Tag 610: Kontaktreduktion für ALLE einziger Ausweg

Pandemieverlauf in einigen ausgewählten Staaten, Stand 12. November 2021

Ausgangslage:

In der aktuellen Situation haben wir eine hochansteckende Virusvariante, welche wie bereits der Urtyp über die Luft übertragen wird und den Immunschutz teilweise umgeht. Nichts davon wurde bisher so deutlich kommuniziert, dass es eine Verhaltensänderung in der Bevölkerung bewirken würde, die sich nachhaltig auf geringere Infektionsraten auswirken würde.

Die Bevölkerung wurde belogen:

Die Pandemie ist für Geimpfte nicht vorbei.

Erstens, weil der Impfschutz nicht perfekt ist, und zweitens weil jeder zusätzliche COVID-Kranke in den Spitälern die Behandlung eines nicht COVID-Kranken verhindert oder zumindest qualitativ schlechter macht als notwendig wäre. Für sich unverwundbar fühlende Geimpfte, also Narzissten wie Kurz, war die Pandemie vorbei. Wir wussten, dass der Impfschutz bei älteren Menschen rascher nachlässt. Wir wussten früh, dass Astra Zeneca schlechter wirkt und Johnson & Johnson mit einmaliger Dosis wie die erste Dosis von mRNA oder Astra Zeneca wirkt – zu schwach, um sich geschützt zu fühlen. Wir wussten, dass chronisch Kranke mit Immunsuppression, wie Krebskranke oder Organtransplantierte, einen schlechteren oder gar keinen Immunschutz aufbauen. Wir wussten, dass es Primäre Immundefekte gibt ebenso wie einige unerkannte Low-Responder auf Impfungen in der Allgemeinbevölkerung (die man ohne Antikörpertest nicht findet *duck*) und es gibt Hinweise darauf, dass auch der langlebige Schutz bei COVID-19-Überlebenden mit mildem Verlauf (ich vermeide bewusst das Wort genesen, weil viele darunter Long COVID haben könnten) nicht so gut sein könnte wie erhofft (siehe z.B. Garcia-Valtanen et al., 11.11.21, preprint) – was ich hier als Hypothese stehen lassen muss, weil ich mich zu wenig auskenne.

Derzeit sieht es so aus, dass auf den Normalbetten mehrheitlich Impfdurchbrüche landen und auf den Intensivstationen vor allem Ungeimpfte. Die Geimpften auf Intensivstationen sind meist organtransplantiert oder anderweitig immunsupprimiert.

Dazu kommt Long COVID in allen Altersgruppen – das belastet auch die Fachärzte und Hausärzte, und damit ebenso alle Geimpften, die regelmäßige Kontrollen brauchen oder akute (milde) Erkrankungen haben.

Jeder Geimpfte oder Ungeimpfte, der einen Unfall hat oder akut krank ist, wird jetzt auf unabsehbare Zeit triagiert werden müssen, das heißt – er muss mitunter warten, bis wieder jemand stirbt, damit ein Bett frei ist, oder er wird priorisiert nach medizinischen Kriterien, was dann heißt, dass nachrangige Patienten das Nachsehen haben werden.

Was bedeutet die Ausgangslage jetzt für die nötigen Maßnahmen?

Impfen alleine bricht die Inzidenz- und damit die Hospitalisierungswelle nicht. Es dauert vier bis sechs Wochen, bis die Impfungen Wirkung zeigen. Bis dahin können auch Erstgeimpfte noch schwer erkranken. Es dauert weiters viele Wochen, bis alle Zweifachgeimpften ihre dritte Teilimpfung haben. Im Gegensatz zu den Erstgeimpften dauert es aber nur wenige Tage, bis der Booster den Schutz anhebt und zudem den Übertragungsschutz erneuert. Wie man es aber rechnet, die Zeit bis Weihnachten ist verloren. Leider hat man in den vergangenen Tagen eine Reihe von Wortspenden gehört, von Politikern, aber auch Wissenschaftlern und Medizinern (zuletzt: die SPÖ-Landesrätin Gerstofer und ÖVP-Spitalsdirekter Königswieser, beide Oberösterreich und in der ZiB2 vom 10. November 2021), die die Impfung als einzige Lösung propagierten. Haslauer hat sich neben seiner infamen Äußerung über die Wissenschaftsberater gleichlautend geäußert und behauptet, die dritte Impfung würde die Welle brechen, als ob Ungeimpfte nicht existieren würden.

Mikrobiologe Krammer hat in der gleichen ZiB2-Sendung im Interview mit Armin Wolf eine wichtige Ergänzung gebracht, die leider nur in der Langfassung des Interviews gesendet wurde: 2G und Impfen hat jetzt keinen Effekt, sondern wir brauchen jetzt zusätzliche kontaktbeschränkende Maßnahmen. Ich hab Greil zitiert (Tag 607), der ins gleiche Horn stößt: Die Unterscheidung zwischen Geimpften und Ungeimpften macht keinen Sinn mehr. Gestern stand es endlich auch groß auf der ORF-Seite, dass alle ihre Kontakte einschränken müssen.

Der Verfassungsrechtler Stöger sagte im Ö1-Mittagjournal (12.11.21), dass ein Lockdown nur für Ungeimpfte juristisch umstritten wäre, für alle wäre er aber möglich, ebenso eine Impfpflicht für alle.

Warum müssen jetzt alle ihre Kontakte einschränken?

Wenn die Wissenschaft sagt, dass ich in der aktuellen Situation dazu beitragen kann, Menschenleben zu retten, indem ich auch als Geimpfter den Lockdown mitmache, wie könnte ich da jemals dagegen sein? Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit!” (ein nicht schwurbelnder Tiroler)

Aus den oben genannten Gründen: Geimpfte verlieren nach ein paar Monaten den Übertragungsschutz, können sich infizieren und übertragen. Sie sind zwar kürzer infektiös aber in der Zeit, wo die Viruslast am höchsten ist, vergleichbar infektiös mit Ungeimpften. Und da passieren die meisten Übertragungen, kurz vor bzw. kurz nach Auftreten der ersten Symptomen. Bei den derzeit noch Ungeimpften werden laut persönlicher Mitteilung von Intensivmedizinern viele erst im Krankenhaus positiv getestet, sie wollen nicht wahrhaben, dass sie sich tatsächlich infiziert haben und schwer erkrankt sind. Entsprechend verbreiten sie das Virus natürlich weiter im Umfeld. Unter den Geimpften wird es aber auch viele geben, die immer noch glauben, sie hätten jetzt einen 100%-Schutz und könnten sich nicht infizieren, und nehmen dann erste Symptome, die einer Verkühlung ähneln, nicht ernst.

Man kann das jetzt von mehreren Seiten betrachten, um gewichtige Gründe zu finden, alle Kontakte zu beschränken:

  1. Die Geimpften, deren Impfschutz nachlässt und die einen schweren Verlauf haben können, zu schützen.
  2. Alle noch nicht geimpften Kinder zu schützen, auch die von Schwurbeleltern. Kein Kind kann etwas für seine Eltern.
  3. Jeder schwer Erkrankte zusätzlich, egal ob geimpft oder ungeimpft, verlängert die Überlastung der Spitäler, und schlägt in weiterer Folge bei überlasteten Reha-Einrichtungen auf.
  4. Jeder Erkrankte mit mittelschwerem Verlauf (“schwere Grippe”) kann LongCOVID bekommen und verlängert die Überlastung der niedergelassenen Ärzte und Ambulanzen.
  5. Jeder Erkrankte, ob geimpft oder ungeimpft, zieht einen teils wochenlangen Krankenstand nach sich, und belastet damit den Personalstand in den Betrieben, in allen Branchen, und gefährdet mitunter die Aufrechterhaltung der Infrastruktur.
  6. Jeder Infizierte belastet durch Quarantäne ebenfalls den Personalstand und bei Kindern die Personalverfügbarkeit, wenn beide Elternteile arbeiten und kein Homeoffice machen können, oder alleinerziehender Elternteile.
  7. Im Gegensatz zu Regierungs- und Oppositionspolitikern habe ich ein Mindestmaß Anstand und Empathie, und schränke mich auch Dreifachgeimpfter noch einmal massiv ein, um meinen Beitrag zur Bekämpfung der Pandemie zu leisten.

Epidemiologin und Ärztin, SPÖ-Chefin Rendi-Wagner, am 12. November 2020 in der ZiB2:

“Wir wissen eines, dass es die effektivste und die wirksamste Maßnahme ist, ein totaler Lockdown, um eine Kontaktbeschränkung schnell zu erzielen. Die Erfahrung haben wir, diese Evidenz liegt vor. Aber wir wissen auch nach 2 Monaten, dass so ein Lockdown mit erheblichen Folgeschäden, Kollateralschäden, psychisch, gesundheitlich und finanziell, wirtschaftlich vergeellschaftet ist. Und daher ist es eine ganz gefährliche Abwägung und eine ganz präzise Abwägung, die hier getroffen werden muss, ob so ein Lockdown wirklich jetzt als Mittel angewenden sollte.”

Diese Argumentation ist so unfassbar dumm und zeigt leider, wie ungeeignet sie als Oppositionspolitikerin ist. Sie weiß also, dass Kontaktbeschränkungen die effektivste Maßnahme sind, um die humanitäre Katastrophe angesichts fünfstelliger Inzidenzen zu verkürzen (verhindern wird man sie nicht mehr). Welche Kollateralschäden eines Lockdowns können jetzt noch größer sein als tausende Tote nach Zusammenbruch des Gesundheitssystems? Was muss man hier noch abwägen? Sie ruiniert mit solchen Aussagen den Ruf ihres Berufsstands und ist ein Armutszeugnis für die Bundes-SPÖ. Ärzte, die ihren Patienten eine lebensrettende Therapie vorenthalten aus Furcht, sich bei ihnen unbeliebt zu machen – das widerspricht wohl allen ethischen Regeln der (Berufs-) Kunst.

Wie muss man die Kontakte einschränken?

Vergesst das Wort Lockdown. Es ist nicht nur unrealistisch, weil unkontrollierbar, sondern auch schädlich, Ausgangssperren zu verhängen. Niemand wird eingesperrt. Niemand war je eingesperrt. Im ersten Lockdown hat man nur Flüchtlinge belogen, sie dürften nicht raus. Kontaktbeschränkungen wird man nicht im privaten Bereich durchziehen können. Bei den jungen Menschen Hausparties, bei den anderen Garagenparties und das ein oder andere illegal geöffnete Wirtshaus.

Was muss man tun? Alle Veranstaltungen absagen, Gastronomie schließen (nur Take-Away), Schulen schließen (Distance Learning), Handel zu (nur Click & Collect) und Hotels zu, aber dadurch, dass uns jetzt immer mehr Skitourismusländer zur Hochrisikoregion erklären, erledigt sich das von selbst. Theoretisch (!) offen halten könnte man Hotels und Gastronomie nur mit 2G+, also geimpft/genesen UND PCR-Test. Theoretisch könnte man überlegen, Schulen offen zu lassen, aber flächendeckend mit FFP2-Maskenpflicht, nicht nur dort, wo schon Triage herrscht.

“Anders als in Tirol, Oberösterreich und Niederösterrreich werden die Coronamaßnahmen an den Salzburger Schulen nicht verschärft. “Die Zahlen geben das nicht her“,[sagt die Bildungslandesrätin Daniela Gutschi, ÖVP]. Einer der Faktoren sei die Belegung der Intensivbetten […]” (Salzburger Nachrichten, 12. November 2021)

Tabelle von @neuwirthe

Alle diese Maßnahmen nehmen schon mal Mobilität heraus. Menschen fahren nicht von A nach B. Es gibt weniger Cluster im Bus (ohne Masken), bei Fahrgemeinschaften (ohne Masken), bei Festln, Feiern, etc. Es gibt weniger Möglichkeiten, dass Infektionsketten durchschlagen (Perkolationseffekt) und Community Transmission auslösen – oder anders gesagt: Die Cluster isolieren sich wieder. Privatparties verhindert man damit nicht, aber uneinsichtige Ungeimpfte bleiben dann vermehrt unter sich und gefährden weniger Geimpfte mit nachlassendem Immunschutz. Außerdem sorgt verringerte Mobilität für weniger Unfälle und geschlossene Gastronomie für weniger Betrunkene, für die Rettung gerufen werden muss.

Die Zeit der Kontaktbeschränkungen muss man dann nutzen, um möglichst viele Erst-, Zweit- und Drittimpfungen durchzuführen. Im Gesundheitswesen eine Impfpflicht einführen – Daten zeigen, dass die Zahl der MitarbeiterInnen, die dann kündigen, gering bleibt: Gesundheitswesen in Frankreich und Australien: 0,1%, Polizisten in New York 0,3%, Schweizer Garde im Vatikan: 2%.

Noch zwei lesenswerte Artikel:

Die riesigen Infektionszahlen sorgen ohnehin schon für einen privaten Lockdown:

Ich vermeide unnötige Kontakte und Menschenansammlungen – das gilt auch für Weihnachtsmärkte bei einer Inzidenz von 430 – ebenso wie öffentliche Ausfahrten und hab den Grünen Ländern gerade ein paar hundert Euro fürs Klimaticket in den Rachen geschoben, ohne es nutzen zu können. Naja, selbst zu schuld – ich hab es unterschätzt, dass sie selbst dann tatenlos bleiben, wenn ihnen unisono alle relevanten Experten und Mediziner sagen, dass der Hut brennt. Ich weiß nicht, welchen psychiatrischen Fachausdruck es dafür gibt, die Ignoranz und Inkompetenz der Verantwortlichen immer wieder zu unterschätzen.

So… das war im wesentlichen mein Blogtext, den ich gestern nicht mehr abschicken wollte, jetzt ist es fix:

Sonst ist alles beim alten … Im Transkript vom Interview mit Rendi-Wagner las ich, dass Virologe Nowotny schon wieder ins ORF-Studio eingeladen wurde. Bei Puls24 gab Epidemiologin Schernhammer wieder Empfehlungen ab, sie hatte vor einem knappen Monat noch “geglaubt”, dass die vierte Welle die Spitäler nicht mehr an die Belastungsgrenze bringen würde und die Pandemie in 2-3 Monaten vorbei wäre.

Winzige Erfolge:

  • Der Gesundheitsminister überlegt, eine Impfpflicht für medizinisches Personal einzuführen.
  • Wien verschärft die Maßnahmen, ignoriert dabei aber, wie alle anderen Bundesländer, die hohen Inzidenzen in den Schulen. Obwohl BM Ludwig und Gesundheitsstadtrat Hacker bei Erwachsenen vernünftige Maßnahmen treffen, die ich nur unterstützen kann – herrscht bei Kindern ein blinder Fleck. Testen reicht alleine nicht, es braucht Maskenpflicht, herrgott verfickt nochmal. Und zwar nicht nur wegen COVID, sondern auch wegen der RSV-Welle, weswegen die Kinderspitalsbetten derzeit auch vielerorts im Land voll sind (z.B. in Ober- und Niederösterreich). Das heißt – Akutfälle bei Kindern können nicht zeitnah behandelt werden.

Und nochmal: Der Lockdown für Ungeimpfte ist in der Realität nicht umsetzbar, weil die, die sich am wenigsten daran halten werden, eben IMPFUNWILLIGE sind – und es ist zudem zu befürchten, dass viele Gastronomen aus Furcht vor Kunden- und Mitarbeiterschwund nur lasch kontrollieren werden. Sonst sendet es das völlig falsche Signal aus – dass man mit zwei Impfungen nicht mehr am Infektions- und Übertragungsgeschehen teilhaben würde, und klammert Kinder weiterhin aus.

Solang es online ist (noch bis 20.11. – wer weiß, wo wir dann stehen), sollte man sich das Interview mit Karin Engl, Leiter der COVID-Intensivstation im Kepler-Universitätsklinikum Linz, anhören.

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