Interview gab.

„Wenn es weltweit keine PCR-Tests gegeben hätte, wäre es nach meinem Dafürhalten niemandem aufgefallen .“

Allerberger ist im März 2021 auch beim „Corona.Film“ von Robert Cibis und Bert Ehgartner, einem Impfgegner, aufgetreten, u.a. mit Bhakdi, Wodarg, Haditsch, Raphael Bonelli und John Ioannidis. Der von Klenk weiter unten zitierte “Medizinjournalist Kurt Langbein” war als Co-Autor gemeinsam mit Ehgartner an einem populistischen Buch über Medizin beteiligt, wo ebenfalls AIDS geleugnet wird, und sie sich dabei auf Aidsleugner Christian Fiala berufen haben. Fiala schrieb wiederum gemeinsam mit FALTER-Kolumnist und ehemaligen PROFIL-Herausgeber Peter Michael Lingens ein Buch über AIDS.

Wie gut, dass niemand weiß, wie tief dieser Sumpf aus Verharmlosung, Leugnung und stützenden Journalismus in Österreich ist.

Wie sehr Klenk im Anschluss aber die Befürworter von ZeroCovid verunglimpft, ist beschämend. Da trifft der Kommentar von @BaraWeber den Nagel auf den Kopf:

“Was für eine Gesellschaft, die nicht auf andere schaut und sich über die lustig macht, die es tun.”

Nach dem wissenschaftlichen Beginn wird Klenk leider rasch polemisch und offenbart sein mangelndes Verständnis von Wissenschaft und was Zero Covid bedeutet:

Die Gesellschaft zerfällt in diesem Sommer gerade wieder einmal in mehrere Lager. Da sind, erstens, die Vorsichtigen, die Respekt walten lassen wollen, in Wien zweimal die Woche gurgeln trotz Impfung und Isolation. Sie hören ihre Drosten-und Kekulé-Podcasts, lesen die Tweets des deutschen SPD-Politikers Karl Lauterbach und des Statistikers Erich Neuwirth. Sie halten Abstand, geben sich noch immer nicht die Hand und verreisen nicht gerne.”

Es ist auch legitim, sich trotz Impfung weiterhin zu testen, nachdem man sich auch mit zweifacher Impfstoffgabe infizieren kann. Das belegt eine Studie von Bergwerk et al. (28.07.21) über geimpftes Gesundheitspersonal, wo es bei 1497 vollständig geimpften Personen zu 39 “Durchbruchsinfektionen” gekommen ist. Die neutralisierenden Antikörpertiter waren bei den dennoch Infizierten niedriger als bei den nicht infizierten. Die meisten Infektionen blieben mild oder asymptomatisch, bei 19% stellte sich allerdings LongCOVID ein (anhaltende Symptome über 6 Wochen). 85% der Infizierten hatten die ALPHA-Variante (B.1.1.7), 74% der Infizierten hatten eine hohe Viruslast (Ct < 30), nur 17% fielen bei einem begleitend stattfindenden Antigentest auf.

Leser meines Blogs wissen, dass die DELTA-Variante viel infektiöser ist als ALPHA und die Viruslast 1000x höher als beim Wuhan-Stamm (Liu et al, 07.07.21). Beobachtungen weltweit zeigen, dass die Zahl der Durchbruchsinfektionen steigt. Von 2,6% in der Studie aus Israel auf rund 12-20% aktuell. Kékule-Podcast höre ich übrigens nicht, nachdem dieser nicht aktiv forscht und in der ersten Welle keinen guten Eindruck gemacht hat. Ich folge den Twitteraccounts von Michael Wagner, Robert Zangerle, Andreas Bergthaler, Johann Holzmann, Florian Krammer, Thomas Czypionka, Marton Széll, Fabian Valka und Sigrid Neuhauser, um dezidiert österreichische WissenschaftlerInnen zu nennen. Das hätte Klenk vielleicht auch machen sollen.

Und weil wir gerade bei Lauterbach sind, er ist nicht nur Politiker, sondern auch Epidemiologe:

“Wenn wir jetzt die Inzidenz ignorieren, und nur auf Krankenhauseinweisungen blicken, kommen 3 Probleme: 1. Reagieren zu spät, um Krankenhausfälle niedrig zu halten. 2. Durchseuchung der Kinder. 3. Eine Welle von #LongCovid Patienten.” (Tweet vom 13. Juli 2021)

Dann kommt die Passage, die bei vielen Leserinnen und Lesern einschließlich mir Empörung hervorruft:

Sie sind verunsichert von Tweets und Postings des zweiten ängstlichen Lagers, der Zero-Covid-Bewegung, die mit nicht besonders überzeugenden Studien den Eindruck erweckt, jedes zehnte Kind, das mit Corona infiziert ist, sei fürs Leben geschädigt. Schockierende Bilder aus Intensivstationen ängstigen dieses Segment der Gesellschaft, überschaubare Risken werden nicht mehr toleriert. Von den Bildern aus den Kinderpsychiatrien hören die Überängstlichen wenig, wohl auch, weil die Fotos von dort nicht so wirken. Sie sagen Kindergeburtstage ab und Maturafeiern und vermiesen Kindern ihr soziales Leben. Wer es auch nur wagt, Schulschließungen zu hinterfragen, ist für sie im Grunde ein Mensch mit Durchseuchungsfantasien.

Wo soll man anfangen?

  1. Die Zero-Covid-Bewegung ist nicht ängstlich, sondern vorsichtig. Das Zauberwort heißt Prävention. Wir entscheiden aufgrund der Daten- und Faktenlage, ob wir ein Risiko eingehen wollen oder nicht. Am Beginn der Pandemie wussten wir nicht, wie das Immunsystem der Kinder mit dem Virus fertig wird – daher wurden Kindergärten und Schulen geschlossen wie alle anderen Einrichtungen auch, wo Übertragungen gehäuft stattfinden können. Wissenschaftsjournalist*Innen mit jahrzehntelanger Erfahrung in Pandemien wie etwa Helen Branswell war schon im Februar 2020 klar, dass infizierte Kinder das Virus weitergeben können und damit am Infektionsgeschehen teilnehmen. Spätere Studien bestätigten die Infektiösität.
  2. Nicht besonders überzeugende Studien” mit 10% LongCOVID. LongCOVID ist unscharf definiert, beschreibt allgemein Symptome, die länger als 4-12 Wochen anhalten, also ein Schulhalbjahr etwa, in sehr seltenen Fällen ein ganzes Jahr oder länger. Das ist nicht einmal der Zeitraum, den die Kinder und Jugendlichen durch die Pandemie und geschlossene Bildungseinrichtungen verpasst haben. Möchte man dieses Risiko eingehen? Ob 1 oder 10% ist beim Anteil der Kinder in der Bevölkerung immer noch eine enorm hohe Zahl. Bei der Kinderlähmung in den 50er Jahren verliefen 70% der Infektionen asymptomatisch, weniger als 1% hatten schweren Symptome und weniger als 0,05% starben daran. Dennoch waren in absoluten Zahlen so viele Kinder von einer lebenslangen Behinderung betroffen, dass es die Trajektorie der Behindertenrechtsbewegungen veränderte.
  3. “Fürs Leben geschädigt” können erkrankte Personen generell dann sein, wenn sie einen schweren Verlauf aufweisen, der sie ein Organ oder Gliedmaßen kostet, oder wenn LongCOVID zu MECFS wird, für das es derzeit keine universelle Heilung gibt. Ein Strohmann-Argument also, denn niemand hat behauptet, dass LongCOVID lebenslang anhält.
  4. Schockierende Bilder aus Intensivstationen ängstigen” – eine furchtbare Entgleisung. Was werden sich Angehörige von Schwerkranken denken, die wochenlang um Leben ihrer Liebsten gebangt haben, und diese teilweise nicht einmal besuchen konnten, geschweige denn zum Abschied anwesend und sie umarmen durften?
  5. Überschaubare Risiken” – Wir wissen, dass weder regelmäßiger Sport, ein gut trainiertes Immunsystem noch gesunde Ernährung vor einer schweren Erkrankung oder Long COVID schützt. Wie gesagt – DELTA ist viel ansteckender als ALPHA, im Schnitt werden 6 Personen angesteckt, und macht schwerere Verläufe – auch bei jungen Menschen.
  6. Bilder aus den Kinderpsychiatrien … schön, dass sich Klenk auf einmal für die Kinderpsychatrien interessiert – wo es vor der Pandemie bereits viel zu wenig Stellen gab. In den USA ging die Suizidrate zurück, als Schulen geschlossen wurden und stieg wieder an, als sie wieder geöffnet wurden. Offenbar ist der Zusammenhang zwischen offen/geschlossenen Schulen nicht so klar, wie man uns glauben machen möchte.
  7. Es gibt ein paar Gründe, Übertragungen zwischen Kindern zu vermeiden. Neben dem gesundheitlichen Risiko für die Kinder ist es auch das für Angehörige, z.B. für jene, die aus medizinischen Gründen noch nicht geimpft werden konnten, die keinen Antikörperschutz aufbauen konnten (z.B. wegen Immunsuppressiva) oder die Impfgegner sind. Auch ein Kind mit Arschlocheltern sollte seine Eltern nicht verlieren. In den USA haben über 43000 Kinder zumindest ein Elternteil durch Covid19 verloren (Stand April 2021). Und wer jetzt sagt, wir können sie nicht lebenslang einsperren – auch das ist ein Strohmann-Argument, denn ab Herbst, spätestens im Winter 2021, zeichnet sich auch für sie ein zugeschnittener Impfstoff ab. Dann können wir die Kinder schützen und die Übertragung effektiv verhindern. Zudem könnte man – zugegeben ein altmodischer Ansatz – sich selbst zurückhalten mit dem sozialen Leben und zusätzlich begleitende Maßnahmen aufrechterhalten, um die Inzidenzen so niedrig zu halten, dass auch das Risiko für die Kinder und Jugendlichen niedrig bleibt.
  8. Schulschließungen.... der große Irrtum. Die Zero-Covid-Bewegung will keine Schulschließungen, sondern effektive Maßnahmen, um zu verhindern, dass Schulschließungen überhaupt nötig werden. Und ja, aus der Nummer kommen er und seine Kollegin Tóth nicht mehr heraus: Wer Kinder bewusst dem Infektionsrisiko aussetzt, und das sind Schulen ohne geeignete Schutzmaßnahmen nun mal, der fördert die Durchseuchung, wie sie die Epidemiologen Tegnell, Schmid und Infektiologe Allerberger über den ganzen Zeitraum der Pandemie erfolgreich verschleiert haben. Leider keine Phantasie, sondern bittere Realität.

Für Florian Klenk zum Mitschreiben:

Das ultimative Ziel von NoCovid-Anhängern ist ein möglichst geringer gesundheitlicher Schaden, der einen maximierten Kollateralnutzen für Gesundheit und Wirtschaft zur Folge hat:

Weniger Fälle heißt …

  • weniger Kranke
  • weniger Kontaktpersonen in Quarantäne
  • weniger Tote
  • weniger Langzeitkranke
  • weniger Virusmutationen (alle gefährlichen Varianten entstanden in Hochinzidenzgebieten: ALPHA (UK), BETA (Südafrika), GAMMA (Brasilien) und DELTA (Indien)
  • rascher und länger Lockerungen durchführen können
  • weniger betroffene psychische Gesundheit durch gesellschaftliche Isolation
  • länger geöffnete Schulen in Präsenz
  • längere wirtschaftliche Erholung statt ständigem Auf und Zu
  • raschere Eindämmung gefährlicher Varianten durch funktionierendes Contact Tracing
  • besserer Schutz der vulnerablen Gruppe (Kinder, Vorerkrankte, Alte)

abgewandelt nach Benjamin Franklin:

Wer die Gesundheit aufgibt, um Wirtschaft zu schützen, der wird am Ende beides verlieren.“

Und dann sind da die anderen, die grob gesprochen auch in zwei Lager zerfallen. Zum einen die Gleichgültigen. Sie wollen endlich wieder tanzen, tindern und daten. Immer mehr von ihnen sind infiziert, aber die Krankheit bringt ihnen weder Tod noch Fieber. Meistens. Sie verachten zwar die Corona-Leugner, aber Clubs sollen bitte offen bleiben.”

Nachweislich falsch, was die aktuellen Zahlen zeigen. Jugendliche und junge Erwachsene können sehr wohl an LongCOVID erkranken und auch an Covid19 sterben. Mit DELTA steigt ihr Risiko nochmal deutlich an.

Und dann sind da noch die radikalen Impfgegner, die Masken-, Stich-und Testverweigerer aus Prinzip und Ideologie. Ein radikales, aber in sozialen Medien durchaus wirkmächtiges Grüppchen, repräsentiert durch die FPÖ, instruiert durch Corona-Profiteure wie Sucharit Bhakdi, dessen Antisemitismus sogar Servus TV dazu bewog, ihm endlich den Stecker zu ziehen. Sie rennen ohne Maske durch die Welt, ihre Volksvertreter sogar durchs Hohe Haus. Sie teilen in Whatsapp-Gruppen den Unfug, wonach Geimpfte öfter sterben, und erstaunlich viele Normalbürger glauben das auch. Jedes noch so schlechte Fake-Video teilen sie in privaten Kanälen. Selbst zwei Milliarden Geimpfte erschüttern ihre Gewissheiten nicht.”

Mir liegt auf der Zunge zu schreiben, was den FALTER von der FPÖ unterscheidet, so wie die Zero-Covid-Bewegung hier als Hysteriker verunglimpft werden. Dazu die bekannten PLURV-Methoden von Wissenschaftsleugnern mit Strohmannargumenten und False Balancing.

Covid, so lernen wir derweil, wäre vielleicht wirklich nur ein Gripperl, wenn wir dank Impfung bald die Herdenimmunität erreichen könnten, wenn sich das pandemische in ein endemisches Geschehen verwandeln würde.”

Das mit dem endemischen Pandemiegeschehen sehen manche Epidemiologen wie z.B. Diego Bassani eher kritisch:

Endemisches Infektionsgeschehen heißt, eine infizierte Person steckt eine weitere Person an, von außen werden keine Fälle ins Land gebracht. Das Infektionsgeschehen bleibt stabil, resultiert aber auf Dauer in einer hohen Zahl an Fällen. Dadurch können weitere Fluchtvarianten entstehen, wie es in Brasilien mit P.1 (GAMMA) passiert ist. Wie soll ein endemisches Geschehen überhaupt stattfinden, ohne Reisen dauerhaft zu unterbinden – bis die ganze Welt – utopisch – vollständig durchgeimpft wurde?

(…) a key point is that weak epidemic control measures that allow for extended transmission in humans increase the evolutionary potential of zoonotic pathogens because they allow for stronger selection and more mutations.”

Der Punkt ist, die Impfung alleine reicht nicht aus, um die Pandemie zu beenden. Es braucht zusätzliche Maßnahmen – eine ZeroCovid-Strategie.

Doch davon ist Österreich (wie in Deutschland) weit entfernt. Die Impfwelle ebbt ab, die Infektionswelle steigt. Lauterbach zitiert Studien, wonach Delta tödlicher verlaufe als allseits angenommen. In Florida, das eine ähnliche Impfrate aufweist wie Österreich (rund 40 Prozent), steigen wieder die Hospitalisierungen und Sterbefälle. In Österreich beklagen die Ärzte im Austria Center Vienna, dass viele den zweiten Termin sausen lassen, es ist ja Urlaub. Was soll geschehen, was muss geschehen?

Ja, man könnte damit anfangen, das Virus nicht zu verharmlosen, indem man vorsichtige Menschen als Überängstliche diskreditiert.

Werden die Kinder das vierte Semester mit FFP2-Maske den Unterricht besuchen oder gar wieder im “Schichtunterricht” lernen, also drei Tage zuhause? Das wäre ein schweres Vergehen. Werden sie wieder auf Sport und Vereine verzichten müssen? Sollen Studierende weiter zuhause Vorlesungen hören und auf das universitäre Leben, das Pauken in Hörsälen und Bibliotheken, das Debattieren in Mensen verzichten? Oder gibt es endlich gelindere Mittel, also PCR-Tests an Schulen, Luftfilter und mehr Raumangebot? Müssen wir -wie der Epidemiologe Alexander Kekulé selbstironisch bemerkt – die nächsten Jahre FFP2-Maske tragen so wie er als Arzt?”

Wenn FFP2-Masken dazu beitragen das Infektionsrisiko zu senken so wie ein Fahrradhelm das Verletzungsrisiko, warum nicht? In der Einleitung beklagt Klenk noch die Maskenlosigkeit in Hotels, hier sieht er FFP2-Masken als schweres Vergehen an Kindern. Was hier immer wieder vergessen wird, sind die CO2-Monitore, wie es sie in Spanien oder Belgien längst gibt. Und das heißt schlichtweg, dass man den Raum verlässt, bis die CO2-Werte ausreichend abgesunken sind. Vielleicht sollte man überhaupt mal das Gebäudeklima neu denken, nicht nur in Bezug auf Covid19 und andere Infektionskrankheiten, sondern auch auf die Denkleistung bei schlechter Luft (siehe neueste Seuchenkolumne von Zangerle). Luftfilter sind nicht der Weisheit letzter Schluss, sie sind zudem geräuschvoll und stören den Unterricht erst recht. Ziel muss es sein, dass 1. Kinder ein möglichst geringes Infektionsrisiko haben und 2. im infizierten Zustand die Schule gar nicht erst besuchen.

“Ist Australien Vorbild, wo Touristen zwei Wochen in Hotels kaserniert werden, ehe sie das Land betreten dürfen? Wird die Reisefreiheit wieder eingeschränkt so wie derzeit in Großbritannien, wo selbst geimpfte und negativ getestete Österreicher zehn Tage in Quarantäne müssen? Die Höchstgerichte werden diese Exzesse hoffentlich bald stoppen. Grundrechtseingriffe nach dem Prinzip “Wann ma scho dabei sind” sind unzulässig. Zuerst die gelinderen Mittel, dann der Zwang.”

NoCovid als Randnotiz in einer ORF-Agenturmeldung vom 12. Juli 2021

Oben habe ich die Vorzüge von NoCovid aufgelistet, und im Gegensatz zu Herrn Klenk hab ich mich nicht nur mit Lockdown-Folgen beschäftigt, sondern auch mit den Ländern und ihren Strategien, um NoCovid zu erreichen (Tag 372).

Entwicklung der Infektionszahlen in Österreich und in Ländern mit ZeroCovid-Strategie

Klenk ignoriert hier die veränderte Ausgangslage durch DELTA, das ansteckender ist, mehr schwere Verläufe macht und den Impfschutz leichter umgehen kann. Daher kommen in UK auch Geimpfte in Quarantäne. Ob man während einer Pandemie unbedingt um die Welt reisen muss oder das nicht ein paar Monate Zeit hat, bis die Impfquoten in den Ländern hoch genug sind, ist wohl ein Fall für die überstrapazierte Eigenverantwortung.

Brauchen wir die Impfpflicht? Dagegen spricht das Argument, dass es kein Recht des Staates auf “Volkshygiene” gebe. Wo die Impfpflicht herrscht, so argumentiert der Medizinjournalist Kurt Langbein, radikalisieren sich Impfgegner, die Impfmoral sinkt. Der Staat muss zuerst gelindere Mittel anwenden. Erstens: bessere Kampagnen. Vor allem in migrantischen, aber auch in ländlichen Milieus fehlen Influencerinnen und Influencer. Dass sich Michael Häupl und Erwin Pröll impfen lassen, ist dem ungeimpften Partyvolk vermutlich egal. Wo sind deren Role-Models in der Werbung? Wo die originellen Ideen? Eine Lotterie für Geimpfte, wie in den USA, hebt die Impfquote.”

Bessere Kampagnen:

Sie wollen endlich wieder tanzen, tindern und daten. Immer mehr von ihnen sind infiziert, aber die Krankheit bringt ihnen weder Tod noch Fieber. Meistens.

So nicht. Wie stellt sich Klenk das eigentlich vor? SEINE Reisefreiheit einschränken sind für ihn Exzesse. FFP2-Masken und Distance Learning ein schweres Vergehen – das immerhin chronisch kranke Kinder und deren Eltern vor schweren Verläufen schützt. Warum sollten sich junge Menschen seiner Meinung nach impfen lassen? Der Eigenschutz kann es seiner Meinung nach nicht sein. Aus Solidarität zur Gesellschaft? Warum solidarisch sein, wenn man auch auf österreichische Veranstaltungen nach Kroatien ohne Sicherheitsverkehrungen reisen kann?

“Wo sind die in Social Media massenhaft geteilten Faktenchecks der Regierung zu Fake News? Auch ein ORF-Bürgerforum zum Thema Impfen hätte Wirkung.”

Ist das Satire? Tag 341: Faktencheck Interview im FALTER mit Epidemiologin Schmid, Tag 400: Faktencheck allgemein

Voraussetzung für Faktenchecks seitens der Regierung ist frisches Personal, das wissenschaftsbasiert denkt und handelt.

Zweitens: Der Staat als Arbeitgeber muss Vorbild sein. Es gibt kein Argument dafür, dass Angehörige von staatlichen Pflege-, Gesundheits-oder Lehrberufen nicht verpflichtend zur Impfung geschickt werden. Das gebietet die Rücksicht auf die ihnen anvertrauten vulnerablen Personen. Wolfgang Mücksteins Vorstoß für eine Impfpflicht in Risikoberufen ist völlig richtig. Wer das nicht will, soll woanders arbeiten. Man kann einen Schritt weitergehen. Das Arbeitsrecht muss es erlauben, dass Firmen ihre Mitarbeiter zum Impfen drängen, wenn sie Kundenkontakt haben oder nahe beieinanderstehen (etwa in Lagerhallen oder Kühlhäusern). Mittels Prämien, aber in letzter Konsequenz auch mit Kündigungen oder Beurlaubungen soll Druck gemacht werden. Wie kommen Geimpfte dazu, sich einem erhöhten Quarantänerisiko auszusetzen?

Ja, aber zuerst gelindere Mittel, bessere Kampagnen, was als Fundament wissenschaftliche Fakten haben muss – und die heißen, Covid19 ernstzunehmen.

Drittens: Es braucht harte Strafen für Verletzungen der 3-G-Pflicht. Wenn das alles nichts nützt?

Dann sollte, viertens, eine Lex imperfecta her, ein sanktionsloses Gesetz. Lange war etwa das Rauchen in öffentlichen Gebäuden verboten, aber wer es dennoch tat, riskierte keine Strafe. Die Masse der Menschen hielt sich daran, der soziale Druck stieg. Wieso nicht auch die Impfpflicht verordnen, aber nicht sanktionieren? Es würde Hunderttausende aus der Gleichgültigkeit holen. Einen Versuch wäre es wert, im Interesse der Kinder, der Jugendlichen und jener, die sich nicht impfen lassen können und bisher die größten Lasten getragen haben.

Vor der Sanktionierung für Verletzungen der 3-G-Pflicht gehört diese zuerst evaluiert. Dann würde sich nämlich herausstellen, dass nur vollständig Geimpfte (1x J, bzw. 2x AZ, mRNA) dahineinfallen dürfen. Ebenso würden im Anbetracht von DELTA nur 24-36 Std. gültige PCR-Tests zulässig sein. Antigentests wären Geschichte. Genesene müssten mindestens eine Impfung nachweisen.

Falsch ist es jedenfalls die irreführende Bezeichnung “Nachweis einer geringen epidemiologischen Gefahr” für einen negativen Antigentest in Eigenanwendung in der aktuellen Covid-Verordnung. Wer einen negativen AG-Test hat, hält sich also an die 3-G-Pflicht, bleibt aber eine epidemiologische Gefahr, während ein Testverweigerer sanktioniert wird.

Vielleicht als abschließender Kommentar ….

Was ist überhaupt unser Ziel? Dahinter verbirgt sich eine viel grundsätzlichere Frage: Wie sind wir bisher mit gefährlichen Infektionskrankheiten umgegangen? Warum haben wir schwere Influenzawellen mit mehreren tausend Toten im Jahr zugelassen? Warum schicken wir Kinder und Angestellte krank in die Arbeit? Warum haben wir so schwache Arbeitnehmerrechte, die nicht vor Kündigung im Krankenstand schützen? Warum tun wir so wenig für Prävention? Warum müssen Kinder und allgemein Lernende (Lehrende) seit Jahrzehnten bei schlechter Raumluft lernen?

Unser Ziel: Wir wollen die annähernd gleiche unbeschwerte Bewegungsfreiheit wie vorher. Um das zu erreichen, muss das Virus weg alias das Risiko so weit wie möglich reduziert werden.

Wir wissen, wie es übertragen wird – durch Aerosole, und wie man es am genauesten nachweisen kann – durch PCR-Tests.

Damit kennen wir unsere effektivsten Waffen: FFP2-Masken indoor und flächendeckend gratis PCR-Tests.

Wir wissen außerdem um die Superspreading-Eigenschaft des Virus, und dass wir Massenveranstaltungen vermeiden müssen, mit DELTA indoor wie outdoor, wie vollbesetzte Fußballstadien und Nachtclubs.

Dank der herausragenden Arbeit der Virologen haben wir seit Jahresbeginn effektive Impfstoffe zur Hand.

Wir wissen, dass das Risiko einer Herzmuskelentzündung durch COVID19 für Jugendliche bei 200-700/Million liegt, während es 30-40/Million nach einer mRNA-Impfung sind – die meisten zudem mild. (Singer et al., 27.07.21).

Wir wissen, dass wir wegen DELTA mindesten 85-90% Impfquote erreichen müssen, um die Pandemie einzudämmen und dass uns die Herdenimmunität nur mit Impfung der Kinder und Jugendlichen gelingen wird (Liu et al., 23.07.21).

Wir wissen, dass wir Infektionen vermeiden müssen, egal in welcher Altersgruppe, aber besonders bei jenen Menschen, die noch nicht geimpft werden können, weil es noch keine zugelassene Impfung für sie gibt, denn bei Covid19 handelt es sich um ein neurotropes (das Nervensystem attackierendes) bzw. vaskulopathisches (die Gefäße attackierende) Virus, das selbst bei milden Krankheitsverläufen die kognitive Intelligenz beeinträchtigt (Hampshire et al., 22.07.21) und das Thrombose-Risiko erhöht – bis hin zu schweren Durchblutungsstörungen. Nachweislich erhöht es auch das Risiko für schlechtere Prognosen bei Herzinfarkten – selbst nach symptomfreien Verläufen (Marfella et al., 24.06.21).

Und weil wir so viel bereits wissen, und das, was wir nicht wissen, etwa, ob es Langzeitfolgen auch bei symptomfreien Kindern gibt, die sich erst Jahre später zeigen können, zur Vorsicht mahnt, müssen wir die Ungeimpften schützen, bis das Virus eingedämmt wurde. Jedenfalls sagt mir das mein ethischer und humaner Hausverstand.

You’re an animal.”

No, worse. Human!”

(Runaway Train)

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