Tag 537: Denn sie wissen es nicht …

Wenn 70% einen Anzug tragen, der gegen Haiattacken schützt, öffne ich den gesamten Pool. Quelle: M David

Am Land ist nicht alles schlecht. An einem kleinen Kärntner Campingplatz wurde vergangene Woche streng der Impfpass kontrolliert, im Gasthof wollte die Wirtin die Impfpässe sehen. Als sie sich mit Bekannten unterhielt, beklagten sie sich gemeinsam über Impfgegner und deren abstrusen Argumente. Ein paar Kilometer weiter an einem größeren See mit riesigem Campingplatz wollte der Kellner im griechischen Lokal hingegen nichts sehen, weder Registrierung noch 3-G. Ja, outdoor, aber trotzdem. Letzendlich lässt es sich nicht an Nationalitäten festmachen, wer genau hinschaut und wer nicht. Es liegt eher daran, wer an eine Faktenvielfalt glaubt und nicht weiter darüber nachdenken möchte, sowie an persönlicher Betroffenheit und Betroffenheit von Dritten.

Dennoch ist das Thema Impfung nichts für die Eigenverantwortung. Das war es auch nicht bei Polio, Masern und anderen grindigen Krankheiten. Bei FMSE oder Borreliose (noch kein Impfschutz vorhanden) ist die Eigenverantwortung deutlicher, weil die Krankheiten nicht von Mensch zu Mensch übertragbar sind. Sobald eine Krankheit (leicht) übertragbar und potentiell tödlich ist, handelt es sich um eine gesellschaftliche Verantwortung. Anders formuliert – und das gilt für alle Aspekte in der Pandemie: Nur wer seriös und umfassend informiert wurde, kann eine eigen- und fremdverantwortliche Entscheidung treffen.

False Balancing und Mixed Messaging

*generisches Femininum (Männer sind mitgemeint)

Aufgeklärte Leserinnen* wie wir mögen ja denken: Jetzt sind schon anderthalb Jahre vergangen, es müssten doch längst alle Bescheid wissen, wie gefährlich das Virus ist, dass es Langzeitfolgen macht, die Monate oder Jahre andauern können, für die es kein generelles Allheilmittel gibt, dass es über die Luft übertragen wird und Plexiglasscheiben nichts nützen oder nur Abstände in Innenräumen einzuhalten, dass Kinder übertragen und sich infizieren wie Erwachsene auch. Dass Kinder zwar selten schwer krank werden, aber bei der absoluten Zahl an Kindern das natürlich einige tausend Kinder betreffen würde, wenn man das Virus durch die Schulen und Kindergärten rauschen lassen würde. Sie müssten doch längst wissen, dass die Impfung wirkt und Testen keine Alternative ist.

Tatsächlich ist es so, dass wir zwar eine vielfältige Medienlandschaft haben, sie sich aber beim Thema #falsebalancing ziemlich einig ist: Etliche Journalistinnen sind nicht in der Lage, seriöse von unseriösen Expertinnen zu unterscheiden (siehe Tag 215). Es ist sogar noch viel schlimmer: Meine derzeit pausierende Zitatsammlung (bis 11. Juli 2021) zeigt auf, welche Expertinnen sich über Monate hinweg durch haltlose Mutmaßungen längst ins Abseits gestellt hätten, würde man ihnen nicht immer wieder eine Bühne bieten. Mein Zitatarchiv hat aber genauso die wahren Expertinnen aufgelistet, die über weite Teile der Pandemie zutreffende Aussagen getroffen haben. Der gesunde Hausverstand sagt nun, dass man eher auf Menschen hört, die ihre Aussagen fundiert begründen können und sich bei Fehleinschätzungen selbstkritisch zu Wort melden – die vor allem Fehler nicht erst dann eingestehen, wenn es massiven öffentlichen Druck gibt, oder die österreichische Lösung: Die ohne Faktencheck und Gegendarstellung „aus dem Verkehr“ gezogen werden, wie bei den InfektiologInnen Allerberger und Apfalter geschehen.

Da wäre z.B. Epidemiologin Schernhammer, Meisterin der abschwächenden Formulierungen, in diesem ORF-Interview: „sehr unterschiedlich“, „vielleicht“, „allerdings“, „gewissenem Grad“, „muss man noch abwarten“. Kein Einzelfall, wie meine Analyse am Tag 377 zeigt. Zwischen den Zeilen liest man ein „es betrifft nur Risikokinder“, was natürlich einen ganz miefigen Beigeschmack hat. Falsch ist zudem die Annahme, in den USA wären die Kinder wesentlich dicker als in Österreich (24 vs. 21 %). Die Epidemiologin hat wohl schon länger keine Wiener Schule von innen gesehen.

Oder „Simulationsexperte“ Popper in diesem ORF-Text, der epistemic trespassing begeht (siehe Tag 385 – große Analyse zu den Hintergründen der Pandemiepolitik in Österreich), wenn er für die Schulen „möglicherweise Hygienemaßnahmen“ und „irgendwo Masken“ vorschlägt. Popper hat sich meines Wissens nie zu LongCOVID geäußert, sondern liefert der Regierung lediglich die Modellprognosen für die unmittelbare Überlastung der Spitalsversorgung.

Oder der Wiener Kinderinfektiologe Florian Götzinger mit #MixedMessaging im Radio Wien. Einerseits warnt er vor steigenden LongCOVID-Zahlen bei Kindern, andererseits werden LongCOVID-Symptome mit „Lockdownfolgen“ vermengt und ins psychische Belastungseck gestellt. Darunter leiden bereits viele Erwachsene mit LongCOVID und ME/CFS, deren extreme Erschöpfungsmüdigkeit sicherlich nicht mit „ständig müde, weil monatelang keine Schule“ vergleichbar ist. Das muss einfach klar getrennt werden, sonst befeuert es gerade jene, die die Wirksamkeit und Notwendigkeit der Lockdowns infrage stellen, die ja nur notwendig wurden, weil die Regierung keine Niedriginzidenzstrategie verfolgt hat, mit der man die Schulen dauerhaft hätte offen halten können. Natürlich hätte man auch das Schulsystem selbst in Frage stellen können, mit Outdoor-Unterricht im Sommer und Verschiebung der längeren Ferienzeiten in die kalten Herbst- und Wintermonate.

„Die hatten sicher Vorerkrankungen?“

Diabetes, Übergewicht, Herzfehler, Krebs, Behinderungen sind weiter verbreitet als viele denken, auch bei jungen Menschen. Ist der Mensch mit Vorerkrankungen oder Behinderungen weniger wert als ein gesunder Mensch? Ganz dünnes Eis. Da bewegen wir uns schnell in Richtung Eugenik. Ein Tabubegriff, da er mit Nazidiktion und Rassenhygiene in Verbindung gebracht wird. Michael Wiesmann klärt auf, weshalb man die Politik in der Schweiz, genauso zutreffend aber auch für Deutschland, Österreich, UK und andere Länder, die keine Schutzmaßnahmen für die Kinder ergreifen, sehr wohl mit Eugenik beschreiben kann. Das Konzept der Eugenik ist wesentlich älter als die Nazizeit und geht auf den britischen Wissenschaftler Francis Galton zurück, der 1869 erstmals von Eugenik spricht und damit meint, dass es gute und weniger gute erbliche Voraussetzungen gibt, nicht in einem beschreibenden, sondern in einem wertenden Sinn, also „gute, wertvolle“ und „minderwertige“ genetische Voraussetzungen gibt. In der Schweiz wurde erst 1985 das letzte eugenisch motivierte Gesetz abgeschafft, über Zwangssterilisierung von geistig behinderten Menschen. Wenn man sagt: „Meine Familie, mich selbst wird es nicht so schlimm erwischen, wir sind schließlich gesund“, dann mach ich damit eine Unterscheidung zwischen „uns als gesunden Menschen“ und „denen, die krank werden können“. Der Gedanke, dass man Spitäler mit Menschen füllen könnte, die aufgrund ihrer Vorerkrankungen krank werden, ist eugenisches Denken. Das entspricht nicht unserem Rechtsstaat, der sagt, dass sich die Stärke vom Volk am Wohl des Schwächsten misst – wir sollten die Schwächsten also schützen und nicht „es erwischt nur die mit Vorerkrankungen, das ist Eugenik“.

Die Frage nach Vorerkrankungen heißt also so viel wie „mein Kind ist gesund, es trifft nur Kinder, die ohnehin krank sind.“ – und das ist Eugenik, unabhängig davon, dass die Nationalsozialisten ihre Rassenhygiene daraus abgeleitet haben.

Warum gibt es keine Impfkampagne?

Seit Mitte Juli ist das Bundeskanzleramt dafür zuständig, doch der Kanzler hat die Pandemie ja für beendet erklärt und den noch ungeimpften Teil der Bevölkerung ebenso wie Non-Responder, ältere Menschen mit nachlassender Immunisierung (Immunoseneszenz) und grunderkrankte Menschen mit höherem Breakthrough-Infection-Risiko in die vermeintliche Eigenverantwortung entlassen, und ist nach Kroatien gereist, um Urlaub zu machen. Kommunikationsexpertin Nina Hoppe beklagt im Ö1-Morgenjournal am 30.08 (abrufbar bis 5.9.21), dass keine Strategie mehr erkennbar wäre und sich sogar der Gesundheitsminister selbst widerspreche, der 1G (Zutritt nur für Geimpfte) erst kategorisch ablehnte und sich mit steigenden Infektionszahlen immer besser vorstellen könne. Wien ist aktiv bei Taten, sagt Jakob-Eberl, aber auch hier lasse die Informationspolitik zu wünschen übrig, etwa über Impfnebenwirkungen oder die Gefahr von LongCOVID. Das Rote Kreuz hätte die Impfkampagne im Juli an den Kanzler abgegeben, zum denkbar ungünstigsten Zeitpunkt, denn wenn man sich im Sommer beide Stiche geholt hätte, wäre die Problematik jetzt zu Schulbeginn nicht so hoch.

Politologe Filzmaier sagt, man müsste dahin gehen, wo es wehtut, also zu den FPÖ-Wählern, nicht nur in der eigenen Blase. Man müsste in Sport und Kultur gehen. Der Kanzler müsste sein Märchen von der beendeten Pandemie für Geimpfte zurücknehmen, bzw. dass wir im Sommer zur Normalität zurückkehren könnten. Die OÖ-Wahl spielt ebenso eine Rolle, Impfansagen könnten der FPÖ ein Kampfthema beschaffen.

Die Intensivmedizinerin traveleve hat auf Twitter schön zusammengefasst, dass ein signifikanter Teil der Bevölkerung, der sich bisher nicht impfen ließ, schlicht nicht weiß, weil ihr nicht kommuniziert wird, dass ….

  • Ungeimpfte das Gesundheitssystem kippen und Operationen wegen ihnen verschoben werden müssen
  • die Impfung schützt und nicht unfruchtbar macht (Covid19 gefährdet hingegen Schwangere und ihr Kind, und kann Männer unfruchtbar machen)
  • der Staat Österreich, wenn er was auch gratis „Ausländern“ anbietet, nichts böses im Schilde führt. Wenn die Regierung immer nur gegen sie hetzt, ist klar, dass sie nicht durchkommt. Menschen anderer Herkunft sind misstrauisch gegenüber Regierungen an sich.

Es gibt keine Role Models, etwa in Sport und Kultur (siehe Filzmaier), keine Erklärung, dass der nächste Lockdown vielleicht den Job kosten könnte, und dass beide Impfstiche das verhindern können. Keine Erklärung, dass Bildung gratis möglich ist und Kindern hier der Weg offen steht – wenn die Schule offen ist, bitte impfen. In Oberösterreich ist Wahlkampf, die Ausländer sind Schuld, ihre Lebensrealitäten egal, ebenso die gruseligen Bedingungen in den Spitälern.

Russisch Roulette

Mein Grundton im Blog war seit der Zulassung der Impfstoffe, dass man bei gesunden Menschen mit LongCOVID argumentieren soll, um sie zur Impfung zu bewegen. Ich hab schon damals mit dem Beipackzettel bei Medikamenten verglichen. „Sehr häufig“ heißt, mehr als 1 von 10 Patienten hat Nebenwirkungen. LongCOVID entwickeln 10-20% aller infizierten Menschen, also „sehr häufig“. Rund 10% der Infizierten mussten ins Krankenhaus (Quelle: RKI, Stand 14.07.21). Jeder zweite Covid-Spitalspatient entwickelt Langzeitfolgen (Huang et al., 28.08.21) , bei Kindern jedes Dritte (Ray et al., 14.07.21). DELTA macht deutlich mehr Hospitalisierungen als ALPHA. Der gesunde Hausverstand sagt also, dass Aussagen wie, dass man die Spitäler ruhig anfüllen kann mit Patienten und jeder pumperlgesund von der ECMO abgehängt später wieder aus dem Spital spazieren kann, eine fatale Verharmlosung darstellen, und zwar wurscht, in welchem Zustand jemand das Spital betritt, ob jung oder alt, ob gesund oder vorerkrankt.

Es war schon immer Russisch Roulette, und bei DELTA befinden sich jetzt mehr Kugeln in den Kammern als beim Wuhan-Stamm. Das betrifft genauso das Masken tragen. Maske unter der Nase heißt mehr Kugeln in der Kammer, Stoffmaske statt FFP2-Maske heißt mehr Kugeln in der Kammer. Ein Outdoor-Konzert dicht gedrängt heißt mehr Kugeln in der Kammer. Antigentests statt PCR-Tests heißen mehr Kugeln in der Kammer. In Schulen sind besonders viele Kugeln in der Kammer, was das Infektionsrisiko betrifft.

In den USA kommt erschwerend die RSV-Welle dazu, wodurch die ohnehin wenigen Kinderspitalsplätze rasch voll wurden. Davon abgesehen schmeckt mir die latente Relativierung nicht. Kinder stehen unter dem Schutz der Kinderrechtskonvention, ihre Gesundheit ist zu schützen, das gilt selbstverständlich auch für behinderte und vorerkrankte Kinder – wir sind ja nicht mehr in der Zeit des Nationalsozialismus! Ob die USA jetzt stärker betroffen sind, weil es mehr Ethnogruppen gibt, die stärker betroffen sind, macht die Situation in Europa nicht frei für Durchseuchung Es ist ein ethisch verwerfliches Experiment, in das niemand eingewilligt hat, in dem die Betroffenen unmündig sind und die Eltern keine Wahl haben – außer ihre Kinder aus den Kindergärten und Schulen zu nehmen, was aber ausgerechnet jene ökonomisch Schwächere meist nicht können, die das höhere Risiko haben und tendenziell schlechter aufgeklärt sind. Ich halte das für verwerflich und nicht richtig. Ganz schlechtes Gefühl.

Eines darf man nicht vergessen: Für die über 40% ungeimpften Menschen in Österreich ist das Virus nicht ungefährlicher geworden, nur weil die anderen 60% bereits geimpft sind. DELTA ist bis zu 1000fach infektiöser und macht schwerere Verläufe. Der Altersdurchschnitt in den Spitälern sinkt kontinierlich. Der Anteil der ungeimpften Bevölkerung reicht locker für eine Überlastung der Bettenkapazität in Österreich aus. Derzeit ist die Intensivbettenbelegung auf dem Niveau von Mitte Oktober 2020 – einen Monat später starben 100 Menschen pro Tag!

Der klinische Epidemiologe Robert Zangerle fasst in seiner heutigen Seuchenkolumne zusammen, welche Faktoren die Infektions- und Hospitalisierungsraten erhöhen können, darunter Schulbeginn, Rückkehr von vielen Arbeitnehmern und Studenten nach dem Sommer, Herbstbeginn und niedrigere Temperaturen und Contact Tracing am Anschlag.

„Es konnte ja niemand ahnen, dass die Österreicher und Österreicherinnen zu Impftrödlern werden, obwohl sie durch das Normalitäts-Geschwafel öffentlich dazu aufgefordert wurden, schließlich gebe es einen „Sommer wie damals“ zu genießen.“

[…] Drei weitere Verdoppelungen, und die Intensivstationen wären stärker belegt als während der höchsten Belegung bisher. Masken in Innenräumen zusammen mit gutem CO₂-Management, um die Aerosolübertragung zu minimieren, sind doch die am wenigsten einschneidenden Maßnahmen. Wieso wird das nicht durchgesetzt?«

Robert Zangerle

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