Tag 491: Die Welt fliegt uns um die Ohren

Mittwoch, 14. Juli 2021, als in Luxemburg, Belgien, Saarland, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen die Welt unterging – an etlichen Flüssen gab es ein 100 jährliches Hochwasser, in der Folge liefen Talsperren über und Dämme brachen (Quelle Niederschlagsmenge: Kachelmannwetter)

Waldbrände in Sibirien, Waldbrände in den USA und Kanada. Hitzerekorde knapp an die 50°C in Kanada, am dritten Tag zerstört ein Wildfeuer den Ort. Arktis schmilzt, Antarktis schmilzt. Höchstwerte in der Polarregion bis zu 20 Grad über dem Mittel für Wochen. Verheerende Fluten in Benelux und Westdeutschland, über 140 Tote und mehr als 600 Verletzte. Größte Naturkatastrophe seit 100 Jahren. Unermessliche Schäden an der Infrastruktur mit zerstörten Gasleitungen, Bahnstrecken, Straßen und Brücken. Gleichzeitig Dürre am Alpenostrand und im Südosten, Dürre im Westen der USA. Dürre auch in Südeuropa. Hitzerekorde in Skandinavien. Wärmster Frühling in Japan, usw.

Die Wettermodelle hatten den Starkregen hervorragend erfasst. Die Abflussprognosen für die Bäche und Flüsse waren laut DWD-Meteorologen eindeutig auf Disaster programmiert. Speziell die Flutkatastrophe im Ahrtal war keineswegs ein Präzedenzfall. Im Jahr 1488 wurden Brücken zerstört, 1582 gab es Flutschäden in Bad Neuenahr, 1761 wurden die Gebiete nahe Ahrweiler nahezu vollständig zerstört. Am 21. Juli 1804 verwüsteten Sturzfluten Altenburg im Ahrtal. 63 Menschen starben. Am 12. Juni 1910 zerstörten Sturzfluten die gleichen Orte. 52 Menschen starben. In Erftstadt, wo der Fluss Erft in eine nahegelegene Kiesgrube floss und dadurch massive Bodenerosion auslöste, die mehrere Häuser zum Einsturz brachte und Todesopfer zur Folge hatte, könnte man ebenso noch von einem „hausgemachten“ Problem sprechen, aber wie die Klimaforscher schreiben – das Ausmaß der Überflutungen ist es, was schockiert. Spannend dazu dieses Paper von Kahraman et al. (2021), das genau das Thema ortsfeste Starkregenereignisse über Europa im Zeichen des Klimawandels behandelt.

Grund für die Hochwasserlage (anklicken zum Vergrößern)

Für die Unwetter heute abend in Österreich könnte ich eine fast identische Karte zeigen. Wieder eine Okklusion, ähnlich hohe Feuchte, labil geschichtet mit heftigen Gewittern und Nordostströmung mit Staueffekten. In Königssee/Berchtesgadener Land fielen in wenigen Stunden 122 l/qm, davon 50 l/qm in einer Stunde. Auch im Wiener Stadtgebiet verbreitet 50-80 l/qm und in weiten Teilen des südlichen Industrie- sowie Mostviertels 70-100 l/qm (Stand 22 Uhr).

Mehr dazu in einem gesonderten Beitrag.

DELTA öffnet die Büchse der Pandora

Nicht nur das Wetter (Klima) fliegt uns um die Ohren, sondern auch die Pandemie. Der Molekularbiologe Ulrich Elling rechnet im Herbst mit immer resistenteren Mutationen. Auch Virologe Bergthaler betont, wie wichtig es ist, nicht nur im eigenen Land zu impfen, sondern auch in ärmeren Ländern.

Li et al. (07.07.21) zeigen: DELTA hat’s faustdick hinter den Ohren. Nicht nur steckt eine infizierte Person mit dieser Virusvariante im Schnitt 6 Personen an (der Wuhan-Stamm nur 2-3), die Viruslast ist sogar bis zu 1000x höher. Infizierte Personen werden viel rascher infektiös als vorher. Bereits einen Tag nach einem negativen PCR-Test kann man ansteckend sein. Die 72-stündige Gültigkeit eines PCR-Tests sollte man damit überdenken.

Aktueller Stand zusammengefasst:

Klinische Wirksamkeit der Impfstoffe bei DELTA nach zwei Impfdosen
  1. Personen, welche die Infektion bisher mit einer anderen Variante als DELTA überstanden haben, sind nicht so gut gegen DELTA geschützt wie gegen eine erneute Infektion mit den anderen Varianten.
  2. Personen, die nur einmal geimpft sind, sind kaum gegen DELTA geschützt.
  3. Personen, die zweimal geimpft sind, sind schlechter gegen DELTA als gegen ALPHA geschützt.

Aus Mlcochova et al. (16.07.21)

4. Therapien mit monoklonalen Antikörpern sind weniger effektiv bei DELTA und können bei immunsupprimierten Patienten Fluchtvarianten entstehen lassen.

5. Das DELTA-Virus vermehrt sich in den Lungenzellen und Atemwegen leichter als bei ALPHA, was auch die schwereren Verläufe (auch bei jungen Menschen!) erklärt.

6. Zudem scheint das DELTA-Virus gegenüber ALPHA eine gespaltene Form zu haben. Dadurch wäre jedes Viruspartikel infektiöser und mehr Viruspartikel würden erzeugt. Dies erklärt, weshalb es gehäuft zu Impfdurchbrüchen kommt.

7. Bei den Doppeltgeimpften schützt AstraZeneca weniger gegen DELTA als gegen andere Varianten.

8. DELTA führt dazu, dass Kinder ihre (ungeimpften) Eltern verlieren und (ungeimpfte) schwangere Mütter ihre Babys. Kinder werden häufiger ins Krankenhaus eingewiesen und müssen intubiert werden. (Quelle) Am 12. Juli gab es alleine 54 hospitalisierte Kinder in England.

Gute Nachrichten?

„Wir haben vor zehn Tagen Experten gehabt, die uns gesagt haben, der Juli und Anfang August wird jedenfalls sicher werden. Und jetzt sind wir zehn Tage später, die Zahlen gehen rasant nach oben, mehr als wir uns das gedacht haben.“

Gesundheitsminister Mückstein am 15. Juli 2021 in der zib2

Der Abwärtstrend bei den Inzidenzen ist jedenfalls mal gestoppt. Jetzt geht es wieder steil bergauf.

Quelle: Erich Neuwirth, 17. Juli 2021

Ich hab davor gewarnt, am Tag 442 (28. Mai 2021) in aller Ausführlichkeit.

7-Tages-Inzidenzen pro Altersgruppen und Datum in England bis 16. Juli, Quelle: Germain Forestier

Auch in Österreich erkennt man diese Entwicklung mit Zunahme an Infektionen bei der jüngeren Bevölkerung:

Quelle: Erich Neuwirth, 17.07.21

Mückstein behauptet, dass wir eine andere Situation als im Vorjahr hätten, weil über 40% bereits vollständig immunisiert wären.

Wenn man sich allerdings die Impfquoten anschaut, dann ist die einzige Altersgruppe mit annähernd „Herdenimmunität“ die 75-84jährigen. Bei den unter 35jährigen fehlen noch 45%, und wenn man die Einmalgeimpften wegen DELTA dazu rechnet, sind es sogar 70%.

Meine Einschätzung am 8. Mai 2021 (Tag 418) war so:

„Die Kinder sind noch bis zu einem zugelassenen Impfstoff im Herbst ungeschützt, ein Großteil der Eltern hat noch keine Impfung erhalten. Von den Großeltern sind immer noch ein Drittel ungeimpft. Selbst von den sogenannten Risiko- oder Hochrisikogruppen, die sich durch alle Altersgruppen ziehen, kamen noch nicht alle Impfwilligen dran.

Jüngere haben höhere Überlebensschancen als Älter und liegen (kämpfen) länger. Sie werden außerdem intensivmedizinisch eher betreut als sehr alte Menschen. Die Todesrate pro Tag wird damit weiter sinken, dafür aber vermutlich zeitlich länger gestreckt sein, weil auch von den jungen Menschen ein Teil stirbt.“

„Wenn wir warten, bis die Intensivstationen sich wieder zu füllen beginnen, dann sind wir jedenfalls zu spät dran.“

Da hat Mückstein anscheinend dazu gelernt, aber sonst… im gesamten Interview wieder kein Wort zu LongCovid. Stattdessen hört man die Furcht davor, dass Österreich zum Risikogebiet erklärt werden könnte, was dem Tourismus schaden würde, und dass es Auswirkungen auf die Wirtschaft hätte wegen steigender Quarantänen. Mein Gott, die Jungen sollen sich nicht wegen dem Frequency oder anderen Festivals impfen lassen, sondern wegen LongCovid und um nicht zum Überträger von DELTA zu werden, das heimtückisch hochansteckend ist. Die Unterscheidung der Maskenpflicht ist entbehrlich. Sie hat indoor zu gelten, Punkt.

Wir haben eine ausgeklügelte Teststrategie, es wird sehr viel getestet. Wien macht das hier gut vor, wir haben über 90% der PCR-Tests werden in Wien gemacht.“

Das ist nicht sonderlich ausgeklügelt, um ehrlich zu sein, aber erfreulich, dass Vorarlberg, Tirol und Oberösterreich beim gratis gurgeln mitmachen werden, und die Teststrategie auf ganz Österreich ausgerollt wird – aber, auch hier ist nur der Hintergedanke das Offenhalten der Wirtschaft und nicht der Menschenschutz. Gar kein Thema waren wieder einmal die CO2-Messungen, HEPA-Filteranlagen und sonstige Möglichkeiten der Frischluftzufuhr für Bildungseinrichtungen, wovon Generationen danach noch profitieren könnten.

Wie geht’s weiter?

Ich hab mich seit Beginn der Lockerungen relativ schadlos gehalten und war nahezu immer draußen essen oder trinken. Lediglich mit Ausnahme eines unerwarteten Gewitters, aber da stellte ich mich mit dem ebenfalls doppelt geimpften Freund im Nebenraum der kleinen Berghütte unter, während sich in der Gaststube recht angeregt unterhalten wurde. Ich trage weiterhin durchgehend FFP2- oder FFP3-Masken – solange keine FFP2-Pflicht, sondern nur der „normale“ Mund-Nasen-Schutz gilt, gelegentlich auch mit Ventil. Ich mach etwa einmal die Woche die PCR-Mundspülung. Zuletzt war das Ergebnis innerhalb von 12 Stunden vorhanden.

Leider weiß ich von vielen, vielen Menschen, die selbst nach einmaliger Impfung schon dachten, unbedingt eine Reihe von Familien- und Geburtstagsfeiern nachholen zu müssen. Daran sehe ich, dass die Regierung zu sorglos alias fahrlässig kommuniziert hat.

Dazu ein passender Tweet von @KFL3011:

„Jemand erzählte mir gerade, dass es verständlich ist, dass alle gerade die niedrigen Inzidenzen „nutzen“ um ihre Familienfeiern nachzuholen, bevor es wieder hoch geht. Ich erwiderte, dass es wieder hoch gehen wird, weil jetzt alle die niedrigen Inzidenzen „nutzen“.

Jou…. und daher geht es halt jetzt wieder hoch, weil vieles zusammenkommt: Enthemmte Jugend, die den Sommer über durchfeiert. Enthemmte jüngere Erwachsene, die Feiern und Konzerte nachholt. Enthemmte ältere Erwachsene und eine Menge Menschen, die wieder munter durch die Weltgeschichte reisen oder fliegen und meinen, ihr Stofffetzerl und ein Antigentest wäre ausreichend. Viel Tourismus, kaum Kontrollen, zu viel indoor, Großveranstaltungen – und um das klar zu sagen: Du kannst nicht durch Testen immunisieren! Ein Test ist ein SOLIDARAKT gegenüber Deinen Mitmenschen! Es reicht ein falschnegativer Test oder ein Ungetesteter, der sich irgendwo reinschummelt, und er sandelt im Schnitt sechs Menschen an, egal ob sie geimpft, getestet oder genesen sind. Sie sind dann infiziert und dürfen anfangen zu hoffen, dass ihre Durchbruchsinfektion asymptomatisch bleibt.

Ich bin müde und erschöpft. Jedes Mal das gleiche Theater. Mein Urlaub Ende August kann ich mir in die Haare schmieren. Mal schaun, was dann noch offen hat. Was noch geht. Kommen noch riskantere Varianten geht die ganze Scheiße von vorne los. Derzeit fühl ich mich noch sicher in Anwesenheit anderer doppeltgeimpfter Menschen (Freunde), aber wie lange bleibt das?

Zum Abschluss noch zwei Texte von Martin Moder und Florian Aigner, die absolut lesenswert sind.

Gute Nacht!

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