Tag 607: Rette sich, wer kann …!

Angesichts der derzeitigen Entwicklung …. denkt an Welle eins….

  • physische Kontakte vermeiden, wo es möglich ist
  • Einkäufe liefern lassen, aber unbedingt FFP2-Maske tragen, viele Post- und Lieferangestellte tragen keine Masken!
  • Auch im Stiegenhaus und Lift Masken tragen!
  • Arbeitgeber nerven wegen Homeoffice
  • unnötige Ausflüge und Veranstaltungen vermeiden, wo Menschenmengen indoor zusammenkommen, egal ob geimpft oder ungeimpft – sobald die FFP2-Masken fehlen oder nicht dicht sitzen, wirds problematisch.
  • defensiv beim Sport bleiben und beim Handwerken aufpassen.
  • Kinder, wo nur möglich, aus Kindergarten und Schule nehmen, sonst auf Masken bestehen und off-label impfen, wenn möglich
  • dritte Impfung holen, um das Risiko symptomatischer Verläufe zu reduzieren und den Übertragungsschutz zu erneuern
  • nicht schwer krank werden – nein, das kann man selbst kaum beeinflussen. Wer zu Gallensteinen neigt, sollte jetzt vielleicht sein Glück nicht herausfordern (Alkohol/Fettkonsum), und das für einige Monate.

Viel Glück!

COVID-19-Prognose und Kapazitätsvorschau, Prognose vom 09.11.2021
Inzidenzen nach Altersgruppe seit Pandemiebeginn, Quelle: Erich Neuwirth, 10.11.21
Altersgruppen-Inzidenzen nach Bundesländern, Quelle: Erich Neuwirth, 10.11.21

Bayern hat heute den Katastrophenfall ausgerufen, Drosten schlägt Alarm, Deutschland habe eine echte Notfallsituation und der österreichische Gesundheitsminister gibt Tipps beim Kauf der Martinigansl.

Für jene von Euch, die Ö24 nicht mit Klicks belohnen wollen, hab ich gemeinsam mit Martin Polak ein Transkript des enorm wichtigen und ebenso alarmierenden Interviews von Isabelle Daniel mit Infektiologe Richard Greil (Landesklinik Salzburg) angefertigt – danke an dieser Stelle an Isabelle, dass sie Greil einfach ausreden ließ.

Ich kann nachvollziehen, dass einzelne Absätze für den Leser überfordernd wirken können. Greil redet Klartext, drückt sich dabei aber phasenweise zu akademisch aus mit vielen Fachbegriffen. Die Kernaussagen daher vereinfacht zusammengefasst, durch sinngemäße und direkte Zitate:

1.Die Situation ist dramatisch. Durch den massiven Pflegemangel können alleine im Landeskrankenhaus Salzburg 148 Betten nicht belegt werden. Die zusätzliche Versorgung von COVID-Patienten stößt rasch an ihre Grenzen. Dafür stehen rund 30 Intensivbetten zur Verfügung, im November 2020 waren 32 belegt, aktuell sind es 25 und die Kurve steigt dramatisch an. Die dafür freigemachten Bettenstationen lösen schwere Kolleratalschäden aus. Laut Prognosen werden 15000 bis 20000 Neuinfektionen pro Tag erwartet und mit den jetzt gesetzten Maßnahmen wird sich der Ansturm Schwerstkranker nicht so schnell abschwächen.

„Es ist mit Sicherheit so, dass unsere jungen Ärzte nicht mehr wissen und Angst haben, was geschieht, wenn sie kein freies Bett mehr haben, in dem sie einen Patienten aufnehmen müssten. Ich mein, das ist einfach die Realität.“

2. Die Medizin kennt keine Schuld. Die ärztliche Versorgung muss völlig unabhängig davon sein, ob jemand zu seinem Krankheitszustand etwas beigetragen hat oder nicht. Die Unterscheidung zwischen COVID- und non COVID Patienten ist unangemessen. Jedes Bett, das man für einen COVID-Patienten braucht, muss jemand anderem „weggenommen“ werden. Beide haben die gleiche Versorgungsberechtigung.

3. Die vierte Welle war vorhersehbar. Im Frühsommer wurden die Kontaktbeschränkungen aufgehoben. Damals konnte man sich aufgrund der Impfrate von ungefähr 60% plus durchgemachte Infektionen plus nachlassendem Impfschutz ausrechnen, dass alleine in Salzburg etwa 300 000 Menschen „neu infiziert“ werden konnten. Das ergibt für ganz Österreich eine riesige Zahl an Menschen, die infiziert werden können, und zwar mindestens in der Größenordnung der zweiten Welle. Im Juni hat das ECDC festgestellt, dass eine vierte Welle sehr wahrscheinlich ist und das Gesundheitssystem überlasten kann. Auch die Direktoren des Britischen Gesundheitssystems (NHS) haben das festgestellt, obwohl UK damals die höchste Impfrate in Europa hatte. 100 Tage nach dem Freedom Day (alle Maßnahmen fallen lassen) kam es so in UK, und auch derzeit in Dänemark.

4. COVID-19 ist eine schwere Erkrankung der Gesamtgesellschaft, mit Auswirkungen auf soziale Aspekte, Polarisierung, wirtschaftliche Aspekte, etc. In der Medizin ist vollkommen klar, wenn die Ursache nicht behandelt wird, wird man auch alle anderen Aspekte nicht unter Kontrolle bekommen. Bei einer schweren Erkrankung beginnt man mit der effektivsten Maßnahme und nicht mit einer Aneinanderreihung von homöopathischen Dosen.

„Alleine deswegen, weil die Wartezeit darauf, ob die wirksamste Therapie überhaupt wirkt, schon dazu führen kann, dass Sie den richtigen Zeitpunkt übersehen, um eine alternative Maßnahme einzuführen.“

Durch die langsame Einführung von Maßnahmen in der zweiten Welle sind die Zahlen explodiert und die Bereitschaft der Bevölkerung war nicht mehr da, auch einen dritten Lockdown mitzutragen. Die Menschen wollen sehen, dass die Maßnahmen wirksam sind, nur so lässt sich die Polarisierung verhindern. Der Erfolg ist der größte Heilungsfaktor, und der muss sich möglichst schnell einstellen, dann sind auch alle Kollateralschäden am geringsten.

Die jetzt getroffenen Maßnahmen sind richtig, aber definitiv zu spät, denn die Durchimpfung entfaltet frühestens Ende Dezember ihre Wirkung.

5. Der Gesundheitsminister trägt die Endverantwortung. Wenn versucht wird, die Verantwortung auf viele Köpfe zu verteilen, dann ist nicht mehr feststellbar, an wen man sich eigentlich wenden soll. Mit regionaler Verantwortung kann man arbeiten, wenn die Pandemie bei kleinen Zahlen angelangt ist, wenn man mit Contact Tracing arbeiten muss und lokale Maßnahmen wirkungsvoll einsetzen kann. Jetzt hat die Pandemie das aber alles überschritten. Die Kontaktnachverfolgung funktioniert nicht mehr. Jetzt braucht man flächendeckende Maßnahmen. Die müssen sich am schwächsten Glied orientieren, also dort, wo das Problem am größten ist, und flächendeckend gelten. Es braucht jetzt massive Kontaktbeschränkungen und es müssen Kennzahlen genannt werden, die täglich überwacht werden.

„Es muss eine Vorstellung davon geben, wie der Pflegemangel und freie Betten sind, und ab welchem Zeitpunkt von Belastung durch COVID schwere kollaterale Schäden entstehen. Das sehen Sie nirgendwo dargestellt. Das ist für die Kommunikation der Bevölkerung gegenüber wichtig für ihr Verständnis, und es ist wichtig gegenüber Ärzten und Pflegern in den Krankenanstalten, weil die ja sehen müssen, wo und wann eine erfolgversprechende Maßnahme gesetzt wird, sonst macht sich überall Belanglosigkeit, Gleichgültigkeit und Frustration breit – das können wir nicht brauchen im Gesundheitssystem.“

6. Wir dürfen den Menschen nicht Dinge versprechen, die wir nicht einhalten können. Das ist bei schwerkranken Menschen so, wo es eine sehr hohe Aufklärungspflicht gibt, und gilt auch für die Pandemie. Man kann nicht die Beendigung einer Welle zu einem Zeitpunkt erklären, wo man weiß, dass diese Welle mit Sicherheit wieder kommt. Das ermüdet die Menschen und sorgt in einem hohen Ausmaß für Vertrauensverlust. In schwierigen Situationen muss man beständig bei der Wahrheit bleiben. Ebenso wie es unverständlich ist, dass man die FFP2-Maskenpflicht nicht beibehalten hat. Sie schränkt das öffentliche und wirtschaftliche Leben weniger ein als ein Lockdown. Untersuchungen aus den USA zeigen, dass der wirksamste Zeitpunkt für FFP2-Masken die Frühphase der Welle ist.

7. Wichtige Kennzahlen fehlen. Wir wissen nicht, wie der Pflegemangel in den anderen Bundesländern ist im Verhältnis zum Bettenbedarf. Das kann ganz unterschiedlich sein. Bei den aktuellen Inzidenzen befinden wir uns in einem Bereich, sowohl bei Durchbruchsinfektionen als auch bei Ungeimpften, dass eine Impfrate von einigen tausend Menschen pro Tag das nicht ausgleichen kann – sprich, es erkranken mehr Menschen schwer als man durch die Impfung aus der Pandemie herausnehmen kann.

8. Man darf sich nicht immer nur an Zulassungsindikationen halten, siehe Israel, die schnell reagieren, unkonventionell und notwendige Entscheidungen treffen, unabhängig davon, was der Rest der Welt dazu sagt. Das ist auch eine Haftungsfrage, die Israel (und USA) anders lösen als Europa. In Österreich ist es sicherlich notwendig, den Grünen Pass für Geimpfte auf 6 Monate zu reduzieren. Das Nationale Impfgremium (NIG) war viel zu vorsichtig, jetzt hat man bei einigen Patienten auf 4 Monate reduziert für die Drittimpfung – wichtig ist der schnellstmögliche Zeitpunkt.

9. Fahrplan für die Ausrollung der Impfung fehlt. Das geht nicht nur durch das Abstellen von Impfbussen, sondern muss in militärischer Form geplant werden, wie durch das Militär oder das Rote Kreuz oder auch Krankenanstalten, die in „Friedenszeiten“ rasch umstellen können – jetzt geht das nicht mehr, weil das Personal dafür fehlt. Das kann man jedenfalls nicht dem Zufall überlassen, wer jetzt impfen geht. Es fehlt ein Plan der Regierung, in wie vielen Tagen wie viele Menschen geimpft werden sollen, und wie das erreicht werden soll – diesen Fahrplan kann dann jeder einfordern und kontrollieren, ob wir im Zeitplan liegen. Zudem muss klar sein, wie wirksam die einzelnen Maßnahmen sind, um Glaubwürdigkeit zu erreichen. Man lässt die behandelnde Ärzte und Pfleger in den Krankenanstalten in einer völligen „black box“ zurück.

10. Die Qualität der Versorgung leidet enorm. Der Erschöpfungsfaktor ist sehr hoch, es gibt viele Springer, die täglich auf drei verschiedenen Stationen in der Versorgung sein müssen, es leidet auch die Identifikation mit der Arbeit und das führt zu Reibungsverlusten innerhalb der Krankenanstalten. Das wird ein langfristiges Problem, denn es gibt viel zu wenige Pfleger und Ärzte über die nächsten 4-5 Jahre oder länger. Bei den Ärzten kommt der große Mangel wegen den langen Ausbildungszeiten erst. Das sind dramatische Veränderungen, die Vorstellung, dass wir am Ende der Krise sind, ist ein Irrtum.

Wir sind am Beginn der gesundheitspolitischen Krise und es ist daher extrem notwendig, die richtigen Maßnahmen zu setzen, und die liegen nicht in der Schaffung neuer Intensivbettenkapazitäten, die wir ohnehin nicht besetzen könnten.“

11. Ohne Impfung hätten wir jetzt Bergamo. Im März 2020 hat Greil grob ausgerechnet, was passieren würde, wenn sich 60% der Bevölkerung infiziert werden könnten. Er hat die Rechnung sofort aufgegeben, weil die Daten derart monströs waren, dass sie außerhalb jeder Vorstellungskraft waren. Er rechnete mit 10% Durchimpfungsrate und kam immer noch auf eine Größenordnung von Bergamo, und man hätte ein Behelfsspital mit fast 800 Betten gebraucht.

Die Impfung ist sehr wirksam, sie wirkt kürzer als gehofft und nicht bei allen gleich, aber das war von vorneherein zu erwarten – das hätte man so kommunizieren müssen. Es wird auch neue Medikamente geben, aber wann sie in Österreich zur Anwendung kommen, ist nicht absehbar. Israel kauft diese Medikamente sofort ein, man wird sich in Österreich überlegen müssen, „wie man Innovationen tatsächlich in der Geschwindigkeit schafft, die erforderlich sind.“

Ein Gedanke zu “Tag 607: Rette sich, wer kann …!

  1. Anfang Oktober war ich noch naiv genug zu glauben, dass meine Eltern mich Mitte/Ende November besuchen kommen können. Seit wenigen Wochen bereite ich meine Eltern darauf vor, dass sie sich ihren Wien-Besuch abschminken können. Nun werde ich ihnen bald mitteilen müssen, dass sie ihre zum Glück günstig erworbenen Zugfahrkarten sonstwohin stecken können.
    Mein Papa bekommt erst Mitte Dezember seine 3. Impfung und ich hoffe einfach, dass ich auch vor Weihnachten mein 3. Jaukerl bekomme, damit ich meine Eltern an Weihnachten besuchen kann.
    Ich geb mir eine Flasche Stiegl HELL und geh derweil weinen.

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